Die Gnade Gottes erzieht uns.
Eine Auslegung von Titus 2,11-15

 

 

 

In diesem zentralen Abschnitt untermauert der Apostel seine Anweisungen zu einem gottesfürchtigen Leben mit einer Lehre über Gottes Absichten mit unserer Errettung. Wir sind aus Gnade errettet aus unserer Sünde, aus Tod und Gericht, und mit dieser Errettung verbindet unser Gott eine bestimmte Absicht. Wir sind nicht nur von etwas errettet, sondern auch zu etwas. Wir sind errettet, um von nun an dem heiligen Gott zu dienen, Seinen Willen zu erfüllen und gute Werke zu tun, die Gott im voraus für uns bereitet hat. Gott will, daß wir durch unser Wort und Leben ein Zeugnis für Ihn sind und für Ihn Frucht bringen.

Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr unsträflich und lauter seid, untadelige Kinder Gottes inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter welchem ihr leuchtet als Lichter in der Welt, indem ihr das Wort des Lebens darbietet … (Phil 2,14-16)

Zu diesem Zweck erzieht und unterweist uns Gott, damit wir alle sündigen Gewohnheiten des Heidentums ablegen und ein heiliges Leben zu Seiner Ehre führen.

Als gehorsame Kinder paßt euch nicht den Begierden an, denen ihr früher in eurer Unwissenheit dientet, sondern wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!«

Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach dem Werk jedes einzelnen, so führt euren Wandel in Furcht, solange ihr euch hier als Fremdlinge aufhaltet. Denn ihr wißt ja, daß ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, losgekauft worden seid aus eurem nichtigen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut des Christus, als eines makellosen und unbefleckten Lammes. (1Petr 1,14-19)

Teil dieser Erziehung ist die Unterweisung in der gesunden Lehre; aber Erziehung besteht auch neben der Unterweisung in Ermahnung und Ansporn, das Gelernte praktisch umzusetzen, sowie auch in Zurechtweisung und Züchtigung, wenn wir säumig sind, das auszuleben, was wir empfingen.

So finden wir im anschließenden Teil des Titusbriefes auch noch einige praktische Ermahnungen und Anweisungen, wie Titus für eine gute Ordnung im Gemeindeleben der ihm anvertrauten Gläubigen sorgen sollte. Der Bezugspunkt für alle diese Anweisungen ist immer wieder die große Gnade und Barmherzigkeit unseres Retter-Gottes.

Tit 2,11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen;

Tit 2,12 sie nimmt uns in Zucht [od. erzieht, unterweist uns], damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit,

Tit 2,13 indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus,

Tit 2,14 der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.

Tit 2,15 Dieses sollst du lehren und mit allem Nachdruck ermahnen und zurechtweisen. Niemand soll dich geringschätzen!

V. 11: Zuvor hatte der Apostel die verschiedenen Gruppen von Gläubigen aufgefordert, ein besonnenes, heiliges Leben voller guter Werke zu leben, um damit das Evangelium zu verherrlichen und ein gutes Zeugnis für Gott abzulegen. Nun begründet er die Wichtigkeit eines solchen nüchternen, geheiligten Lebens in Absonderung von der heidnischen Zuchtlosigkeit (vgl. 1Pt 4,1-5) tiefer.

Die Gnade Gottes ist in Christus erschienen, den Menschen offenbar geworden, Juden und Heiden. Diese Gnade ist heilbringend (soterios = rettend, heilsam, heilbringend) für alle Menschen. Das bedeutet nicht, wie manche Irrlehrer meinen, daß durch diese Gnade alle automatisch errettet wären. Sondern die freie Gnade Gottes in Christus bietet das Heil allen Menschen an.

Das Evangelium richtet sich an alle Menschen, Juden und Heiden, Anständige und Schwerverbrecher, Reiche und Arme. Jeder kann das Heil ergreifen, wenn er wirklich Buße tut und an Christus glaubt. Gott will, „daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1Tim 2,4). Aber tatsächlich errettet werden nur die, die auf Gottes Ruf eingehen.

V. 12: Diese rettende Gnade ist ein freies Geschenk Gottes; doch die aus Glauben erretteten Kinder Gottes nimmt diese wunderbare Gnade in Zucht und erzieht sie. Wohlgemerkt: nicht das Gesetz mit seinen Geboten und Drohungen nimmt uns in Zucht und unterweist uns, sondern die Gnade Gottes! Wer diese Gnade empfangen hat, ist aufgerufen, nicht mehr für sich selbst zu leben, sondern für Christus (2Kor 5,15). Er ist aufgerufen, mit seinem ganzen Leben Gott zu verherrlichen, der ihn aus Gnade herausgerettet hat aus Tod und Gericht.

Die Gnade nimmt uns in Zucht (paideuo = erziehen, unterweisen, belehren, zurechtweisen, züchtigen), sie erzieht uns und unterweist uns in bezug auf unser Denken und Leben. Die Gnade Gottes zeigt uns, daß dem von Gott geschenkten neuen Leben im Innern auch ein neuer Lebenswandel im Äußeren entsprechen muß. Wir dürfen lernen, nicht mehr in den sündigen Bahnen unseres alten Lebens weiterzugehen, sondern Gottes Gebote zu tun und ganz praktisch Gott gemäß zu leben. Wir sehen hier auch, daß biblische Heiligung ein Prozeß ist, in dem wir in der vielfältigen Schule Gottes lernen dürfen, das Alte (sündige, fleischliche Denkweisen, Handlungen, Gebundenheiten) abzulegen und das Neue anzunehmen.

Stehen wir bewußt und lebendig in diesem Erziehungsprozeß? Sagen wir Ja zu den Unterweisungen und Züchtigungen unseres Vaters, der uns in das Bild Seines Sohnes hineingestalten möchte?

»Mein Sohn, achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht, wenn du von ihm zurechtgewiesen wirst! Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er schlägt jeden Sohn, den er annimmt.« Wenn ihr Züchtigung erduldet, so behandelt euch Gott ja als Söhne; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, an der sie alle Anteil bekommen haben, so seid ihr ja unecht und keine Söhne! (Hebr 12,5-8)

Das Ziel von Gottes Erziehung ist, daß wir Seiner Heiligkeit teilhaftig werden (Hebr 12,10), daß wir hineingestaltet werden in das Ebenbild des Sohnes (Röm 8,29; Gal 4,19). Wir sollen immer mehr verstehen, wie wir als Söhne Gottes den Willen des Vaters erfüllen und als Zeugnis für Christus leben können. Wir sollen Gott mehr und mehr erkennen und hinwachsen zu Christus, unserem Haupt (Eph 4,13-15).

Das hat eine „negative“ Seite: wir sollen ganz bestimmte Dinge unterlassen. Hier wird uns gesagt, daß wir die Gottlosigkeit (a-sebeia = Nichtvorhandensein von Gottesfurcht; Frevel, Gottlosigkeit) verleugnen sollen (arneomai = verleugnen, sich lossagen von etwas). Wir sollen uns also bewußt und entschieden abwenden von einem Lebenswandel, der die Gottesfurcht verleugnet und der den weltlichen Begierden folgt (kosmikas epi-thymias), d.h. den Begierden, denen die unbekehrten Weltmenschen dienen: Geld, Macht, Karriere, geschlechtliche Lust, Selbstverwirklichung, Ansehen…

Die „positive“ Seite wird uns auch gezeigt: Wir sollen „besonnen [sophronos] und gerecht [dikaios] und gottesfürchtig [eu-sebos] leben in der jetzigen Weltzeit [aion]“. Manche Ausleger haben das so angewandt: besonnen in bezug auf mich selbst – gerecht in der Beziehung zu meinen Nächsten – gottesfürchtig in der Beziehung zu Gott.

Wieder begegnen wir der zentralen geistlichen Tugend der Besonnenheit. Offenkundig ist Unnüchternheit, frommes Wunschdenken und Mangel an Zucht und biblischer Klarheit eine wesentliche Gefahr für unser geistliches Leben – und dies umso mehr in der Endzeit mit ihren verstärkten Verführungstendenzen. Gerade heute ist es sehr wichtig, daß wir bewußt nach der Lehre der Bibel leben und unser ganzes Denken durch den Heiligen Geist und das Wort Gottes prägen lassen; daß wir unser Leben dann auch unter der bewußten Kontrolle unseres geistlichen Verstandes führen und nicht fleischlichen Impulsen unüberlegt nachgeben.

Wir sollen auch gerecht leben. Das bedeutet in der Sprache der Bibel ganz einfach, daß wir die Gebote unseres Herrn treu und konsequent halten, daß wir unser Alltagsleben nach dem geoffenbarten Willen Gottes ausrichten anstatt an unserem sündigen Eigenwillen. Vor Gott sind wir nur aus Gnade gerecht, nicht durch Werke; das Tun der Gebote Gottes rettet uns nicht; aber als durch Gnade Gerechtfertigte sind wir berufen und verpflichtet, auch nach den Geboten unseres Gottes gerecht zu leben und dadurch Gott zu verherrlichen (vgl. Jak 2,14-26).

Schließlich sollen wir gottesfürchtig leben. Auch das ist ein Schlüsselwort in den Pastoralbriefen und für die Endzeit sehr bedeutsam. Die Menschen, auch die falschen Namenschristen, werden in der letzten Zeit zunehmend gottlos sein, d.h. es wird ihnen jede Gottesfurcht fehlen. Der treue Überrest der wahren Gläubigen aber sollte sich durch ausgelebte Gottesfurcht auszeichnen: Unser ganzes Handeln sollte von einer tiefen Ehrfurcht vor Gott gekennzeichnet sein; wir sollten Furcht davor haben, unseren Gott zu entehren durch Sünde und Eigenmächtigkeit; wir sollten uns dessen bewußt sein, daß wir allezeit vor den allwissenden Augen eines heiligen Gottes leben.

Unser Leben in der jetzigen Weltzeit (dem Äon, der Heilszeit der Gnade) sollte von der Erwartung der kommenden Weltzeit geprägt sein: der Weltzeit des Gerichts und des Tausendjährigen Reiches. Die Erwartung der künftigen Weltzeit gemäß den Verheißungen der Bibel erst gibt der jetzigen die richtige Ausrichtung. In der kommenden Weltzeit wird der gerechte, heilige Gott ein umfassendes Gericht über alle Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit der Welt bringen; wir sollten uns deshalb schon jetzt davon radikal abwenden. Davon spricht 2. Petrus 3:

Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb in der Nacht; dann werden die Himmel mit Krachen vergehen, die Elemente aber vor Hitze sich auflösen und die Erde und die Werke darauf verbrennen.

Da nun dies alles aufgelöst wird, wie sehr solltet ihr euch auszeichnen durch heiligen Wandel und Gottesfurcht, indem ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und ihm entgegeneilt, an welchem die Himmel sich in Glut auflösen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden! Wir erwarten aber nach seiner Verheißung neue Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. (2Petr 3,10-13)

Die kommende Weltzeit wird auch das Preisgericht vor dem Richterstuhl des Christus bringen – ein gottesfürchtiger Gläubiger richtet schon heute sein Leben auf diesen Tag der Rechenschaftslegung aus (vgl. 2Kor 5,10; Röm 14,10-12; 1Kor 3,12-15). Schließlich wird die kommende Weltzeit auch den Lohn und die Verherrlichung der treuen Gläubigen als Mitregenten des Christus und heilige Priester bringen, auch die Offenbarung all der Herrlichkeiten, die unser Retter-Gott für uns bereithält (vgl. Eph 2,7; Röm 8,18; 2Kor 4,17; Kol 3,4; 2Tim 2,10; 1Pt 1,7).

V. 13: Wir haben eine Hoffnung, eine Erwartung für die Zukunft. Wir sollen solche sein, die beständig und gespannt und freudig auf ein Ereignis warten, das für uns die „glückselige Hoffnung“ darstellt – eine Hoffnung, deren Erfüllung völlig gewiß ist, auch wenn wir ihren genauen Zeitpunkt nicht kennen. Diese glückselige Hoffnung besteht in der Erscheinung (epi-phaneia = das Sichtbarwerden, Offenbarwerden; die glänzende Erscheinung) der Herrlichkeit (doxa = guter Ruf, Ruhm, Ansehen, Herrlichkeit, Glanz, Ehre) unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus.

Nach Auffassung der meisten Ausleger und Griechischkenner bezieht sich „unseres großen Gottes“ und „unseres Retters“ beides auf die Person Jesu Christi, verbunden durch einen einzigen Artikel. So finden wir hier ein weiteres klares Zeugnis für die Gottheit unseres Herrn Jesus Christus (vgl. u.a. 1Tim 3,16 TR; Röm 9,5; 1Joh 5,20; Hebr 1,8; 2Pt 1,1). Das wird auch dadurch erhärtet, daß die Schrift nirgends speziell von einem „Offenbarwerden“ oder einer „Erscheinung“ des Vaters für die Menschen auf der Erde spricht, wohl aber immer wieder von der Erscheinung Jesu Christi.

Welche Erscheinung unseres Herrn ist hier angesprochen? Wir erwarten grundsätzlich das Kommen (die Wiederkunft) unseres Herrn; aber dieses Kommen hat zwei Aspekte, die nach meiner Überzeugung zeitlich hintereinander erfolgen: zunächst wird der Herr wiederkommen, um Seine Brautgemeinde zu sich zu entrücken, was vor der Großen Drangsal geschehen wird und jederzeit kommen kann (vgl. 1Th 4,14-18). Einige Zeit später wird Er in großer Macht und Herrlichkeit als Richter der Menschen und König auf die Erde kommen, um Sein Volk Israel zu erretten, die Gottlosen zu richten und Sein Friedensreich auf Erden aufzurichten (vgl. Mt 24,29-31 u.a.), wobei Seine Gemeinde dann mit Ihm offenbar wird (vgl. 2Th 1,7-10).

Die Aussagen in diesem Abschnitt lassen keine eindeutige Aussage darüber zu, um welchen Aspekt Seines Kommens es hier in erster Linie geht; vielleicht sind sie hier auch zusammengesehen. Der Hinweis auf die Herrlichkeit Jesu Christi läßt an das Kommen als König auf die Erde denken (vgl. Mt 24,30; 2Th 1,9); andererseits kann die „glückselige Hoffnung“ auch verbunden werden mit der Entrückung (vgl. 1Th 4,13), in der die Herrlichkeit unseres Herrn für die Gemeinde ja auch schon in Erscheinung tritt, denn „wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1Joh 3,2). Auch die Betonung der Tatsache, daß der wiederkommende Herr „unser Retter“ ist, weist eher auf die Entrückung hin.

In jedem Fall ist die Vollendung unseres Heils, die mit dem Begriff „Hoffnung“ im NT am häufigsten verbunden wird, mit dem Offenbarwerden des Herrn in Macht und Herrlichkeit zur Errichtung Seines Reiches verbunden. Dann nämlich werden auch wir mit Ihm offenbar werden in Herrlichkeit als Söhne Gottes, die dem einen unvergleichlichen Sohn gleichgestaltet sein werden. Die Erwartung des Kommens unseres Herrn Jesus Christus ist ein starker Ansporn für ein hingegebenes und von der Welt abgesondertes Leben.

V. 14: Nun wird als weiterer starker Beweggrund für unser heiliges und gottesfürchtiges Leben mitten in dieser bösen Weltzeit das Erlösungswerk unseres wunderbaren Herrn angeführt. Christus hatte ein Ziel, als Er für uns litt und starb: Er wollte die Seinen erlösen, loskaufen von aller Gesetzlosigkeit (a-nomia = Ungesetzlichkeit, Gesetzlosigkeit, Verachtung der Gesetze; Ungerechtigkeit, Sünde). Wie sollten wir dann noch in dem leben, wovon uns unser geliebter Herr um einen so teuren Preis losgekauft hat? Wie könnten wir gesetzlos handeln und unseren Herrn damit betrüben und entehren?

Christus hat uns als ein heiliges Volk des Eigentums für sich erkauft, als ein besonderes Eigentumsvolk [laos peri-ousios = als ein vorzügliches, auserwähltes Volk des Eigentums], damit wir als Volk Gottes zu Seiner Verherrlichung lebten.

(…) denn ein heiliges Volk bist du für den HERRN, deinen Gott, und dich hat der HERR erwählt, daß du ihm ein Volk des Eigentums seist unter allen Völkern, die auf Erden sind. (5Mo 14,2)

Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht (1Pt 2,9)

Unser Herr hat uns mit Seinem kostbaren Blut von allem Sündenschmutz des Heidentums gereinigt (katharizo = reinigen, für rein erklären) (vgl. 1Joh 1,7), damit wir heilig und gerecht für Ihn leben sollten (vgl. 1Pt 4,3-4). So ist es auch der Wille unseres Herrn, daß wir gute Werke tun, um Christus zu ehren und Sein Evangelium durch unser gelebtes Zeugnis auszubreiten.

Was versteht die Bibel unter „guten Werken“ (kala erga = schöne, einnehmende, gewinnende, edle, lobenswerte, brauchbare, nützliche Werke od. Taten)? Wir finden diesen Begriff fast ausschließlich im NT; dort aber recht häufig (vgl. Mt 5,16; 26,10; Joh 10,32-33; Apg 9,36; Röm 13,3; 2Kor 9,8; Eph 2,10; Kol 1,10; 2Thess 2,17; 1Tim 2,10; 5,10; 5,25; 6,18; 2Tim 2,21; 3,17; Tit 1,16; 2,7.14; 3,1.8.14; Hebr 10,24; 13,21; 1Pt 2,12).

Gute Werke sind Taten der Nächstenliebe, Hilfe für Bedürftige, ein Sich-Kümmern um die Bedürfnisse anderer, Gläubiger wie Ungläubiger (vgl. auch Gal 6,10). Gute Werke sind praktische Hilfeleistungen, die in selbstloser Liebe geschehen, die ein Opfer an Zeit, Mühe und Geld bedeuten, das um des Herrn willen anderen zugute kommt.

Solche guten Werke sind in der Bibel u.a. die Beherbergung von Fremden und Durchreisenden, die Speisung und Versorgung Bedürftiger mit Gütern, die Pflege Verwundeter und Kranker, die finanzielle Unterstützung von Dienern des Herrn wie auch verarmten Menschen, besonders Witwen und Waisen, das Spenden von Trost für Bekümmerte; die Fürsorge für die Beerdigung armer Menschen; die Mithilfe im Haushalt oder bei der Kindererziehung; Spenden für notleidende Gläubige in anderen Ländern.

Auch unter den heutigen Verhältnissen im reichen Abendland, die manche rein materielle Hilfe seltener nötig machen, können wir viele gute Werke tun, um Menschen die Liebe Jesu Christi zu zeigen und sie für das Evangelium zu gewinnen: etwa durch Mithilfe und Entlastung pflegender Angehöriger oder überlasteter Mütter; durch praktische Hilfe bei älteren Menschen im Haushalt oder Garten, durch Reparaturen und Einkäufe, die wir anderen abnehmen, durch Zeit für Gespräche und Zuhören bei Nöten; durch Unterstützung im Umgang mit Behörden, durch Nachhilfe und Sprachunterricht etwa für Ausländerkinder usw.

Auch für gute Werke an unseren Mitgeschwistern im Glauben gibt es vielfältige Möglichkeiten, die sich großenteils mit denen an Außenstehenden decken: Trost und Besuche von Leidenden und Kranken; praktische Hilfe für stark belastete Mütter oder kranke Geschwister, für die man Reparaturen, Einkäufe o.ä. erledigt; Aufpassen auf Kinder, damit die Mutter Zeit für anderes hat; Entlastung im Haushalt; finanzielle Unterstützung für Geschwister in Notlagen und für Diener des Herrn; Erledigung von Fahrdiensten oder Einkäufen; Zeit für seelsorgerliche Gespräche und Ermutigung Angefochtener; finanzielle Hilfe und praktische Hilfeleistung für Gläubige in armen Ländern usw.

Das ist vielen Christen heute aus dem Blickfeld geraten. Gute Werke waren früher vielfach selbstlose Hilfe für materiell Notleidende, und dieser Bereich ist durch das soziale Netz der öffentlichen Versorgung scheinbar nicht mehr so bedeutend. Dennoch gibt es gerade auch heute viele Möglichkeiten, solche guten Werke zu praktizieren.

Besonders was Zuwendung und Zeit für Gespräche angeht, aber auch erschwingliche Pflege für Pflegebedürftige, Aushilfe in mancherlei neuen Schwierigkeiten, die durch die neuen Verhältnisse und größer werdende neue Lücken im sozialen Netz entstehen, bieten auch Chancen für unser Zeugnis als Christen. Für die Ungläubigen ist es auch ein Zeugnis, wenn sie erleben, wie die Kinder Gottes sich untereinander selbstlos helfen. Durch gute Werke können wir ein Licht sein für unsere heidnische Umgebung – lassen wir unser Licht hell leuchten!

Ihr seid das Licht der Welt. Es kann eine Stadt, die auf einem Berg liegt, nicht verborgen bleiben. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter den Scheffel, sondern auf den Leuchter; so leuchtet es allen, die im Haus sind. So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen. (Mt 5,14-16)

V. 15: In den kretischen Gemeinden war wohl diese gesunde Lehre von einem Glauben, der praktisch wirksam wird, besonders nötig – so wie heute auch wieder in unseren Gemeinden, die in einem neuheidnischen Umfeld leben, das in manchem dem von Kreta ähnelt.

So ermuntert der Apostel seinen Mitarbeiter und gebietet ihm mit einem gewissen Nachdruck, diese dringend benötigten heilsamen Wahrheiten auch klar und deutlich auszusprechen (lalein = reden; bei Schlachter 2000 hier sinngemäß mit „lehren“ übersetzt) und zu lehren.

Weil das Lehren alleine meist noch nicht die beabsichtigte praktische Auswirkung bringt, wird es an vielen Stellen mit dem Ermahnen (para-kaleo = zureden, ermahnen, ermuntern, anspornen) sowie Zurechtweisen (elengcho = zurechtweisen, überführen, tadeln) verbunden, d.h. mit lebenspraktischer, „seelsorgerlicher“ Ermunterung, mit konkreten Aufforderungen, Hinweisen und auch der Aufdeckung von wunden Punkten im Leben der Einzelnen, wo sie nicht dem Wort entsprechend leben.

Diese seelsorgerliche Ermahnung und Überführung sollte mit allem Nachdruck (epi-tagè = Auftrag, Befehl, Nachdruck, Eindringlichkeit) geschehen. Es ging also nicht um unverbindliche Nettigkeiten, sondern Titus sollte deutlich machen, daß sie diesen Ermahnungen, die vom Herrn selbst kamen, auch Folge zu leisten hatten. Wahrer Glaube ist immer mir Gehorsam gegen Gottes Gebote und mit Unterwerfung unter die Autorität des Herrn verbunden.

Wenn unter Gläubigen eine fleischliche, rebellische Gesinnung vorhanden ist, besteht die Gefahr, daß unbequeme Mahner beiseitegesetzt werden und mißachtet werden. Man findet schon einen Vorwand, weshalb man auf diesen Bruder nicht hören muß. Deshalb warnt der Apostel: „Niemand soll dich geringschätzen!“ [= peri-phroneo = sich hinwegsetzen über jdn., auf jdn. herabsehen, jdn. verachten]. Dasselbe Problem bestand für Timotheus in Ephesus (vgl. 1Tim 4,12).

Auch in den heutigen letzten Zeiten herrscht vielfach ein antiautoritärer, rebellischer Geist unter den Gläubigen; man will sich nichts sagen lassen und hat wenig Respekt vor Hirten und Dienern des Wortes. Doch darauf liegt kein Segen! Wie wichtig ist es für uns, daß wir das Wort der Ermahnung demütig und sanftmütig aufnehmen!

Darum legt ab allen Schmutz und allen Rest von Bosheit und nehmt mit Sanftmut das [euch] eingepflanzte Wort auf, das die Kraft hat, eure Seelen zu erretten! (Jak 1,21)

Ich ermahne euch aber, ihr Brüder, nehmt das Wort der Ermahnung an; denn ich habe euch mit wenigen Worten geschrieben. (Hebr 13,22)

Im übrigen, ihr Brüder, freut euch, laßt euch zurechtbringen, laßt euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden; so wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein! (2Kor 13,11)

 
 
 
Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Die Gnade Gottes erzieht uns. Eine kurzgefaßte Auslegung des Titusbriefes.
 
 
 
 

Bibelauslegungen von Rudolf Ebertshäuser
 
 
Bewahre das Wort! Eine Auslegung des 2. Timotheusbriefes. Edition Nehemia Steffisburg, 1. Aufl.  2013, Gebunden, 196 S.
 

Von Gott bewahrt vor der Verführung. Eine Auslegung des 2. Petrusbriefes und des Judasbriefes. Edition Nehemia Steffisburg  1. Aufl. 2015,  Gebunden, 352 S.

Baut mit am Haus Gottes! Was der Prophet Haggai uns heute zu sagen hat Edition Nehemia Steffisburg  1. Aufl. 2014, Taschenbuch, 120 S.

 
 
 
 
Diese Bücher können Sie bei Ihrem christlichen Buchhändler bestellen. Sie erhalten sie u.a. für die Schweiz bei der Edition Nehemia, für Deutschland und Österreich bei der Versandbuchhandlung Samenkorn.

Print Friendly