Sollen Christen für soziale Gerechtigkeit kämpfen?

 

 

Die Forderung nach Weltveränderung wird besonders kämpferisch vorgetragen von einer Gruppe von Theologen in der Weltchristenheit, die gewöhnlich als „Befreiungstheologen“ bezeichnet werden. Sehr einflußreich waren in dieser seit den 1970er Jahren öffentlich auftretenden Strömung marxistisch beeinflußte katholische Theologen aus Lateinamerika wie Gustavo Gutiérrez, Helder Camara, Ernesto Cardenal oder Oscar Romero sowie ebenfalls vom Marxismus geprägte protestantische Theologen aus Lateinamerika, Afrika und Asien, die zumeist mit der ökumenischen Weltbewegung verbunden sind (z.B. Emilio Castro, Philipp Potter, Alan Boesak). Sie forderten eine sozialistisch geprägte Umgestaltung der ungerechten kapitalistischen Gesellschaft und befürworteten dafür teilweise auch den Einsatz von „revolutionärer Gewalt“.

Etwas später entstand auch unter den Evangelikalen eine verwandte Strömung, die von der „Befreiungstheologie“ in den theologischen Argumenten vielfach beeinflußt war und ist, allerdings den Einsatz von Gewalt und dogmatische sozialistische Ansätze ablehnt. Dabei spielten z. B. Samuel Escobar, Orlando Costas und René Padilla eine wichtige Rolle, die unter dem Stichwort „integrale“ (oder „holistische“) Mission nach einer der Bibel widersprechenden Verbindung von Evangeliumsverkündigung und sozialpolitischem Engagement strebten.

Einige linksevangelikale US-Theologen wie Ronald Sider und Jim Wallis verbündeten sich mit ihnen; sie beeinflußten als „radikale Evangelikale“ oder „Evangelikale für soziale Gerechtigkeit“ immer stärker die theologischen Diskussionen im weltweiten Evangelikalismus und besonders die Lausanner Bewegung für Weltevangelisation, die seit 1974 die angebliche „Verpflichtung zum sozialpolitischen Engagement der Christen“ immer stärker betonte und sich daher immer mehr an die Lehren des Ökumenischen Weltrates der Kirchen annäherte. Auch andere Theologen aus der „Dritten Welt“ wie Vinay Samuel und Chris Sugden (Indien) oder Caesar Molebatsi (Südafrika) zählen zu den evangelikalen Befürwortern einer radikalen weltweiten Gesellschaftsveränderung.

Auch der inzwischen recht bekannte calvinistisch und missional eingestellte Pastor und Buchautor Tim Keller vertritt die falschen Lehren des Sozialen Evangeliums in seinem Buch „Warum Gerechtigkeit?“. Er versucht zwar, die extrem bibelkritisch-liberalen Spitzen aus dieser Lehre abzumildern, aber er hält dennoch daran fest, daß die Gemeinde angeblich den Auftrag habe, sich in dieser Welt für Gerechtigkeit, Frieden und bessere Zustände einzusetzen.

Allen diesen Theologen der Weltverbesserung ist gemeinsam, daß sie sich in ihren Argumenten sehr stark auf das Alte Testament stützen. Wir haben schon gesehen, daß man aus der Lehre des Neuen Testaments und besonders der Apostelbriefe keinerlei „Theologie der Befreiung“ ableiten kann; zu eindrucksvoll und geschlossen ist dort die klare Lehre festgeschrieben, daß die Gläubigen der Gemeinde Fremdlinge sind, die zwar um das Böse dieser Welt wissen, aber es nicht stürzen oder verändern wollen, sondern sich dem bestehenden Gesellschaftssystem unterordnen, weil sie wissen, daß nur der wiederkommende Herr Frieden und Gerechtigkeit in diese Welt bringen kann und wird.

Deshalb berufen sich die Befürworter des „Auftrages Weltveränderung“ in erster Linie auf das Alte Testament, dessen Anweisungen für das Zusammenleben der Israeliten sie aus ihrem heilsgeschichtlichen Bezug auf Israel herauslösen und als Gottes Gesellschaftsprogramm für die ganze Welt deklarieren. Gott habe sich im AT als der Gott gezeigt, der überall die Armen bevorzuge und sich mit ihnen solidarisiere, der den Armen Befreiung von Ausbeutung, Benachteiligung und Willkürherrschaft versprochen habe und der wolle, daß alle Christen sich überall für Gerechtigkeit und Solidarität mit den Armen dieser Welt einsetzten. Besonders wird für diese Deutung der Exodus (Auszug) Israels aus Ägypten herangezogen, sodann die mosaische Gesetzgebung im Buch Levitikus (3. Mose) über das „Jubeljahr“, und schließlich die Botschaft der alttestamentlichen Propheten, die in der Tat die sozialen Mißstände im Volk Gottes scharf verurteilten.

Mit eindrucksvollen Zitaten aus diesen alttestamentlichen Schriften versuchen die Weltveränderungstheologen nachzuweisen, daß es Gottes Wille für Christen sei, hier und heute aufzustehen gegen ungerechte soziale Strukturen, gegen Ausbeutung der Armen in der Dritten Welt und für eine gerechtere Gesellschaft im Weltmaßstab. Doch ist eine solche Argumentation im Licht der biblischen Lehre wirklich haltbar? Wie können wir die unbezweifelbaren „sozialpolitischen“ Aussagen im mosaischen Gesetz und in den alttestamentlichen Propheten einordnen, wenn wir nicht, wie die Befürworter des „Sozialen Evangeliums“, aus einer bibelkritischen Einstellung heraus sie willkürlich umdeuten, sondern versuchen, sie so zu verstehen, wie der HERR sie gemeint hat?

Das geht nur, wenn wir die Grundsätze der gesunden Lehre beachten, wie sie uns durch das Neue Testament gezeigt werden. So ist es etwa wichtig, daß wir das mosaische Gesetz „gesetzmäßig anwenden“ (1Tim 1,8) und erkennen, daß es für das Volk Israel als Bundesvolk des HERRN gegeben war, das in einem vom HERRN geführten Königreich leben sollte. Wir müssen das Wort der Wahrheit recht teilen (2Tim 2,15) und die heilsgeschichtlichen Unterschiede zwischen der Gemeinde und Israel beachten. Und wir müssen beachten, daß keine Lehre gesund ist, die sich nur auf einige Bibelstellen stützt und dabei anderen dafür bedeutsamen Bibelstellen widerspricht. So wollen wir versuchen, in aller Kürze zu zeigen, wie die „sozialpolitischen“ Aussagen des AT zu verstehen sind und was sie uns in der Gemeinde zu sagen haben.

 

Das Königreich Israel
und die soziale Botschaft des Gesetzes und der Propheten

 

Nach der Schöpfung der Welt und des Menschen waren die Menschen, die am meisten privilegierten Geschöpfe der Erde, durch den Sündenfall aus der Gemeinschaft mit Gott herausgetreten, und die Nachkommen Adams gingen als Sünder ihre eigenen Wege. In dem Geschlecht Seths gab es einzelne gottesfürchtige Seelen, die den HERRN verehrten, aber die Masse der Menschen lebte gottlos und in okkulter Gesetzlosigkeit vor sich hin, bis das Zorngericht Gottes heranreifte, das in der Sintflut alle damaligen Menschen vernichtete – bis auf Noah und seine Familie.

Auch die Nachkommen Noahs verfielen großenteils wieder der Sünde; nur einzelne gottesfürchtige Männer nennt uns die Chronik Gottes, die insbesondere aus der Nachkommenschaft Sems stammten. Unter ihnen erwählte der HERR den Abraham, um ihm die Verheißung künftigen Segens durch den Messias, den kommenden Retter-König, zu geben. Die Segenslinie ging weiter über Isaak zu Jakob-Israel und seinen 12 Söhnen, den Stammeltern der 12 Stämme des Volkes Israel.

 

Gottes Plan mit Israel

Durch die Mittlerschaft Moses errettete der HERR die 12 Stämme aus der Sklaverei Ägyptens und erwählte sie sich zu einem heiligen Priestervolk. Er verhieß ihnen, wie schon Abraham zuvor, das Land Kanaan, wo der HERR sie zu einem vorbildlichen Gemeinwesen formen wollte, das Seine Gnade und Güte, Seine Gerechtigkeit und Seine weisen Ratschlüsse auf Erden und unter den Heidenvölkern sichtbar machen sollte. Israel sollte nach dem guten Gesetz (Thorah, die Weisung) des HERRN in seinem aus Gnade gewährten Land leben und dort dem wahren Gott des Universums priesterlich dienen. Gott selbst wollte ihr König sein und über sie regieren.

Doch Israel versagte schon kurz nach seiner feierlichen Berufung am Berg Sinai, indem es das goldene Kalb machte und damit in den heidnischen Götzendienst zurückfiel. Eine ungläubige Generation von Israeliten mußte in der Wüste sterben, bis das Volk endlich in das verheißene Land kommen konnte. Dieses Land wurde aufgrund von Unglauben und Ungehorsam nie völlig erobert, und die Heidenvölker verführten Israel immer wieder zum Götzendienst und Ungehorsam gegen Gott. Dennoch erfüllte der HERR aus Gnade Seine Verheißungen dem Volk gegenüber; sie konnten das Land bewohnen und richteten dort, allerdings sehr unvollkommen, einen priesterlichen Dienst für den HERRN ein.

Der HERR, der Gott der ganzen Erde, gab ihnen aus Gnade das Land, wobei Er deutlich machte, daß alles Land eigentlich Ihm gehört (vgl. u.a. 3Mo 25,23). Die Israeliten waren also nur Pächter und Untertanen des HERRN, der als der wahre König über Sein Volk regieren wollte. Gott teilte jedem Stamm und jeder Familie einen Erbgrundbesitz zu, die diese nach dem im Gesetz geoffenbarten Willen Gottes bebauen und bewahren sollten. Daraus ergaben sich verschiedene Verpflichtungen, die der HERR als oberster Regent Seinen Untertanen auferlegte. Viele davon betrafen den priesterlichen Opferdienst im Heiligtum, der von zentraler Bedeutung für Gott und für das Wohl des Volkes war. Andere betrafen den brüderlichen Umgang der Israeliten untereinander, die als Abkömmlinge von einem Vater untereinander Brüder waren und als Leibeigene des HERRN Seinen Weisungen verpflichtet.

 

Soziale Gerechtigkeit als Grundsatz für das Leben im verheißenen Land

Ausgehend von dem übergeordneten „Eigentumsrecht“ des HERRN, dem alle Dinge gehören, vergab Gott den Israeliten Land und Güter zum privat genutzten Eigentum, das aber durch die Furcht des HERRN und die brüderliche Rücksicht auf den Nächsten in seiner Nutzung begrenzt war. Überall wird dabei stillschweigend vorausgesetzt, daß die Israeliten ja noch natürliche, sündige Menschen mit ihrer gierigen, egoistischen Adamsnatur waren. Das Gesetz offenbarte Gottes Gerechtigkeit in einer gefallenen Welt und für rebellische, sündige Menschen, die diese Gerechtigkeit nie völlig erfüllen konnten. Es würde also noch Tod und Not geben, Egoismus und Rücksichtslosigkeit – doch all dies sollte im Land des HERRN eingedämmt und gemildert werden.

Daraus ergaben sich zahlreiche Regelungen des mosaischen Gesetzes, die den Israeliten Rücksicht auf die Schwächeren (Witwen und Waisen), auf die Verarmten und Verschuldeten (bis zu jenen, die sich wegen Überschuldung als Sklaven verkaufen mußten) vorschrieben und insgesamt auf einen guten, barmherzigen, gerechten Umgang des Israeliten mit seinem Bundesbruder zielten. Dazu gehörten auch die Sabbatjahr- und Erlaßjahr-Regelungen (jedes siebte Jahr) sowie die Einrichtung des Jubel- oder Halljahres (jedes 50. Jahr), in dem alles verpfändete und verkaufte Land wieder in den Erbbesitz des ursprünglichen Besitzers übergehen sollte und alle israelitischen Sklaven freigelassen werden sollten (vgl. 3. Mose 25).

Die Heidenvölker waren von all diesen Gesetzen nicht angesprochen und nicht betroffen; alleine die Fremdlinge, die sich entschlossen, bei dem Volk Israel zu wohnen, das Gesetz zu halten und den Gott Israels ebenfalls zu verehren, waren ausdrücklich berücksichtigt (vgl. 2Mo 12,48; 3Mo 17,8; 18,26; 19,34; 22,18; 24,22; 4Mo 9,14; 15,15-16; 19,10; 5Mo 5,14; 16,11; 24,17; 31,12). Ansonsten schrieb das Gesetz den Israeliten die Absonderung von den umgebenden gottlosen und götzendienerischen Heidenvölkern vor.

 

Die Abweichung Israels vom Gesetz des HERRN und die Botschaft der Propheten

Zahlreiche Bibellehrer sind zu der Einsicht gelangt, daß der Mensch in jeder Heilszeit die Segnungen Gottes mißbrauchte und die Gebote und Ordnungen Gottes rasch brach. Adam versagte, Noah versagte, Israel versagte – und auch die Gemeinde versagte in bezug auf das, was Gott von ihnen erwartete. So sollte es uns nicht erstaunen, daß die Israeliten, die bei allen ihren Vorrechten des Bundes immer noch natürliche, sündige Menschen waren, angesichts der Aufgabe, im verheißenen Land nach den Geboten Gottes und in Abhängigkeit von Ihm zu leben, gründlich versagten.

Die Zeit der Richter war eine schlimme Phase der Abweichung vom HERRN. Dann, am Ende der Richterzeit, machte das Volk seinen Abfall noch schlimmer, indem es einen menschlichen König verlangte wie alle Heidenvölker, und damit den HERRN als seinen König verwarf. Das Königtum Davids brachte einen geistlichen Aufschwung, aber schon unter Salomo wurde der Same des erneuten Niedergangs gesät. Die zehn Stämme des abgeteilten Nordreiches verfielen in schrecklichen Götzendienst und wichen immer weiter vom HERRN ab; aber auch im Königreich Juda hielten Gesetzlosigkeit und Götzendienst immer stärker Einzug.

Bis auf wenige Zeiten der Buße und Erweckung kann man vermuten, daß das Volk Israel nie auch nur annähernd die Gebote hielt, die Gott ihnen gegeben hatte. Selbst auf den Höhepunkten ihres nationalen Lebens, unter den Königen David und Salomo, oder dann wieder unter Hiskia und Josia, gab es Gesetzesbruch, Götzendienst und schwere Mißstände im Volk. Das Volk hielt sich nicht an seine priesterlichen Verpflichtungen; so wurde das Passah offenkundig nie ganz im Sinne Gottes gefeiert bis zu den Tagen Josias (2Chr 35,18). Und das Volk hielt sich auch nicht konsequent an seine sozialen Verpflichtungen. Es ist zu vermuten, daß z. B. weder das Sabbatjahr noch das Halljahr in Israel jemals eingehalten wurden (vgl. 3Mo 26,43; 2Chr 36,21).

Vor diesem Hintergrund erklären sich die Bußbotschaften der Propheten, die im Auftrag des HERRN die Könige und die Priester, die Ältesten und die einfachen Israeliten an ihre Abweichungen vom HERRN und Seinem Gesetz erinnerten und sie zur nationalen wie auch persönlichen Umkehr riefen. Dabei steht im Mittelpunkt die Untreue dem HERRN gegenüber und die geistliche Hurerei des Götzendienstes und der Vermischung mit den Heidenvölkern (ein Umstand, den die Prediger des „Sozialen Evangeliums“ meist eher ausklammern).

Aber natürlich geißelt der HERR in den Botschaften der Propheten auch alle Ausbeutung und Rechtsbeugung vor allem der reichen Oberschicht gegenüber den Gebeugten und Armen, den Rechtlosen und Witwen. Diese Dinge waren eine schlimme Sünde, weil damit der HERR als oberster Eigentümer und Herr des Landes verleugnet wurde und der Bund gebrochen wurde, an dem die Israeliten doch alle Anteil hatten.

Als das Volk Israel sich immer wieder hartnäckig weigerte, der Bußbotschaft der Propheten Folge zu leisten, kam die Zeit, wo das schon lange zuvor (im 5. Buch Mose) angekündigte Gericht über Israel kommen mußte (vgl. 5. Mose 28). Zunächst wurden die zehn Stämme aus dem Land herausgerissen und in die Zerstreuung vertrieben, dann das Königreich Juda.

Das theokratische Reich Israel war vorerst gescheitert an der Sündhaftigkeit der Menschen, die es bilden sollten. Gott nahm das davidische Königtum hinweg; die Zeiten der Heiden kamen herauf – Zeiten, in denen große heidnische Herrscher die Welt beherrschten und unter sich aufteilten, Zeiten der Bedrückung, der Ausbeutung, der Kriege und der Willkürherrschaft. Der Überrest des Volkes Israel, der noch einmal für eine Zeit nach Juda zurückkehren durfte, war ein klägliches Häuflein ohne eigenen König und ohne eigenes Land. Die Juden, die nicht Sklaven des HERRN sein wollten, waren unter die Knute fremder Großmächte versklavt.

Damit gab es nun kein äußerliches Königreich mehr auf Erden, in dem der Wille des ewigen Gottes verwirklicht werden sollte und konnte. Israel hatte in seinem Auftrag völlig versagt, und Gott nahm ihm das Königreich weg und brachte das auserwählte Volk wiederum unter die Knute heidnischer Könige. Die „Zeiten der Heiden“ (Lk 21,24) waren angebrochen, in der Prophetie symbolisiert in dem großen Standbild aus Daniel 2. Die Welt wurde regiert und beherrscht von mächtigen, götzendienerischen Völkern und Königen, die größtenteils grausam und ungerecht waren, wie es auch in dem prophetischen Bild der Raubtiere in Daniel 7 symbolisiert wird.

 

Die gegenwärtige böse Weltzeit
und das kommende Reich des Messias

 

Nach dem Zeugnis des NT befinden wir uns immer noch in den „Zeiten der Heiden“. Diese Welt wird regiert von willkürlichen Herrschern (vgl. Mt 20,25), und Gottes Gerechtigkeit wird von ihnen mit Füßen getreten. Gottes Herrschaft wird nur in der kleinen, rechtlosen Fremdlingsschar der Gläubigen anerkannt – zuerst bei den unterworfenen gottesfürchtigen Israeliten und später dann der Fremdlingsschar der Gemeinde.

 

Die Ratschlüsse Gottes in der gegenwärtigen bösen Weltzeit

Wir müssen nun gut verstehen, daß all dies genau den ewigen Ratschlüssen des HERRN entspricht. Diese Weltzeit ist wesensmäßig böse, weil böse, gottlose Menschen die Herrschaft innehaben, und weil der Teufel als Fürst der Welt regiert. Der Irrtum der falschen Propheten des Sozialen Evangeliums liegt ja nicht darin, daß sie betonen, wie sehr die gegenwärtige kapitalistische Weltordnung Gottes Gedanken zuwiderläuft. Natürlich tut sie das. Jede von Menschen errichtete Weltordnung ist ungerecht, sündig und böse vor Gott.

Die Lehren des Sozialen Evangeliums von einer „strukturellen Sünde“ bzw. von „sündigen Gesellschaftsstrukturen“ haben darin einen richtigen Kern, daß natürlich die Sozialordnung unseres Weltsystems dem Willen Gottes widerspricht und insofern sündig ist. Aber sie irren darin, daß sie behaupten, Gott würde Seine Kinder für schuldig halten, wenn sie sich im Rahmen solcher „sündiger Systeme“ bewegten, anstatt gegen sie zu protestieren und alles zu tun, um sie zu ändern. Gott selbst hat Seine Kinder mitten in diese Weltsysteme gestellt, damit sie dort Zeugen des rettenden Evangeliums sind und Ihm priesterlich dienen. Sonst müßten sie aus dieser Welt hinausgehen, was ausdrücklich nicht dem Willen Gottes entspricht (vgl. 1Kor 5,9-12). „Denn was gehen mich auch die an, die außerhalb [der Gemeinde] sind, daß ich sie richten sollte? Habt ihr nicht die zu richten, welche drinnen sind?“ (1Kor 5,12).

Genau aus diesem Grund haben die Apostel die Unterwerfung der Gläubigen unter das System der Sklaverei gelehrt, wie auch unser Herr den Juden befahl, sie sollten dem römischen Kaiser die Steuer bezahlen, die gewiß auch als ungerecht und „unterdrückend“ empfunden wurde. Gott wies in Seinem Wort die gläubigen Sklavenhalter eben nicht an, alle Sklaven freizulassen und aus dem „strukturell sündigen“ System der Sklaverei auszusteigen, sondern Er gebot nur: „Ihr Herren, gewährt euren Knechten (w. Sklaven), was recht und billig ist, da ihr wißt, daß auch ihr einen Herrn im Himmel habt!“ (Kol 4,1).

Auch die ausdrückliche Unterwerfung unter die jeweilige – immer gottlose und ungerechte – Obrigkeit zeigt klar, daß es einfach nicht Gottes Wille für die Gemeinde ist, daß sie sich für Systemveränderungen und Weltverbesserung einsetzt. Wer sich also gegen die Obrigkeit auflehnt, der widersetzt sich der Ordnung Gottes; die sich aber widersetzen, ziehen sich selbst die Verurteilung zu“ (Röm 13,2).

Eine versuchte Weltveränderung ist auch deshalb Untreue gegen die Lehre der Bibel und damit gegen Gott, weil sie die unverbesserliche Sündenverderbnis des Menschen leugnet. Alle Bestrebungen zur „Systemverbesserung“ werden immer wieder in Ausbeutung und Unterdrückung enden, weil der Mensch unreformierbar böse ist. Der gegenwärtige Kapitalismus, gegen den die Anwälte des Sozialen Evangeliums so eifrig angehen, war ja seinerseits aus einer „Systemreform“ der vorhergehenden Sozialordnung des Feudalismus hervorgegangen, die damals den „modernen, progressiven“ Menschen ungerecht, unterdrückerisch und ausbeutend erschien. Und alle Bemühungen der Menschen, im Rahmen des Marxismus und Sozialismus dem „ungerechten, ausbeuterischen, unterdrückenden“ Kapitalismus zu entfliehen, haben zu einem System geführt, das für die Menschen noch ausbeuterischer und unterdrückender war als das vorherige.

Deshalb ist alles Bemühen um eine Gesellschaftsverbesserung diesseits des verheißenen messianischen Gottesreiches letztlich unbiblisch, widergöttlich und antichristlich, wie sehr es sich auch mit „christlichen“ Motiven schmücken mag.

 

„Exodus“ und „Erlaßjahr“ als irreführende Schlagwörter des Sozialen Evangeliums

Das Evangelium Jesu Christi verheißt den Gläubigen eine Errettung, aber in klarer Abstufung: Hier auf dieser Erde, in der gegenwärtigen Heilszeit, empfangen sie durch den Glauben an Christus Vergebung der Sünden, ewiges Leben und ewiges Heil, aber sie bleiben Fremdlinge in einer bösen, ungerechten Welt, in der sie kein Erbteil haben, und auch keinen Auftrag, diese Welt zu „verbessern“ oder „christlich zu machen“. In der kommenden Heilszeit des Reiches empfangen sie außer der Verherrlichung des Leibes auch Frieden und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben, und in der neuen Schöpfung erst kommt das Heil Gottes zur völligen Vollendung.

Die missionalen Theologen lösen diese klare heilsgeschichtliche Ordnung auf und werfen alle Dinge durcheinander. Sie behaupten, Gott habe in dieser Heilszeit das Ziel, unter den gottlosen Heidenvölkern Frieden und Gerechtigkeit nach denselben Maßstäben aufzurichten, die einst für Israel galten. In diesem Sinne nehmen sie den „Exodus“, die Erlösung Israels aus der ägyptischen Gefangenschaft, und machen daraus ein Zerrbild ihrer „holistischen Mission Gottes“, die angeblich hier und jetzt schon das leibliche Wohl, das humanistische Wohlbefinden, die Freiheit und soziale Gerechtigkeit in dieser Welt zum Ziel habe. Doch in dieser Heilszeit sind die Heidenvölker als Ganzes unter dem Zorn Gottes und dem ungerechten Regiment des Fürsten dieser Welt und einer gottlosen Obrigkeit.

Durchaus zu recht wird argumentiert, daß Israel zur Zeit des Exodus politisch und ökonomisch unterdrückt war und Gott sie auch davon befreite. Doch ganz im Gegensatz zum NT, das aus dem Exodusbericht in erster Linie das Passahopfer hervorhebt und als Vorbild auf das vollkommene Sühnopfer Jesu Christi deutet, konstruieren diese Theologen eine sozialpolitische Vorbildbedeutung des Exodus für die „Mission Gottes in der Welt“ und damit auch für den „missionalen“ Auftrag der Gemeinde. Die Gemeinde müsse hier und jetzt „erlösend“ und „versöhnend“ gegen soziale Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen angehen und sich „ganzheitlich“ um alle ihre Bedürfnisse kümmern.

Das ist jedoch eine völlig willkürliche Umdeutung der biblischen Lehre; wenn das wahr wäre, hätten die Apostel sich vehement gegen die damalige Einrichtung der Sklaverei wie auch gegen manche Willkür der Obrigkeit wehren müssen – aber das genaue Gegenteil war der Fall! Die Gemeinde hat heute nur den Auftrag, Verlorenen das Evangelium von der ewigen Errettung zu verkünden; ihr „sozialpolitischer Auftrag“ findet erst im Tausendjährigen Reich statt! Geistlich gesehen ist der Exodus Israels ein Vorbild auf die persönliche Errettung des Gläubigen aus der Macht der Welt und ihres Fürsten, kein Programm für sozialpolitische Transformationsstrategien der Kirchen.

Ähnlich verkehrt ist auch das falsche „Erlaßjahr-Evangelium“, das besonders aus der Aussage des Herrn Jesus in Lukas 4,16-21 abgeleitet werden soll. Der Herr führt in der Synagoge von Nazareth das messianische Prophetenwort aus Jesaja 61,1-2 an, das Ihn als den Erlöser Israels ankündigt, und erklärt dann: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ (V. 21). Verschiedene liberale und evangelikale Theologen konstruierten nun daraus, mit dem „angenehmen Jahr“ aus V. 19 sei das Erlaßjahr aus 3. Mose 25 gemeint, das Jesus Christus nun eingeläutet habe und das für die Welt gelte (in Wirklichkeit ist diese Formulierung ein Hinweis auf die Wiederannahme Israels zu Beginn des messianischen Reiches). Andere deuten das Erlaßjahr zumindest als Beleg für eine „holistische Mission“ der Gemeinde heute, die für alle Bedürfnisse der Menschen sorgen müsse, einschließlich der Befreiung aus sozialen und ökonomischen Zwängen.

Doch auch das setzt die klare heilsgeschichtliche Ordnung der neutestamentlichen Lehre außer Kraft. Der Herr gebrauchte das Jesajawort, um sich als den verheißenen Messias zu offenbaren, der diese Zusagen in Seinem künftigen Reich verwirklichen würde. In der heutigen Zeit führt die Erlösung in Christus zur geistlichen Befreiung und Heilung des einzelnen Gläubigen, der von Sündenknechtschaft und Bedrückung durch den Satan reettet wird und im geistlichen Sinn Heilung seiner Seele erfährt; in diesem Sinn können wir die Aussagen von Lukas 4 heute anwenden. Doch die gesellschaftliche Dimension der Erlösung wird erst in dem kommenden messianischen Reich verwirklicht, auf das der Herr sich ganz klar mit dem Jesajawort bezog. Wer dieses Wort für die Einführung eines falschen „holistischen“ Sozialevangeliums benutzt, verführt die Gläubigen.

 

Ist Gott „solidarisch mit den Armen dieser Welt“?

 Gott wird in der Tat alle gottlosen Gewaltherrscher einmal richten, alle Reichen, die die Armen ausgenutzt und ausgebeutet haben, alle Profiteure von Währungsspekulationen und Nahrungsmittelkrisen, all die Großen und Mächtigen dieser Erde. Aber Er wird auch all die gottlosen Armen richten, all die elenden Kreaturen, die sich der Zauberei und dem Götzendienst ergaben, die ihre Frauen arbeiten ließen, um die Zeit im Drogenrausch zu verschlafen, alle Säufer und Hurer und Ehebrecher(innen).

Vor dem heiligen Gott des Gerichts sind alle Menschen verloren, die in dieser gegenwärtigen bösen Weltzeit leben, ohne die Gnade des Herrn Jesus Christus angenommen zu haben. Gott haßt die Sünden der Großen und Mächtigen, die andere ins Elend stürzen um ihres Gewinnes und ihrer Macht willen. Aber Gott haßt auch die Sünden der Geringen, die sich untereinander treten und betrügen, die huren und ehebrechen, saufen und lästern, die fluchen und andere bestehlen. Gott wird die gottlosen Kapitalisten und Großgrundbesitzer einmal richten.

Aber Gott wird auch die gottlosen Sozialisten, Kommunisten und Scheinchristen richten, die Seinen Sohn mit Füßen getreten, Seine Wahrheit verleugnet und Seine Gnade verschmäht haben. Der reiche Minenbesitzer, der seine Arbeiter im vergifteten Minenstaub sterben läßt, wird vom Zorn Gottes getroffen werden – aber auch der marxistische Minenarbeiter, der seine Faust gegen Gott erhebt und seine Kameraden als Streikbrecher zusammenschlägt.

Gott ist eben nicht einfach nur ein „Gott der Armen“. Er ist auch nicht einfach „solidarisch mit den Armen“ oder „ergreift Partei für die Armen“, wie dies die Prediger des Sozialen Evangeliums behaupten. In den Propheten gilt Gottes Erbarmen und Hilfe ausschließlich den gottesfürchtigen Armen, denen in Seinem auserwählten Bundesvolk, die nach dem hebräischen Grundtext auch als „Geringe“, als „Bedrückte“, „Gebeugte“ und „Elende“ bezeichnet werden. Sie waren vielfach gerade deshalb Geringe und Bedürftige, weil sie den HERRN fürchteten und Seine Gebote hielten und so gegenüber den frechen Frevlern vordergründig benachteiligt waren, die das Recht des HERRN beugten und willkürlich handelten. Solchen gottesfürchtigen Armen, die ihr Vertrauen ganz auf IHN setzen, verheißt der HERR Seinen Beistand.

Die Armen dieser Welt dagegen stehen genauso unter dem Gericht Gottes wie die Reichen dieser Welt. Ihre Verantwortung und der Schweregrad ihrer Sünden mag teilweise geringer sein als bei vielen Großen – aber der heilige Gott haßt ihre Sünden ebenso; Er sieht die Person nicht an (Röm 2,11), Er richtet Arm und Reich gleichermaßen. Die „sozialen Sünden“ sind eben nicht die einzig oder hauptsächlich maßgeblichen, wie die marxistisch irregeführten Vertreter des Sozialen Evangeliums meinen. Die Sünden des Geschöpfes Mensch gegen den heiligen Schöpfer wiegen noch viel schwerer und würden den Menschen ewig von Gott trennen, auch wenn er nie eine Sünde gegen seine Mitmenschen begangen hätte. So haben die Armen keine Vorzugsstellung vor Gott, außer der Tatsache, daß Gott Seine begnadigten Kinder überwiegend aus ihren Reihen erwählt hat und nur wenige Große und Reiche zu Ihm finden (vgl. Jak 2,5; 1Kor 1,26-29).

 

Die Gemeinde ordnet sich den gesellschaftlichen Verhältnissen in dieser Weltzeit unter

Denjenigen aber, die als Reiche gläubig geworden sind, gebietet die Lehre der Apostelbriefe nicht etwa, sie müßten alles verkaufen und den Armen geben, wie es der Herr Seinen Jüngern sagte. Sie werden auch nicht aufgefordert, aus dem bestehenden System des Wirtschaftens und des Handels auszusteigen und „alternativ zu leben“, etwa alle ihre Sklaven zu entlassen. Stattdessen werden sie aufgefordert, mit ihrem Wohlstand, den Gott ihnen gegeben hat, Gutes zu tun und anderen Gläubigen Anteil daran zu geben:

Den Reichen in der jetzigen Weltzeit gebiete, nicht hochmütig zu sein, auch nicht ihre Hoffnung auf die Unbeständigkeit des Reichtums zu setzen, sondern auf den lebendigen Gott, der uns alles reichlich zum Genuß darreicht. Sie sollen Gutes tun, reich werden an guten Werken, freigebig sein, bereit, mit anderen zu teilen, damit sie das ewige Leben ergreifen und so für sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft sammeln. (1 Tim 6,17-19)

Es ist deshalb irreführend und verfälschend, wenn die Anwälte des Sozialen Evangeliums behaupten, es sei Ungehorsam gegen Gott, wenn Gläubige sich nicht zur Überwindung der Weltarmut, bei der AIDS-Bekämpfung oder Kampagnen für gerechten Welthandel engagieren. Oftmals wird von solchen Leuten Matthäus 25,31-46 angeführt. Diese Aussagen des Herrn Jesus, die sich auf das Gericht an den Heidenvölkern beziehen, werden radikal umgedeutet. Angeblich würde Christus alle an Ihn Gläubigen danach richten, ob sie den Armen dieser Welt materielle Hilfe zuteil werden ließen, und alle, die dies nicht getan hätten, würden deshalb in die Hölle geworfen.

Dabei wird bewußt übersehen, daß der Herr von „diesen meinen geringsten Brüdern“ spricht, d.h. also von christusgläubigen Sendboten unter den Heidenvölkern, und keineswegs von irgendwelchen ungläubigen Armen. Das in Matthäus 25 beschriebene Gericht betrifft heilsgeschichtlich gesehen die Heidenvölker, die nach der Verherrlichung der Gemeinde die Botschaft messiasgläubiger Juden gehört haben und diesen Boten aufgrund ihres Glaubens Beistand in der Verfolgung geleistet haben, so wie Rahab an den Kundschaftern. Diese Umdeutung von Matthäus 25, die man immer wieder bei Befürwortern des Sozialen Evangeliums findet, kommt aus einem finsteren, dem Evangelium der Gnade fremden Geist.

 

Das Ende der gegenwärtigen bösen Weltzeit

Das Ende dieser gegenwärtigen bösen Weltzeit, daran läßt die Bibel keinen Zweifel, wird ein hartes, ernstes Gericht vom Himmel her sein – der von alters her angekündigte Gerichtstag des HERRN, vor dem die Propheten erzitterten, wenn sie ihn im Geist sahen. Gott läßt die Sünder lange gewähren, viele Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende lang. Aber eines Tages, und dieser Tag ist nicht mehr ferne, da wird der König der Könige vom Himmel her geoffenbart werden in großer Macht und Herrlichkeit. Und dieser König wird die Gottlosen mit Feuer verzehren – die gottlosen Reichen und die gottlosen Armen, die Mächtigen und die Machtlosen.

Gott hat heute ganz bewußt kein Programm der Sozialreform oder Weltverbesserung auf Seiner Tagesordnung. Er selbst hat diese Weltzeit eingerichtet, wo das Böse scheinbar schrankenlos herrschen kann. Diese schlimmen Zustände dienen zur Prüfung für die Menschen, aber auch zum Heil für diejenigen, die durch die Leiden an dieser bösen Weltzeit dahin kommen, nach dem wahren Leben und ewiger Errettung zu suchen. Solchen Seelen, und zwar Armen und Reichen, die durch das Böse in dieser Welt und in ihnen selbst nach etwas Höherem, Besserem suchend werden, denen offenbart Gott Seinen Sohn, den Retter der Sünder, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Und dann rettet Er sie aus dieser bösen Welt heraus, um sie für Seinen Sohn zu heiligen und in Seiner heiligen Gemeinde zu sammeln, die heute der Tempel Gottes und Sein Priestervolk auf Erden ist.

Und Gottes Willen für die Menschen? Seine Gesetze der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit, des Erbarmens für die Armen – alle jene Ordnungen, die das Gesetz bezeugte und zu deren Verwirklichung die Propheten einst aufforderten? Hat Gott sie abgeschrieben? O nein, mitnichten! Gottes Ratschlüsse sind ewig und unveränderlich. Aber Er erfüllt sie zu Seiner Zeit und auf Seine Weise, nicht so, wie Menschen sich das denken. Er erfüllt sie in göttlicher Kraft und Machtvollkommenheit, ohne Beihilfe eines schwachen Menschen – „damit sich vor ihm kein Fleisch rühme“ (1Kor 1,29). Seine Antwort ist zunächst das blutige Gericht am Tag des Herrn, nicht menschengemachte Sozialreformen und Weltverbesserungsprogramme. Der Mensch wird völlig beiseitegesetzt am Tag des HERRN. Dann redet und handelt Gott, der zuvor so lange geschwiegen und sich zurückgehalten hatte.

 

Das Friedensreich des Messias: Gottes Wille geschieht auf Erden wie im Himmel

Auf das Gericht folgt dann der Neuanfang der Gnade unter der persönlichen Herrschaft des Messias, des Menschensohnes von Daniel 7, des Mannes nach dem Herzen Gottes. Dieser Neuanfang ist erst möglich nach dem schrecklichen, radikalen Gericht über alles Fleisch. Der Neuanfang wird gemacht mit den Erben des Reiches – gedemütigten, zerbrochenen, geläuterten, durch die Neugeburt von oben erneuerten Menschen, die von Herzen an den Messias Jesus, den Herrn, glauben und Ihm dienen, Ihn verherrlichen wollen.

Und nun, auf der Basis des gründlichen Gerichts über alle Sünde und Gottlosigkeit, auf der Grundlage erneuerter Herzen, in denen der Geist Gottes wohnt und in die das Gesetz Gottes geschrieben ist, nun endlich kann auch Gottes Reich auf Erden verwirklicht werden. Nun kann die Gerechtigkeit und der Friede nach Gottes Gedanken auf Erden verwirklicht werden. Jetzt erst kann die Bergpredigt wirklich die Grundlage gesellschaftlichen Verhaltens werden, wie es die irregeleiteten Liberaltheologen für die heutige Zeit fordern.

Dann kommt endlich das so oft mißverstandene Gebet des Herrn für die jüdischen Jünger zum Zuge (vgl. Mt 6,9-13). Darin heißt es ja zuerst: „Dein Reich komme!“, nämlich das durch die Propheten verheißene Friedensreich des Messias auf Erden, auf das die Juden nach der Entrückung der Gemeinde wieder sehnlichst warten werden. Und dann kommt die Folge daraus: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden!“ Das kann erst Wirklichkeit werden, wenn der Messias persönlich Seine göttliche Königsherrschaft aufgerichtet hat. Und dann wird diese Welt völlig verwandelt sein. Gott wird durch Christus alle die Probleme lösen, die der sündige Mensch nicht lösen kann und an denen sich die irregeleiteten christlichen Weltverbesserer abarbeiten – von der Armut über die Krankheiten bis hin zur Umweltkrise.

Wie naiv und letztlich gotteslästerlich sind all die Versuche der Theologen, hier und heute schon Elemente eines „gegenwärtigen Gottesreiches“ am Wirken zu sehen und zu verkünden, daß Menschen, armselige, sündenbefleckte, schwache Menschlein dieses erhabene Reich des Friedens und der Gerechtigkeit errichten sollten. Wenn das Reich Gottes wirklich durch den Messias auf die Erde kommt, dann wird sie erstrahlen in gottgewirkter Herrlichkeit; das Angesicht der Erde und das Aussehen des Himmels wird erneuert sein; die Schöpfung wird erneuert sein, zumindest in vielen Aspekten befreit vom Fluch der Sünde (der Löwe und das Lamm werden miteinander weiden – Jes 65,25). Dann werden auch endlich die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen untereinander eine völlig neue, unter den Bedingungen der Sündensklaverei nicht verwirklichbare Qualität erreichen.

 

 

Das Zeitalter der Gemeinde
und die Frage der sozialen Gerechtigkeit

 

Die herausgerufene, in Christus errettete und geheiligte Gemeinde des lebendigen Gottes hat keinen Auftrag von Gott, hier und heute „das Reich Gottes in der Welt zu verwirklichen“. Sie enthält sich aller Weltverbesserungsversuche und verzichtet auf jegliches „sozialpolitische Engagement“ aus dem einzigen Grund, weil das nicht der Wille Gottes für sie ist. Ihr ist eine seelenrettende Ewigkeitsbotschaft anvertraut, die sie ihren Mitmenschen ausrichten soll. Diese Botschaft geht davon aus, daß diese gegenwärtige böse Welt nicht reformierbar ist. Der Ruf geht an den Einzelnen, von seinen Sündenwegen umzukehren und Christus als Herrn und Retter anzunehmen. Dann empfängt er als Einzelner Vergebung der Schuld, Frieden mit Gott und ewiges Leben – mitten in einer immer noch ungerechten Welt, in der er vielleicht als Armer zu leiden hat.

 

Die Gemeinde hat keinen Auftrag zur Gesellschaftsveränderung

Die Gemeinde verzichtet ganz konsequent auf jedes Engagement zur „Gesellschaftsveränderung“, obwohl sie sich durchaus der Ungerechtigkeit der herrschenden Verhältnisse bewußt ist. Es geht ja keineswegs darum, die schweren Mängel des weltweiten kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Systems abzustreiten oder dieses als „gut“ oder „Gott wohlgefällig“ hinzustellen. Vielmehr akzeptiert die Gemeinde das gegenwärtige wie auch jedes vergangene soziale System in dem tiefen Bewußtsein, daß alle überhaupt möglichen sozialen Formen des Zusammenlebens immer den Maßstäben Gottes zuwider sein und in irgendeiner Weise ungerecht sein müssen – ganz einfach, weil der Mensch im innersten Kern durch die Sünde verdorben ist. Diese völlige Sündenverderbnis des Menschen leugnen alle Entwürfe zur christlichen Weltverbesserung; sie sind deshalb unbiblisch und bloß humanistische Religion.

Die Gemeinde verzichtet deshalb bewußt auf jegliche sozialreformerische „Weltverbesserung“, weil Gott in Seinem Wort bezeugt, daß diese Welt unverbesserlich böse und gerichtsreif ist. Sie verzichtet darauf, weil sie weiß, daß nur der Messias persönlich auf einer durchs Gericht gereinigten und erneuerten Erde wirkliche Gerechtigkeit und wirklichen Frieden bewirken kann. Sie durchschaut den Ruf nach „Gesellschaftstransformation“ als humanistische Illusion, ja als einen gefährlichen Betrug, der letztlich Wasser auf die Mühlen des Antichristen lenkt.

Aus dem prophetischen Wort wird klar, daß die humanistische widergöttliche Falschreligion der letzten Tage noch einen faszinierenden Weltverbesserer hervorbringen muß, eine schillernde Erlösergestalt, die die Verkörperung aller Hoffnungen der gottlosen Menschen darstellt. Er wird als Parole „Frieden und Sicherheit“ predigen und den Gipfel aller Versuche des Menschen darstellen, aus eigener Kraft ein menschengemachtes „Reich Gottes“ auf Erden zu verwirklichen und eine „neue Weltordnung“ herbeizuführen. Sehr wahrscheinlich wird er für seine Bestrebungen ein „christlich“ klingendes Mäntelchen finden. Die Hoffnung aller Menschen auf eine „bessere Welt“ wird auf ihm ruhen.

Doch das Wort Gottes nennt diesen großen humanistischen Weltveränderer den „Menschen der Sünde“, „den Gesetzlosen“  und den „Sohn des Verderbens“ (2Thess 2,3-12). Er wird von dem kommenden Messias persönlich getötet werden, und seine Anhänger werden ein schreckliches Zorngericht empfangen. Wahre Weltveränderung im Sinne Gottes kann eben niemals vom Menschen ausgehen, selbst nicht von erlösten Menschen. Nach dem Willen Gottes geht sie allein von dem einen vollkommenen Gott-Menschen aus, der die Erlösung für uns vollbrachte und dann auferstand und verherrlicht wurde. Gott allein soll in Christus die Ehre für dies alles erhalten, und kein Mensch kann sich rühmen, das „Reich Gottes“ verwirklicht zu haben und die Welt verbessert zu haben.

 

Die Gläubigen müssen auf das ewige Heil hinweisen

Deshalb kämpft die Gemeinde nicht für Weltveränderung, für eine „bessere Welt“, sondern sie verweist in allen persönlichen wie gesellschaftlichen Nöten auf den einen Herrn und Retter, der allein alles neu machen kann. Durch Glaube und Buße darf heute schon jeder innerlich neu werden, der Ihm angehört; die Erneuerung der Gesellschaft aber bleibt der kommenden Heilszeit vorbehalten. Dabei ist klar, daß unter den Gläubigen, gegenüber armen oder in Bedrängnis geratenen Kindern Gottes selbstlose, großzügige Hilfe geboten ist (s. u.).

Wenn die Gemeinde sich in das falsche Fahrwasser der „Gesellschaftstransformation“ ablenken läßt, dann verstrickt sie sich in die schmutzigen Interessenkämpfe dieser Welt und verliert die Kraft, die Ewigkeitsbotschaft von dem neuen Leben in Christus glaubhaft weiterzugeben. Der Weg der „Weltveränderung“ ist für die Gemeinde ein schlimmer Irrweg, der zur Verweltlichung und letztlich zur humanistischen Entartung führt. Das hat die Geschichte der ökumenischen Weltbewegung eindrucksvoll bewiesen, die diesen Irrweg gegangen ist.

Der Auftrag der Gemeinde ist nicht Weltveränderung, sondern der Ruf an verlorene Sünder zur Bekehrung, die Verkündigung des biblischen Evangeliums von der ewigen Errettung in Christus, damit Menschen aus der gegenwärtigen bösen Weltzeit herausgerettet werden. Das Evangeliumszeugnis ist der große Auftrag, den die Gemeinde der Welt gegenüber hat (vgl. Lk 24,45-48). Das hat nie ausgeschlossen, sondern schon von Anfang an eingeschlossen, daß gläubige Kinder Gottes auch ungläubigen Menschen, die in Not geraten sind, helfen, soweit dies möglich ist. Aber diese Hilfsdienste oder guten Werke sind eindeutig dem Auftrag zum Evangeliumszeugnis untergeordnet.

 

Die Gemeinde, der Evangeliumsauftrag und gute Werke an Bedürftigen

Wenn die Gemeinde auch keinerlei Auftrag zur Weltveränderung hat, so soll sie doch in den inneren Beziehungen der Kinder Gottes untereinander die Gebote und den Willen Gottes umsetzen; das bedeutet eine Beziehung selbstloser Liebe und gegenseitiger Hilfe, wie sie der Heidenwelt in dieser Form fremd ist, die aber zu allen Zeiten auch ein kraftvolles Zeugnis für das Evangelium war. Das kommt in den Lehrbriefen des Neuen Testaments immer wieder zum Ausdruck:

Die Liebe sei ungeheuchelt! Haßt das Böse, haltet fest am Guten! In der Bruderliebe seid herzlich gegeneinander; in der Ehrerbietung komme einer dem anderen zuvor! Im Eifer laßt nicht nach, seid brennend im Geist, dient dem Herrn! Seid fröhlich in Hoffnung, in Bedrängnis haltet stand, seid beharrlich im Gebet! Nehmt Anteil an den Nöten der Heiligen, übt willig Gastfreundschaft! Segnet, die euch verfolgen; segnet und flucht nicht! (Röm 12,9-14)

 Wenn nun ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung ist und es ihnen an der täglichen Nahrung fehlt, und jemand von euch würde zu ihnen sagen: Geht hin in Frieden, wärmt und sättigt euch!, aber ihr würdet ihnen nicht geben, was zur Befriedigung ihrer leiblichen Bedürfnisse erforderlich ist, was würde das helfen? (Jak 2,15-16)

 Wer aber die Güter dieser Welt hat und seinen Bruder Not leiden sieht und sein Herz vor ihm verschließt – wie bleibt die Liebe Gottes in ihm? Meine Kinder, laßt uns nicht mit Worten lieben noch mit der Zunge, sondern in Tat und Wahrheit! (1Joh 3,17-18)

 Die gegenseitige Hilfe und Fürsorge, besonders für die Witwen und Waisen, aber auch für verarmte oder erkrankte Gläubige, war von Anfang an auffällig für die heidnische Umgebung, in der Notleidende oft kalt und gleichgültig behandelt und vernachlässigt wurden. Der Apostel Paulus leitete die Gläubigen aus den Heiden zu einer großangelegten Hilfsaktion für die in Not geratenen Gläubigen in Jerusalem an und zeigt in seiner Belehrung dazu, wie wichtig dem Herrn solche praktische Hilfe innerhalb des Leibes des Christus ist (vgl. 2. Korinther 8 und 9).

Darüber hinaus leitet der Herr uns durch Seine Apostel auch an, wo möglich auch an den ungläubigen Menschen in unserer Lebensumgebung Gutes zu tun und ihnen auf diese Weise die Liebe des Herrn Jesus Christus praktisch zu erweisen.

 Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen! (…) Laßt uns aber im Gutestun nicht müde werden; denn zu seiner Zeit werden wir auch ernten, wenn wir nicht ermatten. So laßt uns nun, wo wir Gelegenheit haben, an allen Gutes tun, besonders aber an den Hausgenossen des Glaubens. (Gal 6,2.9.10)

Denn die Gnade Gottes ist erschienen, die heilbringend ist für alle Menschen; sie nimmt uns in Zucht, damit wir die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden verleugnen und besonnen und gerecht und gottesfürchtig leben in der jetzigen Weltzeit, indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun. (…) Glaubwürdig ist das Wort, und ich will, daß du dies mit allem Nachdruck bekräftigst, damit die, welche an Gott gläubig wurden, darauf bedacht sind, eifrig gute Werke zu tun. Dies ist gut und nützlich für die Menschen. (Tit 2,11-14+3,8)

 Solche „guten Werke“ einzelner Gläubiger an Ungläubigen hat Gott immer schon als ein kräftiges Zeugnis der Tat gebraucht, das das Zeugnis des Wortes, das Zeugnis des Evangeliums hilfreich unterstützte und begleitete. Hilfe bei Krankheit, Trost im Leiden, Zeit für ein Gespräch, Gaben der Barmherzigkeit für hungernde oder obdachlose Menschen – all das war zu allen Zeiten von den gläubigen Christen praktiziert worden und ist Teil des biblischen Glaubenslebens. Dabei sind von der Lehre her zunächst insbesondere die einzelnen Gläubigen gemäß ihren Möglichkeiten angesprochen; soziale Hilfswerke sind der Gemeinde als Ganzes nur gegenüber ihren eigenen Bedürftigen (Diakonendienst, Witwenversorgung) aufgetragen.

 

Gute Werke und materielle Hilfe als Unterstützung der Mission und Evangelisation

Auch in der Evangeliumsverkündigung unter den Heidenvölkern in der Ferne („Mission“) spielten gute Werke und Hilfsmaßnahmen für in Not geratene Menschen zu recht immer eine wichtige Rolle, wobei sie auch überall, wo es biblisch gehandhabt wurde, der Evangeliumsverkündigung untergeordnet waren, mit ihr verbunden waren und sie unterstützen sollten. Die Sendboten des Evangeliums hatten immer vor Augen, daß die grundlegende, alles bestimmende Not der Menschen ihre Sündhaftigkeit und ewige Verdammnis war, und daß ihr Auftrag immer darin bestand, Menschen zur Buße und zum rettenden Glauben an Christus zu führen. Unser Herr hat diese Priorität so eindrücklich betont:

Denn wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden. Denn was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber sein Leben verliert? Oder was kann der Mensch als Lösegeld für sein Leben geben? Denn der Sohn des Menschen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln kommen, und dann wird er jedem einzelnen vergelten nach seinem Tun. (Mt 16,25-27)

Deshalb haben bibeltreue Missionare überall in der Welt den Menschen, soweit sie die Möglichkeit dazu hatten, durch gute Werke geholfen, sei es durch Gründung von Schulen und Waisenhäusern, durch Krankenversorgung, durch Speisung Bedürftiger oder auch durch Maßnahmen zur Verbesserung des Lebensunterhalts. Aber diese Maßnahmen waren kein Selbstzweck; sie waren nicht auf politische Aktion gerichtet und dienten nicht der „Systemveränderung“. Sie sollten dazu mitwirken, die Menschen auf die eigentliche Not ihres Lebens hinzuweisen: den fehlenden Frieden mit Gott, die ewige Verdammnis aufgrund ihrer Sünden. Das Ziel war die Errettung von Seelen für die Ewigkeit, nicht ihre zeitliche Besserstellung.

Auf den Missionsfeldern wie auch in den „christlichen“ Ländern haben die Gläubigen aber auch eine ernste Erfahrung gemacht: Sobald die Hilfe für Menschen in Not sich verselbständigte und nur noch sozialen Charakter annahm, endete das sehr rasch in einer Verweltlichung und Entartung und brachte keine Frucht mehr für Gott und die Ewigkeit. Wie viele ursprünglich christlich-missionarisch begonnene Einrichtungen, seien es Schulen, Krankenhäuser oder Pflegeheime, sind heute nur noch weltlicher Sozialbetrieb, vielleicht noch mit einem „christlichen“ Etikett. In unserem Land gibt es zahlreiche Einrichtungen der evangelischen Diakonie, die zwar professionelle Betreuung bieten, in denen aber die Seele nichts mehr vom rettenden Evangelium erfährt!

 

Der politische Kampf für soziale Gerechtigkeit führt zur Entartung der Gemeinde und erstickt das Evangelium

Also: soziale Hilfeleistungen von gläubigen Christen an ungläubigen Bedürftigen gehören zur biblischen Glaubenspraxis aller Christen und sind überhaupt nicht strittig. Die Grenze zum falschen Sozialen Evangelium ist dort erreicht, wo der Gemeinde ein sozialpolitischer Auftrag zugesprochen wird, wo falsche Lehrer sie in das fremde Joch einspannen, sich für die Verbesserung dieser Welt zu engagieren.

Hilfe für Arme ist eine Sache – aber „Solidarität mit den (gottlosen) Armen“ ist etwas ganz anderes. Wenn die Gemeinde aufgefordert wird, politischen Druck auf die Obrigkeit zugunsten der „Armen und Entrechteten“ auszuüben, zu demonstrieren, zu boykottieren, Sozialprojekte mit weltlichen Einrichtungen gemeinsam zu betreiben und dabei die Evangeliumsverkündigung zurückzustellen, dann sind dies alles unzulässige Grenzüberschreitungen, die der Lehre des Neuen Testaments klar widersprechen.

Oftmals werden von den Befürwortern des Sozialen Evangeliums die sozialpolitischen Aktivitäten des Pietismus ins Feld geführt, als deren würdige Nachfolger sich heutige Transformationstheologen gerne darstellen. In der Tat haben viele führende Pietisten sich der sozialen Nöte der Menschen in ihrer Zeit angenommen und einige weit beachtete und auch in der Welt angesehene Initiativen ins Leben gerufen; August Hermann Francke und seine Werke in Halle sind ein berühmtes Beispiel. Sie hatten dabei gewiß beste Absichten und verkündigten im Rahmen dieser Sozialarbeit auch ein getreues biblisches Evangelium – ganz im Gegensatz zu den heutigen Predigern des Sozialen Evangeliums.

Dennoch müssen wir feststellen, daß viele dieser Initiativen aus biblischer Sicht problematische Züge trugen. Auch wenn dieses Thema eine genauere und ausgewogene Untersuchung nötig macht, die wir hier nicht leisten können, sollten wir einige Gedanken dazu festhalten. Die damaligen Pietisten wirkten in einer weltlichen Gesellschaft, die sich (zu Unrecht) als „christlich“ verstand. Sie bekamen teilweise für ihre Sozialwerke viel Unterstützung von der „christlichen“ Obrigkeit und arbeiteten eng mit dieser zusammen. Es ist zu befürchten, daß gerade diese biblisch nicht gerechtfertigte Verbindung mit der Welt (vgl. 2Kor 6,14-18!) mit dazu beitrug, daß in den allermeisten dieser pietistischen Sozialwerke schon nach einigen Jahrzehnten ein Absinken zu einer innerweltlichen, liberaltheologisch geprägten, nur noch pseudochristlichen Sozialarbeit stattfand und das Feuer des Evangeliumsglaubens der Gründergeneration erstickte.

Insgesamt hat die geschichtliche Erfahrung gezeigt, daß jede einseitig auf die Existenzbesserung im Diesseits ausgerichtete Sozialarbeit eher ein Hindernis für biblische Evangeliumsverkündigung darstellt. Auf dem Missionsfeld hat das einerseits zur Ausbreitung des sogenannten „Reischristentums“ geführt. Viele der Ärmsten und Benachteiligten etwa in Indien wurden nominelle Christen, weil ihnen dies soziale Vorteile brachte, ohne daß sie dabei wirklich zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gekommen wären. In solchen Fällen wurden oftmals die alten heidnischen Bräuche des Götzendienstes mit dem „Christentum“ vermischt; diese Menschen, die meinten, sie seien ja schon Christen, waren dann für das echte Evangelium schwerer erreichbar als zuvor. In anderen Fällen stellten die Missionare fest, daß bestimmte Volksgruppen nach einer Linderung der äußerlichen Nöte das Interesse am christlichen Glauben verloren und es kaum noch Bekehrungen gab.

Nicht zuletzt müssen wir ganz nüchtern feststellen, daß die zunehmende Betonung sozialer Aktivitäten auch ganz konkret Geldmittel und Zeit aus dem begrenzten Fundus der Gläubigen und der örtlichen Gemeinden abzweigt und bindet, die dann nicht mehr für das Werk der Evangelisation und Weltmission zur Verfügung stehen.

So bleibt festzustellen, daß es ohne Zweifel richtig ist, wenn gläubige Christen auch gute Werke an ihren ungläubigen Nächsten tun, wenn sie Nöte lindern und Hilfsbereitschaft zeigen. Doch dies sollte immer in Abhängigkeit vom Herrn geschehen, in einer geistgeleiteten Weise, so daß diese guten Werke auch wirklich zur Ausbreitung des Evangeliums von der ewigen Errettung in Christus beitragen. Sobald solche Werke im Fleisch getan werden, zum Selbstzweck werden oder zur Vereinigung mit weltlichen Kräften führen, werden sie ein Hindernis und sogar eine Gefahr für die wahre Gemeinde und die biblische Evangeliumsverkündigung. Erst recht gilt das dann, wenn sie mit der Verführungslehre vom „sozialpolitischen Auftrag“ der Gemeinde und dem Anspruch der „Weltveränderung“ verbunden werden.

 

Bearbeiteter Auszug aus dem Buch von Rudolf Ebertshäuser: Soll die Gemeinde die Welt verändern? (vgl. dort S. 140-168)

 

 

 

 

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