Jeff VanVonderen und der “geistliche Mißbrauch” –
Wie bibeltreue Familien und Gemeinden von psychologischen Falschlehren angegriffen werden

 

 

Auf der 17. Frühjahrskonferenz der Konferenz für Gemeindegründung in Deutschland (KfG) am 16. – 18. März 2018 wurde das Thema „Geistlicher Mißbrauch – in Ehe, Familie und Gemeinde“ angesetzt. Auch in der KfG Schweiz war dasselbe Konferenzthema eine Woche zuvor behandelt worden. Eingeladen war ein Referent aus den USA, Jeff VanVonderen, der zu diesem Thema ein einschlägiges Buch geschrieben hat.

Weshalb ist das ein Thema für unsere Webseite „Das Wort der Wahrheit“? Ist es nicht heilsam und notwendig, vor geistlichem Mißbrauch in christlichen Gemeinden zu warnen? Doch, das ist es ganz sicherlich, und ich bin der Letzte, der leugnen würde, daß es geistlichen Mißbrauch im christlichen Gewand gibt. Als junggläubiger Anhänger der Charismatischen Bewegung habe ich solchen Mißbrauch selbst erlebt.

Doch ich habe inzwischen auch erkennen müssen, daß mithilfe dieses sehr schwerwiegenden Vorwurfes biblisch gegründeter Hirtendienst angegriffen und untergraben werden kann. Deshalb sollten wir als bibeltreue Gläubige sehr wachsam sein, welche Redner und Autoren zu einem solchen Thema etwas sagen, woher sie kommen, welche geistliche Ausrichtung hinter ihrer Botschaft steht und wohin diese führt.

Aus diesem Grund sah ich mich veranlaßt, diesem Jeff VanVonderen und seiner Botschaft etwas näher auf den Grund zu gehen. Ich habe seine Bücher Die zerstörende Kraft des geistlichen Mißbrauchs sowie die Originalfassung des Buches Families where Grace is in Place (dt. Wenn Gnade das Familienleben prägt: Kontrolle, Zwang und Manipulation überwinden – CMD Hünfelden 2017) aufmerksam gelesen und einige Recherchen über diesen in den USA recht gefragten und bekannten Redner und Buchautor unternommen.

Das Ergebnis hat mich besorgt gemacht, und ich halte es für notwendig, die Ergebnisse meiner Recherche zu veröffentlichen, damit alle betroffenen Gläubigen, die ernsthaft dem Herrn Jesus nachfolgen wollen, in die Lage versetzt werden, die Botschaften von Jeff VanVonderen kritisch zu prüfen und biblisch zu beurteilen.

 

1. Wer ist Jeff VanVonderen?

 

Die Selbstdarstellung von Jeff VanVonderen, wie sie auch der Verlag und die KFG-Zeitschrift Gemeindegründung unkritisch wiedergeben, liest sich eindrucksvoll:

Jeff VanVonderen (Jahrgang 1952) ist verheiratet und Vater von vier erwachsenen Töchtern. Jeff studierte Theologie und andere Disziplinen. Über 35 Jahre lang haben Einzelpersonen, Familien und Organisationen von seinen Gaben profitiert. Er gilt als Experte in den Bereichen Sucht, sowie Missbrauchs- und Familienfragen. In seiner Heimat USA haben viele Zeitschriften und Journale seine Artikel veröffentlich. Er ist ein international gefragter Referent und Autor. Aus seiner Feder stammen die Werke: „Die zerstörende Kraft des geistlichen Missbrauchs“, „Wenn Gnade das Familienleben prägt“ und „Ich kann’s nicht allen recht machen“. Einige seiner Bücher haben in den USA bis zu 22 Auflagen erreicht und wurden in viele Sprachen übersetzt (darunter auch Arabisch, Chinesisch, Deutsch, Koreanisch und Spanisch).

Jeff konnte auch schon bei Larry King und Oprah Winfrey auftreten – den bekanntesten Talkshows Nordamerikas. In den Bundesstaaten Minnesota, Alabama, Wyoming, Washington und Hawaii wurde er bereits von den Regierungen als Experte konsultiert.

(Gemeindegründung Nr. 133, I/2018, S. 4-5)

Wenn man eigenständig recherchiert, wer Jeff VanVonderen wirklich ist, wie sein geistlicher Hintergrund und seine Lehren biblisch zu beurteilen sind, dann entsteht ein etwas anderes Bild. Ich möchte dazu deutlich sagen, daß ich mir kein abschließendes Urteil über ihn als Person oder über seine Motive erlauben kann und will. Aber zu einer nüchternen Prüfung, wo ein Redner oder Autor geistlich steht, gehört dazu, daß ich seine Äußerungen im Licht der Bibel beurteile.

Wenn jemand selbst ein Zeugnis von seinem Leben und seinen Hintergründen ablegt, dann sollte man ein solches Selbstzeugnis ernst nehmen und mit in die Beurteilung einbeziehen. Genau das hat Jeff VanVonderen getan. In einem Vortrag vor der Rock Church in York (GB) hat er (wohl im Jahr 2015) ein Zeugnis abgelegt, das unter dem Titel Jeff VanVonderen – The Ramblings of an Interventionist auf Youtube veröffentlicht ist (man sollte das Video bald ansehen, bevor es womöglich gelöscht wird!):

https://www.youtube.com/watch?v=aaKY8TMiKeI

Jeder, der die Bücher von VanVonderen gelesen hat oder lesen will, oder der die KfG-Konferenz mit ihm besucht hat, ist dringend aufgerufen, dieses Zeugnis zumindest auszugsweise anzusehen – falls er genügend Englischkenntnisse hat. Ich habe es mir genau angesehen und angehört, und es hat mich erschüttert. Es macht einiges an den inneren Haltungen und dem Gedankengut dieses Mannes offenbar, das wir wissen müssen, um seine Bücher und Reden richtig einzuschätzen. Ich möchte einige Punkte hervorheben (in Klammern stehen die ungefähren Minutenzahlen des Videovortrages, wo diese Aussagen zu finden sind):

* VanVonderen (VV) betont anfangs, daß er in einer „abgesonderten bibelgläubigen, fundamentalistischen Baptistengemeinde“ großwurde. Sein Urgroßvater kam wohl aus Deutschland und gründete diese Gemeinde. VV hat ausgesprochen schlechte Erinnerungen daran; er bezeichnet diese Gemeinde pauschal als „Ort des geistlichen Mißbrauchs“ (3:50). Die Führer dort benutzten angeblich Gottes Namen, um die Leute dahin zu bringen, das zu tun, was sie wollten. Das ist laut VV geistlicher Mißbrauch (5:10). Er erzählt dann einige Beispiele und meint: „Ich glaube nicht, daß Jesus in dieser Gemeinde war“ (23:15). Er erweckt in seinem Vortrag den Eindruck, daß alle bibeltreuen Baptistengemeinden heuchlerisch, gesetzlich und ohne Gnade seien, und er macht aus seiner Abneigung und Verachtung für diese Art von Christen keinen Hehl.

* Gegen Ende des Zeugnisses erwähnt VV seine Frau, die auch bald zu der Gemeinde nach York kommen würde. Dann sagt er, daß dies seine zweite Frau sei, und lobt sie in den höchsten Tönen (ab ca. 53:15). Dann sagt er: „Es ist meine zweite [Frau], meine erste war total irre [das Amerikanische von VV ist hier sehr verwaschen und kann meinen: nuttier than a fruitcake oder nutty as a fruitcake = Slang für „total verrückt“], und ich blieb verheiratet wegen der Kinder, und ich habe zwanzig Jahre damit verbracht, ihren Gemütszustand zu bewältigen, und dann ging mir der Treibstoff aus, und ich sagte: Ich kann das nicht mehr länger machen. Sie dachte [daraufhin], daß die Außerirdischen ihren Mann gegen einen anderen ausgewechselt hatten, so gut war ich darin … sogar, daß ich vorgab, mit Dingen einverstanden zu sein, mit denen ich nicht einverstanden war, und das nennt man Unehrlichkeit. Ich sagte, das werde ich einfach nicht mehr machen. Sie sagte: Wow! Und ich brauchte fünf Jahre, um das zu sprengen (? Orig. to blow apart). Ich war dann zehn Jahre lang alleinstehend  (54:23)“ (Übersetzung RE). Danach fand er seine zweite Frau durch ein Internetportal.

* Der ganze Videoauftritt macht einen seltsamen Eindruck. Jeff VanVonderen wirkt fahrig und springt von einem Thema zum nächsten. Die Bibelworte, die er vorliest, legt er nicht aus, sondern benutzt sie nur als Anlaß für Meinungen und Erzählungen. Er reißt viele Witze, das lockere Publikum der Rock-Kirche lacht gerne mit – auch, als er die abschätzige Bemerkung über seine erste Frau macht, lachen einige. VVs Auftritt erscheint mir beunruhigend ungeistlich und auch manipulierend zu sein.

Aus diesem Zeugnis entstehen einige Fragen für jeden gläubigen Christen, der aufgefordert wird, den Aussagen von VV zu vertrauen. Im oben zitierten Lebenslauf wird geschildert, daß VV „verheiratet“ und „Vater von vier erwachsenen Töchtern“ ist. Er wird auch als „Experte in Familienfragen“ bezeichnet. Tatsächlich war er 15 Jahre lang ein Pastor der Church of the Open Door in Minneapolis, Minnesota, lange Zeit im Bereich „Seelsorge“. In dieser Zeit schrieb er offenkundig auch sein Buch über „Familien, in denen die Gnade regiert“. Nach seinem Zeugnis aber war seine eigene Ehe über 20 Jahre hinweg eine Belastung, die er nur mühsam ertragen konnte, ohne daß die humanistischen Rezepte, die er in seinen Büchern anpreist, hier irgendeine Abhilfe schaffen konnten.

Daß die Ehe schließlich geschieden wurde, ist sehr traurig. Über die persönliche Schuldverstrickung können und wollen wir nicht urteilen. Aber daß dies in seinem Ehe- und Familienbuch verschwiegen wurde, als er es 2010 in den USA noch einmal auflegte, und auch in der deutschen Ausgabe verschwiegen wird, ist nicht redlich.

Wenn eine 20jährige schlechte Ehe mit anschließender Scheidung die Frucht solcher Lehren ist, dann wird der wachsame christliche Leser den Aussagen eines solchen Mannes zu Recht mit einer gewissen Skepsis gegenübertreten. Und wenn ein Seelsorger, der nach außen hin sehr viel über „Gnade“ und „Annahme“ und „Selbstwert“ redet und „Beschämung“ mit als schlimmste Verfehlung darstellt, so abfällig über seine erste Frau redet und sich selbst als reines unschuldiges Opfer darstellt, dann muß man schon fragen, auf was für einer Wahrheitsgrundlage sein ganzes Lehrgebäude steht.

VanVonderen erwähnt auf seiner Webseite auch (http://www.jeffvanvonderen.com/?page_id=42), daß er u.a. eine Ausbildung in der (weltlich-humanistischen) Psychologie Alfred Adlers genoß, sowie zahlreiche Kurse in weltlichen Ausbildungseinrichtungen über verschiedenste therapeutische Ansätze und Fragen. Alfred Adler wird von Jay Adams in seinem Buch The Biblical View of Self-Esteem – Self-Love – Self-Image (Eugene, OR: Harvest House 1986) als der eigentliche Vater der Selbstliebe/Selbstwertpsychologie bezeichnet (vgl. dort S. 28).

VV arbeitete unter anderem als Ratgeber für die charismatischen Gruppen Teen Challenge und Jugend mit einer Mission. Er hat u.a. Dozentenaufträge am Bethel College in St. Paul, MN (inzwischen eine missional-kulturrelevante christliche Bildungseinrichtung, die weit von Bibeltreue entfernt ist). Zweifellos ist er aus weltlicher Sicht ein angesehener, erfolgreicher Experte. Aber geistlich gesehen? Was nachdenklich stimmt und irritiert, ist der Umstand, daß VanVonderen laut Wikipedia im Jahr 2008 einen Rückfall in die Alkoholsucht erlitt. Wenn seine geistlichen Rezepte wirklich biblisch waren und der Segen Gottes auf seinem Therapeutentätigkeit liegen sollte, wäre solch ein Rückfall eigentlich nicht zu erwarten.

Die geistliche Ausrichtung von Van Vonderen ist auf jeden Fall nicht diejenige, welche die KfG als bibeltreue Vereinigung für sich in Anspruch nimmt. Den biblischen Baptistengemeinden, über die er abfällig lästert, stand die KfG zumindest bei ihrer Gründung noch ziemlich nahe. VanVonderen verkündet falsche Lehren, die denen der Gemeindewachstumsbewegung und selbst der Emerging Church sehr ähnlich sind.

Die Church of the Open Door jedenfalls, die in der Zeit seiner Teilnahme an der Leiterschaft von 350 zu einer Gega-Geneinde von 6.000 Besuchern wuchs, ist eine sehr moderne und verweltlichte Megakirche, die von biblischer Gemeinde weit entfernt ist. Sie praktiziert natürlich charismatischen „Lobpreis“ und hat einen „Lobpreispastor“, sie betont ihre Offenheit für alle und praktiziert die Verführungslehren der „Spirituellen Formation“ (pseudochristliche Meditation und katholische Rezepte der „Spiritualität“), ebenso missionale Lehren. Sie scheint eine missional-kulturrelevante Richtung einzuschlagen, wenn man nach ihrer Webseite urteilt (vgl. http://www.thedoor.org /about-us/leadership). 

 

2. VanVonderens Aussagen über Mißbrauch in Ehe und Familie

 

Zunächst wollen wir einiges über VanVonderens Buch Families where Grace is in Place (Minneapolis, MN: Bethany House; dt. Wenn Gnade das Familienleben prägt: Kontrolle, Zwang und Manipulation überwinden – CMD Hünfelden 2017) sagen. Ich habe die 1992 erschienene amerikanische Fassung des Buches durchgearbeitet und beziehe mich im folgenden auf sie, Übersetzung aus dem Englischen jeweils von mir; die zweite Seitenzahl verweist auf die deutsche Ausgabe.

Allgemein gesagt hat dieses Buch zwei Seiten. Es schildert auf der pragmatischen Ebene zahlreiche Situationen, die in Ehen und Familien vorkommen können, insbesondere auch Fehler, die Ehepaare und Eltern machen, und gibt pragmatische Lösungsmöglichkeiten, die manchmal einleuchten mögen. Ein oberflächlicher christlicher Leser mag die Ratschläge in diesem Buch vielfach als hilfreich empfinden. Es enthält viele wahre und richtige Teilaussagen.

Das Problem an VanVonderens Buch ist der Lehransatz, der geistliche Deutungsrahmen, in den er seine Geschichten und Fallbeispiele aus der Beratungspraxis stellt. Wenn man diesen Rahmen nüchtern und wachsam prüft, stellt man fest: Dieses Buch beruht nicht auf biblischer Lehre und Wahrheit, sondern auf einem Gemisch aus biblischen Halbwahrheiten und Unwahrheiten, vermischt mit weltlich-psychologischen Theorien, vor allem der falschen Lehre von der Selbstachtung (Self Esteem Theology). (Vgl. auch die Literaturempfehlung eines Self-Esteem-Buches auf S. 129/155).

Zentrale biblische Begriffe wie die sündhafte Natur und innere Verderbnis des natürlichen Menschen, seine Rebellion gegen Gott und seine Verfallenheit an seine Begierden und Lüste, werden völlig ausgeblendet. Der Begriff „Sünde“ wird praktisch gar nicht verwendet. Der natürliche Mensch wird einseitig als „leer“ und „bedürftig“ bezeichnet (empty/needy). Psychologische Begriffe wie „Kontrolle“ und „Zwang“ finden sich in der biblischen Lehre nicht; sie werden in dem Buch benutzt, um neben tatsächlichen Fehlverhalten auch biblisch zutreffende Erziehung zum Gehorsam und biblische Autoritätsausübung abzuwerten und anzugreifen.

Der Mensch ist laut VanVonderen nicht von Natur aus verderbt und untauglich, sondern er muß lediglich seine „Leere“ mit Gottes Gnade „gefüllt“ bekommen. Es wird ein falsches, humanistisches Gottesbild verkündet, in dem Gott ausschließlich Liebe, Gnade und Annahme für den Sünder hat; der Zorn Gottes, Seine Heiligkeit und Sein gerechtes Gericht werden ausgeblendet. Es wird nicht auf die Notwendigkeit der Bekehrung und Wiedergeburt eingegangen; jeder Namenschrist wird als gläubig und gerettet, aber noch leer und bedürftig dargestellt.

Die Lösungsansätze für die geschilderten Ehe- und Familienprobleme in VanVonderens Buch sind keine wirklich geistlich-biblischen Lösungen, sondern pragmatische psychologische Rezepte, die auf Humanismus statt biblischer Lehre beruhen. Auch bei Christen wird nicht von Sünde und Buße geredet, sondern es werden Begriffe aus der Selbstwertpsychologie verwendet. Das Schlimmste ist, wenn man einen Menschen „beschämt“ und ihm „Vorschriften macht“. Die biblische Lehre von der Heiligung wird völlig ausgeblendet, von Selbstverleugnung und Mit-Christus-Gekreuzigtsein redet VV gar nicht.

VV reitet vielfältige psychologisch begründete Angriffe gegen „gesetzliche“ Christen, die darauf dringen, daß Christen bestimmte Gebote Gottes „äußerlich einhalten“ sollen, und er verschweigt, daß die Bibel selbst, und zwar das Neue Testament, zahllose solche Gebote enthält und zu ihrer Einhaltung auffordert. VV lehrt, daß jede Einhaltung von Geboten „Leistungsdruck“ sei, der nur einenge und beschäme und die Menschen ihre eigene Unfähigkeit vor Augen führe. Jeder Appell an den Willen und das Bemühen des Menschen sei falsch und führe nur zur Ermüdung und Enttäuschung. Dabei verdreht er völlig die ausgewogene Lehre der Bibel, nach der Gottes Gnade uns zwar in Christus alles gegeben hat, was wir für ein gottesfürchtiges Leben benötigen, wir aber sehr wohl in der Kraft des Geistes streben, uns bemühen und bestimmte Tugenden darreichen sollen (vgl. u.a. 2Pt 1,3-11).

Die Bibel zeigt uns, daß die Bekehrung sowie die Neugeburt aus dem Geist das Fundament jedes Christenlebens sein muß; dann sind wir nicht mehr „leer und bedürftig“, sondern haben in Christus die Fülle. Unser darauf folgendes geistliches Leben beruht auf unserer Stellung in Christus und unserer Gemeinschaft mit Christus, auf dem Mit-Christus-Gekreuzigtsein und dem Mit-Christus-Auferwecktsein (Gal 2,20, Römer 6). Durch den innewohnenden Christus und den Geist Gottes können wir unsere fleischlichen Begierden verleugnen und im Geist wandeln (Galater 5); wir können sündhafte Begierden überwinden und die Gebote Gottes halten (vgl. 1Joh 5,3).

Alle diese biblischen Wahrheiten ignoriert VV. Seine psychologisch-humanistische Vorstellung von „gesunden Glaubensleben“ ist offenkundig, daß der Christ biblischen Geboten nicht gehorchen und sich nicht willentlich bemühen soll, Sünde zu meiden, wenn er nicht die richtige innere Motivation dazu verspürt. Dann ist es seiner Meinung nach anscheinend besser, in Sünde und Ungehorsam zu leben als der Sünde zu widerstehen (vgl. Hebr 12,4).

VV betont die „bedingungslose, freie Gnade“ auf eine einseitige Weise und polemisiert gegen alle Verhaltensänderungen, die nicht total „von innen“ kommen, was die Wirksamkeit des Fleisches im Christen ausblendet. Er unterschlägt, daß Gehorsam und Leben in der Heiligung die Früchte einer echten Neugeburt sind und daß unser Wille, unsere Entscheidungen für das Richtige und das Ausleben der Gebote des Herrn Teil unseres Lebens in der Nachfolge sein müssen, auch wenn manchmal unsere Gefühle noch nicht mitziehen. Seine Angriffe auf ein solches Leben in der Nachfolge erinnern uns an die Warnung, die Gnade Gottes nicht in Zügellosigkeit zu verkehren (vgl. Jud 1,4).

Das ganze Buch ist durchzogen von einer bitteren Feindseligkeit gegen bibeltreue Christen, die als „eng“ und „gesetzlich“ dargestellt werden. Seine Definition von geistlichem Mißbrauch und „fluchgesteuertem Familienleben“ ist so gehalten, daß nicht nur überstrenge und krankhafte Leute, sondern auch Christen, die nach der Bibel leben wollen, als schlimme Verderber und Verführer dastehen. VVs Ideal ist ein völlig einseitig auf „freier Gnade“ beruhendes Modell, in dem der Mensch zu schrankenloser „Freiheit“ bestimmt ist und nur nach „Erfüllung“ und „Ruhen in der Gnade“ strebt. Die biblische Lehre von der Unterordnung der Frau unter den Mann wird verführerisch verdreht, und die Ehescheidung verharmlost und indirekt gerechtfertigt.

Einige konkrete, mit Zitaten belegte Beispiele will ich anführen (Unterstreichungen immer RE):

* VV kennzeichnet den Menschen in humanistischer Weise als lediglich bestimmter positiver Eigenschaften beraubt; sie sind nach ihm „leer und bedürftig“ (empty/needy; vgl. u.a. S. 37, 39, 54). Damit umgeht und verschweigt er die biblische Lehre, daß ein natürlicher Mensch voll ist, und zwar von Stolz, Eigensucht, bösen Begierden: „als solche, die voll sind von aller Ungerechtigkeit, Unzucht, Schlechtigkeit, Habsucht, Bosheit(Röm 1,29; vgl. Mk 7,20-23; Röm 3,14; Jak 3,8). VV schreibt: „Beachten Sie, daß wir uns voll fühlen können und auch so wirken können, was unser äußeres Verhalten angeht, aber immer noch die verzweifelte Bedürfnis fühlen können, daß etwas oder jemand uns innerlich ausfüllt. [Es folgt ein Diagramm, in dem der Mensch innerlich als „leer/bedürftig“ gekennzeichnet ist] Das ist der wahre Zustand unserer Seelen. Sie sind leer, bedürftig und auf der Suche nach Leben und Wert“ (S. 38/39). Man beachte, daß VV hier unterschiedslos von Nichtchristen und Christen spricht; für ihn ist bezeichnenderweise die entscheidende Frage von „nicht wiedergeboren / wiedergeboren“ überhaupt nicht bedeutsam. Der wiedergeborene Gläubige jedoch ist grundsätzlich erfüllt von Christus und Seinem Geist. Im Grunde beschreibt VV den Zustand von äußeren Namenschristen, die nie eine Wiedergeburt erfahren haben. Aber er verschweigt ihnen, daß sie eine Bekehrung und Wiedergeburt brauchen. Stattdessen erklärt er als das erstrebenswerte Ziel „echte persönliche Erfüllung und Gesundheit“ (S. 38/40).

* VV verbreitet absolut unbiblische und gefährliche Lehren über die Ehe. In seiner psychologisch-humanistisch ausgerichteten Sicht ist das Bemühen um eigene Verhaltensänderung, um den Wünschen eines Ehepartners entgegenzukommen, falsch und sogar „Götzendienst“. Er bezeichnet die Erwartung eines bestimmten Verhaltens vom Ehepartner als Ausrichtung auf äußere Leistung. Er verwendet fragwürdige psychologische Begriffe wie „Co-Abhängigkeit“ (codependency, S. 40/41). In einem gewissen Sinn könnte man aber jede biblische Ehe und sogar die Beziehungen im Leib des Christus als „Co-Abhängigkeit“ abstempeln. Wie bewertet VV denn solche Aufforderungen der Bibel wie: „Der Mann gebe der Frau die Zuneigung (od. liebevolle Zuwendung), die er ihr schuldig ist, ebenso aber auch die Frau dem Mann. Die Frau verfügt nicht selbst über ihren Leib, sondern der Mann; gleicherweise verfügt aber auch der Mann nicht selbst über seinen Leib, sondern die Frau“ (1Kor 7,3-4). Oder: „Ebenso sind die Männer verpflichtet, ihre eigenen Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber; wer seine Frau liebt, der liebt sich selbst. Denn niemand hat je sein eigenes Fleisch gehaßt, sondern er nährt und pflegt es, gleichwie der Herr die Gemeinde“ (Eph 5,28-29). Auch die biblische Wahrheit von der Stellung des Mannes als Haupt und der Unterordnung der Frau unter den Mann wird verfälscht und verdreht; die Verantwortung des Mannes wird durch den Hinweis auf die „gegenseitige Unterordnung“ im Endeffekt außer Kraft gesetzt (S. 92-97).

* Ganz brisant ist VanVonderens Haltung zur Ehescheidung, vor allem angesichts seiner eigenen gescheiterten Ehe. Er schreibt z.B.: „Ich bin überzeugt, daß Gott Scheidung und den Schaden, den sie anrichtet, haßt. Ich bin auch überzeugt, daß Er ganz genauso sehr die beschämenden, zusammengebrochenen Ehen haßt, die sich als christliche Ehen tarnen, wegen des geistlichen Schadens, den sie anrichten im Leben eines oder beider Partner, gar nicht zu reden von den Kindern. Ich habe in christlichen Ehen zwei seltsame und verstörende Erscheinungen festgestellt. Erstens, viele Christen denken daß Gott flucherfüllte Ehen mehr schätzt als Scheidung; in anderen Worten, eine verletzende, ungesunde Ehe ist für Gott wohlgefälliger als eine Ehescheidung. Zweitens denken manche von ihnen auch, daß Gott, solange sie nicht ein Schriftstück erwerben, das ihre zerbrochen Beziehung bescheinigt, nicht feststellen kann, daß sie zerbrochen ist. Zuviele Leute bleiben in ungesunden Ehen, die nichts von dem aufweisen, was Gott als wichtig in der Ehe betzeichnet. (…) Ist eine schlechte Ehe besser als eine Ehescheidung? Ich glaube, Gott ist über beides betrübt“ (S. 65-66/73-74).

Hier zeigt sich VVs bibelkritische Grundhaltung: er deutet die Bibel durch seine Psychologie um, und was nicht in seine Deutung paßt, unterschlägt er. Die Bibel lehrt ganz klar, daß Gott Scheidung nicht will und auch nicht erlaubt. Anstatt geduldig an einer Erneuerung einer belasteten Ehe zu arbeiten, rät VV radikal dazu, sich zu trennen – so, wie er es selbst praktiziert hat. Solch eine Lehre ist nicht nur falsch, sie ist auch Gift für zahllose christliche Ehepaare, die darum ringen, eine schwierige Ehe geistlich zu erneuern. Auch Ehebruch verharmlost VV, indem er übermäßige Beschäftigung mit dem Beruf oder dem geistlichen Dienst als „geistlichen Ehebruch“ abstempelt und damit den geschlechtlichen Ehebruch gefährlich verharmlost (das andere Fehlverhalten ist m.E. falsch, aber kann nicht als „Ehebruch“ bezeichnet werden).

Es gäbe noch zahlreiche andere Punkte, die anzumerken wären; ich möchte es aus Platzgründen einmal bei diesen grundlegenden Themen bewenden lassen. Insgesamt ist dieses Buch trotz mancher zutreffender Einzelaussagen durchdrungen von dem falschen Geist der humanistischen Psychologie. Es ist unbiblisch und nachgerade giftig und gefährlich für Christen, die eine biblisch begründete glückliche Ehe führen wollen. Es ist mir unerfindlich, weshalb Wilfried Plock als deutscher Herausgeber dieses irreführende Buch und seine verführerische Botschaft auf deutsch herausbringt und ausdrücklich empfiehlt.

Mir selbst sind die ganzen Aussagen dieses Buches unheimlich vorgekommen angesichts des Bekenntnisses, das VanVonderen über seine eigene erste Ehe in dem anfangs erwähnten Video abgelegt hat. Diese ganze psychologische Selbstwertrezeptur ist unbiblischer Betrug, und dieser hochgebildete Psychologe mußte es an seiner eigenen Ehe erleben. Aber er ist deswegen nicht umgekehrt, sondern hat seine falschen Lehren weiter verbreitet (Neuauflage 2010) und seine Hetze gegen biblisches Christentum aufrechterhalten.

Eigentlich hätte VanVonderen nach dem Zerbruch seiner Ehe sein Buch zurückziehen und seine Tätigkeit als „Familienseelsorger“ beschämt aufgeben müssen. Aber Beschämung ist ja nicht seine Sache; er macht unbeirrt weiter. Wenn man seine oben zitierten abschätzigen Bemerkungen über seine erste Frau Holly mit den Lobeshymnen vergleicht, die er ihr in seinem Buch widmet (S. 177/218), dann erscheint einem die ganze Botschaft dieses Buches mehr als fragwürdig.

Daß ausgerechnet der Mega-Gemeindenpastor Bill Hybels von „Willow Creek“ in der amerikanischen Ausgabe des Buches mit dem Lob zitiert wird: „Das allerbeste Buch über die Familie, das ich seit Jahren gelesen habe!“, sollte biblisch denkende Leser eher warnen statt begeistern.

 

3. VanVonderens Aussagen über Mißbrauch in christlichen Gemeinden

 

Das Buch über geistlichen Mißbrauch in christlichen Gemeinden hat Jeff VanVonderen zusammen mit dem Mega-Gemeinden-Pastor David Johnson geschrieben, den er als guten Freund bezeichnet und mit dem er zur Zeit der Abfassung in der Church of the Open Door zusammenarbeitete. Ich werde die Aussagen des Buches angesichts der Tatsache, daß VV der Referent zu diesem Thema in Deutschland und der Schweiz war, in erster Linie auf VV selbst beziehen, der sich ja durch seine Co-Autorschaft mit allen Aussagen identifiziert, auch wenn er manchmal kurze eigene Passagen darin schreibt. Dieses Buch habe ich in der deutschen Ausgabe durchgearbeitet (auf die sich auch die Seitenangeben beziehen) und dann mit der amerikanischen Originalausgabe verglichen.

Einleitend läßt sich allgemein sagen: Dieses Buch ist von einem unbiblischen, psychologisch-humanistischen Denken und unbiblischen Lehren über Gnade geprägt. Es enthält zahlreiche zutreffend geschilderte Beispiele von echtem geistlichem Mißbrauch, wie er besonders in charismatischen Gemeinden oder in einseitig auf den „Führungspastor“ ausgerichteten Gemeinden vorkommt. Zugleich aber faßt es den Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“ so weit, daß auch wirklich bibeltreue Gemeinden und biblischer Hirtendienst mit diesem Totschlagargument angegriffen werden können.

Die Autoren attackieren durch ihre pauschalen, nicht biblisch differenzierten Begriffe auch solche Gemeinden, die biblische Ermahnung und die Einhaltung biblischer Gebote und Ordnungen praktizieren wollen, als „gesetzlich“ und „mißbräuchlich“. Dadurch kann das Buch zum Kampf gegen gegen biblischen Gemeindebau und gegen biblisch handelnde Älteste mißbraucht werden. Es macht zugleich indirekte Werbung für das moderne „kulturrelevant-missionale“ bzw. emergente Gemeindekonzept, in dem eine falsche, billige „Gnade“ verkündet wird und jeder akzeptiert ist, unter Mißachtung aller biblischen Lehren über die Neugeburt aus dem Geist als Grundlage biblischer Gemeinde und über biblische Heiligung und Gehorsam gegenüber den neutestamentlichen Geboten und Ordnungen.

 

Geistlicher Mißbrauch – eine dringend notwendige Begriffsklärung

„Mißbrauch“ (abuse) ist zunächst ein neutraler Begriff der deutschen bzw. englischen Sprache, der einen aus falschen, negativen Motiven entstandenen falschen Gebrauch von Dingen beschreibt. Man spricht von „Medikamentenmißbrauch“, von „Amtsmißbrauch“, vom Mißbrauch des Vertrauens oder der Macht. Doch darüberhinaus hat sich eine besondere Bedeutung in den letzten Jahren in den Vordergrund geschoben, und das ist der sexuelle Mißbrauch (sexual abuse), der in der Regel geschlechtliche Übergriffe von Autoritätspersonen oder Menschen mit mehr Macht gegenüber Unterlegenen oder Abhängigen beschreibt und zu extrem schmerzhaften Folgen bei den Opfern führt.

In ihrem Buch haben Vanvonderen und Johnson den von ihnen geprägten Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“ (spiritual abuse) ziemlich deutlich in die Nähe des parallelen Begriffs vom „sexuellen Mißbrauchs gestellt (vgl. z.B. die Verbindung von beidem auf S. 16 sowie auf S. 26 und S. 30/31, S. 38). Das stellt jeden, den sie mit diesem Schlag-Wort treffen wollen, automatisch in die Nähe von sexuellen Monstern und Vergewaltigern. Das wird dadurch verstärkt, daß sie emotional betont von „Opfern“ und „Tätern“ sprechen (vgl. S. 24 u. 33).

Auf der anderen Seite aber fassen sie ihren Kampfbegriff vom „geistlichen Mißbrauch“ so weit, daß damit neben wirklichen Fällen geistlichen Mißbrauchs auch eine Vielzahl von Situationen eingeschlossen sind, die differenzierter beurteilt werden müßten. Ihre Definition von geistlichem Mißbrauch lautet:

„Geistlicher Mißbrauch ist der falsche Umgang mit einem Menschen, der Hilfe, Unterstützung oder geistliche Stärkung braucht, mit dem Ergebnis, daß dieser betreffende Mensch in seinem geistlichen Leben geschwächt oder behindert wird.“ (S. 27)

Sie selbst geben zu: „Das ist eine sehr breitgefaßte Aussage“ (S. 27). Mit dieser aus meiner Sicht völlig falschen Definition machen sie ihren Begriff zu einer universal wirksamen Keule, mit der im Prinzip jede Form geistlicher Autoritätsausübung aus der Sicht eines „Opfers“ als grausamer, böser Mißgriff dargestellt werden kann. Dieser bewußt so weit gewählte Begriff kann sehr leicht dazu mißbraucht werden, um echte biblische Leiterschaft, Ermahnung und Gemeindezucht als perverse Bosheit abzuwerten und geistliche Leiter einzuschüchtern.

In dem Versuch, ihren Begriff von „Mißbrauch“ näher zu definieren, heben sie zwei Situationen hervor:

„Geistlicher Mißbrauch kann geschehen, wenn eine führende Persönlichkeit seine oder ihre geistliche Stellung dazu benutzt, einen anderen Menschen zu kontrollieren oder zu dominieren. Dazu gehört auch, daß die Gefühle eines anderen mißachtet werden (…) So angewendet, wird Macht dazu mißbraucht, die Stellung oder die Bedürfnisse dieser führenden Persönlichkeit zu bestätigen. (S. 27)

„Geistlicher Mißbrauch kann auch geschehen, wenn die eigene geistliche Stellung dazu mißbraucht wird, andere zu veranlassen, einem bestimmten ‚geistlichen Standard‘ entsprechend zu leben.“ (S. 27)

Jeder, der schon einmal seelsorgerlich tätig war, etwa in der Beratung von Ehepartnern in einer zerrütteten Ehe, weiß, wie unterschiedlich verschiedene Menschen bestimmte Situationen und Handlungen wahrnehmen und wie subjektiv und oft auch ungerecht Bewertungen sein können, vor allem, wenn sie von Menschen kommen, die sich verletzt fühlen.

Das erste Beispiel für „geistlichen Mißbrauch“ ist so allgemein formuliert, daß es einen wirklichen Übergriff eines Gemeindeleiters beschreiben kann, der versucht, einem Gemeindeglied Vorschriften über seinen Beruf oder seine Wohnungseinrichtung zu machen, aber auch einen biblischen Gemeindehirten, der einen Ehemann ermahnt, seine Kinder biblisch zu erziehen. Beidesmal kann das „Opfer“ sagen: „Der Mann hat mich kontrollieren wollen und meine Gefühle mißachtet“.

Das zweite Beispiel ist noch verschwommener und eine der vielen Aussagen, die ziemlich bewußt auch gegen biblisch-konservative Gemeinden gerichtet sind – solche Gemeinden, aus denen beide Autoren kommen und gegen die sie jede Menge negative Gefühle und Vorurteile hegen. Jeder biblische Älteste wird von Gottes Wort dazu aufgefordert, seine Mitgeschwister dazu anzuspornen, nach einem bestimmten geistlichen Standard zu leben – nämlich nach der neutestamentlichen Lehre der Apostel, nach der Richtschnur des geistlichen Lebens, die wir in den Schriften des Neuen Testaments klar geoffenbart finden (vgl. Phil 3,16).

Wenn das „geistlicher Mißbrauch“ sein soll, dann ist dieser Begriff zu einem vergifteten Werkzeug der Verleumdung gegen biblische Gemeinden und Gemeindehirten geworden, und genau das ist in diesem Buch der Fall, und das ist ein Hauptgrund, daß ich dieses Buch für problematisch und verführerisch halte. Ich werde unten noch einige Belege für diese verkehrte Polemik gegen biblische Gemeindestandards anführen.

Zunächst einmal möchte ich dafür plädieren, den Begriff des „geistlichen Mißbrauchs“, wenn man schon diese nicht biblische Begrifflichkeit verwenden will, sorgfältig und geistlich verantwortbar zu definieren, und das heißt auch: abzugrenzen gegen andere Verhaltensweisen, die man nicht mit diesem schwerwiegenden Begriff bezeichnen sollte, um nicht Verleumdung und falsche Anklage zu begehen.

Wie gesagt: Ich selbst habe als Charismatiker Machtmißbrauch von Leitern erlebt, den man sehr wohl als „geistlichen Mißbrauch“ bezeichnen kann, und ich meine durchaus, daß man diesen Begriff verwenden kann, aber nur für wirklich schwerwiegende Formen ungeistlicher Machtausübung.

Mein Vorschlag für eine Definition von „geistlichem Mißbrauch“ würde lauten: Geistlicher Mißbrauch bezeichnet eine Handlungsweise von religiösen Autoritätspersonen, die ihre Autorität unbiblisch überhöhen und als von Gott selbst kommend darstellen, um die ihnen anvertrauten Christen auf zerstörerische Weise zu beherrschen oder zu manipulieren, und die unter Mißachtung der biblischen Grenzen so in deren Leben eingreifen, daß diese schwere Schäden in ihrem Glaubensleben, ihrer Beziehung zu Gott, in ihrem Familien- und Berufsleben oder an ihrer Seele und ihrem Leib erfahren.

Ein paar Beispiele von echtem geistlichem Mißbrauch will ich zur Erhellung auch anführen:

* Ein charismatischer Prophet und „Seelsorger“ unterwarf eine schwer krebskranke junge Frau einer zermürbenden Tortur von wochenlangen Dämonenaustreibungen und Fahndungen nach „dämonischen Belastungen“ der Voreltern, die angeblich für die Krankheit verantwortlich waren. Das war verbunden mit falschen Prophetien, daß diese Frau nicht sterben werde. Kurze Zeit darauf zog sie sich von der Gemeinde zurück und starb. Der „Seelsorger“ hatte diese Christin der Möglichkeit beraubt, sich in Frieden auf ihren Heimgang vorzubereiten, und sie stattdessen mit exorzistischen Ritualen gequält.

* Eine pfingstlerische „Gemeindeleiterin“ und „Prophetin“ befahl einer jungen Frau in ihrer Gemeinde, einen fragwürdigen Mann zu heiraten, mit der Begründung „Ihr müßt heiraten, Gott hat es mir so gezeigt“. Diese gläubige Frau, die eigentlich lieber ledig geblieben wäre, erlebte eine jahrzehntelange Qual an der Seite eines nicht wiedergeborenen Mannes, der sie mißachtete, ausgesprochen lieblos und rücksichtslos behandelte, aber von sich herumerzählte, er sei ein Prophet und habe göttliche Offenbarungen.

* Mißbrauch besteht auch dort, wo religiöse Führer sich an die Stelle Gottes setzen und Menschen im Namen Gottes zu falschen, zerstörerischen Handlungen oder Haltungen drängen, wo sie Menschen den Fluch Gottes androhen oder sie mit der „Sünde gegen den Heiligen Geist“ ängstigen, um sie sich gefügig zu machen. Er besteht dort, wo Führer, um ihre Sünden zu verdecken, ihre Schafe einschüchtern und bedrohen, oder auch, wo sie Geld von ihnen durch religiöse Versprechungen und Drohungen erpressen, um sich daran zu bereichern.

Zahlreiche Beispiele aus dem Buch von VanVonderen und Johnson beschreiben echten geistlichen Mißbrauch, wobei dieser bezeichnenderweise fast überall im Zusammenhang mit den Irrlehren der Pfingst- und Charismatischen Bewegung steht. Deren Leiter können aufgrund der falschen Lehre, daß es heute noch Propheten und Apostel gebe, leicht der Versuchung unterliegen, sich eine quasi göttliche Machtstellung anzumaßen. Sie sagen ihren „Schafen“ solche Dinge wie: „Alles, was ich sage, kommt direkt vom Thron Gottes“; „Wer sich mir widersetzt, der widersetzt sich Gott“; „Wenn du mich kritisierst, dann tastest du den Gesalbten Gottes an, und dich trifft Gottes Gericht!“ usw.

Die Autoren, die selbst wohl mit charismatischen Lehren sympathisieren (vgl. S. 99 und das charismatische Lied auf S. 311-312), verschweigen leider, daß eine wesentliche Ursache dafür der dämonische Irrgeist dieser Bewegung ist, der bisweilen Gläubige vernichtend anklagen und sogar verfluchen und ihnen die Höllenstrafen androhen kann. Auch die Furcht davor, bei Kritik an einem von diesem falschen Geist „gesalbten“ Leiter die Sünde gegen den Heiligen Geist zu begehen, wird in diesen Kreisen bewußt geschürt.

Ähnliches spielt sich auch bei christlichen Sektengruppen ab, in denen der Leiter eine fast allmächtige Stellung „an Gottes statt“ hat. Beim solchem echtem geistlichem Mißbrauch können die Folgen oftmals lebenslange geistliche und psychische Schäden sein, die zuweilen in die Psychiatrie führen, jahrelange Verdammnisgefühle und schwere Depressionen usw.

 

Fehlverhalten, das man nicht als „geistlichen Mißbrauch“ bezeichnen sollte

Aus meiner Sicht muß man eine weitere Kategorie vom eigentlichen „geistlichen Mißbrauch“ trennen; ich würde diese Kategorie lieber mit dem eingebürgerten und nicht mit perversen Monstern assoziierten Begriff „Machtmißbrauch“ bezeichnen. Unter Machtmißbrauch wäre der sündhafte, gegen Gottes Anweisungen gerichtete Mißbrauch geistlicher Autorität zu verstehen, der Böses fördert und Gutes unterdrückt, der mit sündigen Methoden die eigene Macht oder die von anderen sichern und stärken will.

Auch in dieser Kategorie gibt es geistlich schwerwiegende Vergehen, etwa wenn Älteste die Sünde eines (womöglich wohlhabenden oder einflußreichen) Gemeindemitgliedes zudecken und die Opfer zum Schweigen auffordern. Oder wenn Gemeindeleiter das berechtigte Anliegen eines Gemeindegliedes hart abweisen und ihn einschüchtern und aus der Gemeinde herausdrängen, um ihre eigene Machtstellung oder einen faulen „Gemeindefrieden“ zu bewahren (vgl. Diotrephes, 1Joh 3).

Als Machtmißbrauch müßte man es auch bezeichnen, wenn Leiter sich weigern, einzugreifen, wenn Böses in der Gemeinde aufkommt, und man so willentlich die Gemeinde durch Nichtstun und Dulden des Bösen schädigt (vgl. Eli; die Korinther, 1. Korinther 5).

Vom eigentlichen geistlichen Mißbrauch wie auch vom Machtmißbrauch zu unterscheiden ist eine dritte Kategorie, der falsche Gebrauch geistlicher Autorität, ein Verhalten, das natürlich viel häufiger vorkommt und oftmals auch unbewußt und ohne bösen Willen erfolgt. Oft kommt es nur gelegentlich bei Hirten vor, die eigentlich einen guten Dienst tun. Hier würde ich sagen, daß dieses Vergehen in einer verkehrten, zu weitgehenden, die biblischen Grenzen überschreitenden Ausübung geistlicher Autorität besteht, wobei aber grundsätzlich der biblische Rahmen von Hirtendienst gewahrt bleibt.

Der Unterschied zum eigentlichen geistlichen Mißbrauch besteht bei den beiden anderen Kategorien darin, daß die Autorität an sich den biblischen Rahmen nicht verletzt (also keine Inspiration oder Gottgleichheit unterstellt wird), daß Übergriffe nicht so weit gehen und die Folgen nicht zerstörerisch im engeren Sinn sind, sondern belastend und schwierig, aber von einem gesunden Christen zu bewältigen.

Bei der dritten Kategorie geht es um weniger schwerwiegende Formen eines falschen Gebrauchs geistlicher Autorität, und solche Verfehlungen können auch aufrichtigen Leitern passieren. Es mag sein, daß Geschwister fälschlich wegen einer Sache zurechtgewiesen wurden, die der Leiter verkehrt beurteilt hat. Es mag sein, daß unpassender seelsorgerlicher Rat gegeben wurde. Zum falschen Gebrauch von Autorität gehören übrigens auch die nicht so seltenen Fälle, wo Gemeindehirten auf die Ausübung ihrer geistlichen Autorität verzichten und es versäumen, einzugreifen oder zu ermahnen, wo dies nach der Bibel am Platz gewesen wäre. Auch dadurch entsteht ja Schaden, was die Buchautoren nirgends erwähnen.

Ein schwerwiegender Mangel des Buches ist es , daß zwischen diesen deutlich im Schweregrad und den Auswirklungen zu unterscheidenden Fällen nicht unterschieden wird, und damit auch leichtere Vergehen mit dem belastenden und vernichtenden Vorwurf des „geistlichen Mißbrauchs“ belegt werden. Das hat schwerwiegende Konsequenzen, für die die Verfasser verantwortlich sind. Ihre falschen und undifferenzierten Analysen können dazu mißbraucht werden, geistliche Leiter zu verleumden, ihr Ansehen zu zerstören und ihnen jeden Mut zu ihrer ohnehin nicht leichten Aufgabe zu nehmen.

Aus diesen Gründen ist das Buch „Die zerstörende Kraft des geistlichen Mißbrauchs“ keine biblisch gesunde, ausgewogene Darstellung dieses durchaus wichtigen und berechtigten Themas. Es argumentiert von einem psychologisch-humanistischen Lehrstandpunkt aus und nicht von einem biblischen. Seine biblischen Bezüge entspringen nicht gesunder lehrmäßiger Auslegung, sondern sind willkürlich herangezogen, um die eigenen Ideen zu illustrieren. Seine unausgewogene Darstellung des Begriffs „geistlicher Mißbrauch“ richtet sich neben den Fällen echten Mißbrauchs auch gegen konservative bibeltreue Gemeinden, die unter dem Allerweltsschlagwort „Gesetzlichkeit“ als „mißbrauchende Systeme“ verleumdet werden. Dazu noch mehr im folgenden Abschnitt.

 

Der Angriff gegen biblisch konservative Gemeinden: die Keule der „Gesetzlichkeit“ und „Verhaltensorientierung“

Neben durchaus zutreffender Abgrenzung gegen den halbgöttlichen Vollmachtsanspruch charismatischer Leiter hat das Buch eine deutlich erkennbare zweite Zielscheibe, und das sind Gemeinden und Gemeindeleiter, die als „eng, gesetzlich, leistungs-/verhaltensorientiert, pharisäisch“ usw. bezeichnet werden. Nun gibt es ganz gewiß im konservativen Spektrum einige wenige Gemeinden, die tatsächlich eine völlig einseitiges, überzogenes Heiligungsverständnis haben und ihre Mitglieder unter einen schlimmen Druck setzen.

Doch andererseits weiß jeder Beobachter der evangelikalen Szene, daß genau diese Kampfbegriffe auch sehr gerne von Anhängern der kulturrelevanten Megagemeinden und der Emergenten Bewegung für ganz gesunde konservative, bibeltreue Gemeinden mit einem biblischen Verständnis von Nachfolge und Heiligung gebraucht werden. Ähnlich wie viele Führer der Emerging Church (Brian MacLaren z.B.) stammen auch VanVonderen und Johnson offenkundig aus solchen Gemeinden, die sie heute militant ablehnen (vgl. VVs verächtliche Äußerungen über die unabhängige Baptistengemeinde, in der er seine Jugend verbrachte, im oben erwähnten Zeugnis).

Wir finden in diesem Buch keinerlei Differenzierungen, sondern die Grundaussage lautet: Wer nicht das völlig unverbindliche, liberalistische „Gnade“/Selbstwertmodell von Gemeinde und Glaubensleben akzeptiert, ist automatisch gesetzlich und mißbrauchend. Nach den verdrehten, auch hier pauschalisierenden Maßstäben der Autoren gehören bibeltreue Gemeinden angeblich zu den „geistlichen Systemen, die Mißbrauch betreiben“ (S. 34). Suggestiv fragen die Autoren: „Oder zwingen Sie Menschen, unter Gesetzen, Regeln und Bestimmungen zu leben, die sie niederdrücken und ihnen ihre Unfähigkeit bewußt machen, Ihren Maßstäben gerecht zu werden?“ (S. 34).

Nun wird in einer konservativen bibeltreuen Gemeinde gewiß niemand „gezwungen“, bestimmte Ordnungen zu befolgen. Jeder kann sich frei eine andere Gemeinde suchen, die solche Ordnungen erfolgreich über Bord geworfen hat. Aber nach dem polemischen und verdrehten Verständnis der Verfasser würden gewiß z.B. das Festhalten am Schweigen der Frau oder der Kopfbedeckung für Frauen zu solchen „Regeln“ gehören, die gefälligst aufgegeben werden müssen, damit der Mensch sich frei entfalten kann und nicht „niedergedrückt“ wird.

Und was ist mit dem Unverheiratet-Zusammenleben? Mit Ehebruch? Ist das Verbot eines solchen Lebensstils seitens einer Gemeinde auch eine mißbräuchliche Einengung der Menschen? Ist Gemeindezucht dann „Mißbrauch“? VV legt es zumindest nahe und liefert damit verführerische Munition gegen biblische Gemeinden.

Bei der Polemik gegen „niederdrückende Bestimmungen“ wird die Frage sorgfältig umgangen, ob diese „Regeln“ biblisch begründet sind und in Gottes Wort stehen oder nicht. Man darf den modernen Christen überhaupt keine verbindlichen Regeln mehr zumuten, das wird sofort als „Mißbrauch“ deklariert. „Geistlich mißbrauchende Beziehungen fordern richtiges Verhalten und beschämen uns, wenn wir den Ansprüchen nicht gerecht werden können.“ (S. 277). Solch eine irreführende Aussage würde den Apostel Paulus in den Verdacht des „geistlichen Mißbrauchs“ rücken! „Wenn aber jemand unserem brieflichen Wort nicht gehorcht, den kennzeichnet und habt keinen Umgang mit ihm, damit er sich schämen muß“ (2Thess 3,14).

Auch die Verfasser benutzen den alten Trick liberaltheologischer Polemiker, bibeltreue Hirten mit den „Pharisäern“ gleichzusetzen, obwohl dies ein klarer Mißbrauch des Wortes Gottes ist. Die Pharisäer waren nicht wiedergeborene Anhänger einer Werksreligion und Feinde des Christus; bibeltreue Hirten, die sich für die Einhaltung bestimmter neutestamentlicher Gebote einsetzen, sind wiedergeborene Kinder Gottes und Jünger des Herrn, auch wenn sie von modernen „gesetzesfreien“ (vgl. 1Kor 9,21), d.h. gesetzlosen Christen als das schlimmste Feindbild attackiert werden.

„Gegenüber einem geistlichen System, bei dem die Führer neben dem, was Jesus am Kreuz getan hat, ein bestimmtes religiöses Verhalten einfordern, um uns Gottes Wohlwollen zu verdienen, sollten wir auf Distanz gehen“ (S. 49)

„Es ist nicht falsch, Gesetzlichkeit, gesetzliche Familien und Gemeinden wahrzunehmen und sich davor zu schützen, auf diesem Weg geistlich mißbraucht zu werden. (…) Wir sind der Meinung, daß wir alle auf der Hut sein müssen – nicht nur vor bestimmten Leitern und Systemen, die ihre geistlichen Lasten verteilen, sondern vor dem feinen und schleichenden Gebrauch von ‚Formeln‘ und Doktrinen, die häufig dazu verwendet werden, gute Menschen des Glaubens zur Anpassung an ein religiöses System zu drängen statt zur Ausrichtung auf Christus.“ (S. 53)

„In einem verhaltensorientierten Umfeld ist es unmöglich, ‚in Gottes Reich einzutreten‘, das heißt, sich der wahren Herrschaft Gottes zu öffnen.“ (S. 218)

„Gott hat sein Ja zu uns gesagt und durch Jesus alles für uns vorbereitet. Doch wie viele von uns sind darauf gedrillt worden, ‚die Werke des Fleisches abzutöten‘, indem sie sich mit sich selbst und ihrem ‚geistlichen Verhalten‘ beschäftigen? Wir haben vergessen, daß die Beschäftigung mit dem ‚Ich‘ im Namen Gottes trotz allem die Beschäftigung mit dem ‚Ich‘ ist. Denn wenn von mir Gerechtigkeit und Heiligkeit verlangt wird, dann muß ich sehr gut auf das aufpassen, was ich tue“ (S. 271)

Diese Aussagen sind formal gegen eine konstruierte „Gesetzlichkeit“ gerichtet, die in dieser Form kein bibeltreuer Christ bejahen oder praktizieren wird. Aber andererseits sind sie so vage und unbiblisch formuliert, daß sie eben auch bibeltreues Glaubens- und Gemeindeleben mit unter diese schlimme Verdächtigung des „geistlichen Mißbrauchs“ zerren. Eine biblische Gemeinde wird tatsächlich von ihren Mitgliedern bestimmtes Verhalten fordern, das nicht als zusätzliche Leistung für ihre Rettung betrachtet wird, sondern als Erweis der vorhandenen Neugeburt, die sich ja durch Werke erweisen muß, sonst ist sie tot (vgl. Jak 2,14-26). Sie wird z.B. ein junges Pärchen, das in „wilder Ehe“ lebt, deswegen ausschließen.

Sie wird auch, ganz gemäß der Bibel, lehren, daß wir die Werke des Fleisches abtöten und Selbstverleugnung praktizieren sollen. Nach den Verführungslehren VVs wäre der Apostel Paulus jemand, der „gesetzlich“ war und „geistlichen Mißbrauch“ betrieben hat, ebenso Petrus! Wir wollen uns nur an einige wenige Bibelworte erinnern:

Tötet daher eure Glieder, die auf Erden sind: Unzucht, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust und die Habsucht, die Götzendienst ist; um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Söhne des Ungehorsams; unter ihnen seid auch ihr einst gewandelt, als ihr in diesen Dingen lebtet. Jetzt aber legt auch ihr das alles ab — Zorn, Wut, Bosheit, Lästerung, häßliche Redensarten aus eurem Mund. Lügt einander nicht an, da ihr ja den alten Menschen ausgezogen habt mit seinen Handlungen und den neuen angezogen habt, der erneuert wird zur Erkenntnis, nach dem Ebenbild dessen, der ihn geschaffen hat; (Kol 3,5-10)

Weiter nun, ihr Brüder, bitten und ermahnen wir euch in dem Herrn Jesus, daß ihr in dem noch mehr zunehmt, was ihr von uns empfangen habt, nämlich wie ihr wandeln und Gott gefallen sollt. Denn ihr wißt, welche Gebote wir euch gegeben haben im Auftrag des Herrn Jesus. Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, daß ihr euch der Unzucht (od. Hurerei) enthaltet (…) Denn Gott hat uns nicht zur Unreinheit berufen, sondern zur Heiligung. Deshalb — wer dies verwirft, der verwirft nicht Menschen, sondern Gott, der doch seinen Heiligen Geist in uns gegeben hat. (1Thess 4,1-8)

Wir gebieten euch aber, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, daß ihr euch von jedem Bruder zurückzieht, der unordentlich wandelt und nicht nach der Überlieferung, die er von uns empfangen hat. (…)Wenn aber jemand unserem brieflichen Wort nicht gehorcht, den kennzeichnet und habt keinen Umgang mit ihm, damit er sich schämen muß; doch haltet ihn nicht für einen Feind, sondern weist ihn zurecht als einen Bruder. (2Thess 3,6-15)

 

Bösartige Polemik gegen ein Zerrbild bibeltreuer Christen

Immer wieder bringen die Autoren abschreckende Beispiele von Mißbrauch, der „zufälligerweise“ ausgerechnet in „konservativen“ Gemeinden vorkam. Nun soll nicht bestritten werden, daß es solche Fälle gibt, und daß sie abscheulich sind. Es fällt nur auf, wie genüßlich die Autoren immer auf den konservativen Charakter der Menschen bzw. Gemeinden verweisen: „eine respektierte Säule der Gemeinschaft, der Pastor einer großen Gemeinde. Er war konservativ, evangelikal, fundamentalistisch eingestellt. (…) Ihm wurde sexuelle Belästigung eines Jugendlichen vorgeworfen“ (S. 196).

„Während seiner Ausbildung an einem christlichen College hatte der Pastor unserer Gemeinde einen Musikprofessor, der unablässig die zeitgenössische christliche Musik [christliche Rock- und Popmusik] verurteilte“; dieser konservative Professor verging sich anscheinend an seinen weiblichen Hilfskräften (S. 201). In ätzendem Spott wird nach dieser „Fallschilderung“ eine berechtigte biblische Kritik an der üblen Rock- und Popmusik abgewertet.

Eine solche Darstellung ist manipulierend und unwahr,

* erstens, weil die Fehltritte einzelner Menschen in einen raffiniert gestrickten Zusammenhang mit der konservativen Prägung ihrer Person oder Gemeinde gebracht werden und dazu mißbraucht werden, bibeltreue Überzeugungen mit übertünchter Sünde zu assoziieren („typisch für diese Pharisäer!“);

* zweitens, weil verschwiegen wird, daß es ebenso schlimme Fälle von (sexuellem) Mißbrauch auch in den modernen, lockeren missional-emergenten Mega-Gemeinden gibt, für die sie indirekt eifrig Werbung machen; wir wollen nur an den Fall des weithin bekannten ehemaligen Vorsitzenden der National Association of Evangelicals, Ted Haggard, erinnern, der Pastor der betont undogmatisch-offenen charismatischen Megagemeinde New Life Church in Colorado Springs war und im Jahr 2006 wegen Drogenmißbrauch und homosexuellen Beziehungen zurücktreten mußte (vgl. Wikipedia engl. „Ted Haggard“), sowie an den Skandal um den Bischof und Gründer der ebenfalls undogmatisch-offenen Mega-Gemeinde Hillsong Church, William F. Houston (https://das-wort-der-wahrheit.de/2016/05/pfingstlerischer-gruender-der-hillsong-gemeinde-betrieb-kindesmissbrauch/).

 

Weitere unbiblische Aussagen in VanVonderens Buch über Mißbrauch

Es gibt noch eine große Zahl weiterer Beispiele für unbiblische, verführerische Aussagen in dem Buch von VanVonderen und Johnson; ich will nur noch zwei hervorheben.

* Die Autoren richten heftige Angriffe gegen die biblische Lehre von der Stellung der Frau und plädieren leidenschaftlich dafür, daß Frauen in Leiterschaftspositionen und als Predigerinnen akzeptiert werden (dementsprechend hat die Church of the Open Door auch zwei Frauen unter ihrem Pastoren): Unter der Überschrift „Eine Einstellung, die zornig macht“, schreiben sie: „Rang, Stellung, Status oder Titel als alleinige Basis geistlicher Autorität zu nehmen, ist ähnlich grotesk wie die Haltung gegenüber der Rolle der Frau in der Gemeinde, die unserer Meinung nach nichts anderes ist als ein Überbleibsel des alten orientalischen Herrschaftssystems ist. Eine Haltung, die uns manchmal zur Weißglut treibt“. Sie kritisieren heftig, daß im alten Israel die Führer israelitisch, männlich und älter sein mußten, und kommentieren das: „Offensichtlich war dies ein großartiges System für die alten hebräischen Männer. In diesem System brauchte man nicht aufrichtig, freundlich, klug, geistgeführt oder gottesfürchtig sein [was nicht stimmt – RE]. Eine junge, nichtjüdische Frau konnte weise, freundlich oder geistgeführt sein, doch das zählte nicht, weil die äußeren Kriterien nicht stimmten“ (S. 162).

Diese Äußerungen müssen wir erst einmal in aller Ruhe überdenken. In ihnen äußert sich humanistischer Feminismus in Reinkultur. Aber es wird noch mehr offenbar: Für VanVonderen und Johnson ist ganz offenkundig das Alte Testament nicht das inspirierte Wort Gottes, sonst könnten sie eine solche haarstäubende Aussage gegen das von Gott selbst festgelegte Modell der Leiterschaft in Israel nicht machen! Alle diese von ihnen attackierten Kriterien finden wir im inspirierten Wort Gottes. „Nehmt euch weise, verständige und erfahrene Männer aus euren Stämmen, damit ich sie als Häupter über euch setze!“ (5Mo 1,13). Gott selbst bestätigte den Brauch, daß die Führung des Volkes Israel durch Älteste geschah (vgl. u.a. 2Mo 3,16; 2Mo 18,21-26; 4Mo 11,16; 5Mo 16,18).

Ihre zutiefst bibelkritische Haltung wird auch in der kühnen Behauptung offenbar: „Der Heilige Geist kam und zerschmetterte dieses System, als sich die Prophezeiung Joels zu Pfingsten erfüllte: ‚Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und eure Töchter werden Propheten sein …“ (S. 162). Wenn das als „Begründung“ für die Leiterschaft und die Predigt von Frauen in der Gemeinde herhalten soll, dann wird damit indirekt gesagt, daß die klaren Aussagen des Apostels Paulus als „zeitbedingt“ und nicht mehr gültig weggeschoben werden, der autoritativ lehrt: „Ich erlaube aber einer Frau nicht, zu lehren, auch nicht, daß sie über den Mann herrscht, sondern sie soll sich still verhalten“ (1Tim 2,12). Wie ist es nun? „Wenn jemand glaubt, ein Prophet zu sein oder geistlich, der erkenne, daß die Dinge, die ich euch schreibe, Gebote des Herrn sind“ (1Kor 14,37).

* Die Verfasser erzählen eine sehr entlarvende Geschichte eines Mißbrauchsopfers namens Don, der dadurch verletzt wurde, daß sein Vater, ein Prediger, den Predigtdienst wichtiger nahm als seine Geburt. Don nahm an einer Therapie teil, um „mit den Verletzungen und der Wut seiner Kindheit“ fertigzuwerden. Don fühlte, daß die Bibel für seinen Vater ein „Götze“ war und hatte eine Abneigung, darin zu lesen. Da legte der Therapeut ihm nahe, er solle den „Götzen Bibel“ verbrennen, was Don auch tat; er verbrannte alle seine Bibeln. Dann schloß er sich einer „Therapiegruppe“ von Pastoren und Missionarskindern an, „die ‚im Namen Gottes‘ mißbraucht oder vernachlässigt worden waren“. Eine Teilnehmerin schickte ihm ein Gedicht, in dem es hieß: „Gott tanzte an dem Tag, als du geboren wurdest“. Später veranstaltete er eine Tanzparty, um seinen Geburtstag zu feiern. Die Überschrift dieses Abschnitts im englischen Original wurde in der deutschen Ausgabe entschärft; sie lautet: „Echte Christen tanzen“ (Real Christians Dance) (S. 203-204). Dieses positiv geschilderte „Therapie“ erinnert an den gottlosen Roman „Die Hütte“, nicht an gottesfürchtigen Glauben!

* * *

Wir wollen hier zum Schluß kommen. Das Buch von VanVonderen/Johnson über geistlichen Mißbrauch ist keine biblisch fundierte oder ausgewogene Untersuchung zu diesem ohne Frage wichtigen Thema. Es beruht durchgängig auf einer gegen Gottes Wort und die Apostellehre gerichteten humanistisch-psychologischen Deutungsweise.

Die Aussagen werden nicht aus sorgfältiger biblischer Auslegung gewonnen, sondern sind einer Psychologie entnommen, die den Selbstwert- und Selbstbildtheorien zumindest eng verwandt ist, auch wenn die Schlüsselbegriffe diese umstrittenen Psychologie nicht direkt auftauchen, sondern durch ähnliche ersetzt sind („positives/negatives Selbstbild“ z.B.) bzw. vorausgesetzt werden („Beschämung“ als logisches Gegenstück zu „Selbstwert“/“Selbstachtung“).

Das Buch führt aber darüberhinaus einen unredlichen und vergifteten Angriff gegen bibeltreue Gemeinden und Gemeindehirten, die über schablonenhafte Vorwürfe (Gesetzlichkeit, Verhaltensorientierung) mit wirklich zerstörerischen charismatischen Gurus und Aposteln zusammen in das Feindschema „geistlicher Mißbrauch“ eingeschlossen werden. Mit dem sehr schwerwiegenden Vorwurf des „geistlichen Mißbrauchs“ können damit auch treue biblische Gemeindehirten angegriffen und verleumdet werden.

Dieses Buch enthält eine kaum getarnte Aufforderung zum aktiven Kampf gegen bibeltreue Gemeinden, die Gottes Wort noch ernst nehmen. Seine undifferenzierten, pauschalen Vorwürfe machen es zu einer Waffe in der Hand unzufriedener, fleischlicher Gemeindeglieder, die einen unbequemen Leiter oder Prediger loswerden wollen.

 

4. Eine Rückfrage an die Verantwortlichen der KfG

 

Aus dieser ganzen Untersuchung ergeben sich abschließend einige Fragen an Wilfried Plock und die anderen Verantwortlichen der Konferenz für Gemeindegründung. Sowohl Bruder Plock als auch die KfG haben eigentlich den Ruf, bibeltreuen Gemeindebau zu fördern und Literatur auf bibeltreuer Basis herauszugeben. Die KfG hat zumindest ihren geistlichen Ursprung genau im Kreis jener unabhängigen bibeltreuen Baptistengemeinden, gegen die VanVonderen so polemisiert. Wie kommt es, daß hier jetzt ganz andere Akzente gesetzt werden?

* Wie ist es begründbar, daß dieser umstrittene, aus dem Kreis der missional-kulturrelevanten Mega-Gemeinden stammende Mann für die KfG-Konferenzen in Deutschland und der Schweiz eingeladen wurde? Wurden seine Aussagen nicht geprüft? Wußten die Verantwortlichen von seiner Ehescheidung und Wiederverheiratung? Bejahen sie seine Einstellung zur Ehescheidung, zum Dienst der Frau und zur Bibel?

* Wie ist es begründbar, daß Wilfried Plock die beiden Bücher von VanVonderen auf deutsch herausgab und ausdrücklich seinem weitgefächerten bibeltreu ausgerichteten Publikum zur Lektüre empfahl? Hat er seine bisherigen, m.W. eher konservativen Ansichten über Ehescheidung oder den Dienst der Frau geändert? Wenn nicht, weshalb habt er diese Bücher ohne kritische Distanzierung veröffentlicht? Ist ihm bewußt, daß diese Bücher bei vielen unkritischen Lesern einen „Paradigmenwechsel“ auslösen werden, der zur Ablehnung bibeltreuer Gemeinden und zur Bejahung moderner, offener, kulturrelevanter Gemeindeformen führt?

* Hat Wilfried Plock seine Ansichten über die Rolle von „christlicher Psychologie“ grundlegend geändert? Ich bin bisher davon ausgegangen, daß er die kritische Haltung bibeltreuer Christen zu diesen Irrlehren teilt, wie sie z.B. Dave Hunt in seinen Büchern „Verführung der Christenheit“ und „Rückkehr zum biblischen Christentum“ begründet hat. Heute empfiehlt und verlegt er zwei fragwürdige Bücher, die von pseudochristlicher Selbstwertpsychologie getränkt sind.

Mit diesen Büchern und diesen Konferenzen ist einem fremden, verführerischen Geisteseinfluß ein weites Tor unter deutschsprachigen bibeltreu geprägten Christen geöffnet worden. Die Botschaft von Jeff VanVonderen, wie sie in seinen Büchern festgehalten ist, trägt m. E. nicht zur Auferbauung und Glaubensstärkung bibeltreuer Gläubiger bei, sondern zu deren Irreführung.

Ich halte es angesichts dieser Umstände für notwendig, mit meiner Stellungnahme öffentlich darauf hinzuweisen, und bitte alle betroffenen Brüder und Schwestern, die Inhalte der genannten Bücher von Jeff VanVonderen und die hier vorgestellten kritischen Gedanken sorgfältig zu erwägen und an Gottes Wort zu prüfen.

Geliebte, glaubt nicht jedem Geist, sondern prüft die Geister, ob sie aus Gott sind! Denn es sind viele falsche Propheten in die Welt ausgegangen. (1Joh 4,1)

Ich ermahne euch aber, ihr Brüder: Gebt acht auf die, welche Trennungen und Ärgernisse bewirken im Widerspruch zu der Lehre, die ihr gelernt habt, und meidet sie! Denn solche dienen nicht unserem Herrn Jesus Christus, sondern ihrem eigenen Bauch, und durch wohlklingende Reden und schöne Worte verführen sie die Herzen der Arglosen. Denn euer Gehorsam ist überall bekannt geworden. Darum freue ich mich euretwegen, möchte aber, daß ihr weise seid zum Guten und unvermischt bleibt mit dem Bösen. (Röm 16,17-19)

Zum Schluß möchte ich noch einige Zitate aus einem alten, längst vergriffenen, aber nach wie vor wichtigen Buch von Dave Hunt anführen. Seine Warnungen vor der Verführung durch „christliche Psychologie“ im allgemeinen und „Selbstwertpsychologie“ im besonderen sind nach wie vor aktuell (Hervorhebungen RE).

Die „christliche“ Psychologie ist eins der erschreckendsten Beispiele für den falschen Zugang zur Heiligen Schrift: Sie gründet sich auf schon vorher festgelegte psychologische Theorien, die der Bibel einfach übergestülpt werden. (S. 148)

Es ist bei ansonsten durchaus gutwilligen Pastoren ganz und gar nicht ungewöhnlich, daß sie ihre Predigten ganz um psychologische Theorien herum aufbauen. Die neue Reformation [des self esteem, Anspielung auf ein populäres Buch von Robert Schuller – RE] bringt ganz allmählich und Schritt für Schritt die Theologie auf gleiche Linie mit der Psychologie, und die Auswirkungen sind geradezu verheerend.  (…) Kein Wunder, daß J. Vernon McGee, dessen Dienst der Bibelauslegung jahrzehntelang auf der ganzen Welt anerkannt war, jetzt Alarm schlägt: „Ich sehe die Sache so, daß das psychologisierende Christentum die Lehre der Bibel und auch die Gemeinden, die sich auf die Heilige Schrift gründen, vollkommen zerstört.“ (S. 149-150)

Die „christliche Psychologie“ ist die gefährlichste und gleichzeitig ansprechendste und beliebteste Form des Modernismus, die je in die Kirche eingedrungen ist. (…) Die Psychologie, die wie das Trojanische Pferd in die Kirche eingedrungen ist, übt jetzt einen so mächtigen und alles durchdringenden Einfluß im christlichen Bereich aus – in Seminaren, Bibelschulen, christlichen Hochschulen, Missionsgesellschaften, in Radio- und Fernsehprogrammen, in den Leitungsgremien der Konfessionen und in den meisten anderen christlichen Einrichtungen und Gemeinden, daß das Infragestellen der christlichen Psychologie mittlerweile schon als ein Angriff auf das Christentum selbst verstanden wird. (S. 150)

Ganz bestimmt war es nicht ein „negatives Selbstbild“, das zum Sturz des Satans führte, sondern im Gegenteil ein zu positives. William Law hat dazu geschrieben: „Liebe zu sich selbst, Selbstwertschätzung und die Suche nach dem eigenen Ich sind das Wesen und das Herzstück des Stolzes; und der Teufel, der Vater alles Stolzes, ist nie weit, wenn es um diese Leidenschaften geht, und hat immer auch Einfluß auf sie (…)“ (S. 170)

Alle Zitate aus: Dave Hunt: Rückkehr zum biblischen Christentum. Bielefeld: Christliche Literatur-Verbreitung 1988

 

 

Gekürzte Fassung für notiert + kommentiert – Veröffentlicht auf Das-Wort-der-Wahrheit.de im März 2018   © Rudolf Ebertshäuser

 

Die ausführliche Fassung können Sie hier herunterladen:

Der Mißbrauch des Schlag-Wortes vom „geistlichen Mißbrauch“ – Die fragwürdige Botschaft des Jeff VanVonderen

 

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