500 Jahre Reformation:
Wie es zur Reformation kam und was sie bewirkt hat

 

Rudolf Ebertshäuser

 

In diesem Artikel wollen wir einige geschichtliche Informationen und Bewertungen festhalten, die für die geistliche Einordnung der Reformation wichtig sein können. Leider müssen wir feststellen, daß das Wissen mancher Gläubiger über kirchengeschichtliche Zusammenhänge nicht sehr gut ist; oftmals fehlen auch klare geistliche Maßstäbe und Standpunkte, die doch wichtig sind, wenn wir in unserer Zeit einen bibeltreuen Weg gehen wollen.

 

1. Die katholische Kirche und die Jahrhunderte der Bibelfinsternis

 

Am Anfang der Gemeindegeschichte steht die apostolische Urgemeinde des 1. Jahrhunderts. Diese Urgemeinde war bei allen Mängeln und Nöten ein wunderbares Werk Gottes. Menschen aus den Juden und aus den Heiden kamen durch das Wirken des Heiligen Geistes zum Glauben an den Herrn und Erlöser Jesus Christus; sie folgten diesem Herrn nach und gaben Zeugnis vom Evangelium der Gnade, und so breitete sich dieser neue Glaube durch das Römische Reich aus, wie wir eindrucksvoll in der Apostelgeschichte sehen können.

Die Urgemeinde war auch Empfänger und treuer Überlieferer der heiligen Schriften des Neuen Testaments. Sie bewahrte die Evangelien, die Apostelgeschichte, die Briefe der Apostel und schließlich die Offenbarung sorgfältig auf, schrieb sie immer wieder ab. Die Bibel – zumeist in der Form der griechischen Übersetzung des AT und den griechischen Schriften des NT – bildete die Grundlage des ganzen Lebens der ersten Gemeinde. Die Gläubigen befolgten die Anweisung der Apostel, wie sie der Apostel Paulus an seinen Mitarbeiter Timotheus weitergibt:

Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist! Dieses edle anvertraute Gut bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt! (2Tim 1,13-14)

Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden zuwenden. (2Tim 4,2-4)

 

 

a. Die Entartung der katholischen Kirche

 

Doch schon am Ende des 1. Jahrhunderts und ganz deutlich ab dem 2. Jahrhundert nach Christus setzt ein erschütternder Umschwung ein. Nun kommen in den Gemeinden neue Führer auf, die nicht mehr einfältig nach der Heiligen Schrift leben und lehren. Sie sind philosophisch gebildete Griechen, welche die Bibel und das Christentum als eine neue Art griechischer Philosophie und Religion auffassen. Nicht umsonst warnt der Apostel Paulus: „Habt acht, daß euch niemand beraubt durch die Philosophie und leeren Betrug, gemäß der Überlieferung der Menschen, gemäß den Grundsätzen der Welt und nicht Christus gemäß“ (Kol 2,8). Genau das geschah ab dem 2. Jahrhundert.

So entstand nach der apostolischen Urgemeinde im 2. bis 4. Jahrhundert die frühkatholische Kirche – aus einer unbiblischen, widergöttlichen Vermischung zwischen heidnischer Religion und Philosophie und Bruchstücken der christlichen Botschaft. Schon erschreckend bald nach der Apostelzeit war ein Gebilde entstanden, das auf schwerwiegenden Verfälschungen des Evangeliums und der biblischen Lehre beruhte. Eine solche Entartung wurde in Gottes Wort schon vorhergesehen:

Der Geist aber sagt ausdrücklich, daß in späteren Zeiten etliche vom Glauben abfallen und sich irreführenden Geistern und Lehren der Dämonen zuwenden werden durch die Heuchelei von Lügenrednern, die in ihrem eigenen Gewissen gebrandmarkt sind. Sie verbieten zu heiraten und Speisen zu genießen, die doch Gott geschaffen hat, damit sie mit Danksagung gebraucht werden von denen, die gläubig sind und die Wahrheit erkennen. (1Tim 4,1-3)

Von großer Bedeutung sind in diesem Zusammenhang auch die Worte des Apostels Paulus an die Ältesten von Ehesus in Apostelgeschichte 20, die eine prophetische Botschaft über die bevorstehende Entartung in der nachapostolischen Zeit enthalten:

So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in welcher der Heilige Geist euch zu Aufsehern gesetzt hat, um die Gemeinde Gottes zu hüten, die er durch sein eigenes Blut erworben hat! Denn das weiß ich, daß nach meinem Abschied räuberische Wölfe zu euch hineinkommen werden, die die Herde nicht schonen; und aus eurer eigenen Mitte werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen in ihre Gefolgschaft. (Apg 20,28-30)

Das Wesen des Evangeliums, die Errettung des Sünders aus Gnade durch den Glauben an das vollkommene Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus, war in dieser Kirche verdunkelt und entstellt. Stattdessen stützte man sich auf ein Gemisch von widerbiblischen Elementen heidnischer Philosophie und Mysterienreligion, das immer weiter ausgebaut wurde und im Prinzip heute noch wirksam ist.

Statt des biblischen Evangeliums der Gnade, wie es der Apostel Paulus verkündigt hat, wurde nun Schritt für Schritt ein falsches Evangelium der Selbsterlösung durch gute Werke und Sakramente gesetzt. Die Taufe wurde zu einem magischen Akt der Einweihung, durch den der Täufling angeblich automatisch Vergebung aller seiner vorigen Sünden bekam. Das Evangelium wurde zum „neuen Gesetz“ umgedeutet, das der Mensch nach der Taufe nunmehr mit asketischer Enthaltsamkeit zu halten habe, um gerettet zu werden. Das war ein Ausfluß der stoischen Philosophie und eine Verleugnung des Evangeliums von der Gnade Gottes in Christus. Nicht mehr schlichter Glaube an den Retter war gefordert, sondern Selbstvervollkommnung und Werke.

Nach dem Vorbild der heidnischen Mysterienkulte, aus denen viele der neu dazugekommen christlichen Führer herkamen, wurde das Abendmahl zu einem mystisch-magischen Akt umgeformt, durch den der Eingeweihte der Unsterblichkeit teilhaftig würde, weil er angeblich Christi Leib und Blut zu essen bekäme. Dazu kamen rasch abergläubische Vorstellungen über die Wirkung des Kreuzeszeichens, Verehrung von Heiligenbildern und der „Gottesmutter Maria“, Verdienste durch Fasten und Bußübungen.

In den frühkatholischen Gemeinden erhob sich rasch eine besondere Priesterkaste, welche allein die Sakramente verwalten durfte, auch die Beichte und Sündenvergebung, und die damit zu einer besonderen Mittlerstellung zwischen Gott und den Menschen erhöht wurde, von der die Bibel nichts weiß. Sehr früh schon wird fast alle geistliche Autorität in der Person des einen Bischofs konzentriert, der hoch über den Gläubigen steht und angeblich in der Nachfolge des Petrus im Besitz der biblischen Wahrheit ist und allein die Sakramente gültig spenden kann.

Diese verderblichen Entwicklungen waren schon zu der Zeit, als die Kirche noch vom Heidentum verfolgt wurde, deutlich ausgeprägt. Das alles wurde noch schlimmer, als durch den Kaiser Konstantin Anfang des 4. Jahrhunderts die frühkatholische Kirche geduldet und gefördert wurde, um von seinen Nachfolgern dann zur offiziellen Staatsreligion des römischen Reiches erklärt zu werden. Damit beschleunigte sich die Entartung und geistliche Verderbnis in dieser Kirche.

Die römisch-katholische Kirche hatte spätestens seit ihrer Entwicklung zur Macht- und Staatskirche nichts mehr mit dem wahren Glauben an Christus zu tun. Sie war zu der „Hure Babylon“ geworden, wie sie das Wort Gottes so eindrücklich schildert: eine abgefallene Machtkirche voller Gepränge und Pomp, aber längst Christus untreu geworden, eine heidnische Mischreligion, in der Zauberei und Mysterienkulte, Götzendienst und allerlei widergöttliche Greuel herrschten, wie es das Buch der Offenbarung in Offb 17,1-6 bezeugt.

Die Kirche war nun zum Helfershelfer und zugleich zum religiösen Wegweiser der römischen Reichsmacht aufgestiegen. Sie war nicht mehr demütige, leidende Gemeinde Christi, sondern Teil eines finsteren Systems der Beherrschung der Seelen. Das blieb die römische Kirche auch, als das alte römische Reich in den Germanenstürmen unterging.

 

 

b. Die heidnische Religion der römischen Kirche und die mittelalterlichen Menschen

 

Etwa zwischen dem 5. und dem 15. Jahrhundert setzen Historiker gewöhnlich das „Mittelalter“ an. In bezug auf Europa ist das die Zeit der germanischen Königreiche, die das zerfallende römische Reich durch mehrere Invasionen und Kriegszüge umgestürzt und abgelöst hatten. Die eingefallenen Germanen – u.a. Westgoten, Ostgoten, Franken, Langobarden – waren entweder schon christianisiert oder übernahmen mehrheitlich nach einiger Zeit den katholischen Glauben.

Die römisch-katholische Kirche, die sich nach der Förderung durch den römischen Kaiser Konstantin zu einer Staatskirche des Römischen Reiches entwickelt hatte und dabei zu großer Macht gekommen war, verstand es geschickt, die neu entstandenen germanischen Königreiche für ihre Form von Christentum zu gewinnen und bei den germanischen Königen und Fürsten große Macht und beträchtlichen Einfluß zu erlangen.

In der römischen Kirche des Mittelalters übte eine heidnische Priesterkaste eine schreckliche Herrschaft über Millionen Seelen aus, die sie fern hielt vom Licht des Evangeliums, und durch ihr religiöses System in Knechtschaft hielt und ausbeutete. Die Priester traten als Vermittler zwischen dem Menschen und Gott auf, die den Kirchenchristen durch ihre magisch wirksamen „heilsvermittelnden“ Handlungen, die Sakramente, Sündenvergebung und Annahme im Himmel versprachen.

Nicht der einfache Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Heiland Jesus Christus brachte nach ihren Irrlehren das Heil, sondern dazu war es nötig, daß ein ordentlich geweihter Priester der römischen Kirche dem Menschen „Sakramente“ spendete. Die Kette dieser unbiblischen Zauberhandlungen begann mit der Säuglingstaufe, durch die ein Mensch angeblich zum Kind Gottes wurde und Rettung empfing; danach ging es weiter, u.a. mit der Sündenvergebung, die man nur durch Beichte bei einem Priester mit nachfolgender „Absolution“ bekam, nicht durch den Herrn selbst.

Das Mahl des Herrn, als Erinnerungsmahl und Zeichen eingesetzt, wurde unter dem Namen “Eucharistie” zu einem magischen Mittel der Heilsvermittlung, bei dem der Katholik angeblich Leib und Blut Christi in sich aufnahm; außerdem war dies als wirksames immer wiederholtes Opfer umgedeutet worden, das der Priester zur „Vergebung der Sünden“ darbringen mußte. Das ganze Heil eines Katholiken hing also von den Priestern und ihren Sakramenten ab. Durch Beichte und Auferlegung von Bußhandlungen und das Recht, die Absolution zu geben oder zurückzuhalten, hatten die Priester eine unheimliche Macht über die Seelen der Menschen, die sie allzuoft schlimm mißbrauchten, auch, um sich zu bereichern.

Die römische Kirche hatte die Irrlehre vom „Fegefeuer“ erfunden, in dem angeblich jede Seele im Jenseits noch qualvoll und für lange Zeit die Sünden abbüßen müßte. Andererseits erfand die Kirche auch die Irrlehre, daß sie durch die Verdienste irgendwelcher „Heiliger“ und Christi selbst über einen Schatz an guten Werken verfüge, den sie gegen Zahlung von Geld einsetzen könne, um das Leiden der Seelen im Fegefeuer zu erleichtern. Der sündige Katholik konnte also schon hier durch Spenden, Almosen, Wallfahrten oder auch durch den Kauf von „Ablässen“ seine künftige Leidenszeit im Fegefeuer verkürzen; dieselben finanziellen Investitionen konnte er auch benutzen, um die Leiden schon verstorbener Angehöriger zu erleichtern.

Auch sonst war die katholische Kirchenfrömmigkeit durchsetzt vom schlimmsten heidnischen Aberglauben. Früh schon waren die alten heidnischen Götter durch katholische „Heilige“ ersetzt worden, die wegen aller möglichen Dinge angerufen werden konnten und deren Festtage direkt von den früheren Götzenfesttagen übernommen wurden. Maria galt als wundertätige und barmherzige „Gottesgebärerin“ und Mittlerin; sie wurde verehrt und angerufen und immer mehr erhöht. Aber die Menschen erwarteten Heil und Hilfe auch durch alle möglichen abergläubischen Bräuche wie das Sich-Bekreuzigen, durch Gebrauch von „Weihwasser“, Amuletten und wundertätigen Reliquien, Verehrung von Bildern und Statuen usw.

In den heidnischen Ritualen der römischen Kirche nahm das Wort Gottes nur einen ganz geringen Raum ein. Über lange Zeit wurden nur einzelne Bibelworte auf Lateinisch in den „Gottesdiensten“ verlesen. Die Priester waren zum Teil sehr unwissend und kannten oftmals die Bibel selbst gar nicht; sie konnten lediglich die vorgeschriebenen Ritualsprüche der Gottesdienste auf Lateinisch herleiern. Viele Priester waren dem Volk ein Anstoß durch ihre Faulheit, Geldgier und offenbare Hurerei.

Auch Bischöfe und hohe Geistliche ergaben sich zum Teil in unverschämter Gewinnsucht und Amtsmißbrauch. Für sie war die Bibel ein gefährliches Buch, das in der Hand der „Laien“, des einfachen Kirchenvolkes, zu einer Bedrohung ihrer Macht werden könnte. Deshalb verboten sie fast überall das Lesen der Bibel in den Volkssprachen und erlaubten nur die lateinische Vulgata-Bibel, die nur wenige verstanden, und das auch nur mit Einschränkungen.

Die Menschen lebten unter dem Katholizismus mit einer im Kern heidnischen Religion, die ihnen zwar ein verzerrtes Bewußtsein ihrer Sünden vermittelte, ihnen aber die befreiende Botschaft von der Begnadigung und Sündenvergebung durch den kindlichen Glauben an den Erlöser Jesus Christus vorenthielt. Viele Menschen sehnten sich nach Vergebung, und sie wurden an die römischen Priester verwiesen, die ihnen die Rettung durch die Kindertaufe, durch die Eucharistie und allerlei Sakramente und Erlässe versprachen. Die Priester waren die wichtigsten Mittler in diesem auf Lüge und Betrug aufgebauten System; sie besaßen angeblich die „Schlüsselgewalt“ des Petrus, in den Himmel einzulassen oder auszusperren, und hatten darum eine düstere, unheimliche Macht über die Seelen.

Christus wurde als der drohende Richter hingestellt, zu dem man kaum zu beten wagte; dafür stellte man den suchenden Menschen allerlei Heilige und die falsche Himmelskönigin Maria vor, die angeblich barmherzig seien und den Menschen bei Gott ein Durchkommen ermöglichten. Die Menschen suchten ihre Sündenlast durch eifriges Beten zu Maria und den Heiligen, durch Wallfahrten und Gelübde, durch Spenden an die Kirche loszuwerden und spürten doch dumpf, daß dies alles vergeblich war. Sie sahen auch das Treiben der Priester und Bischöfe, die sich als „heilige Stellvertreter Christi“ hinstellten und zugleich in Reichtum schwelgten, die Menschen erpreßten und beherrschten, in allerlei Hurerei und üblen Sünden lebten und schlimmer waren als die Pharisäer.

Im Volk wuchs Enttäuschung und Wut; immer wieder wurden Stimmen laut, die römische Kirche sei in Wahrheit die Hure Babylon und der Papst der Antichrist. Solche Kritiker wurden eingeschüchtert und verfolgt, aber sie hielten sich darum desto hartnäckiger unter den Menschen. Nicht nur die einfachen Menschen waren zunehmend abgestoßen von dem römischen System, auch die aufstrebende Bürgertum in den Städten, die Handwerker, Händler und Beamten erkannten mehr und mehr die Verlogenheit der katholischen Religion und suchten nach Wahrheit, nach dem Echten; dasselbe galt für manche Fürsten und Adlige.

 

 

c. Die kirchliche Machtpolitik in der abendländischen Gesellschaft

 

Im Lauf des Mittelalters hatte die Kirche über die ganze „christliche“ Gesellschaft ein Netz von Zensur und grausamer Ketzerverfolgung gespannt. Das Machtinstrument der Inquisition wurde ausgiebig genutzt, um kirchenkritische oder andersdenkende Menschen, nicht zuletzt auch wahre Gläubige, die sich außerhalb der Kirche versammelten, aufzuspüren, anzuklagen, zu foltern und hinzurichten. Dabei arbeiteten die staatlichen Einrichtungen aufs engste mit der Kirche zusammen.

Durch die Bischöfe und vor allem durch die obersten Bischöfe, die römischen Päpste, übte die Kirche auch eine intrigenreiche Macht über die weltliche Obrigkeit aus, die sich ja als „christlich“ verstand. Der römische Papst und die römische Kirche erhoben den Anspruch, über den weltlichen Autoritäten zu stehen. Sie maßten sich das Recht an, Könige und Kaiser, Fürsten und Mächtige abzusetzen, weil sie angeblich als „Stellvertreter Christi auf Erden“ von Gott die Befugnis dazu hätten.

Mehrfach hatten die Päpste über das Machtmittel des Kirchenausschlusses und des Bannes schon Könige und Kaiser auf die Knie gezwungen und ihnen ihre Bedingungen aufgezwungen (vergleiche den berühmten „Canossagang“ des Königs Heinrich IV.). Deshalb wurde die römische Kirche auch bei dem Volk und bei den Fürsten und Königen der einzelnen europäischen Länder zunehmend unbeliebt. Das hing auch mit den vielfältigen Steuern, Abgaben und Sonderzahlungen zusammen, die sich die römischen Päpste geschickt von den einzelnen Ländern zu verschaffen verstanden, um ihre Kriegs- und Machtpolitik und ihren aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können.

Die Kirche beherrschte auch das Bildungssystem, die Künste und die Kultur. Sie suchte die ganze Gesellschaft von oben her „christlich“ zu regieren und zu kontrollieren. Sie redete noch von Christus und vom Evangelium; in Wahrheit aber hatte sie den Menschen unter ihrer Herrschaft das wahre Evangelium vorenthalten und sie von einer lebendigen Glaubensbeziehung zu dem Herrn und Erretter Jesus Christus abgehalten. So war das Mittelalter mit all seinen Errungenschaften geistlich gesehen eine zutiefst finstere Zeit.

 

 

d. Kleine Lichter mitten in der Finsternis – wahre Gläubige außerhalb und am Rand der Kirche

 

Nur kurz wollen wir hier darauf eingehen, daß die Vorherrschaft der katholischen Kirche seit dem 4. Jahrhundert keineswegs die Existenz echter biblisch gegründeter christlicher Gemeinden ersticken konnte. Der Herr Jesus hatte ja verheißen, daß Er Seine Gemeinde bauen wird, und daß die Pforten des Totenreiches sie nicht überwältigen werden (Mt 16,18). Es hat zu allen Zeiten wahre Gläubige und auch biblische Gemeinden gegeben, die mit dem katholischen Aberglauben nicht einverstanden waren und sich, oft unter Verfolgung und Lebensgefahr, in eigenen Gemeinden versammelten.

Solche echten Christen wurden von der römischen Kirche als „Ketzer“ abgetan und oft übelst verleumdet; man suchte ihnen allerhand böse Lehren und Praktiken anzuhängen – ganz ähnlich, wie es die Heiden in den ersten Jahrhunderten mit allen Christen gemacht hatten. Die herrschende Kirche hat versucht, ihre Spuren und ihr Angedenken auszulöschen, aber das ist nicht vollständig gelungen. Wir wissen von kirchenoppositionellen Bewegungen, die bestrebt waren, das biblische Evangelium und die biblische Lehre von der Nachfolge und dem Gemeindeleben auszuleben, wenn auch mit manchen Schwachheiten.

Einige Namen seien stellvertretend für viele anderen genannt. Da gab es im 4. Jahrhundert in Spanien und Frankreich die Bewegung der „Priscillianer“, deren Begründer als Ketzer hingerichtet wurde. Da gab es im 7. Jahrhundert in Armenien und Syrien die „Paulizianer“, die brutal verfolgt wurden; da gab es ab dem 12. Jahrhundert in Italien und Südfrankreich die Bewegung der Waldenser, die unter schwerer Verfolgung ihren Glauben in abgelegenen Tälern lebten. Ihr Sprecher, Petrus Valdes, hatte als wohlhabender Kaufmann zwei Priester dazu gebracht, gegen das kirchliche Verbot das Neue Testament ins Provenzalische zu übersetzen. Valdes wurde von Gottes Wort ergriffen und lebte danach für den Herrn; er selbst predigte in der Volkssprache und die Gemeindebewegung der Waldenser sandte viele Prediger aus, die das Evangelium in der Volkssprache verkündeten und viele Menschen zum Glauben führten.

Auch unter den „Katharern“ in Südfrankreich und hinter anderen Sektennamen, von denen teilweise schlimme Irrtümer behauptet wurden, könnten wir wahrscheinlich wahre Gläubige finden, die von Rom verleumdet und bitter verfolgt wurden. Oft fehlen die historischen Beweise, weil sie vernichtet wurden. Aber wir kennen einen ähnlichen Vorgang aus der Reformationszeit, wo die friedlichen und biblisch gläubigen Täufer von Katholischen und Refomatorischen gleichermaßen mit den Aufrührern der Müntzer-Anhänger in einen Topf geworfen wurden, sowie mit den falschen Propheten von Münster, die dort eine schlimme Diktatur mit bösen Ausschweifungen errichtet hatten. So waren gewiß auch viele „Paulizianer“ und „Albigenser“, denen man schlimme Irrtümer vorwarf, in Wahrheit schlichte, treue Gläubige, die nach der Bibel zu leben suchten und dafür verfolgt und geächtet wurden.

 

 

2. Der Anbruch des Lichts im Spätmittelalter: Bibelbewegungen, Humanismus und Buchdruck

 

Im 14. und 15. Jahrhundert zeigten sich deutliche Auflösungserscheinungen der römischen Machtherrschaft über die Seelen der Menschen in Europa. Die Menschen waren das Diktat der römischen Priesterkaste leid. Die neuen Schichten des städtischen Bürgertums erwarben Wohlstand und Bildung. Die Fürsten und Könige der Länder strebten nach mehr Unabhängigkeit von der Macht der Päpste und von ihrer geldgierigen Abgabenpolitik. Der Anspruch der Kirche, im Besitz der allein seligmachenden Lehre zu sein, wurde immer mehr von suchenden Menschen in Frage gestellt. Papsttum und Kirche befanden sich in einer Dauerkrise, weigerten sich jedoch, einschneidende Änderungen einzuleiten. Forderungen nach einer tiefgreifenden Reform der Kirche wurden immer lauter.

 

 

a. Die Bibelbewegungen von Wiclif und Hus

 

Ein vorbereitendes Wetterleuchten der späteren Reformation finden wir im 14. Jahrhundert in den Bewegungen von John Wiclif in England und von Johannes Hus in Böhmen. John Wiclif (ca. 1328-1384) war ein Theologieprofessor in Oxford, der die Bibel sehr gut kannte und durch sie zum lebendigen Glauben an Christus gekommen war. Er protestierte ab 1377 gegen die Mißbräuche der römischen Kirche; später übersetzte er die Bibel aus der katholischen Vulgata-Übersetzung ins Englische. Er arbeitete mit Wanderpredigern (den „Lollarden“) zusammen, die weithin unter dem Volk das Evangelium verkündeten und viel Anhänger unter dem Volk gewannen. Die Wiclif-Bibel wurde in Abschriften weit unter dem Volk verbreitet, auch wenn die katholischen Oberen diese Bibeln verfolgten und zu vernichten suchten. Trotz schwerer Bedrückungen hielt sich die Lollarden-Bewegung in England bis in die Reformationszeit.

In Böhmen breitete sich die Lehre Wiclifs durch junge Adlige aus, die in Oxford studiert hatten. Dort brach eine Reformbewegung auf, deren Führer der Universitätslehrer und Prediger Johannes Hus (ca. 1369-1415) war. Die Bewegung der „Hussiten“ breitete sich in Böhmen weithin aus und fand besonders auch die Unterstützung der Prager Bürgerschaft; die römische Kirche suchte sie gewaltsam zu unterdrücken und erreichte, daß Hus 1415 während des Konstanzer Konzils als Ketzer verbrannt wurde. Dennoch ließ sich die geistliche Reformbewegung in Böhmen nicht unterdrücken; sie ging in anderen Formen weiter. Hus hat die Bibel in böhmischer Sprache, die schon vor ihm übersetzt wurde, bearbeitet und sich für ihre Verbreitung eingesetzt.

Bei diesen umwälzenden Bewegungen spielt die Bibel, Gottes Wort, eine revolutionäre Schlüsselrolle: Sowohl Wiclif als auch Hus und ihre Mitstreiter berufen sich darauf, daß die Bibel als Gottes heiliges Wort die höchste, ja die einzige Autorität in Glaubensfragen ist – ein Standpunkt, der die ganze Macht der katholischen Priesterkaste in Frage stellte und bedrohte. Sie sorgen dafür, daß die Bibel in der Volkssprache verbreitet und verkündigt wird, und das ist das Entscheidende an diesen Bewegungen: sie berufen sich auf die Bibel, sie leben nach der Bibel, sie bringen die Bibel zum Volk, und viele aus dem Volk antworten, indem sie gläubig werden. Sie werden blutig unterdrückt und als „Ketzer“ verleumdet – aber Gottes Wort erweist sich als eine Macht, die stärker ist als die Bannsprüche der Päpste und die Folterinstrumente der Inquisition. Das Licht des Wortes Gottes sollte von nun an nicht mehr auszulöschen sein.

Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert? (Jeremia 23,29)

 

 

b. Die weltliche Geistesbewegung der Renaissance und des Humanismus

 

Parallel zu diesen geistlichen Aufbrüchen gegen die finstere Herrschaft der römischen Kirche gab es im 14. und 15. Jahrhundert auch eine überwiegend weltliche Bewegung, die indirekt wichtige Beiträge zur Reformation leisten sollte. Sie wurde „Renaissance“ („Wiedergeburt“) genannt, weil sie nach einer Neugeburt des klassischen griechischen und lateinischen Altertums strebte. Sie heißt auch „Humanismus“, weil ihr Maßstab und Ihr Zentrum der Mensch mit seinen großen Möglichkeiten war, die besser gebildet und vervollkommnet werden mußten.

Doch in einer Weise gab diese Bewegung auch der späteren Reformation wichtige Impulse: Sie durchschaute die Betrügereien und Fälschungen der römischen Priesterkaste, die sich ja teilweise nicht gescheut hatte, politische Dokumente zu fälschen, die der Stärkung des päpstlichen Machtanspruchs dienten. Führende Humanisten deckten solche Fälschungen auf und prägten einen wichtigen Grundsatz der neuen Gelehrsamkeit: ad fontes, zurück zu den Quellen.

Diese neuen humanistischen Gelehrten verschmähten die oft schlechten oder tendenziösen lateinischen Übersetzungen wichtiger Dokumente, mit denen die Kirche sie abgespeist hatte. Sie erlernten die Originalsprachen, besonders das Griechische, um die ursprüngliche Textgestalt der antiken Werke zu erkennen. Das wurde besonders wichtig in bezug auf den Text der Bibel, der in katholischen Kreisen fast nur durch die lateinische Vulgata-Übersetzung des Hieronymus aus dem 4. Jahrhundert bekannt war.

Durch den Fall Konstantinopels 1453 waren zahlreiche griechische Gelehrte mit wertvollen alten Handschriften in den Westen Europas gekommen, darunter waren auch griechische Handschriften des Neuen Testaments und der ganzen Bibel. Solche Dokumente wurden von humanistischen Gelehrten gesammelt und untersucht; man wollte auch bei der Bibel den ursprünglichen Text herausfinden.

Hier war vor allem der deutsche Humanist Johann Reuchlin (1455-1522) im Bereich des Hebräischen und der hebräischen Bibel von Bedeutung; Reuchlin (der kein gläubiger Christ war, sondern sich u.a. mit der Kabbala beschäftigte), erforschte das Hebräische gründlich und erstellte eine hebräische Sprachlehre. Humanistische Gelehrte sorgten dafür, daß der hebräische Masoretische Text des Alten Testaments, wie er von den Juden sorgfältig überliefert worden war, auch nichtjüdischen Forschern und Bibellehrern zugänglich wurde.

Das griechische Neue Testament wurde von dem hervorragenden Gelehrten und Humanisten Desiderius Erasmus von Rotterdam (1466-1536) nach sorgfältigen jahrelangen Forschungen im Jahr 1516 erstmals herausgegeben. Die zweite verbesserte Ausgabe seines griechischen NT aus dem Jahr 1519 war die Grundlage für Luthers epochemachende Übersetzung des Neuen Testaments. So hatte der Humanismus mit seiner Gelehrsamkeit, die auf die Originaldokumente zurückgehen wollte, einen Anteil dabei, die Voraussetzungen für die Übersetzung der Bibel durch die Reformatoren zu liefern. Denn die Reformatoren übersetzten die Bibel erstmals seit Jahrhunderten nicht aus der Vulgata, sondern aus dem hebräischen und griechischen Original.

 

 

c. Die Erfindung des Buchdrucks

 

Die Reformation hätte sicherlich nicht zu einer solchen raschen Verbreitung unter dem Volk führen können, wenn nicht Gottes Vorsehung dafür gesorgt hätte, daß dafür ein revolutionäres neues Medium zur Verfügung stand: der Buchdruck. In früheren Jahrhunderten seit Entstehung der Bibel war die Verbreitung von Bibeltexten ein mühsamer, kostspieliger Vorgang. Jedes Bibelbuch mußte von Hand abgeschrieben werden, eine zeitraubende Arbeit, die einige Qualifikationen erforderte. Auch Predigten, Traktate und Schriften von späteren Verfassern mußten aufwendig abgeschrieben werden, sodaß ihre Verbreitung ziemlich eingeschränkt war.

Doch rechtzeitig vor Anbruch der Reformation kommt es zu einer revolutionären Erfindung, die über die nächsten Jahrhunderte einflußreich sein wird: der Buchdruck wird von Johann Gutenberg (ca. 1400-1468) entwickelt; mithilfe von beweglichen Bleilettern kann der Text ganzer Bücher auf Papierblätter gedruckt werden. Auch der seit dem 13. Jahrhundert aus China nach Europa gelangte preisgünstige Druckwerkstoff „Papier“ ist eine wichtige technische Voraussetzung für die massenhafte Verbreitung von Gottes Wort seit der Reformation.

Wir können in all diesen Entwicklungen sehen, wie der allmächtige Gott in der Geschichte der Menschen handelt und souverän Seinen Plan verfolgt, auch durch Menschen, die Ihn nicht kennen.

Auch dies geht aus von dem HERRN der Heerscharen; denn sein Rat ist wunderbar, und er führt es herrlich hinaus. (Jesaja 28,29)

Als der Zeitpunkt Gottes gekommen war, die finstere Herrschaft der römischen Kirche zu zerbrechen und das Licht der Bibel und des Evangeliums neu auf den Leuchter zu stellen, da waren alle Umstände darauf vorbereitet.

 

 

3. Die Reformation bringt das Wort Gottes wieder ans Licht

 

Wir können hier unmöglich die Reformation einigermaßen ausgewogen und ausführlich kennzeichnen; wir wollen sie ganz gezielt in ihrer Beziehung zur Bibel betrachten und einige Züge dieser komplexen und vielschichtigen geschichtlichen Umwälzung hervorheben.

 

 

a. Die Reformation – Gottes Wirken und menschliche Begrenztheit

 

Die Reformation war eine Bewegung hin zu Gottes Wort; sie hat ihre Kernbotschaft, das Evangelium der Gnade in Christus, und ihre geistliche Kraft vor allem aus der Ausrichtung auf die Bibel als das Offenbarungswort des lebendigen Gottes gewonnen. Die wichtigsten Grundsätze der Reformation, die auch heute noch Gültigkeit haben, sind in den „Solas“ zusammengefaßt worden: Sola Scriptura (allein die Schrift) – Sola Gratia (allein durch Gnade) – Sola Fide (allein durch Glaube) – Solus Christus (allein Christus).

In der Reformation finden wir, wie so oft in der Geschichte der Christenheit, das Wirken Gottes zur Erneuerung und Belebung Seiner Gemeinde vermischt mit dem Wirken von Menschen, die in vieler Hinsicht versagten, die Gottes Wort in manchem auch untreu waren oder falsche Kompromisse machten. Wir können die Reformation nicht vorbehaltlos feiern als unvermischtes Werk Gottes; dazu sind gewisse Fehlentwicklungen in ihr zu deutlich und schmerzhaft offenbar.

Auf der anderen Seite dürfen wir dankbar anerkennen, daß in der Reformation Gott gewaltig gewirkt hat, und das wichtigste Ergebnis Seines Wirkens war es, daß die Bibel, Gottes Wort, Millionen Menschen in Europa und darüber hinaus in ihren Volkssprachen zugänglich wurde und die Botschaft der Bibel von der Erlösung in Jesus Christus für ungezählte suchende Menschen Heil und Errettung brachte.

In Seinem Wirken auf der Erde gebraucht Gott Werkzeuge – oftmals schwache, mit vielen Fehlern behaftete Werkzeuge, und dennoch vermag der ewige, allmächtige Gott durch einzelne Menschen, die sich Ihm zur Verfügung stellen, Großes zu bewirken. Martin Luther war bei allem Anstößigem und Kantigem in seinem Wesen doch unbestreitbar ein solches Werkzeug Gottes. Er war aus Sorge um sein Seelenheil Mönch geworden, und er hatte mit großer Ernsthaftigkeit auf den Wegen der römischen Kirche Heil und Sündenvergebung zu erlangen versucht, doch war dabei immer wieder enttäuscht und verzweifelt gescheitert.

Diesen Mann lenkt Gott dazu, die Bibel zu lesen und später zu studieren. In seiner Ordenszeit bekommt er eine eigne Bibel, in der er ausgiebig liest – was damals ein ungewöhnliches Privileg ist. Er muß ab 1512 als begabter Theologe des Augustinerordens auf Anweisung seines Ordensoberen an der Universität Wittenberg die biblischen Vorlesungen halten. Gewissenhaft, wie er ist, vertieft sich Luther in Gottes Wort, das er in der lateinischen Übersetzung bald auswendig kann. Er lernt neutestamentliches Griechisch und eignet sich auch in Ansätzen das Hebräische des Alten Testaments an.

Doch mit seiner katholischen Prägung findet er bei allem Forschen in der Bibel zunächst nicht die befreiende Botschaft der Gnade Gottes, obwohl es den ernsten Mann mit dem sensiblen Gewissen, der sich seiner vielen Sünden überscharf bewußt ist, gerade nach Erlösung, Gnade und Rechtfertigung vor Gott mehr verlangt als nach irgendetwas anderem. Ihm erscheint das Evangelium in klassisch katholischer Weise als das neue Gesetz, das er verpflichtet ist zu halten und gegen das er doch täglich immer wieder verstößt. Die „Gerechtigkeit Gottes“ bedeutet für ihn die Forderung Gottes an ihn, deren Nichterfüllung unerbittlich das Gericht und die Verdammnis nach sich zieht.

Im Nachsinnen über Gottes Wort wird dem Mönch Luther dann eine Erleuchtung zuteil: er erkennt, daß nach dem Evangelium Gottes der Sünder von Gott aufgrund des Glaubens an den stellvertretenden Erlöser Jesus Christus gerechtgesprochen wird, ohne Mitwirkung irgendwelcher eigenen Werke, wie sie der gute Katholik Luther immer hervorzubringen suchte.

Wir wissen aber, daß das Gesetz alles, was es spricht, zu denen sagt, die unter dem Gesetz sind, damit jeder Mund verstopft werde und alle Welt vor Gott schuldig sei, weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden kann; denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.

Jetzt aber ist außerhalb des Gesetzes die Gerechtigkeit Gottes offenbar gemacht worden, die von dem Gesetz und den Propheten bezeugt wird, nämlich die Gerechtigkeit Gottes durch den Glauben an Jesus Christus, die zu allen und auf alle [kommt], die glauben. Denn es ist kein Unterschied; denn alle haben gesündigt und verfehlen die Herrlichkeit, die sie vor Gott haben sollten, sodaß sie ohne Verdienst gerechtfertigt werden durch seine Gnade aufgrund der Erlösung, die in Christus Jesus ist. (..) So kommen wir nun zu dem Schluß, daß der Mensch durch den Glauben gerechtfertigt wird, ohne Werke des Gesetzes. (Römer 3,19-24 u. 28)

Diese Erkenntnis, die zunächst in seiner ersten Psalmenvorlesung 1513 aufscheint, hat das Leben Luthers und seine Glaubensüberzeugungen radikal verändert. Schritt für Schritt wird ihm bewußt, daß die katholische Kirche, der er eifrig dienen wollte, das kostbare Evangelium von der Gnade Gottes über Jahrhunderte verdunkelt und verfälscht hatte und in vielen grundlegenden Irrtümern gefangen ist.

 

 

b. Luther als Bote des Evangeliums in Deutschland

 

Diese tiefe, auf des Felsengrund von Gottes Wort gegründete Glaubensüberzeugung ist es, die den gewissenhaften, durchaus nicht rebellisch gesinnten Mönch Martin Luther dazu bringt, die Verkehrung des Evangeliums und die widerbiblischen Praktiken der römischen Kirche mit klaren Worten anzuprangern. Das Bewußtsein, die göttliche Wahrheit der Bibel auf seiner Seite zu haben und durch sie gefangen zu sein, hat Luther den Mut gegeben, der geballten Macht von Papst, Kirche und Kaiser zu widerstehen. Dieser öffentliche Widerstand, in den berühmten 95 Thesen gegen den Ablaßhandel 1517 zum ersten Mal geäußert, breitet sich dank der Drucktechnik in Windeseile durch ganz Deutschland aus.

Luther wird zum Sprecher und Führer vieler Menschen, die längst schon das Verkehrte an der katholischen Kirche empfinden und ein Verlangen für die echte Evangeliumsbotschaft haben. Seine weiteren Schriften gehen durch ganz Deutschland und lösen lebhafte Zustimmung, aber auch wütende Feindseligkeit aus. Die römische Kirche versucht über viele Jahre immer wieder, den unbequemen Mahner als „Ketzer“ auszuschalten und zu vernichten, wie sie es zuvor mit Johann Hus getan hatte. Er wird als Ketzer verdammt, mit einer päpstlichen Bannbulle aus der Kirche ausgeschlossen. Doch Luther findet mächtige Fürsprecher und Beschützer unter den deutschen Fürsten, von denen einige mit dem Gedanken an eine Reformation der Kirche und eine Loslösung von der Herrschaft der römischen Päpste sympathisieren.

1521 wird in Worms ein Reichstag abgehalten, auf dem der fanatisch katholische Kaiser Karl V. versucht, der gefährlichen Bewegung, die Luther ausgelöst hat, Herr zu werden und sie zu unterdrücken, so wie es auch der Papst forderte. Luther wird vorgeladen und erscheint vor den versammelten Fürsten, vor Bischöfen und Theologen, vor den Abgesandten des Papstes und vor dem Kaiser selbst, und man erwartet von ihm den Widerruf seiner ketzerischen Aussagen. Doch Luther sieht sich außerstande, dieser Forderung nachzugeben. Obwohl er sich der Gefahr für sein Leben wohl bewußt ist, verweigert er den Widerruf seiner Aussagen mit den berühmt gewordenen Worten:

Wenn ich nicht durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde – denn weder dem Papst noch den Konzilien allein kann ich glauben, die offenkundig geirrt und sich widersprochen haben – so bin ich an mein Gewissen und an das Wort Gottes gebunden. Ich kann und will daher nichts wiederrufen, weil gegen das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir. (Friedenthal, Luther, S. 238)

Als Luther nach seinem Verhör durch den ihm wohlgesonnen Kurfürst Friedrich den Weisen nach der Wartburg entführt wird, um sein Leben vor Anschlägen zu schützen, nutzt er die erzwungene Muße, um das Neue Testament ins Deutsche zu übersetzen. Er ist überzeugt von der befreienden, erneuernden Kraft von Gottes Wort, und es ist ihm ein Herzensanliegen, dieses Wort dem deutschen Volk zugänglich zu machen.

Seine Übersetzung eröffnet in mehrfacher Hinsicht Neuland. Zum einen übersetzt er nicht mehr aus der katholischen Vulgata, sondern aus dem griechischen Original, das ihm durch die Ausgabe von Erasmus zugänglich ist. Zum anderen aber gelingt ihm eine gewaltige sprachschöpferische Leistung, weil seine Übersetzung erstmals in eine deutsche Sprache gekleidet ist, die befreit wurde von hinderlichen Dialektprägungen und überall in Deutschland verstanden werden kann. Luthers Sprache ist einfach und klar, gewaltig und einprägsam, erhaben und zugleich für das einfache deutsche Volk zugänglich und verständlich.

Nach etwa zehn Wochen war das Werk vollendet, das im September 1522 erstmals erschien. 3.000 Exemplare werden von der ersten Auflage gedruckt; sie sind innerhalb von drei Monaten vergriffen. Und das bei einem Stückpreis von 1 ½ Gulden, was heute vielleicht 2.000 Euro entspräche! Aber Gottes Wort ist für die Menschen damals überaus wertvoll; Luthers Testament wird in der Folge von sehr vielen Menschen eifrig gelesen. Erstmals können sie selbst herausfinden, was Christus und Seine Apostel wirklich gelehrt haben, ohne alle verdunkelnden Zusätze und Weglassungen der römischen Kirche. Das Luther-Testament wird immer wieder nachgedruckt; nach drei Jahren sind bereits 128.000 Exemplare verbreitet, und zwar nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa.

Später setzt Luther alles daran, auch das Alte Testament ins Deutsche zu übersetzen – eine weitaus mühsamere Arbeit, bei der er die Mithilfe hebräischsprechender Gelehrter braucht und die 12 Jahre beansprucht. Luther übersetzt auch im AT nicht aus der lateinischen Vulgata, sondern aus dem hebräischen masoretischen Text. 1534 erscheint in Wittenberg die erste vollständige Bibel in der Übersetzung Martin Luthers. Viele Auflagen dieser Bibel folgen, an denen Luther immer wieder Einzelheiten verbessert. 1545 erscheint die letzte Ausgabe, deren Überarbeitung Luther selbst noch besorgen konnte – ein Jahr vor Luthers Tod 1546.

Neben der Bibelausgabe hat Luther natürlich noch eine Vielzahl anderer Schriften veröffentlicht, teils polemische, teils lehrhafte, vielfach auch erbauliche. Immer wieder hat er versucht, dem deutschen Volk das Evangelium von der Gnade Gottes, die Botschaft von Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Retter, nahezubringen, und das war im Rückblick sicherlich das Wichtigste und Wertvollste.

 

 

c. Die Reformation als Bibelbewegung mit Schattenseiten

 

Die Übersetzung und allgemeine Verbreitung von Gottes heiligem, lebensschaffendem Wort war sicherlich die größte und wichtigste Frucht der Reformation. Nach dem Vorbild Luthers haben auch in praktisch allen Ländern Europas Reformatoren die Bibel in die Volkssprachen übersetzt, und überall hat Gottes Wort im Leben von ungezählten Menschen grundlegende Veränderungen bewirkt, hat rettenden Glauben hervorgerufen, Herzensumkehr, eine Befreiung aus den Ketten des katholischen Aberglaubens und der römischen Priesterkaste. In der Schweiz wirkten Zwingli und Calvin für die Sache der Reformation, in England Tyndale und Cranmer, Latimer und Parker. Überall in Europa entstehen stärkere oder schwächere reformatorisches Aufbrüche, verkünden Diener Gottes das rettende Evangelium.

Die Reformation hat, gestützt auf die Bibel in den Volkssprachen, eine weitverbreitete Verkündigung des biblischen Evangeliums von der Gnade Gottes in Christus angestoßen. In unzähligen Dörfern und Städten wurde diese lebensrettende Botschaft von dem für uns gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus bezeugt, und unzählige Menschen nahmen sie mit Freuden auf und wurden gerettet – einfache Mägde und Bauersleute ebenso wie Handwerker, Universitätslehrer, Ratsherren oder sogar Fürsten. Viele ehemals katholische Priester, Mönche und Nonnen kamen zum rettenden Glauben und wurden freudige Zeugen und Boten des Evangeliums.

 

Politische Machtkämpfe um die Religion

Allerdings war diese Bewegung keineswegs überall gleichmäßig. Es war ein politischer Vorteil für die Reformation, aber auch eine geistliche Gefahr und große Problematik, daß eine ganze Reihe deutscher Fürsten, die Herren über kleinere oder größere Länder waren, sich dieser Bewegung anschlossen und sie unter ihren Schutz stellten.

In den „evangelischen“ Ländern wurde die Reformation von oben unterstützt und dann auch von oben organisiert und gesetzlich festgeschrieben. Die evangelischen Landesfürsten brachen in ihren Ländern die Macht der römischen Kirche, nahmen deren Besitz in Beschlag und ordneten an, daß ihre Untertanen nunmehr der reformatorischen Kirche anzugehören hatten. Sie bestimmten, wer Pfarrer wurde, und waren die obersten Herren über die jeweiligen evangelischen Landeskirchen.

Aber die Macht der römischen Kirche war keineswegs zerbrochen, sondern nur angeschlagen. In vielen Ländern Deutschlands und Europas hielten sich Fürsten, die auf der Seite der katholischen Kirche blieben und in ihrem Machtbereich Tendenzen zur Reformation und Verkündigung des Evangeliums unterdrückten, ja immer öfters blutig verfolgten. Das war in Österreich und Bayern der Fall, in Frankreich, Italien und Spanien. In Frankreich kam es zur blutigen Verfolgung der Hugenotten, in Österreich zur Verbreibung der evangelischen Gläubigen. Immer wieder wüteten blutige Kriege in dieser Glaubensauseinandersetzung, weil die katholischen Machthaber, der Kaiser und der Papst, den Verlust ihres Einflusses nicht hinnehmen wollten.

Neben Deutschland wurden zahlreiche Länder Europas von der Reformation erfaßt, so u.a. die Niederlande, England und Schottland sowie Schweden und Dänemark. In der Schweiz kam es ähnlich wie in Deutschland zu einer Teilung zwischen evangelischen und katholischen Kantonen. Nachdem sich die Kämpfe um die politische Vorherrschaft in einem Patt totgelaufen hatten, waltete die pragmatische Regel: cuius regio, eius religio – wer die Macht hat, kann auch die Glaubensrichtung der Menschen in seinem Land bestimmen.

Vom geistlich-biblischen Gesichtspunkt aus wird hier ein schwerwiegender Schwachpunkt der Reformation in Europa deutlich. Die Reformatoren, denen es eigentlich um die Erneuerung der christlichen Kirche auf der Grundlage des Evangeliums ging, verbündeten sich fast überall mit den Fürsten, denen es um die Sicherung ihrer Autorität gegenüber der römischen Kirche ging, die immer versuchte, die einzelnen Regenten von sich abhängig zu machen, zu beherrschen und finanziell auszunutzen.

Die Regenten, die die Reformation unterstützten, versprachen sich eine Befreiung vom römischen Joch und die Sicherung ihrer Macht durch das Recht, über die Kirche in ihrem Land selbst entscheiden zu können. Als erstes wurden deshalb im Prozeß der „Reformation von oben“ die oft beträchtlichen Besitztümer der katholischen Kirche an Ländereien, Klöstern und Liegenschaften dem Staat bzw. Fürstenhaus zugeschlagen. Der Landesfürst wurde zum obersten Herrn der Landeskirchen, der über die Ernennung von Pfarrern und Kirchenleitern bestimmte.

Damit war aber auch festgeschrieben, daß sich die neuen evangelischen Kirchen in einem entscheidenden Punkt nicht von der alten römischen Kirche unterschieden würden: Sie waren Staatskirchen, die durch das nach wie vor praktizierte Sakrament der Kindertaufe oder eigentlich Säuglingsbesprengung automatisch zu „Gotteskindern“ und Christen wurden. Die Kirche war weiterhin eine unentbehrliche Stütze der staatlichen Macht, von ihr gegängelt und benutzt, sie aber auch umgekehrt beeinflussend.

In einem ganz wichtigen Punkt hatten sich also die Kirchen der Reformation nicht vom babylonischen System Roms gelöst. Sie waren Zwitterwesen – sie wollten Kirchen des neu entdeckten Evangeliums sein, aber sie behielten die Zwangsmitgliedschaft ungläubiger Namenschristen und das System der Sakramente bei, wenn auch auf zwei reduziert: Die Taufe als magisches Mittel zur Wiedergeburt und das Abendmahl als magisches Mittel zur Sündenvergebung.

 

Der geistliche Schaden in den Kirchen der Reformation

Der geistliche Schaden in den Kirchen der Reformation ging noch tiefer. Das können wir hier nur andeuten, es würde den Rahmen dieser Schrift sprengen, das auszuführen, aber wir können es auch nicht unerwähnt lassen. Wir wollen als Gläubige, die in bibeltreuen unabhängigen Glaubensgemeinden leben, unsere eigene biblische Überzeugung bei aller Dankbarkeit für den bleibenden Segen der Reformation nicht verschweigen.

Es wäre sicher falsch, den Reformatoren aus unserer heutigen Sicht Vorwürfe zu machen; wir müssen auch verstehen, daß sie Pioniere waren, die unter sehr schwierigen Bedingungen Neuland erschließen mußten und dabei noch vieles aus ihrer alten katholischen Prägung an sich haften hatten. Und doch müssen wir feststellen, daß sie in ihrem Bündnis mit dem Staat Kompromisse machten, die mehr als fragwürdig waren. So etwa, wenn Luther einem wichtigen evangelischen Fürsten riet, eine Nebenehe mit seiner Geliebten einzugehen und diese durch kräftige Lüge zu vertuschen. Die Reformatoren waren auf die Fürsten angewiesen und mußten ihnen zuliebe immer wieder Abstriche an biblischen Grundsätzen machen.

Das betraf auch ihre Haltung zur Gewissensfreiheit des Glaubens, die sie eigentlich bejahten. Dennoch rieten alle führenden Reformatoren an bestimmten Punkten dazu, andersdenkende Gläubige, besonders die Täufer, zu verfolgen und teilweise auch zu töten. Ihnen erschienen die biblisch begründeten Überzeugungen der gemäßigten Täuferprediger als staatsgefährdende Ketzerei, und sie reagierten darauf teilweise sehr selbstgerecht, fanatisch und bösartig. So kam es zu der beschämenden Tatsache, daß die friedlichen, geistlich gesinnten Anhänger eines Menno Simons oder eines Balthasar Hubmair von protestantischen Pfarrern und Reformatoren mit Ächtung und Vertreibung, aber auch mit Folter und brutaler Hinrichtung bestraft wurden.

Auch in evangelischen Ländern blieben zumeist das Abhalten von kirchenunabhängigen Versammlungen der Gläubigen und die Auslegung der Heiligen Schrift durch nicht berufene „Laien“ ein Staatsverbrechen, das oft unnachsichtig verfolgt wurde, und das teilweise bis zum Jahr 1848. Hier rächte sich, daß der Glaube und die Kirche auch im reformatorischen Lager eine Staats- und Polizeiangelegenheit geblieben war und man das Gewissen und die Glaubensüberzeugung des Einzelnen nicht achtete. So wurden auch in späteren Zeiten täuferisch gesinnte freie Gemeinden und Gläubige teilweise brutal verfolgt und vertrieben, bis schließlich im 18. Jahrhundert manche der „Mennoniten“ genannten Täufer in Rußland unter der Zarin Katharina eine Heimstätte fanden.

Die Tatsache, daß die Reformatoren entgegen der Lehre des Apostels Paulus bewußt eine große Anzahl von Ungläubigen im Rahmen ihrer Kirche duldeten, mußte zwangsläufig zerstörerische Auswirkungen auf die neuen Kirchen haben, ebenso das ungleiche Joch der Zusammenarbeit mit der weltlichen Obrigkeit. Sie mißachteten hierbei die wichtige Lehre aus Gottes Wort:

Zieht nicht in einem fremden Joch mit Ungläubigen! Denn was haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit miteinander zu schaffen? Und was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial überein? Oder was hat der Gläubige gemeinsam mit dem Ungläubigen? Wie stimmt der Tempel Gottes mit Götzenbildern überein? Denn ihr seid ein Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: »Ich will in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein«. Darum geht hinaus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt nichts Unreines an! Und ich will euch aufnehmen, und ich will euch ein Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige. (2Kor 6,14-18)

Eine der Folgen war, daß in den neu entstandenen Kirchen der Reformation trotz des Bemühens vieler gläubiger Prediger doch durch die ungläubige Masse an Kirchenmitgliedern viel Oberflächlichkeit, Sünde und Weltlichkeit sichtbar war. Es war schwer, Kirchenzucht zu üben; manch ein Pfarrer war selbst nicht gläubig und sollte nun den Menschen das Evangelium predigen. Viele nahmen die Botschaft von der „Freiheit eines Christenmenschen“ als Vorwand für Saufen, Fressen und Huren, für finanziellen Betrug und Bereicherung. Luther selbst klagte in späteren Zeiten darüber, wie zügellos und unfromm viele „evangelische Christen“ waren.

Dazu kam, daß die Reformatoren ganz allgemein in ihrer neuen Erfassung der biblischen Lehre nicht konsequent bis an die Quelle, die Schriften von Paulus, Petrus, Johannes usw. vordrangen, sondern sich zu einem guten Teil noch auf die falschen Lehren gewisser Kirchenväter, vor allem des Augustinus, stützten. Sie hatten weder die biblische Lehre von der Heiligung recht verstanden noch die biblische Lehre von der abgesonderten Gemeinde Gottes, die in der Welt nur eine Fremdlingsschar und ein heiliges Priestertum ist.

 

Die konsequentere Nebenströmung der Reformationszeit: das biblische Täufertum

Wir wollen daher die unbestreitbaren Errungenschaften und Segnungen, die wir seit der Reformation empfangen haben, dankbar würdigen, aber wir wollen auch darauf hinweisen, daß in der Reformationszeit neben den entstandenen evangelischen Volkskirchen auch eine Schar von Gläubigen auftrat, die in ihrem Verständnis von Gottes Wort und in ihrer konsequenten Ausrichtung auf die Bibel noch weiter gingen als die Reformatoren.

Ihr äußeres Kennzeichen war die Glaubenstaufe, dem Wesen nach ging es aber um mehr. Sie verstanden die gläubige Gemeinde entsprechend der Lehren des Apostels Paulus und des Neuen Testaments als eine von der Welt abgesonderte Schar von wiedergeborenen Kindern Gottes.

Sie wollten in ihren Gemeinden ganz nach dem Wort Gottes handeln, und das bedeutete, daß die Gemeinden unabhängig vom Staat sein sollten und sich selbst durch Älteste regieren sollten – eine biblischer Grundsatz, der das Mißtrauen der Staatsgewalt erregte. Sie verzichteten nach der Bibel auf Eid und Kriegsdienst, wollten aber loyale Untertanen der Obrigkeit sein.

In ihren Gemeinden pflegten sie Schlichtheit und biblische Ordnung; sie praktizierten Gemeindezucht durch Ausschluß von nicht bußwilligen Sündern. Ihre Prediger waren keine klerikalen Herrscher, sondern dienende „Laien“-Brüder, die durch vorbildliches Leben, Erforschen der Schrift und Verkündigungsgabe für ihren gefahrvollen Dienst ausgewählt wurden.

Diese biblischen Täufer, oft auch „Taufgesinnte“ genannt und von den Kirchen als „Wiedertäufer“ verschrien, fanden in der Reformationszeit vielfach einen großen Zuspruch; besonders in manchen Städten entstanden große Täufergemeinden, bis die brutale Verfolgung einsetzte und die Täufer ermordet oder vertrieben wurden. Trotz Verfolgung hielten sich solche Täufergemeinden weiterhin hin und her in Europa; immer wieder fanden sie Orte, wo sie geduldet wurden. Die Menschen rühmten die Friedfertigkeit, Rechtschaffenheit und Zucht dieser Christen, doch evangelische wie katholische Führer verdammten sie als „gefährliche Ketzer“. In England kamen im 17. Jahrhundert neue Täuferkreise dazu, die sich „Baptisten“ nannten; viele davon wanderten später nach Amerika aus.

Das biblisch gesunde Täufertum ist auch eine wichtige und wertvolle Frucht des Wortes Gottes, das im 16. Jahrhundert wieder ans Licht kam. Die Täufer lasen dieselbe Bibel wie die Reformatoren, aber sie lasen sie anders, ohne gewisse Scheuklappen der Kirchenväter und der staatskirchlichen Tradition. Sie wagten es, nach ihrem sicherlich auch unvollkommenen Verständnis neutestamentliche Gemeinde zu leben, und viele von ihnen mußten diesen Gehorsam gegen Gottes Wort mit dem Leben bezahlen. Dennoch hielten sie, auch unter Folter und öffentlicher Verhöhnung, mutig an ihrer Glaubensüberzeugung fest. Sie sind die Vorfahren heutiger freier christlicher Gemeinden, die vom Staat und der ökumenischen Bewegung unabhängig sind, die Glaubenstaufe praktizieren und konsequent nach der Bibel leben wollen.

 

 

4. Die Untergrabung der Errungenschaften der Reformation in der heutigen Endzeit und die Herausforderungen für treue Gläubige

 

Wir leben heute in der Endzeit, in der Zeit kurz vor der Wiederkunft Jesu Christi. Diese Endzeit ist eine Zeit, in der in der Welt wie auch in der Christenheit das Böse ausreift und Verderbnis und Abfall vom Glauben mehr und mehr um sich greifen. In 2. Thessalonicher 2 lesen wir, daß, bevor der Herr zum Gericht auf diese Erde kommt, um dann Sein Königreich aufzurichten, zuerst der große Abfall der äußerlichen Christenheit kommen muß und der Antichrist auftreten muß (vgl. 2Thess 2,3-12).

Zu diesem endzeitlichen Szenario, das sich heute vor unseren Augen entfaltet, gehört es auch, daß die Hure Babylon, die wir schon als prophetisches Bild für die katholische Kirche kennengelernt haben, am Ende alle Strömungen der äußerlichen Christenheit und alle anderen Religionen zu einer gewaltigen Welteinheitsreligion und Welteinheitskirche zusammengefaßt haben muß.

Deshalb darf es uns nicht verwundern, wenn in der heutigen Zeit der Gedanke der Ökumene, der prinzipienlosen Vereinigung aller äußerlichen Christen unter der Führung der römischen Kirche, immer mehr Protestanten, die doch eigentlich Erben der Reformation sein sollten, in seinen Bann schlägt. Mehr und mehr liberale Führer der ehemaligen Kirchen Luthers, Zwinglis und Calvins, die sich unter dem Einfluß der Bibelkritik längst von den Grundlagen des Wortes Gottes entfernt haben, halten heute, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, die Reformation für einen sündhaften Irrtum, eine tragische, durch Mißverständnisse verursachte Spaltung, und setzen alles daran, wieder zu einer Einigung mit der katholischen Kirche zu kommen.

Verwunderlicher erscheint es dem gläubigen Beobachter, daß auch die allermeisten „Evangelikalen“, das heißt die früher pietistisch und erwecklich geprägten Kreise der Gemeinschaftsbewegung und der Freikirchen aus der „Evangelischen Allianz“, mit zunehmender Begeisterung für die Zusammenarbeit und Einheit mit der römischen Kirche eintreten. Sie haben komplett vergessen, wofür die Reformatoren und ihre eigenen Glaubensväter einstmals gekämpft und auch gelitten haben. Sie sind blind dafür, daß der bittere Preis für die große Einheit mit Rom und für den Ehrenplatz in Babylon die letztendliche Preisgabe aller Wahrheiten des Wortes Gottes ist.

In einer solchen Situation sind alle gläubigen Christen, denen Gottes Wort noch lieb und kostbar ist, zu erhöhter Wachsamkeit und zum entschlossenen Festhalten an den Lehren der Bibel aufgerufen.

Daher bezeuge ich dir ernstlich vor dem Angesicht Gottes und des Herrn Jesus Christus, der Lebendige und Tote richten wird, um seiner Erscheinung und seines Reiches willen: Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung! Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden zuwenden. (2Tim 4,1-4)

Geliebte, da es mir ein großes Anliegen ist, euch von dem gemeinsamen Heil zu schreiben, hielt ich es für notwendig, euch mit der Ermahnung zu schreiben, daß ihr für den Glauben kämpft, der den Heiligen ein für alle Mal überliefert worden ist. (Judas 1,3)

Wir leben in ernsten Zeiten. Heute droht die Wahrheit Gottes wiederum geraubt zu werden durch einen gegen alle biblischen Grundsätze gehenden Kuhhandel um die Einheit mit der römischen Babylonskirche. In dieser Situation ist es doppelt wichtig, daß die noch von der Ökumene unabhängigen Gemeinden treu zum Wort Gottes stehen und für den ihnen überlieferten Glauben entschieden kämpfen, damit die Wahrheit Gottes bestehenbleibt. Dieses Zeugnis für die Wahrheit kann in Zukunft uns wieder vermehrt Druck und Verfolgung einbringen, aber wir sind es unserem Herrn schuldig, der für uns in den Tod ging, der auferstand und nun den Platz der Autorität zur Rechten Gottes einnimmt. Dieser herrliche Herr ruft uns zu:

Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe vor dir eine geöffnete Tür gegeben, und niemand kann sie schließen; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und meinen Namen nicht verleugnet. Siehe, ich gebe, daß solche aus der Synagoge des Satans, die sich Juden nennen und es nicht sind, sondern lügen, siehe, ich will sie dazu bringen, daß sie kommen und vor deinen Füßen niederfallen und erkennen, daß ich dich geliebt habe. Weil du das Wort vom standhaften Ausharren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, damit die versucht werden, die auf der Erde wohnen. Siehe, ich komme bald; halte fest, was du hast, damit [dir] niemand deine Krone nehme! (Offb 3,8-11)

 

 

 

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der Schrift Gottes Wort auf dem Leuchter: Vorgeschichte und Bedeutung der Reformation von Rudolf Ebertshäuser.

 

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