Ist die „Geistestaufe“
der Pfingstler und Charismatiker biblisch?

 

Die pfingstlerische Lehre von der “Geistestaufe”

 

Die Lehre von der „Geistestaufe“ als einer zweiten, von der Wiedergeburt unterschiedenen Erfahrung des Gläubigen ist ein wichtiges Fundament der Pfingst- und Charismatischen Bewegung. Erst mit dieser Erfahrung tritt der Christ nach ihrer Überzeugung in die von Gott verheißene geistliche Fülle ein und kann ein Siegesleben und einen fruchtbaren Dienst für den Herrn beginnen. Die Bezeichnung „Geistestaufe“ findet sich so nirgends in der Bibel; sie nimmt aber Bezug auf die Verheißung, die zuerst durch Johannes den Täufer ausgesprochen wurde: „Ich habe euch mit Wasser getauft; er aber [d.h. Christus] wird euch mit Heiligem Geist taufen“ (Mk 1,8; vgl. Mt 3,11; Lk 3,16; Joh 1,33; Apg 1,5). Nach Überzeugung der meisten Anhänger der Pfingst- und Charismatischen Bewegung ist die Geisteserfahrung, die sie erlebt haben, eben dieses Getauftwerden mit dem Heiligen Geist, das in der Bibel verheißen wird.

Die „klassischen“ Lehrer, vor allem aus der Pfingstbewegung, lehren, daß der Gläubige mit der Bekehrung noch nicht den Heiligen Geist empfangen hat, zumindest nicht im vollen Sinn dieses Wortes. Man beruft sich dabei u. a. auf Apg 19,2: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“. Der Empfang des Heiligen Geistes geschieht ihnen zufolge erst später, wenn der Gläubige bestimmte Voraussetzungen erfüllt hat. Das waren in der klassischen Pfingstbewegung u. a. die „völlige Heiligung“ (oft im Sinne einer einmaligen, zur Vollkommenheit und Sündlosigkeit führenden Erfahrung), die „völlige Hingabe und Weihung für Gott“, ein längeres „Warten“ mit Fasten und vollständigem Bekennen aller Sünden und viel Gebet um die „Geistestaufe“. Diese wird meist als ein eindrückliches Erlebnis einer Kraftdurchströmung beschrieben, oft verbunden mit Visionen oder übernatürlichen Geisteskundgebungen. Das notwendige und entscheidende Kennzeichen der „Geistestaufe“ ist nach der „klassischen“ Pfingstler-Lehre die Gabe des Zungenredens.

Viele heutige charismatische Strömungen vertreten die hergebrachten Pfingstlehren von der „Geistestaufe“ nicht mehr in der oben geschilderten Form. Sie reden nur noch von einer „Geisterfüllung“ oder (nach der Irrlehre der katholischen Kirche) von einer „Geisterneuerung“ als dem entscheidenden „zweiten Segen“. Der Gläubige habe den Geist schon bei der Wiedergeburt empfangen, aber erst durch die „Geistestaufe“ erhalte er die Fülle des Geistes und komme ganz unter die Kraft des Geistes. Manche erklären das Zungenreden nicht mehr zum notwendigen Zeichen der „Geistestaufe“; doch in der Praxis ist es fast überall das entscheidende Merkmal, das die Charismatiker kennzeichnet und an dem sie selbst auch feststellen, ob sie die „Geistestaufe“ empfangen haben.

In charismatischen Kreisen fallen auch die langwierigen Vorbereitungen für den Empfang der „Geistestaufe“ zumeist weg. Man macht vielfach nur noch die Ausschaltung des Verstandes und die bedingungslose Öffnung für den Geist zur Voraussetzung, eine „Annahme im Glauben“ bzw. sehr oft die Handauflegung durch vollmächtige „gesalbte“ Charismatiker. Das geht bis zu Rezepten, daß man „im Glauben“ anfangen solle, in Zungen zu reden, bzw. anderen Zungenrednern nachzusprechen, und danach komme mit dem Zungenreden auch die „Geistestaufe“. Jedes Mittel ist recht, Hauptsache, du kriegst den Geist!

Denn jenseits aller lehrmäßig-taktischen Unterschiede ist eines allen „echten“ Pfingstlern und Charismatikern gemeinsam: Die persönliche Erfahrung der „Geistestaufe“ ist für alle die unabdingbare Schlüsselerfahrung, durch die man zum „Eingeweihten“ dieser Bewegung wird; ohne sie ist man „draußen“, ein halber, kraftloser, unerleuchteter Christ ohne Vollmacht und Erkenntnis, ohne „Salbung“, ohne Heiligung und Sieg über die Sünde, jemand, dem das Entscheidende des Glaubenslebens fehlt.

Alle „höheren Weihen“ der pfingstlerisch-charismatischen Frömmigkeit werden diesem Schlüsselerlebnis zugeschrieben: Durch die „Geistestaufe“ erhält man angeblich eine höhere, unmittelbarere Gemeinschaft mit Gott, die sich in laufenden Offenbarungen, in hörbarem Reden, in Wundern und Zeichen äußert; man empfängt Kraft und Eifer, Freude und Siegesleben, Befreiung von allen Gebundenheiten, Vollmacht, körperliche Heilung, Geistesgaben und innere Heilung. Die „Geistestaufe“ ist das Eintrittstor in ein geistliches Über-Leben – so wird es dem Außenstehenden in vielen Zeugnissen, Predigten und Büchern verkündet.

Dieses Angebot ist für viele enttäuschte, kraftlos gewordene Christen ausgesprochen faszinierend und verlockend. Sie sind beeindruckt von der Aussicht, mit einem Schlag all ihre geistlichen Schwierigkeiten loszuwerden und eine Gottesunmittelbarkeit und Kraft zu erleben, die ihnen zuvor gefehlt hat. Viele öffnen sich deshalb dem Geist, der in diesen Bewegungen wirkt. Sie werden angezogen von der lockeren, attraktiven Aufmachung der Gottesdienste, von den eingängigen Liedern, von der scheinbaren „Liebe“ und „Freude“, die sie sehen. Sie suchen und finden dort die „Geistestaufe“ und werden selbst zu Anhängern und Werbern dieser Bewegung.

Für uns jedoch stellt sich die Frage: Ist die von der Pfingst- und Charismatischen Bewegung gelehrte und propagierte „Geistestaufe“ wirklich eine göttliche Gabe? Was steckt hinter diesem „zweiten Segen“? Kommt er wirklich von Gott? Wir werden ja ausdrücklich von Gott selbst ermahnt: „Prüft die Geister, ob sie aus Gott sind!“ (1Joh 4,1). Das können wir nur tun, wenn wir diese Lehre am geoffenbarten Wort Gottes messen.

Wenn die „Geistestaufe“ wirklich ein so wichtiges Fundament echten Glaubenslebens ist, dann muß sie ja in der Bibel, und zwar im Neuen Testament (NT), gelehrt werden und mit dem inspirierten Wort Gottes übereinstimmen. Anderenfalls dürfen und können wir sie nicht annehmen, auch wenn sie uns noch so anziehend erscheint. Die biblische Geistesfülle wird ja von dem Herrn Jesus Christus selbst an die Lehre der Schrift gebunden, wenn Er spricht: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus seinem Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7,38).

Für uns neutestamentliche Christen heißt das: wir können nur dann zur biblischen, von Gott geschenkten Geistesfülle kommen, wenn wir uns strikt und klar an die Lehre des Neuen Testaments halten, und zwar im besonderen an die Lehre der Apostel für die Gemeinde, wie wir sie in den Briefen des NT finden (vgl. Apg 2,42: „Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel …“). In dieser Lehre finden wir auch alle Klarheit, um echtes Geisteswirken von falschem zu unterscheiden. Deshalb wollen wir jetzt untersuchen, was die Heilige Schrift zu unserem Thema zu sagen hat.

 

Wann empfängt ein Gläubiger den Heiligen Geist?

 

Die erste Frage, die wir uns stellen wollen, ist: Wann empfängt ein Gläubiger den Heiligen Geist? Kann es sein, daß jemand an Jesus Christus gläubig und wiedergeboren ist, aber den Heiligen Geist noch nicht empfangen hat? Kann die klassische Lehre der Pfingstler vor der Bibel bestehen? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns zur inspirierten Lehre der Apostel wenden, die in den Briefen des NT festgehalten ist. Das ist ein wichtiger Grundsatz biblisch gesunder Lehre!

Wo wir die biblische Lehre vom Geistempfang finden

Das ganze Neue Testament wie auch das ganze Alte Testament (AT) sind uns in einem weiteren Sinn zur Belehrung und Ermahnung gegeben (vgl. 2Tim 3,16), aber im AT finden wir keine konkrete Lehre für die Gemeinde Gottes, weil diese nicht im Blickfeld der alttestamentlichen Propheten war; sie war ja damals noch ein „Geheimnis“, „das in früheren Generationen den Menschenkindern nicht bekanntgemacht wurde“, und das erst den neutestamentlichen Aposteln und Propheten „durch den Geist geoffenbart worden ist“ (Eph 3,3-10; vgl. Röm 16,25-26; Kol 1,25-29).

Aus diesem Grund finden wir auch in den Evangelien keine besondere Lehre für die Gemeinde Gottes, denn die Evangelien bezeugen die Botschaft des Messias, des Herrn Jesus Christus, an das Volk Israel und seine Jünger im besonderen, aber die Gemeinde wird darin nur manchmal angedeutet (z. B. in Mt 16,18). Sie gehörte zu den Dingen, von denen der Herr in seinen Abschiedsreden den Jüngern bezeugte: „Noch vieles hätte ich euch zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen“ (Joh 16,12-13). Die Gemeinde Jesu Christi war vor Pfingsten noch zukünftig; die Jünger, deren Blick ganz auf Israel gerichtet war, konnten dieses Geheimnis des einen Leibes aus Juden und Heiden damals noch nicht fassen.

Dieses Geheimnis wurde dann im besonderen Paulus, dem Apostel der Heiden, geoffenbart, wie er selbst bezeugt (vgl. Eph 3,3.8; Gal 1,11-12; 1Kor 4,1; Kol 1,25-26). Die neutestamentliche Lehre von der Stellung und dem Wandel der Gläubigen in Christus finden wir also in den Briefen der Apostel, besonders den Briefen des Paulus.

Auch die Apostelgeschichte ist kein Lehrbuch für die Gemeinde; sie enthält den inspirierten Geschichtsbericht von der Entstehung und Ausbreitung der Gemeinde durch den Dienst der Apostel, aber nicht die Lehre des erhöhten Christus für die Gemeinde. Ebenso finden wir die Apostellehre für die Gemeinde nicht im Buch der Offenbarung, das ein ausgesprochen prophetisches Buch ist und in geistgewirkten Gesichten bezeugt, wie Gott Seinen Plan mit dieser Welt in Gericht und Gnade vollenden wird.

Was nun die Frage nach dem Empfang des Heiligen Geistes angeht, so finden wir in den Evangelien die heilsgeschichtlich klare Aussage in Joh 7,39, im Anschluß an die oben angeführte Verheißung des Herrn: „Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, welche an ihn glaubten; denn der Heilige Geist war noch nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.“ Auch in Joh 14,17 kündigt der Herr den Jüngern für die Zukunft in bezug auf den Geist Gottes an: „denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.“

Die Jünger des Herrn hatten also den Geist Gottes noch nicht im neutestamentlichen Sinn empfangen, und das war von Gott auch nicht so vorgesehen. Erst von Pfingsten an war der Empfang des Heiligen Geistes heilsgeschichtlich überhaupt möglich. Erst nachdem der Herr Jesus Christus Sein Erlösungswerk vollendet hatte (und das setzte Seine Himmelfahrt und Verherrlichung voraus, auch das Bringen Seines Blutes ins himmlische Heiligtum, Hebr 9,11-15), konnte der Geist Gottes ausgegossen werden, um in ehemals sündigen Menschen Wohnung zu nehmen (vgl. Apg 2,33).

Daraus können wir auch ersehen, daß die oft angesprochene Stelle in Joh 20,22 nicht von dem eigentlichen Empfang des Heiligen Geistes handeln kann. Wenn es dort heißt: „Und nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt Heiligen Geist!“, dann muß es sich um eine Sondersituation handeln. Das wird auch dadurch deutlich, daß im Griechischen der Artikel vor „Heiligen Geist“ fehlt. Es heißt also nicht: „Empfangt den Heiligen Geist“, sondern: Empfangt Kraft vom Heiligen Geist, geistliche Stärkung und Ausrüstung für die Bewährungs- und Wartezeit, bis der Geist zu Pfingsten gegeben werden würde.

Aus dieser Aussage in den Evangelien können wir niemals eine Lehre über den Empfang des Geistes ableiten; hier haben wir die besondere Übergangssituation zwischen der Zeit des Gesetzes und der Zeit der Gnade bzw. der Gemeinde, die nach Pfingsten begann. Wie aber der Empfang des Geistes bei den Gläubigen der Gemeinde geschehen sollte, das finden wir in den Briefen des NT geoffenbart.

Was lehren die Briefe der Apostel vom Empfang des Heiligen Geistes?

Wenn wir nun die Lehrbriefe des NT in bezug auf den Empfang des Heiligen Geistes untersuchen, so stellen wir eine ganz klare Aussage fest: In dem Moment, in dem ein Mensch durch das Wirken des Geistes Gottes wahrhaft Buße tut, sich bekehrt und an den Herrn Jesus Christus gläubig wird, da empfängt er auch den Heiligen Geist als eine Gabe Gottes. Wiedergeburt und Geistempfang fallen also nach der Lehre des NT zusammen und können nicht voneinander getrennt werden.

Das lehrt ausdrücklich der Galaterbrief. In Gal 3,2 weist Paulus die Galater zurecht, weil sie vergessen hatten, auf welcher Grundlage sie den Geist Gottes empfangen hatten: „Habt ihr den Geist durch Werke des Gesetzes empfangen oder durch die Verkündigung vom Glauben?“. Sie hatten den Geist Gottes empfangen, als sie der Botschaft des Evangeliums geglaubt hatten, die die Errettung durch den Glauben an Jesus Christus verkündete (vgl. Gal 3,5).

In Gal 3,14 steht die klare Aussage, daß wir durch den Glauben an Christus den Heiligen Geist empfangen: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes (…), damit wir durch den Glauben den Geist empfingen, der verheißen worden war.“ Nun könnte ja jemand einwenden, daß hier nicht der Zeitpunkt des errettenden Glaubens und der Wiedergeburt gemeint sei, sondern irgendein Glaubensakt zu einem späteren Zeitpunkt.

Aber interessanterweise finden wir noch weitere Aussagen im Galaterbrief, die klar machen, daß der Zeitpunkt gemeint ist, an dem ein Mensch zum Glauben an Jesus Christus findet und ein Kind Gottes wird. In Gal 3,22 heißt es: „Aber die Schrift hat alles unter die Sünde zusammengeschlossen, damit die Verheißung aufgrund des Glaubens an Jesus Christus denen gegeben würde, die glauben.“ Das wird noch bestätigt durch Gal 4,6-7, wo deutlich wird, daß der Empfang des Geistes mit der Sohnesstellung in Christus zusammenhängt, in die jeder Gläubige versetzt wird: „Weil ihr nun Söhne seid, hat Gott den Geist seines Sohnes in eure Herzen gesandt, der ruft: Abba, Vater! So bist du also nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, dann auch Erbe Gottes durch Christus.“

Diese Lehre wird bestätigt im Römerbrief, wo wir die klaren Aussagen finden: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn wirklich Gottes Geist in euch wohnt; wer aber den Geist des Christus nicht hat, der ist nicht sein.“ (Röm 8,9; vgl. auch V. 11). Also: wenn jemand wirklich den Geist Gottes nicht hat, dann ist er auch gar nicht wiedergeboren, nicht wahrhaft bekehrt und gläubig! Dasselbe wird noch einmal bekräftigt in Röm 8,14-16: „Denn alle, die durch den Geist Gottes geleitet werden, die sind Söhne Gottes. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, daß ihr euch abermals fürchten müßtet, sondern ihr habt den Geist der Sohnschaft empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, daß wir Gottes Kinder sind.“

Wer also den Geist Gottes nicht empfangen hat, ist noch kein Kind Gottes, d.h. nicht wiedergeboren; jeder, der durch den Glauben ein wiedergeborenes Kind Gottes wurde, hat in diesem Moment auch den Heiligen Geist empfangen. Ohne den Geist der Sohnschaft gibt es keine Gemeinschaft mit Christus oder mit dem Vater!

Diese klare Lehre wird weiter bestätigt durch den Epheserbrief, wo wir lesen: „…in ihm [Christus] seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheißung, der ein Unterpfand unseres Erbes ist bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit“ (Eph 1,13; vgl. 2Kor 1,22; Eph 4,30; 1Th 4,8; Tit 3,6-7; Joh 7,39; Joh 14,16-17). Sie wird auch bestätigt durch den Apostel Johannes, der in 1Joh 3,24 und in 4,13 sagt, daß wir an dem Geist, den er uns gegeben hat, erkennen, daß wir in wahrer Gemeinschaft mit Gott stehen.

Übrigens finden wir in der Apostelgeschichte zwar nicht die Lehre vom Geistempfang durch den Glauben, aber ein sehr eindrucksvolles Beispiel davon, nämlich die Bekehrung von Kornelius und den Seinen. Als Petrus den Zuhörern im Haus des Kornelius das Evangelium von Jesus Christus verkündigt, wirkt Gott den Glauben im Herzen der Zuhörer – und in einem Moment, mitten während der Verkündigung, empfangen sie den Heiligen Geist, genau auf dieselbe Weise wie die Jünger zu Pfingsten! (Apg 10,44-48; vgl. 11,15-17.)

Also: Jeder wahrhaft an Jesus Christus Gläubige hat im Augenblick seiner Wiedergeburt auch den Heiligen Geist empfangen. Als er Christus aufnahm (Joh 1,12-13) und Christus in ihm wohnte, da kam auch der Geist Gottes in ihn und nahm Wohnung in dem nunmehr geheiligten Tempel seines Leibes (vgl. 1Kor 3,16; 1Kor 6,17.19; Röm 8,10-11). Der Empfang des Heiligen Geistes ist der Anfangspunkt der beständigen Innewohnung des Heiligen Geistes im Gläubigen.

Hier kommen wir noch zu einem anderen wichtigen Punkt: Der Geist Gottes kann nach der Lehre der Schrift nicht nur halb oder ein wenig empfangen werden, denn Er ist ja eine Person der Gottheit und keine bloße Kraft. Viele charismatische Lehren gehen aber im Endeffekt von der heidnischen Irrlehre aus, der Geist Gottes sei eine unpersönliche Kraft, von der man ein wenig oder mehr besitzen könne, die man auch nach Belieben kommandieren und für die eigenen Interessen einsetzen könne.

Die Bibel kennt eine solche Auffassung nicht! Entweder ich habe den Heiligen Geist empfangen, dann aber als innewohnende Person, ganz und potentiell in Seiner ganzen Fülle, oder ich habe Ihn gar nicht empfangen! Wie sich die Fülle des Geistes im persönlichen Glaubensleben verwirklicht, ist eine andere Sache, das hängt von unserem Wandel ab, wie wir später noch sehen werden. Aber die manchmal zu hörenden Aussagen, daß der Gläubige bei der Wiedergeburt nur „etwas“ vom Geist Gottes empfangen habe und erst bei der „Geistestaufe“ den „ganzen“ Geist „wirklich“ empfange, sind biblisch unhaltbar.

Pfingstlich-charismatische Lehren und die Apostelgeschichte

Gegenüber dieser klaren Lehre der Briefe werden von Pfingstlern und Charismatikern häufig einige „Beweise“ aus der Apostelgeschichte angeführt, die mißdeutet und aus ihrem heilsgeschichtlichen Zusammenhang gerissen werden.

1. Die Jünger vor Pfingsten werden angeführt; sie seien schon wiedergeboren gewesen und hätten danach, zu Pfingsten, die „Geistestaufe“ als zweite Erfahrung erlebt. Darauf ist jedoch zu entgegnen, daß die Jünger vor Pfingsten keine neutestamentliche Wiedergeburt erlebt haben können, weil der Geist der Sohnschaft noch nicht ausgegossen war.

Die Jünger haben zu Pfingsten Wiedergeburt und Geistempfang, die Taufe mit dem Heiligen Geist und ihre Versiegelung wie auch die Erfüllung mit dem Geist und die Ausrüstung mit Kraft aus der Höhe gleichzeitig erlebt. Sie befanden sich vor der Himmelfahrt ihres Herrn und Retters in einer einmaligen Sondersituation: sie waren bekehrt und an Christus gläubig, aber sie hatten die Wiedergeburt im neutestamentlichen Sinn noch nicht erlebt und den Geist noch nicht empfangen.

Das war erst möglich nach der Vollendung des Sühnopfers Jesu Christi, d.h. nach seiner Verherrlichung und Inthronisierung zur Rechten Gottes, wie Apg 2,32 und auch Joh 7,39 bezeugt. Vor der Auferstehung Jesu Christi waren sie noch auf dem Boden Israels und des Gesetzes. Auch das Anhauchen durch den Herrn in Joh 20,22 ist noch nicht der eigentliche Empfang des Heiligen Geistes gewesen, wie wir oben schon gesehen haben. Es ging nur um eine zeichenhafte Stärkung bis zum eigentlichen Geistempfang, wie auch der Herr selbst ja in Joh 16,7 das Kommen des Geistes von Seiner Erhöhung in den Himmel abhängig macht (vgl. auch Apg 1,8).

Die Jünger vor Pfingsten können also niemals die falsche Lehre begründen, ein neutestamentlicher Gläubiger habe den Geist Gottes noch nicht richtig empfangen und brauche eine „zweite Geisteserfahrung“.

2. Ein weiteres beliebtes Beispiel sind die Johannesjünger in Ephesus in Apg 19,1-7. „Dort steht es doch!“, sagen sie uns: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“ „Also ist es doch möglich, daß du gläubig bist und den Geist noch nicht empfangen hast!“ Doch diese Frage stellte der Apostel, weil er erkannt hatte, daß mit diesen Jüngern etwas nicht stimmte. Sie waren nicht gläubig im neutestamentlichen Sinn und damit auch nicht wiedergeboren! Wie V. 4 zeigt, hatten sie nur die Lehren des Johannes, nicht aber das rettende Evangelium von Christus gehört. Sie waren also messiasgläubige Juden auf dem Stand vor Pfingsten, die in der Diaspora nichts von dem mitbekommen hatten, was sich in Jerusalem nach der Bußpredigt des Täufers ereignet hatte. Paulus verkündigt ihnen das Evangelium von Christus, sie werden gläubig und lassen sich taufen, und dann empfangen sie den Heiligen Geist durch Handauflegung des Apostels.

All dies sind heilsgeschichtliche Sondersituationen, aus denen in keiner Weise Schlußfolgerungen für die Gemeinde gezogen werden können. Es ist bezeichnend, daß die ebenfalls aus einem falschprophetischen Irrgeist entstandene Sekte der Neuapostolischen diese Stelle für ihre Irrlehre verwenden, nach der der „Geistempfang“ nur durch Handauflegung eines Apostels möglich sei!

Dagegen ist die Handauflegung hier wie auch in Samarien eine zeichenhafte Handlung: So wie die Apostel der Beschneidung Petrus und Johannes sich durch Handauflegung mit den gläubiggewordenen Samaritern einsmachen sollten, um die Einheit von Juden und Heiden in der Gemeinde Gottes zu bezeugen, so sollte Paulus, der Apostel der Heiden, sich durch die Handauflegung mit den gläubiggewordenen Juden einsmachen. In beiden Fällen war dies sicherlich auch eine zeichenhafte Bekräftigung von Seiten Gottes, daß Petrus und Johannes auch unter den Heiden Vollmacht und göttlichen Auftrag hatten, so wie Paulus unter den Juden.

Hier sollte vielleicht noch erwähnt werden, daß wir eine weitere Besonderheit in der Apostelgeschichte finden, die in der Lehre für die Gemeinde nicht mehr auftaucht und für die Gemeinde auch nicht gültig ist: Sowohl in Ephesus als auch in Jerusalem zu Pfingsten wird die Wassertaufe auf den Namen des Herrn Jesus Christus zur Bedingung für dem Empfang des Heiligen Geistes gemacht (Apg 2,38; Apg 19,5-6). Das ist ebenfalls eine heilsgeschichtliche Sondersituation, die sich daraus erklären läßt, daß die Juden, die als Volk Christus verworfen hatten, sich zuerst mit dem verworfenen Christus bewußt und zeugnishaft eins machen mußten, bevor Gott ihnen den Geist gab, während Gott bei den Heiden einen solchen Schritt nicht zur Voraussetzung machte (vgl. die Bekehrung des Kornelius).

Grundsätzlich müssen wir daraus lernen: Wir dürfen keine Lehren für die Gemeinde isoliert aus der Apostelgeschichte ableiten, die keine Lehrschrift, sondern der geschichtliche Bericht eines heilsgeschichtlichen Übergangs, einer einmaligen Sondersituation ist. In der Apostelgeschichte finden wir den Übergang vom Gesetz zur Gnade, von Israel zur Gemeinde, von den Juden zu den Heiden in Gottes Heilshandeln. Wir finden überaus wertvolle und lehrreiche Berichte über das Wirken der Apostel und die frühe Geschichte der Gemeinde, über manche Aspekte des Gemeindelebens und der Evangelisation. Aber die Lehre der Apostel für die Gemeinde ist uns in den Briefen gegeben.

 

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Die charismatische „Geistestaufe“ – der Schlüssel zu Vollmacht und geistlicher Kraft?

 

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Eine gute und übersichtliche Information über die verschiedenen falschen Lehren und Praktiken der Pfingst- und Charismatischen Bewegung erhalten Sie in dem Buch desselben Verfassers: Die Pfingst- und Charismatische Bewegung. Eine biblische Orientierung (Steffisburg: Edition Nehemia 2012; 200 S., Taschenbuch).

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