Eine Verteidigung des Textus Receptus gegen unbegründete Vorwürfe seiner Kritiker

 

 

Gegen die Aussage derjenigen bibeltreuen Christen, die im Textus Receptus den von Gott bewahrten Bibeltext des NT sehen, ist immer wieder ins Feld geführt worden, daß dieser Text ja offensichtliche Fehler sowie Lesarten ohne irgendwelche griechische Handschriftenbezeugung aufweise und deshalb gar kein bewahrter Text sein könne. Auch Erasmus wird immer wieder angegriffen und so dargestellt, als könne er unmöglich den zuverlässigen neutestamentlichen Text herausgebracht haben.

Diese Angriffe auf die Zuverlässigkeit des Textus Receptus sind schon recht alt und stammen aus dem Arsenal der Textkritik selbst, die mit ihrer Hilfe den überlieferten Text in Mißkredit brachte. Dennoch werden sie auch von vielen Gläubigen ins Feld geführt, die den kritischen Text für zuverlässig halten, und manche Gläubige werden durch sie verunsichert und haben deshalb Schwierigkeiten, dem Textus Receptus zu vertrauen. Deshalb verlangen sie eine geistlich begründete Widerlegung und Beantwortung, und das soll im folgenden versucht werden.

Dabei muß gesagt werden, daß in manchen Punkten ein genaueres Studium der Geschichte und der Einzelheiten des Textus Receptus wünschenswert wäre, das dem Verfasser aber aus Zeitgründen nicht möglich ist. Es könnten sicherlich noch weitaus mehr und genauer belegte Argumente zur Verteidigung des Textus Receptus angeführt werden.

Zunächst einmal sollten einige grundsätzliche Fragen geklärt werden, damit wir zu einem richtigen Verständnis des Textus Receptus kommen.

 

1. Der Textus Receptus ist ein von Gott bewahrter, zuverlässiger Text, aber seine Überlieferung kann nicht mit der Inspiration des Urtextes gleichgesetzt werden. Der Urtext der Heiligen Schrift ist Wort für Wort von Gott durch Seinen Geist eingegeben und völlig ohne menschlichen Irrtum, ohne Beimischung von Fehlern. Die Überlieferung dieses inspirierten Textes hat Gott jedoch nicht in Form eines übernatürlichen Vorganges bewirkt, so als wäre der Urtext irgendwo mit unauslöschlichen Goldbuchstaben in einen Felsen eingegraben, wo ihn jeder noch nach Jahrhunderten sehen und mit seinen Abschriften vergleichen könnte. Gott hat diesen Urtext auch nicht auf demselben unmittelbaren Weg Erasmus von neuem eingegeben, wie Er ihn Johannes oder Paulus eingegeben hatte.

Gott wählte den Weg, den Urtext durch getreue Abschriften, die von Menschen erstellt wurden, weiterzugeben. Es gefiel Ihm, den getreuen, zuverlässigen Text durch die wiedergeborenen Gläubigen zu bewahren, die Er durch Seinen Geist dazu leitete (2Tim 1,14), den wahren Text anzunehmen und den falschen zu verwerfen. Deshalb hat der Prozeß der göttlichen Bewahrung immer auch eine menschliche Seite, und deshalb ist er in seinem für uns Menschen sichtbaren Aspekt auch nicht frei von einzelnen Fehlern bzw. Unterschieden in der Textbezeugung zwischen verschiedenen Handschriften oder Textausgaben.

Das gilt für die von Gott bewahrte Überlieferung des traditionellen byzantinischen Textes: Wir finden dort eine bewundernswerte und ungewöhnlich genaue Übereinstimmung der Tausende verschiedener Handschriften in ca. 95% des Textes; dennoch gibt es auch einige Stellen, wo die Handschriften unterschiedliche Textformen bezeugen, von denen nur eine ursprünglich gewesen sein kann.

Dasselbe gilt für den Textus Receptus. Er erschien in mehreren aufeinanderfolgenden Ausgaben, von denen jede gewisse (äußerst geringfügige) Abweichungen von der anderen aufwies. Die erste Auflage enthielt eine größere Zahl von Druckfehlern, die in der 2. Auflage korrigiert wurden. Ab der dritten Auflage wurde das Comma Johanneum eingefügt. Die Herausgabe des erasmischen Textes durch Stephanus und Beza brachte auch geringfügige Veränderungen mit sich, so daß der Textus Receptus den Text des NT mit 99,99% Genauigkeit und Sicherheit überliefert; dennoch gibt es einige Stellen, an denen z.B. ein Bibelübersetzer entscheiden muß, welcher der verschiedenen Auflagen des Textus Receptus er folgen will.

Bibelübersetzer, die dem Textus Receptus folgen, gehen in der Regel von der Auflage Stephanus 1550 bzw. Beza/Elzevir 1598/1633 aus, da der Text in dieser Gestalt ausgereift vorliegt. Zwischen diesen Auflagen gibt es insgesamt 115 Variationen, von reinen Schreibweisen abgesehen. Davon sind 40 so geringfügig, daß sie für eine Übersetzung keine Rolle spielen. 60 beinhalten zwar Bedeutungsunterschiede, jedoch ohne Gewicht für den Sinn der Gesamtaussage. Lediglich 15 Unterschiede sind von einer gewissen geistlichen bzw. inhaltlichen Bedeutung. Dazu gehört etwa Röm 12,11, wo Stephanus und Luther haben: „Schicket euch in die Zeit“ [w. Dient der Zeit = kairo], während Beza/Elzevir mit den meisten Textus-Receptus-Bibeln haben: „Dient dem Herrn“ [= kyrio].

Wenn man bedenkt, daß die Zahl der Variationen zwischen verschiedenen textkritischen Ausgaben oder auch Handschriften manchmal in die Tausende geht, kann man sagen: Gottes Bewahrung hat den menschlichen Faktor in der Überlieferung des wahren Textes auf ein Minimum begrenzt. Dennoch ist diese Bewahrung nicht mit einer 100% eindeutigen übernatürlichen Überlieferung gleichzusetzen. Die völlige Festlegung der Textus-Receptus-Überlieferung auf einen 100% verbindlichen Text ist nur möglich, wenn man, was vom Glaubensstandpunkt aus durchaus logisch und legitim ist, die Textentscheidungen der weitaus bekanntesten und verbreitetsten Textus-Receptus-Bibel zum Vorbild nimmt, die der King James Version. Deren Text ist in der Ausgabe der Trinitarian Bible Society zugänglich.

Dieser Punkt ist wichtig zu verstehen, weil einige Gegner des Textus Receptus den Befürwortern unterstellen, sie würden den Textus Receptus für einen „inspirierten“ Text halten, der ja dann „unfehlbar“ sein müsse, und daß das Auftreten von geringfügigen Fehlern oder Unterschieden in der Überlieferung den Textus Receptus bereits als von Gott bewahrten Text disqualifiziere. Gottes Bewahrung hat im AT wie im NT für einen zuverlässigen, feststehenden, klaren Text gesorgt, aber das schließt nicht aus, daß Gott in beiden Fällen ein gewisses menschliches Element zugelassen hat, das sich in geringfügigen Unsicherheiten im Bereich von 0,01% oder weniger des Textes äußert.

 

2. Der Textus Receptus hat also nach Gottes weiser Führung eine menschliche Seite, die ihn für den Menschenverstand zur Torheit macht und seinen Wert nur dem Auge des Glaubenden enthüllt. Weit davon entfernt, ihn deshalb als wertlos zu verwerfen, darf der Glaubende darüber nachsinnen, weshalb Gott dies in Seiner Allmacht und Weisheit so geführt hat. Es wäre ja für den Allerhöchsten ohne weiteres möglich gewesen, Seiner Gemeinde den Text Seines Wortes 100% rein vom Himmel her zu offenbaren, so daß keinerlei Unsicherheit möglich gewesen wäre.

Wir werden diesen Punkt weiter unten noch einmal aufgreifen, aber soviel sollten wir hier festhalten: Gott hat Seine guten Gründe gehabt, und diese zielen sicherlich vor allem darauf, den hochmütigen Menschenverstand zu demütigen und auf die Probe zu stellen. Angesichts der menschlichen „Schwachpunkte“ im Textus Receptus nimmt die rationalistische Menschenweisheit Anstoß an diesem Text und behandelt ihn verächtlich, als Torheit. Sie strebt weg von diesem gegebenen Text, um sich aus der Flut von Lesarten in den Handschriften ihren eigenen Text nach Gutdünken auszuwählen.

Dagegen darf der Glaube trotz dieser „Schwachpunkte“ Gottes bewahrende Hand in diesem Text sehen und die „Schwierigkeiten“ auf eine geistliche, demütig auf den Herrn hörende Art und Weise zu lösen suchen. So sollte es mit den „schwierigen Stellen“ im hebräischen Masoretischen Text geschehen, die ungläubige und gläubige Textkritiker zu eigenmächtigen „Verbesserungen“ im überlieferten Text verleitet haben. So sollte es auch mit den wenigen Stellen geschehen, an denen der griechische Textus Receptus vom rein menschlich-verstandesmäßigen Standpunkt aus gesehen, auf schwachen Füßen zu stehen scheint.

Diese Stellen sind von Gott zugelassen, weil es so sein Wille ist: „Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen“ (1Kor 1,19). Gott will das nehmen, was in den Augen der Welt töricht, schwach und unedel ist, und damit das Weise, Starke und Edle der Welt zuschanden zu machen. Gott gefällt es, dem demütig Glaubenden das zu offenbaren und zu schenken, was dem hochmütigen Menschenverstand verächtlich und verwerfenswert erscheint.

Wenn wir diesen geistlichen Grundsatz, der uns in den ersten beiden Kapiteln des 1. Korintherbriefes so deutlich vor Augen geführt wird, nicht betend bedenken und selbst allen intellektuellen Hochmut, allen Verstandesdünkel und alle Vernunftschlüsse in den Tod geben, sie kreuzigen samt allen unseren Lüsten und Begierden nach akademischem Ansehen und Reputation vor der Welt, dann werden wir an der von Gott bewahrten Textüberlieferung vorbeigehen und Beraubung und Schaden erleiden.

 

 

1. Einige Fakten zur Entstehung des Textus Receptus

 

 

a) Die Complutensische Polyglotte (1514/22)

 

Anfang des 16. Jh., am unmittelbaren Vorabend der Reformation, kam es zum ersten Mal zu konkreten Bestrebungen, den Text des griechischen Neuen Testaments in einer gedruckten Ausgabe zu veröffentlichen. Den Anfang machte der spanische katholische Kardinal Ximenez mit einem monumentalen Werk, der sogenannten Complutensischen Polyglotte (d.h. der in Alcalá [= lat. Complutium] erschienenen mehrsprachigen Bibelausgabe).

Diese aufwendig gestaltete Ausgabe wurde aufgrund einer ganzen Reihe griechischer Handschriften und unter der Mithilfe zahlreicher Gelehrter der Universität von Alcalá unter Führung von Stunica zusammengestellt. Interessanterweise bezeugt sie ebenfalls im wesentlichen den byzantinischen Mehrheitstext und geht an vielen Stellen mit dem Textus Receptus konform. Sie enthält das Comma Johanneum.

Obwohl der neutestamentliche Band V schon 1514 gedruckt wurde (das AT erschien später), konnte er wegen der zurückgehaltenen päpstlichen Druckerlaubnis erst 1522 verbreitet werden. Geistlich gesehen ist deutlich, daß es nicht Gottes Plan entsprach, diese ganz im Schoß der katholischen Kirche entstandene gelehrte Ausgabe zur Grundlage der reformatorischen Bibeln zu machen. Sie war mit einer Auflage von 600 Exemplaren ohnenhin nur der Kirchenhierarchie und einigen wenigen reichen Privatgelehrten zugänglich.

 

b) Die Pionierausgabe des überlieferten Textes von Erasmus (1516/1535)

 

1516 erschien, in etwa 10 Monaten vorbereitet, die erste auch wirklich verbreitete Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, herausgegeben von dem Gelehrten Erasmus (siehe kurze Lebensschilderung unten), gedruckt in 1.200 Exemplaren von dem bekannten Drucker Johann Froben in Basel. Grundlage waren unmittelbar einige Handschriften aus der byzantinischen Textüberlieferung, die Erasmus in Basel zur Verfügung standen.

Diese Ausgabe ist unter ziemlichem Zeitdruck entstanden und wies daher einige Druckfehler auf. Dennoch beruht sie auf den jahrelangen Vorarbeiten des Erasmus, und die einseitig negative Darstellung vieler Befürworter der Textkritik verkennt die enorme Pionierleistung dieses Werkes – und auch seine geistliche Bedeutung angesichts der Tatsache, daß knapp eineinhalb Jahre nach seinem Erscheinen die Reformation beginnen sollte. Gott hatte seine Hand auch über dieser Erstausgabe.

Die zweite Auflage des griechischen Textes von Erasmus erschien im Jahr 1519 in 2.100 Exemplaren. In dieser Ausgabe, die Luther sehr wahrscheinlich für die Übersetzung seines Neuen Testaments in Deutsch 1522 benutzte, hatte Erasmus die Druckfehler aus der ersten Auflage korrigiert und auch einige andere Korrekturen vorgenommen. In die dritte Auflage von 1522 wurde dann das Comma Johanneum aufgenommen. In der 4. Auflage von 1527 gab es noch einmal einige Korrekturen, u. a. am Text der Offenbarung; Erasmus hatte hierbei die Complutensische Polyglotte mit berücksichtigt. Die letzte Auflage zu seinen Lebzeiten erschien 1535.

Die Herausgabe des NT durch Erasmus ist ein Ereignis von einschneidender und gewaltiger geistlicher Bedeutung für die ganze Reformation. Zuvor war auch für die wahren Gläubigen, die sich gegen die katholische Kirche aufbäumten, nur der Bibeltext der Vulgata verfügbar gewesen. Noch Wycliff hatte seine segensreiche Übersetzung der Bibel ins Englische nach der Vulgata machen müssen. Nun waren die Voraussetzungen für eine wirklich zuverlässige, auf dem von Gott bewahrten Grundtext in den Ursprachen Hebräisch und Griechisch beruhende Bibelübersetzung gegeben.

Ohne die Ausgabe des Erasmus wäre weder die Lutherbibel noch die etwas später erschienene Zürcher Bibel (Froschauer-Bibel 1536; NT zuerst 1524) denkbar gewesen; auch Tyndales Übersetzung des NT von 1526 (die für die spätere King James Version grundlegend war) beruht auf diesem Text.

 

c) Die ausgereiften Ausgaben des Textus Receptus von Stephanus, Beza und Elzevir

 

Das Werk von Erasmus fand rasch weite Verbreitung in ganz Europa und führte auch zu einigen Nachdrucken. Für die inzwischen sich entwickelnde Reformation und die reformatorischen Bibelübersetzungen war es von großer Bedeutung, daß ein erfahrener Drucker und kundiger Herausgeber von Bibeltexten, der gläubige Franzose Robert Estienne (1503-1559), durch Gottes Fügung für die weitere Betreuung des Textus Receptus zur Verfügung stand.

Estienne (lat. Stephanus) war zunächst Drucker in Paris. Dort druckte er auch seine ersten drei Ausgaben des griechischen NT (1546, 1549 und 1550), wobei er den Text von Erasmus im wesentlichen unverändert übernahm und nur an einigen Stellen korrigierte. Die Ausgabe von 1550 gilt vielfach als die Standardausgabe des Textus Receptus. Stephanus zog sich den Zorn der kirchlichen Hierarchie Frankreichs zu und floh im Jahr 1552 nach Genf, wo er sich zum reformatorischen Glauben bekannte, den er schon vorher angenommen hatte. Dort erschien auch 1551 seine vierte Ausgabe des NT.

Die folgenden Ausgaben des Textus Receptus wurden von Theodor Beza (1519-1605) in Genf herausgegeben, der ein bibelkundiger Gelehrter und einer der führenden französischsprachigen Reformatoren in der Schweiz war. Er führte den Text von Stephanus mit wenigen Änderungen weiter und brachte damit den von Gott bewahrten und überlieferten Text sozusagen zu seinem Reifestadium. Er brachte 4 große Auflagen des Textus Receptus heraus (1565, 1582, 1588, 1598), daneben 6 im kleineren Oktavformat.

Die Ausgabe von 1598 diente den Übersetzern bzw. Bearbeitern der King-James-Bibel wahrscheinlich als hauptsächliche Textvorlage. Auch andere bedeutende Übersetzungen wie die Statenvertaling, die Diodati-Bibel oder die Reina-Valera dürften hauptsächlich von diesen Ausgaben Bezas übersetzt worden sein.

Die letzten prägenden Ausgaben des Textus Receptus wurden von den Brüdern Abraham und Bonaventura Elzevir im niederländischen Leiden herausgebracht. Sie übernahmen den Text Bezas ohne nennenswerte Änderungen und verbreiteten ihn in insgesamt sieben Ausgaben, wobei besonders die ersten beiden, 1624 und 1633, in die Textgeschichte eingingen.

 

 

2. Erasmus als Werkzeug von Gottes Vorsehung

 

 

Die Kritik der Textkritiker am Textus Receptus richtet sich meist auch gegen die Person seines ersten Herausgebers, des Gelehrten Erasmus von Rotterdam. Die bahnbrechende Arbeit dieses Mannes, der für uns Gläubige auf jeden Fall Gottes Werkzeug war (wie immer man zu ihm stehen mag), wird leider oft in einer schiefen, einseitigen Perspektive dargestellt. Was wir in den üblichen Werken der Textkritik (und auch in den Äußerungen vieler evangelikaler Autoren) über ihn finden, ist dazu angetan, Zweifel an der Verläßlichkeit des von ihm herausgegebenen Texts zu wecken. Doch dieses Bild ist verzerrt, und ich will versuchen, es in einigen Punkten richtigzustellen.

 

a) Zur Person von Erasmus

 

Vorab erst einmal etwas Grundsätzliches: Wir können als Befürworter des Textus Receptus nicht beweisen, daß Erasmus gläubig war (genausowenig können die Gegner des Textus Receptus das Gegenteil beweisen). Ich persönlich gehe davon aus, daß er es war. Aber das ist keine Voraussetzung für unseren Glauben, daß Gott ihn gebrauchte, um Seinen bewahrten Text des NT der Gemeinde zu geben.

Die Rabbiner und Schriftgelehrten, die der Gemeinde den überlieferten, von Gott bewahrten Text des AT gaben, waren mit Sicherheit ungläubig und sogar fanatische Christusgegner, und doch hat sie Gott souverän gebraucht, um uns den Masoretischen Text zu geben. Der Text des Erasmus wurde auch erst im eigentlichen Sinn zum „Textus Receptus“ (zu dem von allen anerkannten Text der Reformation), als er von Stephanus und Beza weiter betreut wurde, die beide unbestritten gläubig waren.

Noch ein Zeugnis zum Glauben von Erasmus, das vielleicht einen Gegenpol setzen kann zu den Zitaten, die seine Gegner in polemischer Absicht aus seinen Schriften heranziehen. Es stammt aus der Schrift „Über die Vorbereitung auf den Tod“:

„Wir sind des Sieges über den Tod, das Fleisch, die Welt und den Teufel versichert. Christus verspricht uns Vergebung der Sünden, hundertfache Frucht in diesem Leben und danach ewiges Leben. Und aus welchem Grund? Um unserer Verdienstes willen? Nein, gewiß nicht, sondern durch die Gnade des Glaubens, die in Jesus Christus ist. Wir sind umso sicherer gerettet, weil er zuerst unser Arzt ist. Er überwand Adams Fall, nagelte unsere Sünden an das Kreuz, besiegelte unsere Erlösung mit seinem Blut, und das alles wurde durch die Zeugnisse der Propheten, Apostel, Märtyrer, Jungfrauen und durch die allgemeine Kirche der Heiligen bestätigt. Er fügte das Siegel des Geistes hinzu, damit wir nicht in unserer Zuversicht schwanken… Was können wir kleinen Würmchen aus uns selbst tun? Christus ist unsere Rechtfertigung. Christus ist unser Sieg. Christus ist unsere Hoffnung und Sicherheit. „Uns ist ein Kind geboren.“ Uns, für uns geboren, für uns gegeben. Er ist es, der uns lehrt, der unsere Krankheiten heilt, Dämonen austreibt, für uns Hunger und Durst leidet, heimgesucht wird, Todesqualen erduldet, Blut schwitzt, für uns besiegt, verwundet, tot und wieder auferweckt, sitzend zur Rechten Gottes, des Vaters.“

Ein weiteres Zitat aus einer anderen Schrift des Erasmus, die an junge Schüler gerichtet war:

„Wer ist in der Geschichte der Welt Jesus gleich, der unsagbar und unbegreiflich Gott aus Gott ist, vor Anbeginn aller Zeit geboren, ewig und vollkommen gleich seinem ewigen und erhabenen Vater? Stellt nicht seine menschliche Geburt die aller Könige in den Schatten? Durch den Willen des Vaters und den Hauch des Geistes wurde er von einer Jungfrau geboren, ein Mensch in der Zeit und doch Gott, unbefleckt von unserer Verderbtheit. Wer ist reicher als er, der alles schenkt und doch nicht ärmer wird? Wer ist erhabener als der Glanz der Herrlichkeit des Vaters, der jeden Menschen, der in die Welt kommt, erleuchtet? Wer ist gewaltiger als er, dem der Vater Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben hat? Wer ist mächtiger, als der mit einem Wink das Universum hervorrief, auf dessen Geheiß die See still wird, das Aussehen der Dinge sich ändert, Krankheiten weichen, Bewaffnete auf ihr Angesicht fallen, Teufel ausgetrieben werden, Felsen sich spalten, Tote lebendig werden und alles neu wird? Wer ist erhabener als der, den die Engel anbeten und vor dem die Teufel zittern? Wer unbesiegbarer, als der durch seinen Tod den Tod überwand und des Satans Tyrannei und Himmelskraft zerbrach? Wer triumphierender, als der die Hölle besiegt und im Geleit frommer Seelen als Sieger in den Himmel einzog, wo er zur Rechten Gottes, des Vaters, sitzt? Wer ist weiser, als der das Universum schuf und in Harmonie regiert? Hat jemand größere Autorität als der, von dem der Vater sagte: ‚Dies ist mein lieber Sohn. Höret ihn!’? Wen sollten wir mehr fürchten als den, der Körper und Seele in die Hölle werfen kann? Wer ist schöner als der, dessen Antlitz zu schauen höchste Freude ist? Wer ist älter als der, der keinen Anfang und kein Ende hat? Aber vielleicht stellen die Knaben sich ihn lieber als Kind vor, wie er in Windeln in der Krippe lag, wie die Engel sangen, die Hirten anbeteten, die Tiere ihn erkannten, der Stern anzeigte, wo er lag, wie Herodes zitterte, Simeon ihn in die Arme nahm, Hanna prophezeite. O demütige Erhabenheit, o erhabene Demut! Wie können Gedanken seine Größe erfassen oder Worte ausreichen, sie auszudrücken? Besser ist es, anzubeten als zu erklären. Was sollen denn wir tun, wenn ein Johannes der Täufer, jener große Vorläufer, sich für unwürdig hielt, die Riemen seiner Schuhe zu lösen? Strebt danach, meine lieben Knaben, zu Füßen Jesu, des Lehrers, zu sitzen.“

Erasmus war ein vielschichtiger Mensch, der es oft vermied, seine Überzeugungen ganz klar auszudrücken und auszuleben. Einerseits gibt es von ihm Äußerungen, die andeuten, daß er die Rettung aus Gnade durch Christus allein ergriffen hatte, andererseits finden wir Äußerungen, in denen er noch in vielen Irrtümern der katholischen Kirche gefangen erscheint.

Manche Äußerungen von ihm, die heutige Kritiker anführen, können entweder Ironie oder Schutzbehauptungen enthalten, denn Erasmus war kein Mann des offenen Kampfes und des todesmutigen Bekenntnisses wie Luther. Er griff die katholische Kirche wegen vieler Mißstände genauso scharf an wie die Reformatoren, aber er weigerte sich, völlig mit ihr zu brechen und kritisierte auch die Reformatoren. Ein Schlüssel für seine Haltung scheint mir seine eher innerlich-mystische Prägung durch die „Brüder vom gemeinsamen Leben“ zu sein.

Es ist deshalb nur eine einseitige Wiedergabe der Wirklichkeit, wenn gesagt wird, Erasmus sei ein „katholischer Theologe“ und ein „überzeugter Anhänger der katholischen Kirche“ gewesen. Die Lehren des Erasmus standen in scharfem Gegensatz zur offiziellen katholischen Theologie, so daß seine Werke über lange Jahre teilweise auf dem Index standen. Daß Erasmus behaftet war mit allen möglichen Elementen katholischer und philosophisch-rationalistischer Irrtümer, ist wahr – nur wird man ihm und seiner Zeit damit nicht gerecht. Auch Luther und die anderen Reformatoren hatten noch starke Einflüsse dieser Art in ihrem Denken; auch Luther zweifelte z. B. an der Echtheit des Jakobusbriefes oder der Offenbarung – dennoch war er ein Werkzeug Gottes.

Erasmus hatte jedenfalls weitaus mehr Gottesfurcht und Achtung vor dem geoffenbarten Wort Gottes als die allermeisten seiner textkritischen Nachfolger. Er war bei allen Schwächen seines Charakters und seiner Anschauungen vermutlich besser als irgend jemand sonst in jenen Jahren vor der Reformation ausgerüstet, um eine für weite Kreise in ganz Europa vertrauenswürdige und autoritative Ausgabe des Neuen Testaments herauszugeben. Was von seinen im Format sicherlich nicht gleichwertigen Fachkollegen heute gerne heruntergespielt wird, ist die Tatsache, daß Erasmus zu seiner Zeit einer der fähigsten Gelehrten und Herausgeber von alten Texten war und deshalb sehr gut für die Aufgabe geeignet war, die Gott ihm anvertraute.

Was ihn anläßlich der Herausgabe des Neuen Testaments bewegt hat, teilt er uns in seiner Vorrede zur ersten Ausgabe mit:

„Ich bin ganz und gar nicht der Meinung derer, die nicht wünschen, daß die Heilige Schrift von Laien in der Volkssprache gelesen werde, so als ob Christus so dunkel gelehrt hätte, daß ihn kaum die wenigen Theologen verstehen (…) Ich wünschte, alle Frauen läsen das Evangelium, läsen die paulinischen Briefe. Wenn sie doch in alle Sprachen übersetzt wären, so daß nicht nur die Schotten und Iren, sondern auch die Türken und Sarazenen sie lesen und verstehen könnten! (…) Mögen sich doch die Gespräche aller Christen darum drehen!“

Wenige Jahre später begann dieser Wunsch Wirklichkeit zu werden, und das Werk des Erasmus war selbst ein entscheidender Schritt dorthin. Sehen wir darin Gottes Vorsehung am Werk? Oder ist das alles nur … Zufall? Ich möchte das Zeugnis eines gläubigen Geschichtsschreibers anschließen, der in diesen Dingen noch nicht durch die einseitige Voreingenommenheit späterer Autoren geprägt war:

„Unter der gnädigen, leitenden Hand Dessen, der das Ende von Anfang an sieht, verwandte Erasmus seine hohen Gaben und ausgedehnten Kenntnisse auf die Herstellung einer kritischen Ausgabe des griechischen Textes des Neuen Testaments. Dieses Werk erschien 1516 in Basel, ein Jahr vor dem denkwürdigen Tage, an welchem Luther seine berühmten Thesen gegen den gottlosen Unfug des Ablaßhandels an die Tür der Wittenberger Kirche anschlug und damit sein großes, welterschütterndes Werk begann. Dem griechischen Text war eine lateinische Übersetzung beigegeben, in welcher viele Fehler der Vulgata verbessert waren. Dies war in der Tat in jenen Tagen ein gewagtes Unternehmen. Von vielen Seiten erhob sich ein großes Geschrei gegen eine solche gefährliche Neuerung. ‚Sein Neues Testament wurde angegriffen’, schreibt Robertson; ‚weshalb sollte die Sprache der griechischen Schismatiker der geweihten und überlieferten lateinischen Sprache Eintrag tun? Wie konnte an der Vulgata irgendwelche Verbesserung vorgenommen werden? In Cambridge gab es ein Kollegium, das auf seinen theologischen Charakter besonders stolz war; es erlaubte nicht, daß ein einziges Exemplar des neuen Buches Eingang bei ihm fand. Doch der Herausgeber besaß in dem Namen des Papstes Leo ein treffliches Schutzmittel; er hatte diesem Papst sein Werk gewidmet, und Leo hatte die Widmung angenommen.’ Außerdem standen die mächtigsten Fürsten Europas und sogar eine Anzahl von Prälaten auf seiner Seite. Erasmus fühlte sich dadurch vollkommen gesichert und fuhr furchtlos fort, sein großes Werk zu vollenden. Es war in der Tat Mut dazu nötig. Denn die Unverletzlichkeit und Treue der Vulgata anzutasten, galt als ein großes Verbrechen in den Augen der ganzen römischen Christenheit. Ihre ausschließliche und unumschränkte Autorität ging dadurch verloren. (…) Über die Veröffentlichung des griechischen Textes des Neuen Testaments bemerkt Merle d’Aubigné: ‚So tat Erasmus für das Neue Testament, was Reuchlin für das Alte getan hatte. Jetzt konnten die Theologen das Wort Gottes in den Ursprachen lesen und so auch später die Reinheit der reformatorischen Lehren erkennen . . . Das Neue Testament des Erasmus verbreitete ein helles Licht. Seine Umschreibung der Episteln und der Evangelien Matthäi und Johannis, seine Ausgaben des Cyprian und des Hieronymus, seine Übersetzungen von Origenes, Athanasius und Chrysostomus, sein ‚System wahrer Theologie’, sein ‚Prediger’, seine Kommentare über mehrere Psalmen trugen mächtig dazu bei, den Geschmack an dem Worte Gottes und an der lauteren Theologie zu verbreiten. Die Wirkung seiner Arbeiten ging weit über seine Absicht hinaus. Reuchlin und Erasmus gaben die Bibel den Gelehrten wieder in die Hand, Luther aber gab sie dem Volke.’ Die Kette der Zeugen ist somit vollständig. Wessel, Reuchlin und Erasmus bilden die letzten bedeutenden Bindeglieder zwischen dem großen deutschen Reformator und der langen Reihe früherer Zeugen, in denen die Gnade Gottes sich verherrlichte. Diese Kette reicht von den Zeiten der Apostel, oder wenigstens von den Tagen Konstantins, ununterbrochen hin bis zu Luther, dem teuren Manne Gottes. Der Weg war jetzt bereitet für die große Umwälzung, die unmittelbar bevorstand.“

 

b) Hatte Erasmus die Herausgabe des Textus Receptus ohne richtige Vorbereitung unternommen?

 

Erasmus lehrte Anfang des 16. Jh. u. a. Griechisch in Cambridge und war sicherlich um 1516 ein sehr guter Kenner dieser Sprache. Schon früh beschäftigte er sich intensiv mit dem Neuen Testament und mußte auch ausgedehnte Handschriftenstudien betrieben haben, da er ca. 1505-1506 an einer lateinischen Übersetzung des NT aus dem Griechischen arbeitete.

Seine weiten Reisen brachten ihn in Kontakt mit vielen humanistischen Gelehrten, und seine ausgedehnte Herausgebertätigkeit (u. a. Ausgaben der bedeutendsten „Kirchenväter“) brachte ihm reiche Erfahrung im Umgang mit alten Texten und Handschriften ein. So wurde er durch Gottes Vorsehung ausgezeichnet auf seine große Aufgabe vorbereitet, die er selbst im Nachhinein auch als sein wichtigstes Werk ansah: die Herausgabe des griechischen Neuen Testaments.

Diese Fakten werden in den parteiischen Darstellungen der Textus-Receptus-Gegner oft unterschlagen. Ganz besonders ist es unrichtig, wenn Erasmus immer wieder unterstellt wird, er habe sich völlig willkürlich nur auf die eben „zufällig“ in Basel vorhandenen Handschriften gestützt.

Tatsache ist, daß Erasmus mit Sicherheit schon viele Jahre zuvor bei seinen Reisen griechische Handschriften des NT gesehen und, da er eine lateinische Übersetzung aus dem Griechischen anfertigte, auch ausgewertet hat (z. B. durch Niederschrift wichtiger Passagen daraus). Für diese lateinische Übersetzung mußte er schon 10 Jahre vor der Herausgabe des Textus Receptus einen festgelegten griechischen Text erarbeitet haben – sonst hätte er nicht übersetzen können! Die Anmerkungen von Erasmus zeigen auch, daß er die wichtigsten alexandrinischen Lesarten durchaus kannte, aber für seine Textausgabe verwarf.

Der englische Textforscher des 19. Jh. F. H. A. Scrivener ist m. W. einer der ganz wenigen, die diese Tatsachen erwähnen: „Jahre vor dieser Zeit [vor Frobens Ruf an Erasmus, das NT herauszugeben, RE] hatte Erasmus zahlreiche Anmerkungen vorbereitet, um eine revidierte lateinische Übersetzung zu veranschaulichen, die er seit langer Zeit vorbereitet hatte.“ Bei den Anmerkungen handelte es sich um Verweise auf den griechischen Grundtext, zu denen Erasmus griechische NT-Handschriften studiert haben muß. Scrivener erwähnt auch, daß Erasmus „in seinen Anmerkungen [zum griechischen und lateinischen NT, RE] nicht selten auf andere Handschriften verweist, die er im Laufe seiner Reisen gesehen hatte“ .

Erasmus sagt in seiner Vorbemerkung zur Ausgabe von 1516 ausdrücklich von sich, daß er „so viele griechische und lateinische Handschriften, so viele berühmte Autoren [d.h. „Kirchenväter“, deren NT-Zitate bis heute eine wichtige Quelle für die Bewertung von Lesarten sind, RE] zu Rate gezogen hat“. Diesen Hinweis kann man nicht ohne Beweise als bloße Prahlerei abtun. Nach dem humanistischen Gelehrtenverständnis, dem Erasmus ja voller Überzeugung huldigte, war ein solches Vorgehen auch selbstverständlich. Es muß also davon ausgegangen werden, daß Erasmus über eigene oder von anderer Hand zur Verfügung gestellte Aufzeichnungen Zugang zu zahlreichen Handschriftenzeugnissen hatte.

Die grundsätzliche Entscheidung des Erasmus für den byzantinischen Mehrheitstext war also mit Sicherheit nicht nur durch die in Basel vorhandenen Handschriften begründet. Erasmus hatte gewiß schon vorher erkannt, daß verschiedene Handschriften unterschiedliche Lesarten aufwiesen, und er war zu der von Gott geleiteten Schlußfolgerung gekommen, daß die byzantinische Überlieferung den zuverlässigen Text darstellte.

Ähnlich dachten zu seiner Zeit übrigens viele von der Kirche innerlich unabhängige Gelehrte. Vielleicht auch unter dem Einfluß des berühmten Gelehrten Lorenzo Valla, der die Vulgata mit den griechischen Handschriften der byzantinischen Überlieferung verglichen hatte, waren viele zu der Überzeugung geraten, daß die katholische Kirche Verfälschungen und Verderbnisse in ihrer lateinischen Bibelübersetzung hatte, während die byzantinischen Mehrheitstexthandschriften eine bessere, zuverlässige Überlieferung enthielten.

 

c) Hat Erasmus bei der Zusammenstellung des Textus Receptus schludrige Arbeit geleistet?

 

Daß Erasmus bei der Herausgabe der ersten Ausgabe des Textus Receptus unter Zeitdruck stand, ist unbestritten, und er hat es auch nicht beschönigt. Dennoch ist mit nichts bewiesen, daß dies auch seine Textentscheidungen selbst betroffen hätte. Diese Textentscheidungen sind ja mit großer Wahrscheinlichkeit, wie oben erwähnt, großenteils schon Jahre vorher bei der Arbeit an seiner lateinischen Übersetzung gefallen.

Objektiv beweisbar ist die Tatsache einer großen Zahl von Druckfehlern. Wenn man die damals verwendete griechische Schrifttype kennt und berücksichtigt, daß die Schriftsetzer selbst wahrscheinlich kein Griechisch konnten, darf man annehmen, daß diese Fehler in erster Linie auf den Schriftsatz zurückgehen und aus Zeitnot nicht mehr ausreichend korrigiert werden konnten (Korrektor war übrigens laut Scrivener Oekolampatius und nicht Erasmus selbst).

Daß Erasmus, wie man in jeder Darstellung lesen kann, die letzten Verse der Offenbarung für seine Erstausgabe vom Lateinischen rückübersetzt hat, ist für die Verhältnisse der damaligen Zeit nicht so ungeheuerlich, wie es heute hochgespielt wird. Es wäre sicherlich nicht einfach und sehr zeitraubend gewesen, eine andere Handschrift der Offenbarung zu bekommen (sie sind auch heute recht selten und wurden damals nicht ohne weiteres von den Besitzern verliehen). Erasmus hat diesen Notbehelf offen zugegeben (ob das jeder heutige Wissenschaftler machen würde?) und später den Abschnitt entsprechend überarbeitet.

Es ist unredlich, wenn man die Qualität der ganzen, fünf Auflagen umfassenden Pionier-Textausgabe unter Hinweis auf die Fehler und Schwächen der Erstausgabe herabsetzen will. Dahinter steckt die parteiische Absicht der Textkritik, die Notwenigkeit ihrer kritischen Gegenausgaben zu „beweisen“!

 

d) Ist der Textus Receptus unglaubwürdig, weil Erasmus rationalistische und textkritische Einwände gegen seinen Text hatte?

 

Erasmus hat in einigen seiner Anmerkungen zum Text des NT bestimmte umstrittene Lesarten, die er im Text brachte, in Zweifel gezogen und verstandesmäßig darüber spekuliert, ob sie echt sein könnten. In eine ähnliche Richtung weisen auch seine Zweifel bezüglich der Echtheit der Offenbarung. Dazu muß man sagen, daß in dieser ersten Umbruchszeit solche Unklarheiten und Neigungen zum Spekulieren auch bei gläubigen Reformatoren wie Luther, Calvin und Beza vorkamen.

Erasmus war, wie viele andere in seiner Zeit, nicht unbeeinflußt von humanistischer Skepsis und den philosophischen Spekulationen der „Kirchenväter“ (wieviele heutige Evangelikale sind beeinflußt von Zeitgeistströmungen der heutigen Zeit?). Dennoch erlaubte er es sich nicht, aufgrund dieser Spekulationen in den überlieferten byzantinischen Text seiner Ausgabe einzugreifen, sondern gab den Text so wieder, wie es die bewahrte Überlieferung bezeugte.

Die Zweifel und Überlegungen des Erasmus stellen den Textus Receptus als bewahrten Text keineswegs in Frage – im Gegenteil, sie zeigt uns, wie Gottes Vorsehung über diesem Text gewacht hat! Gott leitete Erasmus und später auch Beza so, die entsprechenden Stellen dennoch unverändert im Textus Receptus zu belassen, obgleich diese Männer in ihren Anmerkungen z. T. Zweifel äußerten. Dieser Text war nicht ihr Text, sondern der von Gott gegebene Text, und Gott lenkte in Seiner Souveränität ihre Textentscheidungen selbst gegen ihre eigenen Vernunftschlüsse.

 

 

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Gottes bewahrtes Wort.

 

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