Die Zuverlässigkeit des Textus Receptus

 

 

Seit den Anfängen der „Textkritik“ betrieben ihre Befürworter eine gezielte Herabsetzung des Textus Receptus als des zuverlässigen, von allen Gläubigen angenommenen Textes des griechischen NT. Ganz offen sprechen Kurt und Barbara Aland von einer „Schlacht“ gegen den TR, von den „Bemühungen, von der Vorherrschaft des Textus receptus loszukommen“. Der von den Gläubigen angenommene Text mußte in Zweifel gezogen werden, das Vertrauen der Gläubigen in ihn mußte zerstört werden, damit die andersartigen alexandrinischen Textformen Einfluß gewinnen konnten, die die moderne Textkritik als die „besseren“ und „dem Urtext nächsten“ anpries.

Die Angriffe der ungläubigen Textkritiker verliefen auf zwei Ebenen: einerseits wurde die Herausgeberarbeit von Erasmus, dem ersten Herausgeber des Textus Receptus, in ein schiefes Licht gestellt, und andererseits wurde die byzantinische Mehrheitstextüberlieferung, die dem TR zugrundeliegt, als unzuverlässig dargestellt. Beide Argumentationslinien werden heute von den evangelikalen Verteidigern des „Nestle-Aland“-Textes getreulich nachvollzogen. Dabei ist ihnen nicht bewußt, daß sie hier die Glaubensüberzeugung ihrer bibeltreuen „Vorväter“ mit den vergifteten und verkehrten Waffen der Gegner des Glaubens attackieren.

 

Erasmus – der erste Herausgeber des Textus Receptus

 

Von den gläubigen Verteidigern der „Textkritik“ wird viel Aufhebens gemacht von den angeblichen „Schlampereien“, „Fehlern“ und „Übersetzungen aus der Vulgata“, die sich Erasmus zuschulden habe kommen lassen. Was ist an diesen Vorwürfen dran? Sie enthalten, was die erste Ausgabe des griechischen NT von Erasmus betrifft, einen Wahrheitskern.

Tatsächlich war Erasmus 1516 unter Zeitdruck, und ihm wie den Schriftsetzern unterliefen einige Fehler. Er selbst gab auch offen zu, daß er am Schluß der Offenbarung einige Verse, die in der von ihm benutzten griechischen Handschrift fehlten, aus dem Lateinischen rückübersetzt hatte, weil er so schnell keine andere Handschrift dafür beschaffen konnte (dies war damals auch viel schwerer als heute, und es gab weder Telefax noch Fotokopierer oder ähnliche Erleichterungen für Herausgeberarbeit).

Dennoch enthalten die Darstellungen des Erasmus, die ein Gegner des Textus Receptus zumeist vom anderen abschreibt, zumeist viele fahrlässige oder sogar bewußte Entstellungen der Wahrheit. Die Wahrheit ist, daß Erasmus die Fehler, die sich in seiner 1. Auflage fanden, in den folgenden Ausgaben korrigiert hat. Er arbeitete seine insgesamt fünf Auflagen immer wieder sorgfältig durch, verglich den Text mit weiteren Handschriften und verbesserte ihn.

An einigen Stellen behaupten seine Kritiker, er habe Fehler stehen gelassen, aber dies ist völlig unbewiesen, weil wir das Handschriftenmaterial, nach dem Erasmus arbeitete, heute gar nicht mehr in vollem Umfang kennen. Auf jeden Fall kannte Erasmus sehr viel mehr griechische Handschriften des NT (bzw. Auszüge davon), als nur die vier oder fünf aus der Bibliothek in Basel, von denen die Kritiker immer sprechen.

Insgesamt wird Erasmus (auch von den gläubigen Verteidigern der Textkritik) in ein möglichst schlechtes Licht gestellt. Man bezeichnet ihn z. B. als „katholischen Theologen“ und verdeckt damit die Tatsache, daß Erasmus, auch wenn er nie offen für die Reformation Partei ergriff, doch einer der schärfsten nichtreformatorischen Kritiker der katholischen Kirche war, so daß das Lesen seiner Schriften längere Zeit von der Kirche verboten wurde.

Wir können nicht mit Sicherheit sagen, ob er gläubig war, aber er ist trotz mancher Zwiespältigkeiten innerlich den Evangelischen näher gestanden als dem Papsttum. Erasmus trat zwar nie öffentlich aus der katholischen Kirche aus und war kein Reformator im eigentlichen Sinn, aber er geißelte die Abweichungen der Kirche von der Schrift; er war wesentlich gottesfürchtiger als die allermeisten modernen Textkritiker und achtete im Gegensatz zu ihnen die Bibel als Wort Gottes.

Erasmus hatte, als er 1516 den Textus Receptus herausgab, schon Griechisch an einer Universität unterrichtet, schon zahlreiche griechische Handschriften des NT studiert und eine lateinische Übersetzung des NT aus griechischen Quellen verfaßt. Er hatte auch schon mehrere Ausgaben antiker Kirchenschriftsteller herausgegeben und war insoweit bestimmt der beste Fachmann für eine Ausgabe des NT, der damals lebte. Es war sicherlich auch Gottes Weisheit, daß er keiner der rasch verfeindeten Parteien der Reformation angehörte, so daß der von ihm herausgegebene Text von Lutheranern, Calvinisten und Täufern gleichermaßen akzeptiert werden konnte.

Was auch zumeist verschwiegen wird, ist die Tatsache, daß sein Text von zwei erwiesenermaßen gläubigen evangelischen Gelehrten weitergeführt wurde (Stephanus und Beza), die ihn mit noch mehr griechischen Handschriften verglichen und weiter verbesserten. In dieser ausgereiften Form bildete er den zuverlässigen, von allen wahren Gläubigen anerkannten Text der Reformation, den auch wir Gläubige der Endzeit in der Gewißheit annehmen dürfen, daß er durch Gottes Bewahrung getreulich den Urtext wiedergibt.

 

Das Fundament des Textus Receptus – der byzantinische Mehrheitstext

 

Der Hauptangriffspunkt der ungläubigen Textkritiker gegen den Textus Receptus war seine Gründung auf den byzantinischen Text. Im überlieferten Text der Reformation findet sich keine einzige der gnostisch beeinflußten Verstümmelungen, die die alexandrinischen Handschriften durchziehen. Er gibt ein geschlossenes, strahlendes Zeugnis von der Gottheit und Herrlichkeit und dem Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus. Er ist in sich stimmig und klar.

Genau das erregte die Feindschaft der Gnostiker des 18. und 19. Jahrhunderts, die in ihrer Ablehnung der Gottheit Jesu Christi, des vollkommenen Sühnopfers und der göttlichen Autorität und Inspiration der Bibel sich ganz eins waren mit den Gnostikern der ersten nachchristlichen Jahrhunderte.

Dabei nutzten die Textkritiker die Tatsache aus, daß im feuchtwarmen Klima des Mittelmeeres so gut wie keine ganz alten Handschriften aus der byzantinischen Überlieferung überlebt haben (die damals alle auf Papyrus geschrieben waren), sondern nur spätere zuverlässige Abschriften der frühen byzantinischen Textzeugen. Die ältesten erhaltenen byzantinischen Textzeugen gehen auf das 5. Jh. zurück (wobei sich typisch byzantinische Textformen auch schon in einigen sehr alten ägyptischen Papyri finden).

Ab dem 5. Jh. hat die große Mehrzahl der erhalten gebliebenen Handschriften den byzantinischen Text, während der alexandrinische Text kaum noch eine Rolle spielt. Diesen Umstand schrieben die Textkritiker einem von ihnen frei erfundenen bewußten harmonisierenden redaktionellen Eingriff im 4. Jahrhundert zu, der sogenannten „Lukianischen Rezension“.

Damals seien die ursprünglichen widersprüchlichen, unorthodoxen Stellen aus der Originalüberlieferung von orthodoxen Kirchenleuten unter Führung des Lukian von Antiochien geglättet worden. Deshalb sei das gesamte Textzeugnis der byzantinischen Handschriften wertlos und zu verwerfen.

Diese Unterstellung ist zwar sehr listig und raffiniert ausgedacht, aber es fehlt jeglicher faktische Beweis für einen solchen bewußten Eingriff in den byzantinischen Text. Eine solche massive Veränderung des Bibeltextes wäre aus mehreren Gründen gar nicht möglich gewesen: Der zuvor überlieferte Text war ja im Kernland der apostolischen Gemeinden schon seit Generationen den Gläubigen eingeprägt und hätte durch einen Beschluß eines Konzils nicht ohne weiteres verändert werden können.

Eine einheitliche Durchsetzung eines neuen Textes wäre schon aufgrund der Zerrissenheit der Kirche in verschiedene Lehrströmungen und Fraktionen nicht möglich gewesen.

Schließlich hätte ein solches Treffen von autoritativen Bischöfen mit allen einhergehenden Debatten um den richtigen Text niemals ohne Spuren in der Kirchengeschichte geschehen können. Die alten Kirchenschriftsteller nahmen ja oft zu Fragen der Textüberlieferung Stellung (die meisten von ihnen zitieren übrigens überwiegend byzantinische Textformen); ein solches Konzil wäre von ihnen auf alle Fälle in ihrer Argumentation zum Für und Wider einer Textform angeführt worden.

Schließlich ist es absurd, eine angebliche orthodoxe Überarbeitung des NT gerade Lukian zuzuschreiben, einem Leugner der Gottheit Jesu Christi, dem Lehrer des Arius, der ja alles Interesse daran gehabt hätte, den alexandrinischen Text zur Norm zu machen, wenn er gekonnt hätte.

Die Theorie der „Lukianischen Rezension“ wird heute selbst von vielen Textkritikern verworfen. Dazu haben auch die Papyrusfunde mit beigetragen, die zeigten, daß typische „byzantinische“ Textformen auch schon im 2. und 3. Jahrhundert verbreitet waren und nicht erst im 4. Jh. künstlich erfunden worden sein konnten.

Die evangelikalen Gegner des Textus Receptus jedoch berufen sich fast alle heute noch auf diese falsche Theorie. Sie kommen ohne eine solche Unterstellung nicht ohne weiteres aus, weil es sonst keine für sie befriedigende Erklärung für die Einheitlichkeit und den weiten Einfluß des byzantinischen Textes gibt – außer der naheliegenden und offenkundig richtigen, daß dieser Text nämlich die zuverlässige Überlieferung der apostolischen Kerngemeinden darstellt, die bis ins 1. Jh. zurückreicht.

Der byzantinische Mehrheitstext war seit dem 1. Jahrhundert der überlieferte Text der Gläubigen in den Kerngebieten der apostolischen Urgemeinde – der von allen angenommene Text, so wie es in den Jahrhunderten nach der Reformation auch der Fall war! Das ist die einzige Erklärung dafür, weshalb dieser Text schon im 4./5. Jahrhundert eine solche Autorität und Verbreitung genoß.

Dies war nur möglich, weil er ein alter, ein bis zu den Ursprüngen gehender Text ist. Die Gläubigen hätten niemals einen „neuen“, frisierten Text angenommen. Nur ein alter, bewährter Text, der den Originalen und beglaubigten Abschriften entsprach, mit dem man ihn verglich, hatte das Vertrauen der Gläubigen. Deshalb mußten ja auch Anhänger von gnostischen und arianischen Irrlehren im byzantinischen Raum den alten byzantinischen Text benutzen, weil ein „neuer“ nicht akzeptiert worden wäre.

Der byzantinische Mehrheitstext, das dürfen die wahren Gläubigen festhalten, ist die von Gott bewahrte Überlieferungslinie, in der der wahre, unverfälschte Urtext den Gläubigen erhalten geblieben ist. Seine Geschlossenheit ist die Folge der göttlichen Inspiration, und seine Verbreitung die Folge der göttlichen Bewahrung für das Wort Gottes.

 

Der Textus Receptus ist die zuverlässige Wiedergabe von Gottes Wort!

 

Es ist daher in keinster Weise ein Irrtum von Erasmus, wenn er in seiner weltweit verbreiteten Ausgabe des griechischen NT am Vorabend der Reformation ausgerechnet den byzantinischen Mehrheitstext zur Grundlage nimmt. Er knüpft damit an die 1.500 Jahre lange Überlieferung des wahren apostolischen Textes an. Dabei wurde er, so dürfen wir Gläubige es erkennen, nicht von seinem begrenzten Menschenverstand geleitet, sondern von Gott selbst, der es auch so führte, daß ausgerechnet dieser Text zum weltweit von allen wahren Gläubigen anerkannten Text des NT wurde.

Wir Gläubigen dürfen Gottes Hand auch in der Reformation selbst sehen, bei allem Menschenwerk und Ungöttlichen, das mit darunter gemischt war. Daß das biblische Evangelium und die Heilige Schrift selbst klar auf den Leuchter gestellt und zu den Völkern gebracht wurde, sind die zwei wichtigsten Errungenschaften dieser Gnadenstunde im Handeln Gottes mit den Heidenvölkern.

Deshalb ist es nur folgerichtig, im Glauben damit zu rechnen, daß der lebendige, allmächtige Gott dafür gesorgt hat, daß die Reformatoren, die nun die Bibel in alle Sprachen des Abendlandes übersetzten, den zuverlässigen, bewahrten Text des AT und NT an die Hand bekamen.

Wenn die Verheißung Gottes, Sein Wort unverfälscht zu bewahren, von höchster Bedeutung war, dann zu jener bedeutsamen Zeit, als es erstmals wieder in Dutzenden von Sprachen unter Millionen von Menschen verbreitet wurde – nach Jahrhunderten der Finsternis und des Bibelverbots.

Gott hat Sein bewahrtes Wort nicht erst in der Zeit des Abfalls und der Bibelkritik ans Licht gebracht, durch Leute, die großenteils Seinen Sohn und Sein Heil leugneten und Feinde Gottes waren. Gott hat Sein wahres Wort nicht in der Bücherei des Vatikans versteckt (Codex Vaticanus) und schon gar nicht im Abfallkorb eines Klosters (Codex Sinaiticus).

Wir können auch nicht glauben, daß Gott sein Wort erst im 21. Jahrhundert durch Bemühungen um eine neue Ausgabe des Mehrheitstextes ans Licht bringt. Vom Standpunkt des Glaubens her ist der Textus Receptus die beste und einzig bewährte Ausgabe des überlieferten neutestamentlichen Textes.

Das gilt auch für die wenigen Stellen, an denen Erasmus, Stephanus und Beza unter Gottes Leitung einen Text veröffentlicht haben, der nicht von der Mehrheit der heute erhalten gebliebenen Handschriften bezeugt wird. Sie taten es auf das Zeugnis von damals verfügbaren griechischen Handschriften hin (und nicht aufgrund einer Übersetzung aus der lateinischen Vulgata, wie immer wieder ohne echten Beweis behauptet wird).

Solche Stellen, wie das berühmte Comma Johanneum in 1Joh 5,7-8, sind fast durchweg durch alte Kirchenschriftsteller und Übersetzungen als alte Textformen bezeugt und können durchaus in einer Mehrzahl früher byzantinischer Handschriften enthalten gewesen sein.

Die bibeltreuen Gläubigen in der letzten Zeit sollten sich deshalb von den listigen Vernunftschlüssen und Verleumdungen der ungläubigen Textkritik nicht verunsichern und beeinflussen lassen – auch nicht von der traurigen Tatsache, daß es viele Gebildete und Prediger in ihren eigenen Reihen gibt, die solche Angriffe auf den überlieferten Text der Reformation übernehmen und die Befürworter des Textus Receptus z. T. scharf angreifen.

Wir dürfen auch und gerade heute im Glauben an Gottes Treue und Seine stets wirksame Bewahrung für Sein Wort den Masoretischen Text des AT und den Textus Receptus des NT als zuverlässige, von Gott bestätigte Grundtextbasis unserer Bibeln annehmen und jedes dagegen gerichtete „Sollte Gott gesagt haben?“ entschlossen zurückweisen.

 

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Der zuverlässige Text des Neuen Testaments. Der Textus Receptus und die Veränderungen in den modernen Bibeln.

 

 

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