Der Standpunkt des Glaubens an die bewahrte Textüberlieferung der Heiligen Schrift

 

 

1. Die Wichtigkeit eines zuverlässigen, bewahrten Bibeltextes für die gläubige Gemeinde

 

Für jeden wahren Gläubigen ist die Heilige Schrift, Gottes inspiriertes Wort, ein Schatz von unermeßlichem Wert. Die Bibel ist die Grundlage unseres Glaubens, das Wort, in dem Gott sich selbst geoffenbart hat, Seinen Weg der Errettung, Seinen geliebten Sohn, Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Retter, und den Weg des Glaubensgehorsams für alle Gotteskinder. Auf diesem festen, zuverlässigen Gotteswort ruht unser ganzer Glaube, die Gewißheit unseres Heils in Christus, unsere Hoffnung auf die zukünftige Herrlichkeit. Dieses Wort ist uns aber auch als untrüglicher Maßstab gegeben, um uns selbst und die Welt um uns klar zu erkennen und aus Gottes Sicht zu beurteilen, um den Weg zu finden, den wir in der Nachfolge Jesu Christi gehen sollen.

Das Wort der Schrift dient zu unserer Erbauung und Glaubensstärkung genauso wie zu unserer Belehrung und Unterweisung. Es ist das Licht, das unseren Weg erleuchtet und uns den Blick auf unseren Herrn Jesus Christus eröffnet. Es ist unsere Waffe, mit der wir die Angriffe des Satans abwehren sollen, das „Schwert des Geistes“, das die Lügen und Verführungen des Teufels zunichtemacht, auch die falschen Lehren, die er immer wieder ausstreut. Wir wissen aus der Bibel selbst, daß „alle Schrift“, d. h. die ganze Heilige Schrift in allen ihren Bestandteilen, bis hin zum einzelnen Wort, von Gott durch Seinen Geist eingegeben und damit göttlich vollkommen und irrtumslos ist (vgl. 2Tim 3,16; 2Pt 1,19-21). „Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele; das Zeugnis des HERRN ist zuverlässig und macht die Unerfahrenen weise“ (Ps 19,8).

Diese Verheißung der Inspiration gilt zunächst einmal und unmittelbar für die Worte und Schriften jener heiligen Menschen Gottes, die von Gottes Geist getrieben die Weissagungen der Schrift geredet und niedergeschrieben haben. Die Urschriften oder Originale der biblischen Bücher sind also von Gottes Geist eingegeben und damit voll und ganz Gottes Wort – Worte, die vom Heiligen Geist gelehrt sind (vgl. 1Kor 2,13). Kein irrtümliches Menschenwort ist darunter, kein Wort zuviel und kein Wort zuwenig. Das ist eine Wahrheit, die der Heilige Geist jedem wahren Gläubigen bezeugt, wenn er wiedergeboren wird. Die Bibel wird für ihn zum unfehlbaren Gotteswort voller Geist und Leben.

Aber darin sollten sich auch alle Gläubigen einig sein: Die Inspiration und Vollkommenheit der Originale würde uns wenig helfen, wenn wir nicht eine bewahrte Überlieferung oder Weitergabe dieser ursprünglichen Schriften durch alle Jahrhunderte hindurch hätten, so daß ein Gläubiger des 21. Jahrhunderts mit derselben Gewißheit sagen kann, daß er Gottes inspiriertes Offenbarungswort in Händen hält, wie ein Gläubiger zur Zeit Davids oder in der apostolischen Zeit der Gemeinde.

Wenn Gott uns Sein Wort als Seine Selbstoffenbarung und als Richtschnur unseres Lebens gibt und uns im AT wie im NT auffordert, es zu bewahren und zu befolgen, es zu erforschen und zu studieren, dann setzt das voraus, daß Gott sein Wort intakt bewahrt und dem Gläubigen auch an die Hand gibt. Tatsächlich finden wir im AT wie im NT immer wieder, daß diese Bewahrung vorausgesetzt wird und die Gläubigen Abschriften der heiligen Schriften als das klare Wort Gottes behandeln. So steht in 5Mo 17,18-19 das Gebot für den künftigen König Israels, eine Abschrift des Gesetzes in ein Buch schreiben zu lassen und darin alle Tage seines Lebens zu lesen, „damit er alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen bewahrt und sie tut“. Die Urschrift wurde von den Priestern im Heiligtum aufbewahrt. Dieses Gebot setzt voraus, daß der König über bewahrte Abschriften verfügen kann, in denen alle Worte genauso stehen wie im Urtext.

Als etwa 900 Jahre später der König Josia regierte, fand man im Tempel das Buch des Gesetzes des HERRN, das durch Mose gegeben worden war (2Chr 34,14-31). Wir müssen davon ausgehen, daß es sich hierbei um eine zuverlässige Abschrift des Originals gehandelt hat, es sei denn, der HERR habe die Urschriften durch ein Wunder so lange bewahrt. In jedem Fall geht Josia selbstverständlich davon aus, daß er die Worte des HERRN vor sich hat (vgl. V. 21). Nicht nur das, der HERR selbst bestätigt diesen Glauben, als er durch einen Propheten zu Josia spricht. Er geht davon aus, daß die Flüche, die in dem Buch stehen, das man vor dem König von Juda gelesen hat, mit den ursprünglich von Ihm gesprochenen Worten identisch sind (V. 24), und redet davon, daß Josia auf Seine Worte hörte, als er auf die Worte dieses Buch hörte (V. 27).

Sehr bedeutsam ist auch das Zeugnis unseres Herrn Jesus Christus, der noch einmal 600 Jahre später in eine Synagoge in Nazareth ging, dort die Buchrolle des Propheten Jesaja nahm – unzweifelhaft eine späte Abschrift des Originals –, daraus Jes 61,1-2 vorlas und mit Vollmacht erklärte: „Heute ist diese Schrift erfüllt vor euren Ohren!“ (Lk 4,16-22). Immer wieder in seiner Verkündigung ging Er davon aus, daß die Juden zu seiner Zeit das Wort Gottes zuverlässig besaßen.

So brauchen wir auch heute in unserem Glaubensleben wie in der Verkündigung des Wortes Gottes die Gewißheit, das zuverlässig bewahrte Wort Gottes bei uns zu haben. Eine „Bewahrung“, die so aussähe, daß der tatsächliche Wortlaut der Schrift nur verstreut in irgendwelchen Handschriften in Höhlen, im Wüstensand oder auf verstaubten Bibliotheksregalen (oder auch in den Fußnoten kritischer Textausgaben zum NT) zu finden ist, aber nicht in den Bibeln der gläubigen Christen, eine solche „Bewahrung“ würde uns nicht viel nutzen; sie entspräche auch nicht dem Willen und den Verheißungen Gottes.

 

2. Gottes Verheißungen für die Bewahrung Seines Wortes

 

In der Tat finden wir in Gottes Wort nicht nur die klaren Aussagen darüber, daß die heiligen Schriften von Gott inspiriert und zuverlässig sind. Wir finden auch Verheißungen, daß Gott sein Wort vor allen Anschlägen der Menschen und des Satans bewahrt.

Im AT lesen wir: „Die Worte des HERRN sind reine Worte, in irdenem Tiegel geschmolzenes Silber, siebenmal geläutert. Du, o HERR, wirst sie bewahren, sie behüten vor diesem Geschlecht ewiglich!“ (Ps 12,7-8). „Längst weiß ich aus deinen Zeugnissen, daß du sie auf ewig gegründet hast“ (Ps 119,152). „Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“ (Ps 119,160).

Im NT finden wir ebenfalls die ausdrückliche Zusicherung, daß die Worte Gottes, die Worte des Christus auf ewig bewahrt werden und Bestand haben. So sagt unser Herr Jesus in bezug auf die alttestamentliche Schriftoffenbarung: „Denn wahrlich, ich sage euch: Bis daß Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Jota noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist.“ (Mt 5,18). In bezug auf die neutestamentliche Schriftoffenbarung spricht der Herr dieselbe Verheißung aus: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ (Mt 24,35). Das dürfen wir nicht allein auf die Worte des Christus in den Evangelien beziehen, sondern auch auf das Wort des Christus durch seine Apostel und Propheten im ganzen NT.

Der Apostel Petrus schreibt: „denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, durch das lebendige Wort Gottes, das in Ewigkeit bleibt.“ (1Pt 1,23), und danach führt er die alttestamentliche Verheißung aus Jes 40,6-8 an: „… aber das Wort des HERRN bleibt in Ewigkeit.“ Auch der Apostel Paulus spricht in seinem letzten Brief die göttliche Bewahrung der Schriftoffenbarung an. Im Hinblick auf seine Gefangenschaft und sein bevorstehendes Ende sagt der Apostel: „Denn ich weiß, wem ich mein Vertrauen geschenkt habe, und ich bin überzeugt, daß er mächtig ist, das mir anvertraute Gut zu bewahren bis zu jenem Tag. Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist! Dieses edle anvertraute Gut bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!“ (2Tim 1,12-14).

Wie aus V. 14 deutlich wird, ist mit dem Paulus anvertrauten Gut die neutestamentliche Apostellehre, d.h. die biblische Schriftoffenbarung gemeint. Auch wenn Paulus als das Werkzeug dieser Offenbarung sterben wird, so wird doch Gott dieses für die Gemeinde so kostbare Gut bewahren bis zum Tag Jesu Christi.

Wir dürfen also darauf vertrauen, daß auch im Zeitalter der Gemeinde Gott über der Überlieferung Seines Wortes wacht und dafür sorgt, daß das Wort des Christus, das NT in einer zuverlässigen, bewahrten Form besteht und überliefert wird. Der allmächtige Gott, der dieses ewige Wort gegeben hat, ist auch in der Lage, es zu bewahren und dafür zu sorgen, daß die Gläubigen, die von ganzem Herzen nach diesem Wort leben wollen, es in unverfälschter Form haben dürfen. Wir dürfen es auch in dieser Frage wie Abraham halten, unser Vorbild im Glauben, der „völlig überzeugt war, daß [Gott] das, was Er verheißen hat, auch zu tun vermag“ (Röm 4,21).

 

3. Die Überlieferung des Textes der Heiligen Schrift aus der Sicht des Glaubens an Gottes Bewahrung

 

Es ist für uns sehr wichtig, zu erkennen, daß die Überlieferung der Heiligen Schrift über die Jahrhunderte ein geistlicher Vorgang, eine Frucht des Wirkens Gottes in Seiner Gemeinde ist. Uns sollte klar sein, daß die Weitergabe der inspirierten Worte des Alten und Neuen Testaments an die Gläubigen kein zufälliger, innerweltlicher geschichtlicher Vorgang ist, sondern unter der beständigen Führung und Bewahrung des lebendigen Gottes erfolgt ist, der diese Worte auch gegeben hat. Gott hat darüber gewacht, daß Seine Kinder Sein Wort zuverlässig zur Verfügung haben können.

Damit ist die Überlieferung des Textes des AT wie auch des NT ein Gegenstand der geistlichen Beurteilung und Betrachtung und nicht etwa ein „neutraler“ Gegenstand weltlich-wissenschaftlicher Analyse. Für uns Gläubige können auf diesem Gebiet nicht weltliche Geschichtsforschung und rationalistische (d. h. rein auf Vernunftschlüssen beruhende, den Glauben methodisch ausschließende) Textkritik maßgebend sein. Da die Überlieferung des wahren und getreuen Bibeltextes ein Wirken Gottes durch Seinen Geist ist (vgl. auch 2Tim 1,14), gehört sie zu den heiligen, geistlichen Dingen, die geistlich beurteilt werden müssen. Auch für dieses Thema gilt das Wort aus 1Kor 2,12-14:

„Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so daß wir wissen können, was uns von Gott gegeben ist; (…) Der natürliche Mensch aber nimmt nicht an, was vom Geist Gottes ist; denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteilt werden muß.“

Hier sind viele Gläubige irregeführt worden, so daß sie diesen heiligen und geistlich hoch bedeutsamen Bereich nicht geistlich beurteilen, sondern in ihrem Urteil allein den weltlich geprägten Vernunftschlüssen der wissenschaftlichen Textkritik folgen. Deshalb wissen sie auch nicht mehr, welcher Text ihnen von Gott gegeben ist, sondern meinen, die Frage nach dem zuverlässigen Text der Bibel dem Urteil der rationalistischen Textkritik überlassen zu müssen.

Dieses Urteil ist jedoch verfälscht und letztlich zwangsläufig falsch, weil es den Glauben an das bewahrende Wirken Gottes ausschließt und so tut, als könne man die Überlieferung des NT so deuten wie die der Werke Homers oder Platos. Wer den Glauben an den allmächtigen Gott, an Seine Vorsehung und Sein allgegenwärtiges Wirken in Seiner Gemeinde wie auch in der Welt aus der Beurteilung der biblischen Textüberlieferung ausschließt, der begeht damit eine ernstzunehmende Sünde, denn „alles, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde“ (Röm 14,23). Glauben wir, daß Gott über seinem Wort gewacht hat durch all die Jahrhunderte der Bibelüberlieferung? Der HERR selbst verheißt es ausdrücklich in Jer 1,12: „ich werde wachen über meinem Wort, um es auszuführen“.

 

a) Die zuverlässige Überlieferung des Textes des AT

Im AT war die getreue Weitergabe der heiligen Schriften nach Gottes eigener Anweisung in erster Linie den Priestern anvertraut. Sie selbst oder Schreiber unter ihrer Anleitung besorgten die getreue Abschrift der heiligen Schriften und wachten darüber, daß keine verderbte, verstümmelte oder gefälschte Abschrift angefertigt wurde. Sie hatten auch zusammen mit den Leviten den Auftrag, die Schrift für das Volk zu lehren und auszulegen. Damit hatte Gott die Bewahrung Seines Wortes an einem zentralen Ort (Jerusalem) und durch einen eindeutig bestimmten Kreis Seiner geheiligten Knechte verfügt. Durch die sehr gewissenhafte Abschrift wurde der alttestamentliche Bibeltext mit einer bewundernswerten Genauigkeit und Treue über Jahrhunderte weitergegeben; diese bewahrte Überlieferung haben wir im hebräischen Masoretischen Text des AT.

Nach dem Versagen der Priesterschaft in der Zeit Jesu Christi und nach dem Fall Jerusalems wurde die Überlieferung des AT auf der Grundlage des bewahrten Priestertextes getreu weitergegeben durch die jüdischen Schriftgelehrten und Rabbiner. Obwohl sie ungläubig und christusfeindlich waren, gebrauchte Gott sie in Seiner souveränen Vorsehung, um den Text des AT zuverlässig zu überliefern, getreu dem Wort aus Röm 3,2: „Denn vor allem sind ihnen die Aussprüche Gottes anvertraut worden.“ Die heute zugänglichen Handschriften des Masoretischen Textes sind im Mittelalter entstanden, fast 2.500 Jahre nach der Entstehung des mosaischen Gesetzes. Der Masoretische Text beruht somit (ähnlich wie der Textus Receptus des NT) auf „späten Textzeugen“, die dennoch zuverlässig sind. Er geht auf die uralte, von Gott bewahrte priesterliche Überlieferungslinie zurück und ist weitaus zuverlässiger als selbst viele Jahrhunderte ältere Handschriften etwa aus Qumran. Das wird heute selbst in der wissenschaftlichen Textkritik des AT zugegeben.

In der Niedergangsphase des Judentums nach 400 v. Chr. gab es auch andere Überlieferungslinien der alttestamentlichen heiligen Schriften, die durch Auslassungen, willkürliche Veränderungen und Vereinfachungen gekennzeichnet sind. Dazu zählen gewisse Qumran-Handschriften, aber auch Targume (aramäische freie Wiedergaben der Schriften des AT mit Erklärungen). Sie waren jedoch meist auf Sekten und Abspaltungen des Judentums wie die Qumran-Sekte beschränkt bzw. erhielten keine offizielle Anerkennung im Judentum. Bis heute ist der Masoretische Text der allgemein verbindliche Text des orthodoxen Judentums. Er wurde auch von den Reformatoren und den allermeisten bibeltreuen Gläubigen nach ihnen als der zuverlässige Text des AT anerkannt.

 

b) Die Überlieferung des Textes des NT

Bei der Überlieferungsgeschichte des NT finden wir eine etwas anders gelagerte Entwicklung vor. Sie wird von zwei grundlegenden Tatsachen geprägt:

* Die zu Pfingsten neu entstandene Gemeinde war von vornherein in gewaltige geistliche Kämpfe mit den Mächten der Finsternis verwickelt, die durch Irrlehren, falsche Apostel und Propheten versuchten, das Werk Gottes zu beeinträchtigen und zu zerstören. Satan versuchte sofort, dem echten Wort Gottes gefälschte Worte entgegenzusetzen bzw. dieses Wort zu verfälschen: „Denn wir sind nicht wie so viele, die das Wort Gottes verfälschen“ (2Kor 2,17; vgl. auch 2Kor 4,2) betont der Apostel Paulus und zeigt damit, daß dies damals viele Verführer taten. Paulus selbst warnt die Thessalonicher davor, sich durch gefälschte Briefe, die angeblich von ihm stammten, verunsichern zu lassen (2Th 2,2).

* Die Überlieferung der heiligen Schriften des NT war nicht mehr einer institutionalisierten Priesterschaft anvertraut, sondern der allgemeinen Priesterschaft der Gläubigen. Getreu dem allgemeinen Priestertum in der Gemeinde Gottes gab Gott den gottesfürchtigen Gläubigen, insbesondere den Lehrern und Hirten, den Auftrag: „Dieses edle anvertraute Gut [d. h. die neutestamentliche Schriftoffenbarung] bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt!“ (2Tim 1,14), verbunden mit der Ermahnung, „daß ihr für den Glauben kämpft, der den Heiligen ein für allemal überliefert worden ist“ (Jud 3). Paulus gibt in seinen Vermächtnisbriefen an Timotheus (der stellvertretend für die treuen Gläubigen der künftigen Generationen steht), den ernsten Auftrag, „daß du das Gebot unbefleckt und untadelig bewahrst bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus“ (1Tim 6,14). Er mahnt ihn: „O Timotheus, bewahre das anvertraute Gut, meide das unheilige, nichtige Geschwätz und die Widersprüche der fälschlich so genannten ‚Erkenntnis’ [gr. Gnosis]!“ (1Tim 6,20).

Diese Situation müssen wir richtig verstehen und geistlich beurteilen, wenn wir die Textüberlieferung des NT verstehen wollen. Die scharfen geistlichen Auseinandersetzungen um Gottes Wort in der Apostelzeit zeigen klar, daß wir die Textüberlieferung des NT niemals vom „neutralen“ menschlichen Vernunftstandpunkt aus beurteilen dürfen, denn hier spielte der Kampf zwischen Licht und Finsternis, der verführerische Einfluß Satans und seiner Werkzeuge in der Gemeinde eine wichtige Rolle. Wenn „wissenschaftliche Experten“ behaupten, es habe in der frühen Überlieferung des NT keine Textveränderungen aus Lehrgründen bzw. häretischen (von Irrlehren stammenden) Quellen gegeben, so ist das geistlich-biblisch gesehen und auch geschichtlich-faktisch unzutreffend und Ausdruck der geistlichen Blindheit ungläubiger Leute.

Auf der anderen Seite wird aus den angeführten Bibelworten deutlich, daß bei der Bewahrung des Wortes Gottes auch die Treue und geistlichen Haltung der Gläubigen eine gewisse Rolle spielt und daher der geistliche Zustand der Gemeinde einen Einfluß auf die Textüberlieferung hat. In der nachapostolischen Zeit des Niedergangs und der Herausbildung der abgefallenen katholischen Kirche war das Eindringen von Veränderungen (und u. U. auch der Ausfall vereinzelter Passagen) in Teilen der Textüberlieferung möglich. Gottes Bewahrung wirkte nicht so, daß jeder Fehler und jede Verfälschung in der Textüberlieferung ausgeschlossen war, sondern so, daß die Verfälschungen begrenzt wurden und für den geistlichen Gläubigen klar erkennbar waren. Gott ließ Verfälschungen und Verstümmelungen der Textüberlieferung in Teilbereichen und gewissen Regionen zu, sorgte aber dafür, daß die von Ihm bewahrte Überlieferung klar erkennbar und davon abgegrenzt rein erhalten blieb.

Vor den Werkzeugen Satans, die schon zu apostolischen Zeiten in die Gemeinden eindrangen und ihnen ein anderes Evangelium, einen anderen Jesus verkündigten (2Kor 11,4) warnt der Apostel Paulus ausdrücklich in 2Kor 11,13-15:

„Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, die sich als Apostel des Christus verkleiden. Und das ist nicht verwunderlich, denn der Satan selbst verkleidet sich als ein Engel des Lichts. Es ist also nichts besonderes, wenn auch seine Diener sich verkleiden als Diener der Gerechtigkeit; aber ihr Ende wird ihren Werken gemäß sein.“

Warnungen vor solchen nicht wiedergeborenen Verführern, falschen Propheten und Irrlehrern in der Gemeinde finden wir an vielen Stellen im NT (vgl. Röm 16,17-18; 2Kor 11; Gal 1,6-10; 3,1; 5,7-12; Eph 4,14; 5,6; Phil 3,2.17-19; Kol 2,4-8.18-23; 2Th 2,1-3; 1Tim 13-4; 4,1-3; 6,3-5; 2Tim 2,16-18; 3,6-9.13; Tit 1,10-16; 3,9-11; Hebr 13,9; 2Pt 2; 3,15-17; 1.Joh; 2Joh; 3Joh; Jud; Offb 2-3).

Es ist also durchaus folgerichtig, wenn wir schon sehr früh in der Textgeschichte des NT ausgesprochene Verfälschungen der heiligen Schriften finden, die eindeutig auf den Kampf von Irrlehrern gegen den ein für allemal den Heiligen überlieferten Glauben zurückzuführen ist. Das bekannteste Beispiel hierfür sind die Verkürzungen und Verfälschungen Marcions (2. Jh.). Dieser Kampf wurde auf mehreren Ebenen geführt:

* Der Kanon der Schrift wurde verfälscht, d. h. die Auswahl der als inspirierte heilige Schriften geltenden Bücher der Bibel. Dies geschah einerseits durch Streichung echter Bücher; Marcion etwa veröffentlichte eine verstümmelte und stark verkürzte Liste neutestamentlicher Bücher, die er als echt gelten ließ. Andererseits wurden von den Irrlehrern gefälschte „heilige Schriften“ in Umlauf gebracht, die nach ihrer Meinung ebenfalls in das NT aufgenommen werden sollten. Dazu zählen neben einigen gnostisch verfälschten Evangelien auch der Clemens- und Barnabasbrief sowie der „Hirte des Hermas“ (vgl. dazu die Erwähnung eines gefälschten Apostelbriefes in 2Th 2,2).

* In den biblischen Schriften wurden Worte oder ganze Abschnitte weggelassen, vielfach solche, die mit den falschen Lehren der Verführer nicht übereinstimmten bzw. die diese bloßstellten. Es kam auch zu Hinzufügungen von unechten Aussagen, allerdings seltener, vielleicht weil diese für die Gläubigen als Eingriff leichter zu erkennen waren als Weglassungen. (Vgl. dazu 5Mo 12,32; Offb 22,18-19.)

* An einigen Stellen wurden die echten Schriftworte verändert und verfälscht, um sie für die falschen Lehren passend bzw. unschädlich zu machen. (Vgl. dazu 2Kor 2,17; 4,2.)

In der apostolischen Zeit wurden diese Verfälschungen durch die Wachsamkeit der wahren Gläubigen und den Dienst der Apostel abgewehrt. Die Gemeinden besaßen noch die Urschriften und treue Abschriften der Bücher des NT, die von den Aposteln selbst (Johannes lebte ja bis ca. 100 n. Chr. und wirkte wohl am Ende seines Lebens hauptsächlich in Ephesus) bzw. ihren vertrauten Mitarbeitern wie Timotheus, Markus oder Lukas bestätigt werden konnten. Die apostolisch gegründeten und belehrten Gemeinden, die sich vor allem in Kleinasien (Antiochia, Ephesus, Kolossä) und Griechenland (Thessalonich, Philippi, Korinth) befanden, konnten deshalb eine gesicherte und bewahrte Textüberlieferung der verschiedenen Bücher des NT entwickeln.

Mit dem Beginn des 2. Jh. jedoch trat ein schreckenerregend schneller Umschwung ein. Sehr bald nach dem Tod des letzten Apostels entwickelten sich in der Gemeinde schwerwiegende Abweichungen von Gottes Wort. Heidnisch-abergläubische Irrtümer, falschprophetische Bewegungen wie der Montanismus und die Herrschaft einer Schicht von „Klerikern“ (gelehrten Führern, die eine Führungsrolle als „Bischöfe“ und Priesterkaste über den einfachen Gläubigen beanspruchten) kamen in der frühen Kirche auf. Die wahre Gemeinde der Gläubigen wurde mehr und mehr durchsetzt und gelähmt von diesen Einflüssen; es kam zu einer Vermischung von Richtig und Falsch, wobei die Verfälschungen von Lehre und Praxis immer mehr zunahmen: Askese und Mönchtum (1Tim 4,3); Vermischung mit griechischer Philosophie und heidnischen Mysterienkulten (Kol 2,4+8+16-23), Klerikalismus (vgl. 3Joh 9-11). Diese Entwicklung war im Wort Gottes immer wieder vorhergesagt worden (vgl. Apg 20,29-30; 1Tim 4,1-3; 1Tim 6,3-5; 2Tim 3,13; 2Pt 2; 1Joh 2,18-19; 4,1-6; 2Joh 7-11; Jud 3-19; Offb 2 u. 3).

Von der raschen Durchsäuerung der Gemeinde mit Irrlehrern und falschen Führern wurde auch die Textüberlieferung des NT beeinflußt. Das sich nun entwickelnde unbiblische Gebilde der „katholischen Kirche“ konnte nicht mehr, wie zur Anfangszeit, häretische Verfälschungen der Schrift ganz und gar abwehren und ausscheiden. Zwar wurden die offensichtlichen Verfälschungen wie die Marcions entlarvt und zurückgewiesen, aber die im Rahmen der neu entstandenen Kirche geduldeten oder gar offiziell übernommenen Irrströmungen konnten ihr Werk relativ ungehindert betreiben.

Deshalb entstanden die meisten abweichenden Textformen („Lesarten“) des NT im 2. – 3. Jh. n. Chr. Das bezeugen auch gründliche Kenner der Textgeschichte wie der englische Gelehrte Scrivener: „Es entspricht den Tatsachen, auch wenn es paradox klingt, daß die schlimmsten Verderbnisse, denen das Neue Testament je ausgeliefert war, in den ersten hundert Jahren nach seiner Abfassung ihren Ursprung hatten, und daß Irenäus und die afrikanischen Kirchenväter und die ganze westliche Kirche zusammen mit einem Teil der syrischen Kirche weitaus schlechtere Handschriften benutzten als die, welche Stunica oder Erasmus oder Stephanus 13 Jahrhunderte später zugrundelegten, als sie den Textus Receptus formten.“

Es gab in der Gemeinde ja keine offiziell von Gott eingesetzte Einrichtung, die diese Entwicklung hätte verhindern können; in der Zeit des Glaubensabfalls wäre eine solche Institution, wie alle Führungspositionen in der Kirche, auch rasch von den Irrlehrern übernommen und mißbraucht worden. Das Gegengewicht zu der Ausbreitung von unzuverlässigen, z. T. häretisch veränderten Bibelhandschriften war allein die Masse der einfachen Gläubigen, die durch den in ihnen wohnenden Heiligen Geist geleitet (2Tim 1,14!) die wahre, aus der Apostelzeit weitergegebene Textüberlieferung annahmen und die verfälschten Texte zurückwiesen.

Wir möchten noch einmal festhalten: Wir müssen in der Textüberlieferung des NT einen Widerhall dieser schweren und großangelegten geistlichen Kämpfe und Umwälzungen erwarten. Der Feind wußte genau um die erleuchtende, bewahrende, erbauende Kraft des Wortes Gottes, und er nutzte die Möglichkeit, durch seine Diener in kirchlichen Machtstellungen dieses Wort zu beeinträchtigen und abzuschwächen, wo dies möglich war.

 

Dieser Beitrag ist ein gekürzter Auszug aus der ausführlicheren Schrift von Rudolf Ebertshäuser Gottes bewahrtes Wort.

 

 

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