Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem bald erscheinenden Buch von Rusolf Ebertshäuser: Falsche Propheten der Endzeit. Pfingstbewegung und Charismatische Bewegung im Licht der Bibel
Als der Herr Jesus in den Himmel aufgefahren war und die Gemeinde durch die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten begründet hatte, begann eine neue Heilszeit. Nunmehr bekamen die Apostel einen neuen, weiterten Auftrag, das Evangelium der ganzen Schöpfung zu verkündigen, und das heißt: auch den Heiden, die zuvor bewußt ausgeklammert waren (vgl. Mk 7,24-30). Obwohl die Apostel für eine gewisse Zeit zuerst der Beschneidung, den Juden, mit dem Evangelium dienen sollten (Gal 2,7-9), gab ihnen der Herr bewußt den Auftrag, in aller Welt die Heilsbotschaft zu verkündigen, und das allen Völkern (Mt 28,19).
Für diesen Auftrag sollten die Apostel selbst ebenfalls eine göttliche Beglaubigung erhalten, die ihre Botschaft als von Gott kommend bestätigte. Sie sollten mit den „Zeichen eines Apostels“ beglaubigt werden und auch in der anfänglichen Verkündigung unter den Heiden gottgewirkte Wunder tun. Das wird ihnen in Markus 16,17-18 verheißen, und in den folgenden Versen wird bezeugt, daß diese Verheißung an den ausgesandten Aposteln auch erfüllt wurde.
Allerdings sehen wir in der Bibel keine vergleichbaren massiv und breit auftretenden Zeichen und Wunder unter den Heiden wie unter Israel. Wohl geschahen auch durch die Apostel und ihre Mitarbeiter unter den Heiden Zeichen und Wunder, die der Bekräftigung des Evangeliums und der Beglaubigung der Apostel dienten; auch nach der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn Jesus Christus berichtet die Apostelgeschichte von Wunderzeichen, die durch die Apostel (z. B. Apg 2,43; 5,12) und einzelne andere Werkzeuge Gottes wie Stephanus (Apg 6,8) und Philippus (Apg 8,5-13) geschehen. Nirgends heißt es aber von den Aposteln dort: »Sie heilten alle Kranken«. Weder von Paulus noch von Barnabas, Timotheus oder Silas wird berichtet, daß sie überall in Asien und Griechenland umhergegangen seien, kranken Heiden die Hände aufgelegt und alle geheilt hätten. In den späteren Briefen der Apostel werden keine weiteren Wunderzeichen erwähnt.
Wir brauchen also eine Antwort auf die Frage: Waren diese Zeichen nach Gottes Willen auf die Apostelzeit beschränkt, oder sollten sie beständig bei der Gemeinde bleiben? Hier müssen wir auf einen Schlüsseltext in der ganzen Beschäftigung mit den Wunderzeichen eingehen, auf den Schluß des Markusevangeliums.[1]
Der Verkündigungsauftrag an die Apostel in Markus 16
In Markus 16,15-20 gibt der auferstandene Herr Seinen Aposteln den Auftrag, in die ganze Welt zu gehen und das Evangelium der ganzen Schöpfung zu predigen. Dieser Auftrag wird vielfach so verstanden, als gelte er der gesamten Gemeinde bis zur Entrückung. Eine genauere Betrachtung dieses Textes kann uns hier Klärung geben.
15 Und er sprach zu ihnen: Geht hin in die ganze Welt und verkündigt das Evangelium der ganzen Schöpfung.
16 Wer glaubt und getauft wird, der wird gerettet werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.
17 Diese Zeichen aber werden die begleiten [od. denen folgen; para-koloutheo¯], die gläubig geworden sind: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden;
18 Schlangen werden sie aufheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird es ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, und sie werden sich wohl befinden.
19 Der Herr nun wurde, nachdem er mit ihnen geredet hatte, aufgenommen in den Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes.
20 Sie aber gingen aus und verkündigten überall, und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die begleitenden [od. mitfolgenden] Zeichen. Amen.
In dieser Bibelstelle spricht der Herr ausdrücklich nur zu Seinen Aposteln, den Elfen. Er gibt ihnen (und nicht etwa der ganzen Gemeinde) den Auftrag, in die ganze Welt (nicht mehr nur nach Israel) zu gehen und das Evangelium der Gnade aller Schöpfung zu verkündigen. Dieser Auftrag des Herrn an die Apostel gilt in dieser Form nur für die elf Apostel selbst; er wurde noch in der Apostelzeit erfüllt. Das geht aus einem genauen Studium der Stelle selbst hervor und wird durch andere Aussagen der Bibel bestätigt.
* In Vers 20 wird die Erfüllung der Verheißung allein auf die Apostel bezogen und als abgeschlossen bezeugt. Auch in Hebräer 2,4 ist die von Zeichen begleitete apostolische Verkündigung (die, die es gehört haben und bestätigten, waren die Apostel) als abgeschlossener Vorgang berichtet.
* Im Kolosserbrief macht Paulus zwei Feststellungen, die die Erfüllung dieses Auftrages durch die ersten Apostel bestätigen. Er spricht vom Evangelium, »… das zu euch gekommen ist, wie es auch in der ganzen Welt [verbreitet] ist und Frucht bringt …« (Kol 1,5-6), und er bezeugt, daß dieses Evangelium »verkündigt worden ist in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist« (Kol 1,23).
Das Wort Gottes greift hier die Worte des Herrn aus dem Apostelauftrag von Markus 16,17 auf und bezeugt, daß der Auftrag zu Lebzeiten des Apostels Paulus erfüllt wurde: Das Evangelium wurde in der ganzen Welt verbreitet, und es wurde der ganzen Schöpfung gepredigt. Es ist offenkundig, daß diese beiden Formulierungen in einem allgemeinen Sinn verwendet werden; was der Herr damit genau gemeint hat, ist nicht völlig klar – aber Er sagt uns, daß die Apostel die Aufgabe in Seinem Sinn erfüllt haben. Wir wissen aus der Geschichte der Christenheit, daß Apostel zumindest sehr wahrscheinlich bis nach Indien und China gekommen sind; weshalb sollten sie mit Gottes Beistand nicht auch in die anderen Regionen vorgedrungen sein?
Die Verheißung der apostolischen Wunderzeichen in Markus 16
Wenn der Auftrag des Herrn an die Apostel allein gerichtet war und von ihnen erfüllt und abgeschlossen wurde, dann gilt das auch für die mit diesem Auftrag verbundene Zeichenverheißung. Auch das wird durch eine genaue Betrachtung des Textes bestätigt.
Der apostolische Verkündigungsdienst, so sagt der Herr in Markus 16, wird als Frucht Gläubiggewordene hervorbringen; doch nicht nur das; die durch die Verkündigung der Apostel Gläubiggewordenen werden auch durch Wunderzeichen begleitet werden (Vers 17; im Griechischen steht hier par-akoloutheo¯; in Vers 20 ep-akoloutheo¯; beides bedeutet »folgen, mitfolgen, begleiten«. Letzteres trifft den Sinn hier offenkundig am klarsten: die Zeichen traten nicht nach, sondern zusammen mit der Verkündigung auf).
Hiermit ist keinesfalls gesagt, daß alle Gläubiggewordenen selbst solche Wunderzeichen taten. Im Gegenteil muß jede verantwortliche Auslegung eine solche Deutung ausschließen, denn selbst in den Anfängen der Gemeinde blieben Wunderzeichen auf die Apostel und einige wenige Evangelisten und Träger von Wundergaben beschränkt. Wenn man wirklich behaupten wollte, daß diese Zeichen nach Gottes Willen von allen Gläubigen getan werden sollten, so wäre niemand außer den Aposteln wirklich gläubig gewesen – denn wenn man das Wort schon so auslegen will, dann müssen alle diese Zeichen allen Gläubigen »folgen« – auch das Gifttrinken und Schlangenaufheben!
Vom Sinnzusammenhang her sind diese Wunderzeichen eine Begleiterscheinung des Verkündigungsdienstes der Apostel; die Apostelgeschichte bezeugt, daß sie (bis auf das Trinken von Gift) an den Aposteln erfüllt wurden. In jedem Fall gilt der Auftrag und die Verheißung der Zeichen ausschließlich für die Apostelzeit. Die Zeichen sollten jene begleiten, die unmittelbar durch die apostolische Verkündigung gläubig geworden waren, nicht etwa spätere Generationen von Gläubigen. Das wird schon dadurch angedeutet, daß die zeitliche Ausdehnung »bis ans Ende der Weltzeit«, die im allgemeinen »Missionsbefehl« von Matthäus 28,18 ausdrücklich festgehalten wird, in Markus 16 fehlt.
Der Beweis findet sich in Vers 20, der die Erfüllung der Verheißung berichtet: »Sie aber gingen hinaus und verkündigten überall; und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die begleitenden Zeichen.« Das bezieht sich eindeutig auf die Apostel und steht als abgeschlossener Vorgang in der Vergangenheit. Der Herr stellte sich zu ihrer Verkündigung, wie Er versprochen hatte, und bekräftigte ihre Botschaft. Dieses auf die Ohrenzeugen (die Apostel) beschränkte Zeugnis durch Zeichen wird auch in Hebräer 2,4 als abgeschlossen bezeichnet.
Die Zeichen der Apostel unter den Juden
Es gibt also nach der Schrift nicht nur Zeichen des Messias, sondern auch »Zeichen eines Apostels« (2Kor 12,12). Sie bestätigen die göttliche Berufung und Autorität der Apostel Jesu Christi, die die Botschaft des Evangeliums, das Geheimnis Jesu Christi offenbarten und verkündigten. Diese Zeichen müssen notwendigerweise auf die Apostel selbst und ihre engeren Mitarbeiter im Dienst der Evangeliumsverkündigung beschränkt gewesen sein, sonst wären sie keine göttliche Bestätigung der apostolischen Berufung.
So lesen wir über den Dienst der Apostel in Jerusalem nach Pfingsten von zahlreichen Wunderzeichen der Apostel unter den Juden. Das betrifft das Zeichen der Sprachenrede am Anfang (Apg 2,4-13) und die Heilung des Gelähmten durch Petrus und Johannes (Apg 3,1 – 4,22). Auch im Gebet der Gemeinde nach dem Auftritt der Apostel vor dem Hohen Rat beten die Gläubigen: „und verleihe deinen Knechten, dein Wort mit aller Freimütigkeit zu reden, indem du deine Hand ausstreckst zur Heilung, und daß Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!“ (Apg 4,29-30); mit „deinen Knechten“ sind die Apostel gemeint, nicht alle Gläubigen, was die anschließende Erwähnung der Apostel belegt (vgl. Apg 4,33).
In der Tat lesen wir später: „Durch die Hände der Apostel aber geschahen viele Zeichen und Wunder unter dem Volk; und sie waren alle einmütig beisammen in der Halle Salomos“ (Apg 5,12). Dabei stand Petrus im Mittelpunkt aufsehenerregender Zeichen (Apg 5,15-16). Später wirkte der Herr durch Petrus die Auferweckung der Tabitha (Apg 9,36-42). Wir sehen aber keine beglaubigenden Wunderzeichen in der Verkündigung unter den Heiden im Haus des Kornelius (Apg 10,24-48), wohl aber geschah für die anwesenden Juden das Wunderzeichen des Sprachenredens, um sie davon zu überzeugen, daß das Heil auch zu den Heiden gesandt war.
Es heißt in der Apostelgeschichte folgerichtig nirgends, daß alle Gläubigen Zeichen und Wunder getan hätten, sondern wir lesen schon zu Anfang: »… und viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel« (Apg 2,43; vgl. Apg 5,12). In der Anfangszeit der apostolischen Verkündigung taten auch enge Mitarbeiter der Apostel solche öffentlichen Wunderzeichen, wir lesen das von Stephanus (Apg 6,8) und von Philippus (Apg 8,6) – das war allerdings in den ersten Anfängen der Gemeinde und nicht unter Heiden, sondern unter Juden und Samaritern. Danach lesen wir nichts mehr von Wunderzeichen der zwölf Apostel der Beschneidung unter Juden, sondern der Bericht wendet sich dem Dienst des Apostels Paulus unter den Heiden und Juden des römischen Reiches zu.
Die »Zeichen des Apostels« als besondere göttliche Autorisierung des Paulus
Paulus bezeugt von sich, daß er das Evangelium »in der Kraft von Zeichen und Wundern« verkündigt hat (Röm 15,19), und er schreibt den Korinthern: »Die Zeichen eines Apostels sind unter euch gewirkt worden in aller Geduld, in Zeichen und Wundern und Kraftwirkungen« (2Kor 12,12). Die Zeichen sollten also, wie es auch Markus 16 bezeugt, vor allem die Autorität und Botschaft der Apostel bezeugen, auch des Apostels Paulus, der einen ganz besonderen Auftrag hatte, das Evangelium unter den Diasporajuden wie auch unter den Heiden zu verkündigen.
Auch der Apostel Paulus wurde ganz ähnlich wie Petrus (Apg 5,15) durch Wunderheilungen und andere Zeichen öffentlich beglaubigt (Apg 19,11-12). Wir lesen weitere beglaubigende Wunderzeichen von Paulus, so in Zypern (Apg 13,8-12); in Ikonium (Apg 14,3), in Lystra (Apg 14,9-10). Interessant ist, daß in der rein heidnischen Stadt Lystra das Wunderzeichen der Heilung eher verwirrende Folgen hatte.
Bei den erneuten Besuchen der Gemeinden durch Paulus lesen wir nichts mehr von Wunderzeichen (vgl. Apg 15,36 – 16,5). Auf der gesamten zweiten Missionsreise lesen wir nichts von Wunderzeichen, weder in Philippi noch in Thessalonich, in Beröa oder Athen. Dennoch können wir schließen, daß der Apostel gewisse Zeichen des Apostels auch dort getan haben kann; jedenfalls werden auch in Korinth keine solchen Zeichen berichtet, aus den Korintherbriefen wissen wir aber, daß er dort solche Zeichen getan hatte, um sich als Apostel auszuweisen. Das wird auch aus Römer 15 ersichtlich, wo der Apostel bezeugt:
Denn ich würde nicht wagen, von irgendetwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat, um die Heiden zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk, in der Kraft von Zeichen und Wundern, in der Kraft des Geistes Gottes, sodaß ich von Jerusalem an und ringsumher bis nach Illyrien das Evangelium von Christus völlig verkündigt habe. (Röm 15,18-19)
Diese Zeichen hatte er selbst getan; wenn solche Zeichen auch alle möglichen anderen Christen in breitem Umfang getan hätten, wären sie ja ungeeignet gewesen, ihn als Apostel auszuweisen. Diese Zeichen waren wohl nicht mehr so öffentlichkeitswirksam und aufsehenerregend gewesen und spielten im Vergleich zur Wortverkündigung nur eine untergeordnete Rolle. Sie werden in Ephesus noch einmal stark hervorgehoben – wieder ein Ort, an dem es viele Juden gab (vgl. Apg 19,8-17); danach werden keine Zeichen des Paulus oder anderer Christen mehr berichtet.
In Ephesus sehen wir auch, daß der Apostel, nachdem anfangs durch ihn aufsehenerregende Zeichen zu seiner Beglaubigung geschehen waren, später in Apostelgeschichte 20 nur noch bezeugt, wie er unermüdlich das Wort Gottes verkündigt und gelehrt hatte (Apg 20,18-27). In Athen wird gar nichts von Wunderzeichen berichtet (Apg 17,16-34); ebensowenig, als der Apostel in Jerusalem vor den Juden auftritt und danach vor den heidnischen Herrschern Zeugnis ablegt (Apostelgeschichte 21 – 26).
Wunderzeichen waren keine allgemeine Strategie für die Evangeliumsverbreitung
In der apostolischen Zeit, als die Offenbarung des Wortes Gottes noch nicht abgeschlossen war, gab Gott über den Kreis der Apostel hinaus Zeichen- und Wundergaben in Seiner Gemeinde. Das galt für einen Mitarbeiter wie Barnabas, der zumindest in Ikonium ebenfalls Wunder tat (Apg 14,3). In der örtlichen Gemeinde von Korinth gab es in der Anfangszeit Gnadengaben zu Heilungen, Machttaten, wunderwirkenden Glauben und Sprachenreden (1. Korinther 12). Es ist jedoch offenkundig, daß diese Wundergaben nur einer begrenzten Zahl von Gläubigen gegeben waren („Haben etwa alle Wunderkräfte?“ – 1Kor 12,29). Wir können aus dem Gesamtzusammenhang schließen, daß diese Wundergaben vor allem für die in Korinth lebenden Juden wichtig waren (vgl. 1Kor 1,22).
Es wird jedoch nirgends in der Bibel gesagt, daß diese Gaben überall breit in den Gemeinden für die Evangelisation oder »Gemeindewachstum« eingesetzt worden wären. Wenn Zeichen und Wunder Gottes grundsätzliche Strategie für Evangelisation wären, so hätten sie in den apostolischen Belehrungen und Anweisungen an die Gemeinden ganz sicher einigen Raum eingenommen. Wenn der Apostel Paulus die Zeichen und Wunder bei seiner Evangeliumsverkündigung erwähnt, dann dienen sie dazu, die Göttlichkeit des von ihm verkündeten Wortes zu bestätigen und ihn selbst als Botschafter Gottes auszuweisen; nirgends ermutigt er die Gemeinden, auf dieselbe Weise das Evangelium zu verkünden.
Das ist insofern von Gewicht, als ja der Römerbrief eine grundlegende Abhandlung über das Evangelium und seine Verkündigung ist und man dort Ausführungen erwarten müßte, die nicht nur das Vorhandensein solcher Gaben erwähnen, sondern ihren Gebrauch in der Evangelisation lehren. Auch im Philipperbrief spielt Evangelisation eine ziemliche Rolle, und die Wunderzeichen werden nicht erwähnt; dasselbe gilt für den Kolosserbrief und den 1. Thessalonicherbrief.
Bedeutsam ist auch, daß die in vielem auf die endzeitlichen Verhältnisse in der Gemeinde ausgerichteten „Pastoralbriefe“ (1. Timotheus, 2. Timotheus, Titus) keinerlei Hinweis auf den Einsatz von Wunderzeichen enthalten, obwohl ja Timotheus auch als Evangelist dienen sollte (2Tim 4,5). Der Hebräerbrief behandelt dieses Thema ebenfalls nicht, obwohl er ja an Juden gerichtet ist – aber er wurde eben gegen Ende der Apostelzeit geschrieben, nicht mehr am Anfang. Auch in den Briefen der Apostel Petrus und Johannes werden die Wunderzeichen nirgends erwähnt.
Interessanterweise werden bei der Evangelisation und Gemeindegründung in Antiochia, die von „einfachen Gläubigen“ getragen wurde und ohne die Anwesenheit eines Apostels erfolgte, keine Wunderzeichen erwähnt (Apg 11,19-26). In seinen Anweisungen an den Evangelisten Timotheus, der doch angehalten wird »Verkündige das Wort …« (2Tim 4,2) und »tue das Werk eines Evangelisten« (2Tim 4,5), ist nirgends von Zeichen und Wundern die Rede. Sie sollten die Neueinführung der Botschaft des Evangeliums autorisieren, nicht aber jede nachfolgende Verkündigung dieses Evangeliums an die Völker.
So waren die übernatürlichen Zeichengaben in den Gemeinden auch nur in der Zeit der Apostel wirksam und hörten danach auf.[2] Das lag nicht am Versagen der Gemeinde der nachapostolischen Zeit (obwohl sie tatsächlich in vielem versagt hat), sondern war in Gottes weisem Ratschluß begründet: Die Nationen sollten allein durch das Wort, durch das Wort vom Kreuz, durch die Verkündigung Jesu Christi als des gekreuzigten und auferstandenen Herrn überführt und zum Glaubensgehorsam gebracht werden – nicht durch beständig wiederholte Zeichen und Schauwunder. Das wird auch in den grundlegenden Aussagen über die Evangeliumsverkündigung deutlich, die der Apostel Paulus uns im 1. Korintherbrief überliefert hat:
… denn Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen, [und zwar] nicht in Redeweisheit, damit nicht das Kreuz des Christus entkräftet wird. Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verlorengehen; uns aber, die wir gerettet werden, ist es eine Gotteskraft; denn es steht geschrieben: »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen«. Wo ist der Weise, wo der Schriftgelehrte, wo der Wortgewaltige dieser Weltzeit? Hat nicht Gott die Weisheit dieser Welt zur Torheit gemacht?
Denn weil die Welt durch [ihre] Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott, durch die Torheit der Verkündigung diejenigen zu retten, die glauben. Während nämlich die Juden ein Zeichen fordern und die Griechen Weisheit verlangen, verkündigen wir Christus den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, sowohl Juden als auch Griechen, [verkündigen wir] Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit. (1Kor 1,17-24)
Hieraus erkennen wir, daß die Verkündigung des Evangeliums nach ersten zeichenhaften Demonstrationen (wie sie anfangs in Korinth auch stattfanden, um den Apostel zu beglaubigen, vgl. 2Kor 12,12) selbst in der Apostelzeit nicht auf die Forderungen der Juden nach Zeichen einging, sondern sie setzt auf die geistgewirkte Kraft des Wortes vom Kreuz (auf die sich auch 1Kor 2,4 bezieht).
[1] Ich möchte betonen, daß der Schluß des Markus-Evangeliums nach meiner festen Überzeugung echt ist und als inspiriertes Wort Gottes in jeder Studie der Lehren der Pfingst- und Charismatischen Bewegung ausgelegt und gedeutet werden muß. Es ist nach meiner Überzeugung ein bedauerlicher Irrtum, wenn manche konservative Ausleger dieses Schriftwort ausklammern, weil es angeblich eine spätere Hinzufügung sei; dabei fehlt es nur in drei von vielen tausend griechischen Handschriften des NT. Vgl. zu dieser Frage meine Schriften Der zuverlässige Text des Neuen Testaments, und Gottes bewahrtes Wort, insbesondere dort S. 76.
[2] Vgl. hierzu den Anhang bei J. C. Whitcomb, aaO, S. 40-42, mit Zitaten von »Kirchenvätern« und frühen christlichen Autoren, die dies belegen. Vgl. auch J. MacArthur, Charismatic Chaos, S. 106-127 und B. Peters, Zeichen und Wunder, S. 46-50.




