100 Jahre Pfingstbewegung:
Die Berliner Erklärung ist immer noch aktuell

 

Rudolf Ebertshäuser

 

 
 
Vor 100 Jahren, am 14./15. September 1909, trafen sich mehr als 50 bewährte Diener Gottes aus verschiedenen Gruppierungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung in Berlin, um über eine große Not zu beraten, die sie seit zwei Jahren beschäftigte und bedrückte. Mit dem Jahr 1907 war in Deutschland eine neue Bewegung aufgekommen, die viele gläubige Kreise beeinflußte und teils Begeisterung, teils Verwirrung und Widerstand auslöste: die so genannte Pfingstbewegung. Der Einbruch dieser Bewegung hatte vielerorts Trennungen und schwere Belastungen in gläubigen Gemeinden und Gemeinschaften ausgelöst, und so sahen diese Männer Gottes die Notwendigkeit, klar zu dieser neuen Strömung Stellung zu beziehen.
 
 
 

Unbiblische Lehren und Erwartungen: Zur Vorgeschichte der Pfingstbewegung

 
 
In den Jahren vor 1907 hatte es in Deutschland manche erwecklichen Aufbrüche gegeben; zahlreiche Menschen hatten sich bekehrt. Es gab einen Hunger nach mehr geistlichem Leben, der aber teilweise in ungesunde Richtungen ging. Dazu trugen Einflüsse aus dem englischsprachigen Raum bei, wo durch Lehren führender Männer der Heiligungsbewegung wie Finney, Moody und Torrey ein ungesundes Streben nach „höherem geistlichem Leben“, nach unbiblischen Heiligungsstufen und außerordentlichen Erfahrungen genährt wurde.

Mit unterschiedlichen Akzenten verkündeten diese Männer die Notwendigkeit einer „Geistestaufe“, einer besonderen Ausrüstung mit Kraft aus der Höhe, die als „zweiter Segen“ nach der Wiedergeburt aufgefaßt wurde. Das steht im Widerspruch zu Lehre der Bibel über den Empfang des Heiligen Geistes (Gal 3,14.22) und über die Taufe mit dem Geist (1Kor 12,13). Ihre Lehren waren stark von Erfahrung geprägt und biblisch nicht gesund; sie widersprachen dem biblischen Zeugnis vom Empfang des Heiligen Geistes und der Heiligung. Es mag sein, daß sie selbst echte biblische Erfahrungen der Geisterfüllung mit unbiblischen Lehrauffassungen vermischten; es kann aber nicht ausgeschlossen werden, daß sie schon teilweise irrgeistigen Einflüssen unterlagen.

Diese Vorstellungen wurden auch von einflußreichen Persönlichkeiten der Erweckungsbewegung in Deutschland (u.a. Elias Schrenk) geteilt oder übernommen. Auch unbiblische Lehren über eine endzeitliche Erweckung und Geistesausgießung und die Wiederherstellung aller apostolischen Gnadengaben gab es in der Erweckungsbewegung jener Tage. Einige lehrten sogar, es werde eine Erstlingsschar von besonders geheiligten Überwindern geben, die eine Auswahlentrückung erlebten und den Tod nicht schauen würden.

Die Erweckungsbewegung in Wales im Jahr 1905 verstärkte bei manchen die Hoffnung auf eine besondere „Geistesausgießung“. In Wales waren bereits irrgeistige Einflüsse und unbiblische Entwicklungen am Wirken gewesen, was einige führende Leute dort auch erkannt hatten. Doch bei zahlreichen unnüchternen Christen nährten die Ereignisse in Wales die Erwartung einer außerordentlichen „Geistesheimsuchung“. In fleischlichem Hochmut und Selbstgerechtigkeit wurde von manchen eine „völlige Durchheiligung“ angestrebt; man wollte Gott bedrängen mit Gebeten um „Fülle“ und „Kraft“, ohne die biblischen Bedingungen zu erfüllen. Man erwartete neue „Geistesausgießungen“ und teilweise auch die Wiederkehr der apostolischen Gaben. Man betete in unnüchterner und unbiblischer Weise um außerordentliche Geisteserfahrungen, wobei das Kreuz Christi, die Rechtfertigung und Erlösung als „niedrige Anfangsstufen“ oft in den Hintergrund rückten.

 
 
 

Der Irrgeist beginnt die Pfingstbewegung

 
 
Am 1. 1. 1901 war es in Topeka (USA) in einer Bibelschule des extremen Heiligungspredigers Charles F. Parham zu einer „Geistesausgießung“ gekommen, bei der Ekstasezustände, Zungenreden und Weissagungen auftraten – zuerst bei einem 18jährigen Mädchen. 1906 kam es dann durch den afroamerikanischen Prediger und Parham-Schüler William J. Seymour in Los Angeles zu einer spektakulären weiteren „Geistesausgießung“, die von vielen als der eigentliche Beginn der Pfingstbewegung angesehen wird. Von Seymours „Azusa Street Mission“ breitete sich diese „Geistesbewegung“ durch viele neugierige Besucher weithin aus.

Der irreführende Geist, der damals ausgegossen wurde, war von Anfang an durch Auswirkungen gekennzeichnet, die deutlich spiritistischen, dämonischen Charakter trugen. Es kam zu Ekstasezuständen, Zittern, Sich-Schütteln, massenhaftes Niederstürzen und Schreien; Menschen wälzten sich am Boden und verhielten sich wie Tiere; sie redeten in Trance und brachten verwirrende und unbiblische „Prophetenbotschaften“ hervor. Das Zungenreden war in aller Regel ein ekstatisches Gestammel, das oftmals als „Weissagung“ ausgelegt wurde. Von vorneherein kam es durch das Geisterwirken zu Spaltungen und großer Verwirrung; so verurteilte etwa Parham die „Azusa-Erweckung“ scharf und sah darin das Wirken von Dämonen, ohne zu erkennen, daß er selbst von denselben Geistern betrogen wurde.

Es muß uns zu denken geben, daß dieser endzeitliche Geist der Irreführung zuerst auf Menschen kam, die extremen unbiblischen Heiligungslehren anhingen, insbesondere der Irrlehre vom „reinen Herzen“ bzw. der „völligen Heiligung“, einem mystischen Erlebnis, das angeblich alle Sünde und sündiges Verlangen im Christen ausrotten sollte. Solche Lehren bedeuten nach 1. Johannes 1,8 und 10, daß man sich selbst betrügt und Gott zum Lügner macht! Gott ließ es zu, daß ein irreführender Geist ausgegossen wurde (vgl. dazu Jesaja 29,9-11; 2. Chronik 18,22; Jesaja 19,14), was ein Gericht am Haus Gottes war, an solchen, die der Lüge und dem schwärmerischen Selbstbetrug anhingen, anstatt Gottes Wort in Wahrheit nüchtern festzuhalten. 

 

 

Die falsche Geistesausgießung – ein Zeichen der ausreifenden Endzeit

 
Für die letzte Zeit vor der Wiederkunft Jesu Christi hatte der Herr selbst angekündigt, daß es viele falsche Propheten geben würde, die mit großen Zeichen und Wundern versuchen würden, auch die Auserwählten zu verführen (Matthäus 24,4-5 u.11-12 u. 24-25). Diese falschprophetische Bewegung würde gekennzeichnet sein von Weissagungen, Dämonenaustreibungen und großen Wunderzeichen, die alle im Namen Jesu Christi praktiziert würden, und zwar von Dienern des Satans, die sich geben würden wie echte Gläubige (Matthäus 7,15 u. 22-23).

Diese Warnungen werden in den Apostelbriefen bestätigt und vertieft. Viele falsche Propheten verführen die Gemeinden durch den Geist der Irreführung (1. Johannes 4,1-6); in der Christenheit wirken in späteren Zeiten verführerische Geister und Lehren der Dämonen (1. Timotheus 4,1); falsche Apostel bringen einen anderen Jesus, einen anderen Geist, ein anderes Evangelium unter die Gläubigen (2. Korinther 11,2-4 u. 13-15); betrügerische Kräfte, Zeichen und Wunder werden auftreten, eine wirksame Kraft der Verführung, die alle die irreführt, die die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben (2. Thessalonicher 2,9-12); falsche Lehrer werden verderbenbringende Irrlehren unter den Gläubigen ausbreiten, und viele werden ihren verderblichen Wegen nachfolgen (2. Petrus 2,1-3); die meisten Christen werden die gesunde Lehre nicht mehr ertragen, sondern sich Irrlehrern zuwenden, die ihnen das erzählen, was sie gerne hören wollen (2. Timotheus 4,3-4).

Alle diese Dinge mußten sich ja erfüllen. Sie hatten sich teilweise schon begonnen zu erfüllen in den nachapostolischen Jahrhunderten, in denen aus der apostolischen Urgemeinde die katholische Kirche entstand, aber die volle Entfaltung dieser Verführungen mußte der Zeit kurz vor der Wiederkunft des Herrn vorbehalten sein, weil alle diese Entwicklungen Wehencharakter tragen (Matthäus 24,8) und diese Wehen bis zum Höhepunkt immer häufiger und stärker auftreten müssen. So kam der kraftvolle Einbruch eines verführerischen falschprophetischen Geistes am Anfang des 20. Jahrhunderts im nachhinein gesehen nicht völlig überraschend; die bibeltreuen Gläubigen der damaligen Zeit waren dennoch zunächst davon vielfach überrascht und verwirrt.

 
 
 

Das trügerische Wirken des Geistes der Pfingstbewegung

 
Für die neue Bewegung waren zwei miteinander verbundenen Lehren besonders kennzeichnend: 1. Die Lehre von einer großen Geistesausgießung in der letzten Zeit, einem „zweiten Pfingsten“ (daher der Name „Pfingstbewegung“), einem „Spätregen des Geistes“, durch den die Christen wieder mit den Kräften und Wundergaben des apostolischen Zeitalters ausgerüstet werden sollten; 2. Die Lehre von der „Geistestaufe“, in der diese „Geistesausrüstung“ persönlich als „zweiter Segen“, als zweite Stufe des geistlichen Lebens (oder dritte nach der völligen Heiligung) empfangen werden mußte. Diese „Geistestaufe“ wurde von der Wiedergeburt getrennt und war mit der Gabe des Zungenredens verbunden; sie wurde als ekstatische Kraftdurchströmung erlebt und durch schwärmerisches Beten oder Handauflegung vermittelt.

Angeblich wolle Gott damit das „Urchristentum“, die „apostolische Kirche“ wiederherstellen und so die Wiederkunft Jesu Christi mit einer triumphalen Massenerweckung vorbereiten. Für viele Lehrer und Anhänger galten nur die „Geistgetauften“ als die wahren, vollen Christen, die zum Leib gehörten. Die „Geistestaufe“ sollte die Christen in ein übernatürliches Leben der völligen Heiligung, der ständigen Verbindung mit Gott führen und ihnen Vollmacht zum apostolischen Dienst mit Visionen, Zeichen und Wundern geben. Die biblisch zutreffende Botschaft von der baldigen Wiederkunft des Herrn wurde mit verführerischen Prophetenbotschaften von einer „besonderen Kraftausrüstung“, einer besonderen „Salbung“ für die „Elite“ verbunden, die angeblich zur Zubereitung der Brautgemeinde nötig wäre.

Von Anfang an hatte der Truggeist, der durch die „Geistestaufe“ vermittelt wurde, etwas Schillerndes, Zwiespältiges in seinen Botschaften und Wirkungen; das werden wir bei dem echten Heiligen Geist nie feststellen, der rein, heilig, wahrhaftig ist und in Übereinstimmung mit dem von Ihm inspirierten Wort der Schrift wirkt. Der falsche Geist der Pfingstbewegung stellte eine beeindruckende Fassade der Frömmigkeit zur Schau: scheinbare Demut und Heiligkeit, ein scheinbarer tiefer Hunger nach Gott, nach mächtigen Geisteswirkungen, scheinbare Buße und tiefe Liebe zu Jesus (ähnlich wie bei den katholischen Mystikern, die ähnlichen dämonischen Irreführungen unterlagen). Auf der anderen Seite bewirkte der Truggeist Hochmut und Unbelehrbarkeit, den Wahn, unter direkter Inspiration von Gott zu stehen und deshalb unfehlbar zu sein, das Hören von Stimmen und Schauen von Visionen, die teilweise verwirrend und bedrohlich waren, teilweise beseligend und in religiöse Höhen führend. Er raubte den Menschen oft die Heilsgewißheit und verursachte vielfach Depressionen und psychotische Zustände.

Es traten übernatürliche Wirkungen auf wie hellseherisches Aufdecken von Verborgenem (auch verborgener Sünde), Lichtzeichen und Engelserscheinungen, faszinierende Kraftwirkungen, Wunderheilungen, Zungenreden. Der Geist führte sehr oft in Ekstase, d.h. ein Außersichsein, wo das Bewußtsein, der Wille und Verstand des Menschen weitgehend ausgeschaltet ist und der Mensch direkt in die Geisteswelt eintaucht. Damit verbunden war die Kontrolle der betroffenen Menschen von Geistesmächten, die ohne und teilweise gegen deren Willen Zittern, Lachen, Weinen, Hinstürzen in Trance, tierhafte Bewegungen oder Bewegungsunfähigkeit erzeugten (vgl. dagegen bei dem echten Heiligen Geist 2Kor 3,17; Gal 5,22; 2Tim 1,7; 1Kor 14,32-33; 1Pt 5,8; 1Th 5,6-9).

Der Truggeist ahmte in manchem echte Geisteswirkungen und apostolische Gnadengaben nach; aber er offenbarte auch vielfach Phänomene, die nur mit dämonischem, falschgeistigem Wirken erklärt werden konnten. Das hat sich bis heute nicht geändert und führt dazu, daß viele ungefestigte, unnüchterne Gläubige diesen Geist für den Heiligen Geist Gottes halten und sich ihm zu ihrem Schaden öffnen, während andererseits gereifte, biblisch gefestigte und im Glauben gesunde Gläubige zu allen Zeiten von diesem Geist abgestoßen wurden und nach einer Zeit der Prüfung seine dämonische, verführerische Natur erkannten.

 

 

Der Einbruch des falschen Geistes in Deutschland: Kassel 1907

 
Das falsche Feuer der pfingstlerischen „Geistesausgießung“ breitete sich nach den Ereignissen in Los Angeles 1906 weithin über die ganze Welt aus. Nach Europa kam der Truggeist zunächst durch den englisch-norwegischen Methodistenprediger Thomas B. Barratt, der 1906 auf einer Kollektenreise in den USA mit der Pfingstbewegung in Kontakt kam und dort auch seine „Geistestaufe“ empfing. In Christiania/Oslo hielt er daraufhin Versammlungen, die wegen der oben erwähnten spiritistischen Geisterwirkungen rasch Berühmtheit erlangten. Auch aus Deutschland besuchten 1907 einige Prediger der Heiligungsbewegung, u.a. Pastor Jonathan Paul, führend im EC, Vorstandsmitglied des Gnadauer Verbandes und späterer Führer der deutschen Pfingstbewegung, die Versammlungen in Christiania und waren überzeugt, hier ein göttliches Geisteswirken zu finden.

Im Juni 1907 lud der Prediger Emil Mayer, Leiter der Hamburger Strandmission, nach einem Besuch in Christiania zwei zungenredende Prophetinnen aus Norwegen nach Hamburg ein. Dort empfing der junge Evangelist Heinrich Dallmeyer seine „Geistestaufe“ und lud die Norwegerinnen daraufhin nach Kassel ein, wo er im Blaukreuzheim vom 7. Juli an öffentliche Versammlungen mit diesen beiden Frauen hielt. Im Laufe dieser Versammlungen bekannten viele, die „Heiligung“ und die „Geistestaufe“ und andere angebliche „Segnungen“ empfangen zu haben. Auf der anderen Seite kam es nach eher ruhigen Anfängen bald zu chaotischen Zuständen. In einem Bericht heißt es: „Gesänge, Sündenbekenntnisse, Bußreden mengten sich mit unartikuliertem Stammeln, Schreien, Stöhnen, Seufzen, Weinen, lautem Händeklatschen und Wiehern. Man sah krampfhaft verzerrte wilde Mienen, die Gebärden Rasender, ferner Menschen, die halb ohnmächtig zu Boden sanken oder rücklings zu Boden geworfen wurden, die wild um sich schlugen, halb bewußtlos.“ (Flugfeuer, 10).

Zahlreiche „Propheten“ brachten Botschaften, oft als „Übersetzung“ von Zungenreden; viele davon waren in der Ich-Form gehalten, erweckten also den Eindruck, daß der Herr selbst rede (vgl. Mt 24,5; Lk 21,8). In diesen Prophetien wurde ein baldiges Pfingsten für die Versammelten angekündigt, andererseits wurden öffentlich und drohend Sünden aufgedeckt (das tut auch der Satan, um Menschen zu verwirren und unter seinen Geist zu bringen!).

Die Prophetinnen aus Norwegen und andere Medien gaben Anweisungen für die Versammlung, denen die irregeführten und eingeschüchterten Leiter blind folgten; diese Frauen beherrschten, bis sie abzogen, die ganzen Ereignisse durch ihre angeblichen „Geistesbotschaften“ – völlig gegen die Lehre der Bibel (1Tim 2,12). Geistliche Bedenken und Kritik an den Vorfällen wurde von den Geistern mit einschüchternden Drohungen beantwortet. Die Versammlungen mußten aufgrund der Tumulte schließlich am 2. August beendet werden, weil sonst die Polizei hätte eingreifen müssen. Ähnliche Dinge wie in Kassel traten später noch an anderen Orten auf, wo dem falschen Geist Raum gegeben wurde, etwa in Großalmerode.

Einige führende Brüder besuchten die Versammlungen in Kassel, in der Hoffnung, dort Zeugen einer gottgewirkten Erweckung zu sein. Viele von ihnen, darunter Elias Schrenk und Theodor Haarbeck, ließen sich am Anfang täuschen und begrüßten das Gesehene als „Wirken Gottes“. Doch das offenkundig Dämonische der Geisterwirkungen ließ den älteren und angesehenen Evangelisten Elias Schrenk bald darauf warnen: „Es ist ein Geist von unten, der sich hier Eingang verschafft hat“. Manche Brüder nahmen zunächst eine kritisch-abwartende Stellung ein; sie waren sich unsicher, wie die Vorgänge beurteilt werden sollten. Einige wenige sahen von vorneherein das Dämonische und wandten sich entschieden ab.

Es kam in der Folge zu einer notvollen Zerrissenheit und Spaltung innerhalb der Heiligungs- und Erweckungsbewegung. Die pfingstlerischen Anhänger versammelten sich vielfach in eigenen Kreisen; teilweise gerieten ganze Gemeinschaften unter ihre Kontrolle. Als Führer stellten sich bald einige bekannte Gemeinschaftsprediger und Evangelisten heraus, allen voran Pastor Jonathan Paul (1853-1931), dann auch Pastor Regehly (Breslau), Eugen Edel (Brieg) und Emil Humburg (Mülheim). Die Verunsicherung vieler Gläubiger war groß. Einige führende Brüder warnten vor der Bewegung, andere blieben zunächst neutral und versuchten zu vermitteln.

 
 

Die Berliner Erklärung als Antwort auf die Pfingstbewegung

 
Im Jahr 1909 sahen viele Brüder in Deutschland, daß es dringend nötig war, für die verunsicherten Gläubigen eine gemeinsame klärende Stellungnahme zur Pfingstbewegung zu veröffentlichen. Es war deutlich, daß jede weitere Neutralität und Duldung noch mehr Gläubige unter den Einfluß des Verführungsgeistes bringen würde. So entschlossen sich diese Männer, die alle in verantwortlichen Stellungen in der Gemeinschafts- und Erweckungsbewegung dem Herrn dienten, ihre Aufgabe als Wächter auf den Mauern Zions wahrzunehmen und den betrügerischen Geist deutlich als das zu kennzeichnen, was er ist, und das Volk Gottes zur Absonderung von der Pfingstbewegung aufzurufen.

Nach gründlichen Beratungen verabschiedeten diese Brüder die „Berliner Erklärung“. Sie war die Frucht einer sorgfältigen Prüfung und biblischen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Äußerungen der Pfingstbewegung. Unter den Unterzeichnern waren solche, die selbst Zeugen des Wirkens dieses Irrgeistes in Kassel gewesen waren, besonders Elias Schrenk, Otto Schopf und August Dallmeyer. Alle Unterzeichner konnten die bösen Früchte des Verführungsgeistes bezeugen, hatten Aufruhr und Spaltungen, irregeführte und in Not geratene Gläubige erlebt, den Hochmut der Zungenredner, ihre falschen Lehren. Ihre Stellungnahme war kein vorschnelles Urteil und kam nicht vom grünen Tisch; sie war die Frucht von viel Gebet und geistlichem Ringen.

Die Berliner Erklärung traf zwei klare Grundaussagen, die auch heute noch volle Gültigkeit behalten und die ihre segensreiche, aufhaltende und bewahrende Wirkung begründeten:

1. Die Berliner Erklärung sprach klar und deutlich aus, daß der Geist, der diese Bewegung hervorgerufen hatte und seither prägt und steuert, ein dämonischer Irrgeist ist und nicht der Heilige Geist. Ihren Kern bildet das klar ausgesprochene, unbeschönigte, wahrheitsgetreue Zeugnis: „Die sogenannte Pfingstbewegung ist nicht von oben, sondern von unten; sie hat viele Erscheinungen mit dem Spiritismus gemein. Es wirken in ihr Dämonen, welche, vom Satan mit List geleitet, Lüge und Wahrheit vermengen, um die Kinder Gottes zu verführen. In vielen Fällen haben sich die sogenannten „Geistbegabten“ nachträglich als besessen erwiesen“ (1.b).

2. Sie spricht eine klare, kompromißlose biblische Abgrenzung von dieser Bewegung aus und fordert die Gläubigen auf, sich von der Bewegung und ihrem Geist fernzuhalten. „Eine derartige Bewegung als von Gott geschenkt anzuerkennen, ist unmöglich. Es ist natürlich nicht ausgeschlossen, daß in den Versammlungen die Verkündigung des Wortes Gottes durch die demselben innewohnende Kraft Früchte bringt. Unerfahrene Geschwister lassen sich durch solche Segnungen des Wortes Gottes täuschen. Das ändert aber an dem Lügen-Charakter der ganzen Bewegung nichts, vgl. 2. Kor. 11,3-4 und 14“ (2.).

Auch die geistlich unerläßliche, biblisch gebotene Konsequenz daraus wird den Gläubigen nicht vorenthalten (vgl. Röm 16,17; 1Tim 6,3-5; Tit 3,10-11; 2Pt 3,17-18; Jud 3-4): „Wir bitten hierdurch alle unsere Geschwister um des Herrn und seiner Sache willen, welche der Satan verderben will: Haltet euch von dieser Bewegung fern! Wer aber von euch unter die Macht dieses Geistes geraten ist, der sage sich los und bitte Gott um Vergebung und Befreiung. Verzaget nicht in den Kämpfen, durch welche dann vielleicht mancher hindurchgehen wird. Satan wird seine Herrschaft nicht leichten Kaufes aufgeben. Aber seid gewiß: der Herr trägt hindurch!“ (6.)

 
 
 

Die Kämpfe um die Bewahrung der Gemeinde nach 1909: die Pfingstbewegung wird isoliert

 
Die Berliner Erklärung war ein wichtiges Signal in einer Situation der Lähmung und geistlichen Verwirrung. Sie bewirkte, daß dem verführerischen Geist der Pfingstbewegung die weitere Ausbreitung sehr erschwert wurde. Sie half den verantwortlichen Hirten der Herde Gottes, dem falschen Geist und seinen Lehren mit der nötigen Entschiedenheit entgegenzutreten, so daß viele Geschwister vor der Irreführung bewahrt wurden. Einige Brüder aus der Pfingstbewegung kehrten später noch um und lösten sich von dem Irrgeist.

Eine problematische Rolle spielten lange Jahre die „Neutralen“, darunter Pastor Coerper (Liebenzell), Evangelist Jakob Vetter (Geisweid), Pastor Krawielitzky (Vandsburg) und Pastor Ernst Modersohn (Blankenburg). Diese Männer der Heiligungsbewegung, z.T. bekannte Prediger ihrer Zeit, gingen nicht offen in das Lager der Pfingstbewegung über, auch weil sie dort manches abstieß, was sie beobachteten; dennoch waren sie eine Zeitlang offen für die falschen Lehren und auch für verführerische Geisteswirkungen und „Geistesgaben“ aus dieser Bewegung.

Die „Neutralen“ griffen z.T. diejenigen Brüder als „lieblos“ und „überzogen“ an, die die Pfingstbewegung offensiv bekämpften und sich zur Berliner Erklärung bekannten. Die „Neutralen“ verharmlosten den Irrgeist der Pfingstbewegung und seine üblen Früchte; sie versuchten, die abstoßenden Geisterwirkungen menschlich-psychologisch zu erklären, anstatt auf biblischer Grundlage klar das Wirken der Dämonen beim Namen zu nennen (1Tim 4,1). Sie weigerten sich, die Bewegung als verführerisches Werk des Feindes zu kennzeichnen und waren gegen die offenkundigen Fakten bemüht, darin Gutes und Göttliches zu entdecken.

Die Anhänger der Pfingstbewegung rechtfertigten sich bald nach Erscheinen der „Berliner Erklärung“ mit der „Mülheimer Erklärung“, die zwar zugab, daß bei ihnen „nicht nur Göttliches, sondern auch Seelisches, bzw. Menschliches und unter Umständen auch Dämonisches“ auftrete, die dies aber als Begleiterscheinung einer Erweckung verharmloste und auch die Lügenprophetien mit unbiblischen Argumenten rechtfertigte. Die unter dem Verführungsgeist stehenden Kreise gruppierten sich neu, eigene Konferenzen und Zeitschriften („Pfingstgrüße“) entstanden. Nach Schätzungen schlossen sich etwa ein Drittel der pietistischen Gemeinschaftsleute der neuen Bewegung an. Der falsche Geist hatte eine tiefgreifende und schmerzliche Spaltung in der Erweckungsbewegung angerichtet.

 

 

Die veränderte Situation seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts

 
Viele Jahrzehnte blieb die Pfingstbewegung eine isolierte, in sich zersplitterte Außenseitergruppe. Das änderte sich erst mit dem verstärkten Einfluß der Charismatischen Bewegung in den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Die aus der Pfingstbewegung entstandene Charismatische Bewegung gewann auch in Deutschland zunehmend Einfluß in den Großkirchen; es entstanden „Charismatische Erneuerungsbewegungen“ in der katholischen Kirche, in den evangelischen Kirchen, aber auch bei den Baptisten und Methodisten.

Die Charismatiker hatten die wichtigsten Grundlehren mit der älteren Pfingstbewegung gemeinsam; in ihren Reihen wirkte derselbe Verführungsgeist, den sie von der Pfingstbewegung bekommen hatten. Bei ihnen traten dieselben falschen „Geistesgaben“ auf wie in der Pfingstbewegung – Zungenreden, Prophetie, Wunderheilungen –, aber sie waren viel „weltoffener“ und taktisch flexibler; sie hatten zumeist lockere Maßstäbe in bezug auf Heiligung und waren ansprechender für viele Menschen.

Es entstanden zahlreiche unabhängige charismatische Gemeinden und Werke, die erfolgreich größere Mengen an Anhängern anziehen konnten; einer neuen Generation von pragmatischen evangelikalen Führern schienen die Erfolgsrezepte solcher Gemeinden interessant. Über die charismatischen Lieder drangen die Einflüsse des Irrgeistes auch in evangelikale Kreise. Eine unheilvolle, weitreichende Rolle bei der Öffnung der evangelikalen Kreise für die Pfingst- und Charismatische Bewegung spielte Billy Graham, der z.B. auf dem Lausanner Kongreß für Weltevangelisation 1974 eine Zusammenarbeit mit dieser Bewegung befürwortete.

In diesen Jahrzehnten hatte sich aber auch bei einer neuen Generation von Evangelikalen eine innere Auflösung bibeltreuer Überzeugungen breitgemacht. Viele Führer aus Gnadauer Gemeinschaftskreisen und Freikirchen glaubten gar nicht mehr an die Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel, sondern öffneten sich zunehmend einer „gemäßigten“ Bibelkritik. Die biblische Wahrheit wurde zunehmend im Denken und auch im Leben relativiert; die Gottesfurcht wurde schleichend untergraben. Die ökumenische Zusammenarbeit mit liberalen Protestanten und der katholischen Kirche wurde weitgehend gutgeheißen. Die Verweltlichung und innere Abkehr von biblischer Heiligung und Absonderung nahm in pietistischen und evangelikalen Kreisen mehr und mehr zu; eine oberflächliche Evangeliumsverkündigung führte dazu, daß immer mehr nur äußerlich bekehrte Scheinchristen die Reihen der Gemeinden und Gemeinschaften füllten.

Diese Tendenzen des geistlichen Verfalls, ja des schleichenden Abfalls vom biblischen Glauben durchsäuerten viele Jahre die Kreise der Allianz und der Evangelikalen, bis nur noch eine kleine Minderheit der Gläubigen und eine noch kleinere Minderheit der führenden Männer mit ganzem Herzen an der biblischen Wahrheit festhielt. Schließlich kam der Punkt, wo die früher noch ernst genommene Abgrenzung von der Pfingstbewegung nicht mehr in die neue Mentalität und die neuen Trends paßte. Sie erwies sich als hinderlich für einen modernen Neo-Evangelikalismus, der der pragmatischen Vermischung mit allen möglichen Irrströmungen das Wort redete. Dabei spielte sicherlich auch „Pro Christ“ eine gewichtige Rolle, ebenso der Einfluß von „Willow Creek“, der amerikanischen „Gemeindewachstumsbewegung“, die eine Öffnung für charismatische Elemente als wachstumsfördernd empfahl.

 
 

Die Öffnung gegenüber dem Verführungsgeist in Allianz und Gemeinschaftsbewegung

 
So kam es zu dem Punkt, wo nach einigen „offenen Gesprächen“ der Hauptvorstand der Evangelischen Allianz gemeinsam mit dem Präsidium des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden am 1. Juli 1996 die „Kasseler Erklärung“ herausgab. Ohne direkten Bezug zur „Berliner Erklärung“ wurde darin die Mitarbeit von Pfingstgemeinden in der Evangelischen Allianz befürwortet. Ein weiterer zeichenhaft wirkender Schritt zur Öffnung gegenüber der Pfingst- und Charismatischen Bewegung war die „Gemeinsame Erklärung“ des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes und des Mülheimer Verbandes Freikirchlicher Evangelischer Gemeinden zur Berliner Erklärung von 1909, die am 18. Januar 2009 veröffentlicht wurde.

Mit der Aufgabe der biblisch begründeten Abgrenzung durch führende Evangelikale war die Tür für die Vermischung mit dem Irrgeist der Pfingst- und Charismatischen Bewegung weit aufgemacht, und der charismatische Sauerteig wirkt seither verstärkt auch in „evangelikale“ Gemeinden und Gemeinschaften hinein – bis hin auch in früher konservative Kreise wie etwa gewisse rußlanddeutsche Baptistengemeinden oder Brüderversammlungen.

Wo die Hirten und Führer 1909 noch zu einem großen Teil ihre Verantwortung als Wächter wahrgenommen hatten, gibt es heute nur noch vereinzelte Stimmen im evangelikalen Lager, die eine biblisch klare Stellung zur Pfingst- und Charismatischen Bewegung im Sinne der Berliner Erklärung einnehmen. Die allermeisten reden einer unbiblischen Vermischung das Wort. Zumeist wird gesagt, man erkenne die „gemäßigten“ Charismatiker als gute bibeltreue Christen an, während oftmals bei den „Extremen“ noch gewisse Bedenken angemeldet werden, ohne aber die Wurzel, nämlich die Wirkungen des dämonischen Geistes der Irreführung, zu erkennen.

 
 

Das unklare geistliche Urteil über den Verführungsgeist

 
Solche pragmatischen und „toleranten“ Standpunkte haben den Anschein „christlicher“ Liebe und Offenheit, aber sie sind im Grunde unwahrhaftig und unlauter. Wie damals die „Neutralen“ drücken sich die heutigen Verantwortlichen im evangelikalen Lager vor einer aufrichtigen biblischen Prüfung der Geister, die uns doch in 1.Johannes 4,1 ausdrücklich aufgetragen ist. Es ist für alle nüchternen, biblisch gegründeten Beobachter wie auch für alle diejenigen, die die geistlichen Zustände in dieser Bewegung aus eigener schmerzhafter Erfahrung kennen, völlig offenbar, daß diese Bewegung von einem übernatürlichen Geisteswirken geprägt und geleitet ist.

Es ist unmöglich, Dinge wie Visionen, Wahrsagung und prophetische Offenbarungen, Phänomene wie massenweises Rückwärtsstürzen, „Lachen im Geist“ o.ä. lediglich menschlich-psychologisch zu deuten. Wenn diese Dinge nicht vom Heiligen Geist kommen – was angesichts der Widersprüche zum biblischen Zeugnis über den Geist Gottes und Sein Wirken offenkundig ist –, dann müssen sie von einem betrügerischen Geist der Finsternis kommen, wie es auch die Verfasser der Berliner Erklärung bezeugt haben. Entweder handelt es sich bei den Propheten dieser Bewegung um echte Propheten, die durch den Heiligen Geist Offenbarungen von Gott verkünden, oder aber um falsche Propheten, die durch einen Truggeist Lügenweissagungen und Wahrsagereien verkünden.

Es ist heute so wie damals vor 100 Jahren: Die Früchte, die dieser Geist der Pfingst- und Charismatischen Bewegung hervorbringt, beweisen bei nüchterner biblischer Beurteilung klar und deutlich, daß er ein dämonischer Irrgeist ist. Heute wie damals lenkt dieser Irrgeist von dem Herrn Jesus und Seinem vollkommenen Sühnopfer ab, er verbreitet eine verwirrende, trunken machende falsche Frömmigkeit, er weissagt Lügen und offenbart falsche Lehren im Namen Jesu Christi, er bewirkt trügerische Wunderzeichen, er bringt seine Anhänger dazu, den Namen Christi durch ein zuchtloses und unreines Verhalten zu entehren, er spaltet Gemeinden und zerrüttet den Glauben zahlloser Opfer.

Es ist auch ein Gericht über die blind gewordenen modernen Evangelikalen, daß gerade zur Zeit ihrer offenen Annäherung und „Versöhnung“ gegenüber den Charismatikern dieser falsche Geist in den weltweiten Erscheinungen des „Toronto-Segens“, der „Brownsville-Erweckung“, des Lakeland-Spektakels usw. wieder einmal unmißverständlich sein dämonisches Gesicht gezeigt hat – aber die verführten Hirten wollen die Wahrheit nicht erkennen und laden die Wölfe herzlich ein, zu den Schafen einzudringen und dort Festmahlzeit zu halten.

Angesichts der unklaren, Nebel verbreitenden Bewertungen heutiger evangelikalen Führer müssen wir uns neu auf die Bibel besinnen: Nach der klaren Lehre der Bibel sind alle falschen Propheten, falschen Lehrer, Apostel und Hirten nicht wiedergeboren; sie sind nicht „unsere lieben Brüder und Schwestern“, sondern reißende Wölfe in Schafskleidern (Mt 7,15; Apg 20,29), Diener des Satans, die sich als Diener der Gerechtigkeit verkleiden, so wie der Satan sich in der Pfingst- und Charismatischen Bewegung als Engel des Lichts verkleidet (2Kor 11,13-15), um durch falsche Propheten und falsche Wunderzeichen die Auserwählten zu verführen (Mt 24,24). Falsche Propheten und Irrlehrer sind nicht unsere Bündnispartner, mit denen wir „trotz mancher Differenzen vertrauensvoll und brüderlich zusammenarbeiten“ können. „Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, den nehmt nicht auf ins Haus und grüßt ihn nicht! Denn wer ihn grüßt, macht sich seiner bösen Werke teilhaftig“ (2Joh 10-11).

Dabei wollen wir durchaus anerkennen, daß einige Anhänger dieser Bewegung tatsächlich wiedergeborene Kinder Gottes sind. Wir sollen solche Menschen nicht verurteilen, sondern ihnen in Liebe begegnen. Zu dieser Liebe gehört allerdings dazu, daß wir sie deutlich warnen vor der Verführungsmacht, der sie sich geöffnet haben. Wiedergeborene, die Irrlehren anhängen, müssen wir als Geschwister im Herrn behandeln, die effektiv unter Gemeindezucht stehen, weil sie in Sünde abgeirrt sind (das Anhängen an Irrlehren und falsche Geister ist ebenso Sünde wie moralische Vergehungen – Tit 3,10-11!). Wir können mit ihnen keine normale Gemeinschaft haben und sie auch nicht in den Gemeinden dulden, die sie sonst mit der Verführung durchsäuern würden. Zugleich müssen wir angesichts des weithin in charismatischen Kreisen verkündigten falschen Evangeliums davon ausgehen, daß die große Mehrzahl auch der Anhänger dieser Bewegung nicht wiedergeboren ist, sondern durch den frommen Betrug des Satans verlorengehen wird, wenn sie nicht noch Buße tun.

 

 

Absonderung ist auch von den „gemäßigten“ Charismatikern nötig

 
Für viele Gläubige wirft die sogenannte „gemäßigte Charismatik“ Fragen auf. Sie empfinden, daß die extremen charismatischen Praktiken ungöttlich sind, aber bei den gemäßigten Pfingstlern und Charismatikern können sie solches Böse nicht sehen; oftmals hört man: „Das sind so liebe Geschwister; ich sehe bei ihnen Frucht des Geistes; weshalb sollte ich mit ihnen nicht Gemeinschaft haben?“. In der Tat gibt es in den gemäßigten Kreisen oft mehr echte Kinder Gottes. Die Versammlungen wie das persönliche Leben sind nicht so stark von den Wirkungen des Irrgeistes geprägt; Zungenreden, Weissagungen und Kraftwirkungen treten kaum öffentlich auf.

Dennoch sind auch die „gemäßigten“ Pfingstler und Charismatiker gefährlich, ja in gewisser Weise besonders gefährlich; sie spielen in der Strategie des Teufels zur Verführung der Gemeinde eine wichtige Rolle. Der Feind gebraucht sie – natürlich ohne daß sie sich dessen bewußt wären – als Lockvögel und Aushängeschilder, um den wahren Charakter des Irrgeistes der Bewegung zu verbergen und andere Gläubige zu täuschen.

Der Verführungsgeist hält sich in gemäßigten Kreisen von massiven unbiblischen Geisterwirkungen zurück, so daß evangelikal geprägte Christen leichter Vertrauen fassen und sich für ihn öffnen. Doch die Irrlehre und Irrpraxis der „Geistestaufe“ wird überall in diesen Kreisen beibehalten, und so kommen bestimmte Christen dort viel leichter unter den Einfluß des Irrgeists als ein einer extremen Gemeinde. Wenn sie einmal den falschen Geist empfangen haben, dann weiß niemand, wohin dieser die infizierte Person treiben wird – erfahrungsgemäß fangen viele Charismatiker in einem „harmlosen“, „gemäßigten“ Kreis an, aber enden oft in einer extremen Gemeinde.

Wir dürfen diese Fragen nicht menschlich beurteilen, sondern müssen sie geistlich aufgrund der Lehre der Heiligen Schrift bewerten. Eine ganz wichtige und grundlegende Lehre des NT in diesen Fragen ist das Sauerteig-Prinzip. In bezug auf Irrlehren in der Gemeinde wird genauso wie in bezug auf moralische Sünde festgestellt: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,9; vgl. Mt 16,12; Mt 13,33). Auch in bezug auf böse Lehre gilt, was die Schrift grundsätzlich über unser Verhältnis zu Sauerteig sagt: „Euer Rühmen ist nicht gut! Wißt ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Darum fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seid, da ihr ja ungesäuert seid! Denn unser Passahlamm ist ja für uns geschlachtet worden: Christus. So wollen wir denn nicht mit altem Sauerteig Fest feiern, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit ungesäuerten Broten der Lauterkeit und Wahrheit“ (1Kor 5,6-8).

Sowohl die Grund-Irrlehre von der „Geistestaufe“ als auch weitere Irrlehren dieser Bewegung stellen, geistlich gesehen, Sauerteig dar. Die Anhänger des falschen Geistes haben alle, ob „extrem“ oder „gemäßigt“, durch den in der „Geistestaufe“ empfangenen falschen Geist Gemeinschaft mit Dämonen (1Kor 10,20). Sie hören auf einen anderen Geist und einen anderen Jesus, der sich durch den falschen Geist ihnen offenbart. Sie reden auch in Zungen, wenn auch „nur“ zuhause für sich. Damit sind sie aber geistlich gesehen, verunreinigt und verunreinigen andere! Um die Gemeinde vor den verführerischen, verderblichen Auswirkungen des Sauerteigs zu schützen, hilft nur klare und strikte Absonderung (vgl. den Grundsatz in 2Kor 6,14-7,1; Röm 16,17; 1Tim 6,5; Tit 3,10). Dabei ist Konsequenz sehr wichtig, denn nach der Lehre der Schrift genügt schon ein wenig Sauerteig, den ich im reinen Teig der Gemeinde dulde, damit am Ende der ganze Teig durchsäuert wird.

Der dämonische Irrgeist der Pfingst- und Charismatischen Bewegung nimmt deshalb die verschiedensten Verkleidungen an, darunter auch sehr harmlos wirkende, gemäßigte, weil es dem Feind darauf ankommt, in der letzten Zeit auch die wenigen noch bibeltreuen Gläubigen in die Endzeitverführung hineinzuziehen, sie zu beflecken und zu benebeln durch eine Öffnung für den Geist der Pfingstbewegung.

Das raffinierteste Werkzeug dazu sind die charismatischen Lieder, die aus dem trügerischen Geist inspiriert sind und die falschen Lehren und vor allem die falsche ekstatische Frömmigkeit dieser Bewegung auch in nüchterne Kreise heimlich einschleusen helfen. Viele ansonsten ernsthafte bibeltreue Leiter sehen diese Gefahr nicht; sie nehmen diesen Liedern gegenüber eine falsche Haltung der Toleranz und Verharmlosung ein. Auch manche pfingstlerische Literatur wird immer wieder von bibeltreuer Seite empfohlen und verbreitet, wobei man das Verführungspotential dieser irrgeleiteten Zeugnisse nicht erkennt.

 

 

Wir brauchen heute entschiedene Absonderung und treue Nachfolge!

 
Es ist eine sehr bedauerliche Entwicklung, daß selbst bekannte Verkündiger und Wächter aus den Reihen der bibeltreuen Gläubigen es heute in der Abgrenzung gegenüber der Pfingst- und Charismatischen Bewegung an Konsequenz und biblischer Entschiedenheit fehlen lassen. Vielfach grenzt man sich nur noch gegen die Extremerscheinungen ab, während man der „gemäßigten Charismatik“ gegenüber eine zu offene, verharmlosende Haltung einnimmt. Man redet etwa von „unbiblischen Lehren“ und „unnüchterner Frömmigkeit“, aber versäumt es, klar davor zu warnen, daß diese Bewegung von einem Irrgeist gesteuert und getrieben wird. Doch gerade dieses klare Zeugnis sind die Wächter und Lehrer der Gemeinde Jesu Christi in bezug auf die Pfingst- und Charismatische Bewegung besonders heute dringend schuldig.

Die Verfasser der Berliner Erklärung hatten hier die Wahrheit kompromißlos auf den Leuchter gestellt, so daß die Gläubigen damals vor der Irreführung bewahrt wurden. Heute neigen viele – auch wenn sie sich in Worten zur Berliner Erklärung bekennen mögen – dazu, im Sinne der „Neutralen“ nur die „Auswüchse“ anzuprangern und ansonsten eine unbiblische „Liebe“ und „Toleranz“ walten zu lassen. Doch das ist keine echte Liebe, wie jemand bemerkt hat: „Barmherzigkeit gegenüber den Wölfen ist Unbarmherzigkeit gegenüber den Schafen!“

Diese Neigung zu einem unklaren Urteil zeigt sich auch, wenn verschiedentlich von den „Stärken und Schwächen“ der Charismatischen Bewegung geredet wird – eine Verführungsbewegung hat aber keine „Stärken“, hat nichts Gutes, von dem wir lernen könnten! Auch das scheinbar „Positive“, wie etwa der Gebetseifer oder der Einsatz für die charismatische Sache, ist verdorben durch den Irrgeist und die Irrlehren. Wir können ja auch nicht sagen, daß die Zeugen Jehovas „evangelistischen Eifer“ hätten, da sie ja ein verderbenbringendes falsches „Evangelium“ verbreiten.

Oft hört man: „Man darf doch das Kind nicht mit dem Bad ausschütten!“ Aber bei einer Verführungsbewegung ist in dem Bad gar kein Kind vorhanden! Solche rein menschliche, angeblich „ausgewogene“ Betrachtungsweise ist nicht der Lehre der Bibel gemäß, sie verschleiert das Wirken des Verführungsgeistes und erleichtert sein Werk, zumal es oft damit verbunden ist, daß die wenigen Brüder, die noch klar vor der Bewegung warnen, als „lieblos“ und „extrem“ hingestellt werden und ihr Zeugnis unter den Gläubigen untergraben werden soll.

In unserer Situation hat uns das 100 Jahre alte Zeugnis der Berliner Erklärung deshalb immer noch viel zu sagen. Diese Erklärung ist in ihrem Kern keineswegs überholt, sondern heute noch genauso wahr und gültig wie damals. Die Ernsthaftigkeit und entschiedene, biblisch begründete Warnung vor der Pfingstbewegung, die sie ausspricht, sind heute noch nötig, ebenso die klar angesprochene Konsequenz, keinerlei Gemeinschaft mit Anhängern dieser Bewegung zu haben. Der heilige Ernst, der Mut und die Klarheit dieser Männer, die angesichts einer dämonischen Verführungswelle die Gemeinde Jesu Christi warnten und zur Umkehr riefen, fehlen leider heute vielen Brüdern, die eigentlich Wächter sein sollten. Laßt uns darum beten, daß Gott noch vielen Hirten in Seiner Gemeinde ihre Verantwortung als Wächter neu bewußt macht, so daß die Mauern und Tore Jerusalems geschlossen werden vor den eindringenden Verführungsgeistern!

Wir leben heute in einer Zeit ernster und intensiver geistlicher Kämpfe. Die Mächte der Finsternis versuchen mit allen Mitteln, die Gemeinde in dieser letzten Zeit zu betrügen, zu unterwandern und in ihrem Zeugnis kraftlos zu machen. Der Irrgeist der Pfingst- und Charismatischen Bewegung ist dazu ein besonders wirksames Instrument, vor allem zur Irreführung der Jugend. Heute ist es wichtiger denn je, diesen raffinierten Angriffen entschlossen zu widerstehen, in der vollen Waffenrüstung Gottes, die gesunde Lehre des Wortes Gottes entschieden zu verkündigen und die Gläubigen zu stärken in dem Kampf um den überlieferten Glauben. Die Berliner Erklärung erinnert uns an diesen ernsten Kampf, in dem nur kompromißlose Klarheit den Sieg ermöglicht.

In nicht allzuferner Zeit werden wir mit den schon vollendeten Zeugen des Kampfes für den Glauben, die diese Erklärung unterzeichneten, vereint in der Herrlichkeit sein. Der verherrlichte Herr selbst wird dann Seinen Knechten Lob oder Tadel aussprechen. Möge der Herr uns treu erfinden im Dienst für Ihn, in der Bewahrung Seines Wortes und Seiner Wahrheit!

 
Geliebte, da es mir ein großes Anliegen ist, euch von dem gemeinsamen Heil zu schreiben,
hielt ich es für notwendig, euch mit der Ermahnung zu schreiben,
daß ihr für den Glauben kämpft, der den Heiligen ein für allemal überliefert worden ist.
Es haben sich nämlich etliche Menschen unbemerkt eingeschlichen,
die schon längst zu diesem Gericht aufgeschrieben worden sind,
Gottlose, welche die Gnade unseres Gottes in Zügellosigkeit verkehren
und Gott, den einzigen Herrscher, und unseren Herrn Jesus Christus verleugnen.
(Judas 3-4)

Ihr aber, Geliebte, da ihr dies im voraus wißt,
so hütet euch, daß ihr nicht durch die Verführung der Frevler mit fortgerissen werdet
und euren eigenen festen Stand verliert!
Wachst dagegen in der Gnade und in der Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus!
Ihm sei die Ehre, sowohl jetzt als auch bis zum Tag der Ewigkeit! Amen.
(2. Petrus 3,17-18)
 
 
 

Rudolf Ebertshäuser    Gekürzte Fassung Dezember 2009    www.das-wort-der-wahrheit.de

 
 
 
 
 
Eine gute und übersichtliche Information über die verschiedenen falschen Lehren und Praktiken der Pfingst- und Charismatischen Bewegung erhalten Sie in dem Buch desselben Verfassers: Die Pfingst- und Charismatische Bewegung. Eine biblische Orientierung (Steffisburg: Edition Nehemia 2012; 200 S., Taschenbuch).

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