Einleitung
Es gibt viele Gründe, weshalb es wertvoll und wichtig ist, sich tiefergehend mit dem priesterlichen Auftrag und Dienst der Gemeinde Gottes zu beschäftigen. Diese Schrift will dieses Thema auf der Grundlage der Lehre der Bibel untersuchen und uns aufzeigen, wie großartig und schön die Berufung ist, Priester Gottes zu sein, aber auch, welche Verantwortung diese Berufung mit sich bringt.
Es gehört zu den im Neuen Testament geoffenbarten Wesenszügen der Gemeinde Gottes in Christus, daß sie eine heilige Priesterschaft ist, wie uns 1. Petrus 2,5 bezeugt. Dieser Wesenszug steht neben anderen, die wir vielleicht besser kennen: die Gemeinde wird im Neuen Testament als Leib des Christus bezeichnet (vgl. u.a. Röm 12,5; 1Kor 12,12-27), als das auserwählte Volk Gottes (1Pt 2,9-10; Tit 2,14), als die Herde Gottes (1Pt 5,2; Apg 20,28), als die Braut des Christus (Eph 5,25-32; 2Kor 11,2; Offb 19,7), als das Haus Gottes (1Tim 3,15; Hebr 10,21; 1Pt 4,17).
Alle diese Eigenschaften der Gemeinde sollten wir sorgfältig erforschen und darüber nachsinnen, wie wir sie umsetzen können, denn sie bedeuten zugleich Aufträge für uns, die wir als Gemeinschaft der erlösten Gotteskinder alle Gedanken Gottes über uns nach Kräften ausleben sollten.[1] Das gilt auch für den Auftrag, Priesterdienst für Gott zu tun, mit dem wir uns in dieser Schrift beschäftigen wollen.
Nach meiner Überzeugung haben die gläubigen Christen auf der Erde drei große Aufträge, die sowohl jedem einzelnen Kind Gottes als auch der Gemeinde Gottes als Ganzes gelten:
- Evangeliumsverkündigung:
Dieser Auftrag ist den allermeisten Gläubigen offenkundig; unser Herr selbst hat ihn ausgesprochen:
Da öffnete er ihnen das Verständnis, damit sie die Schriften verstanden, und sprach zu ihnen: So steht es geschrieben, und so mußte der Christus leiden und am dritten Tag aus den Toten auferstehen, und in seinem Namen soll Buße und Vergebung der Sünden verkündigt werden unter allen Völkern, beginnend in Jerusalem. Ihr aber seid Zeugen hiervon! (Lk 24,45-48)
Der Apostel Paulus betont diesen Auftrag ebenso: „So sind wir nun Botschafter für Christus, und zwar so, daß Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun stellvertretend für Christus: Laßt euch versöhnen mit Gott!“ (2Kor 5,20). Nicht jeder ist berufen, ein Missionar oder Prediger des Evangeliums zu sein, aber jeder Gläubige soll ein Zeuge Jesu Christi und Seiner Rettungsbotschaft sein.
- Gegenseitige Zurüstung der Heiligen für ihr geistliches Wachstum:
Dieser Auftrag steht vielen Gläubigen nicht so deutlich vor Augen, obwohl ihn Gottes Wort in den Briefen des Neuen Testaments klar zum Ausdruck bringt: „Darum ermahnt einander und erbaut einer den anderen, wie ihr es auch tut!“ (1Thess 5,11).
Und Er hat etliche als Apostel gegeben, etliche als Propheten, etliche als Evangelisten, etliche als Hirten und Lehrer, zur Zurüstung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes des Christus, bis wir alle zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zur vollkommenen Mannesreife, zum Maß der vollen Größe des Christus; damit wir nicht mehr Unmündige seien, hin- und hergeworfen und umhergetrieben von jedem Wind der Lehre durch das betrügerische Spiel der Menschen, durch die Schlauheit, mit der sie zum Irrtum verführen, sondern, wahrhaftig in der Liebe, heranwachsen in allen Stücken zu ihm hin, der das Haupt ist, der Christus. Von ihm aus vollbringt der ganze Leib, zusammengefügt und verbunden durch alle Gelenke, die einander Handreichung tun nach dem Maß der Leistungsfähigkeit jedes einzelnen Gliedes, das Wachstum des Leibes zur Auferbauung seiner selbst in Liebe.“ (Eph 4,11-16)
Dieser Auftrag ergeht an alle Gläubigen, auch wenn die dienenden Brüder (Hirten, Lehrer, Evangelisten, Gemeindeälteste und Diakone, Prediger, Jugendleiter usw.) hier eine besondere Verantwortung haben.
- Priesterdienst und Anbetung:
Dieser Auftrag ist wahrscheinlich der am meisten vernachlässigte in vielen Gemeinden und bei vielen Gläubigen. Und doch ist er der herrlichste und in gewisser Weise auch höchste Auftrag, den wir haben können:
Da ihr zu ihm gekommen seid, zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist, so laßt auch ihr euch nun als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, als ein heiliges Priestertum, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus. (1Pt 2,4-5)
Der Auftrag der Anbetung Gottes (vgl. Joh 4,23-24) wird auch noch weiterbestehen, wenn die Gemeinde verherrlicht im Himmel ist – ja, er wird dann erst voll zur Entfaltung kommen, während die beiden anderen Aufträge dann erfüllt und beendet sein werden.
Um diese wunderbare priesterliche Berufung der einzelnen Gläubigen und der Gemeinde als Ganzes soll es in der vorliegenden Schrift gehen. Wir wollen dieses wichtige Thema hier in aller Kürze behandeln, um es einem weiteren Leserkreis nahezubringen; wer sich damit ausführlicher beschäftigen möchte, den möchte ich auf mein 2016 erschienenes Buch Der priesterliche Auftrag der Gemeinde und seine endzeitliche Gefährdung hinweisen.
I. Der priesterliche Auftrag der Gemeinde nach der Lehre des Neuen Testaments
Die zentrale Aussage der apostolischen Lehrbriefe, in der unser Auftrag als Priester Gottes in klare Worte gefaßt ist, finden wir im 1. Petrusbrief:
Da ihr zu ihm gekommen seid, zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt und kostbar ist, so laßt auch ihr euch nun als lebendige Steine aufbauen, als ein geistliches Haus, als ein heiliges Priestertum, um geistliche Opfer darzubringen, die Gott wohlgefällig sind durch Jesus Christus.
(1Pt 2,4-5)
Hier werden zwei geistliche Bilder miteinander verschmolzen, die wir schon im Alten Testament beieinander finden: die Gemeinde wird hier als das Haus oder der Tempel Gottes gesehen, und zugleich wird sie als eine heilige Priesterschaft beschrieben, die in diesem Tempel geistliche Opfer darbringt. Beide Bilder sind überaus inhaltsreich und gewichtig; wir wollen sie im Folgenden näher betrachten.
1. Die Gemeinde als der heilige Tempel Gottes
Wenn wir im Alten Testament vom „Haus Gottes“ lesen, dann ist damit immer das Tempelheiligtum (gr. naos) des HERRN gemeint, in dem Gott wohnt und Anbetung empfängt. Nur war dieses Heiligtum Gottes im Alten Testament immer ein äußerliches, materielles, entweder die Stiftshütte (das Zelt der Zusammenkunft) oder aber der prächtige steinerne Tempel, den Salomo im Auftrag Gottes in Jerusalem bauen durfte.
Nun aber, im Heilszeitalter der Gemeinde, ist die Gemeinde ein geistliches, ein unsichtbares, durch den Heiligen Geist gewirktes Heiligtum, das aus lebendigen Steinen besteht – das heißt, jeder von neuem geborene Gläubige ist ein Stein in diesem unsichtbaren Tempelbau, in dem der heilige Gott in der gegenwärtigen Heilszeit zu wohnen geruht. Diese wichtige Wahrheit wird uns noch öfters vor Augen geführt. Der Apostel Paulus spricht davon in seinem für die Lehre der Gemeinde so bedeutsamen Brief an die Epheser:
So seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge ohne Bürgerrecht und Gäste, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen, auferbaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, während Jesus Christus selbst der Eckstein ist, in dem der ganze Bau, zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, in dem auch ihr miterbaut werdet zu einer Wohnung Gottes im Geist. (Eph 2,19-22)
Die Gemeinde wird hier direkt als Tempel bezeichnet, und zwar notwendigerweise als ein heiliger, das heißt als ein für Gott abgesonderter und auf Gottes heiliges Wesen ausgerichteter Tempel. Daß dieser Tempel heilig sein muß, ergab sich schon aus der Offenbarung des Alten Testaments: Wo der heilige Gott wohnt und gegenwärtig ist, kann keine Sünde oder Unreinheit oder fleischliche Selbstentfaltung geduldet werden.
Im 1. Petrusbrief finden wir daher auch die Lehre von der Heiligung der Kinder Gottes, die für uns als neutestamentliche Priester sehr wichtig ist:
Als gehorsame Kinder (w. Kinder des Gehorsams) paßt euch nicht den Begierden an, denen ihr früher in eurer Unwissenheit dientet, sondern wie der, welcher euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel. Denn es steht geschrieben: »Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig!« Und wenn ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person richtet nach dem Werk jedes Einzelnen, so führt euren Wandel in Furcht, solange ihr euch hier als Fremdlinge aufhaltet. Denn ihr wißt ja, daß ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, losgekauft worden seid aus eurem nichtigen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut des Christus als eines makellosen und unbefleckten Lammes. (1Pt 1,14-19)
Die Lehre in Epheser 2 zeigt uns, daß wir alle als neutestamentliche Gläubige mit aufgebaut und eingefügt werden in diesen geistgewirkten Bau, der uns ganz direkt als „Wohnstätte Gottes“ beschrieben wird. Gott ist gegenwärtig in der Mitte der versammelten Gläubigen – Er wohnt in der Mitte der Seinen, die um Ihn versammelt sind! Das erinnert uns an das bekannte Wort unseres Herrn Jesus: „Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,20). Wenn wir versammelt sind, dann ist Gott in unserer Mitte – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist! Das sollte uns zu Ehrfurcht und Anbetung leiten.
Diese wunderbare Tatsache wird in einem weiteren Wort des Apostels Paulus ausführlicher beschrieben, und es werden einige wichtige Konsequenzen daraus abgeleitet:
Zieht nicht in einem fremden Joch mit Ungläubigen! Denn was haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit miteinander zu schaffen? Und was hat das Licht für Gemeinschaft mit der Finsternis? Wie stimmt Christus mit Belial überein? Oder was hat der Gläubige gemeinsam mit dem Ungläubigen? Wie stimmt der Tempel Gottes mit Götzenbildern überein? Denn ihr seid ein Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: »Ich will in ihnen wohnen und unter ihnen wandeln und will ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein«.
Darum geht hinaus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt nichts Unreines an! Und ich will euch aufnehmen, und ich will euch ein Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige. Weil wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so wollen wir uns reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes zur Vollendung der Heiligkeit in Gottesfurcht! (2Kor 6,14 – 7,1)
Hier wird noch einmal das Verlangen unseres großen Gottes und Vaters ausgesprochen, in der Mitte Seiner geliebten Kinder zu sein und Gemeinschaft mit uns zu haben – was für ein gewaltiges Vorrecht! Schon im Alten Testament offenbarte Gott dieses Verlangen: „Und sie sollen mir ein Heiligtum machen, damit ich in ihrer Mitte wohne!“ (2Mo 25,8). „Und ich will in der Mitte der Kinder Israels wohnen, und ich will ihr Gott sein“ (2Mo 29,45). Und noch eindrücklicher und im direkten Bezug zu dem Wort aus 2. Korinther 6:
Ich will meine Wohnung in eure Mitte setzen, und meine Seele soll euch nicht verabscheuen; und ich will in eurer Mitte wandeln und euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. (3Mo 26,11-12)
Wie wenig machen wir uns bewußt, daß, wenn die Kinder Gottes sich zu geistlicher Gemeinschaft versammeln, unser allmächtiger und heiliger Gott und Vater und unser wunderbarer Herr und Erlöser Jesus Christus durch den Heiligen Geist in unserer Mitte anwesend sind! Sollten wir nicht unsere Herzen auf Ihn ausrichten und unser ganzes Verhalten und Reden deshalb heiligen?
Diese Konsequenz zeigt der Herr selbst schon im Alten Testament auf: „Und ihr sollt meinen heiligen Namen nicht entheiligen; sondern ich will geheiligt werden in der Mitte der Kinder Israels, ich, der HERR, der euch heiligt, der ich euch aus dem Land Ägypten geführt habe, um euer Gott zu sein; ich bin der HERR“ (3Mo 22,32-33). Und so lehrt es auch der Apostel Paulus: „Weil wir nun diese Verheißungen haben, Geliebte, so wollen wir uns reinigen von aller Befleckung des Fleisches und des Geistes zur Vollendung der Heiligkeit in Gottesfurcht!“ (2Kor 7,1).
Und im 1. Korintherbrief ermahnt der Apostel die sehr fleischlichen, noch vom heidnischen Götzendienst befleckten Korinther mit dem Hinweis darauf, daß sie als Gemeinde der Tempelbau Gottes sind. Er zeigt ihnen die ernste Konsequenz dessen auf, daß sie alle am Aufbauwerk des Hauses Gottes mitwirken – entweder zum Guten oder aber zur Zerstörung:
Gemäß der Gnade Gottes, die mir gegeben ist, habe ich als ein weiser Baumeister den Grund gelegt; ein anderer aber baut darauf. Jeder aber gebe acht, wie er darauf aufbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf diesen Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh baut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden; der Tag wird es zeigen, weil es durchs Feuer geoffenbart wird. Und welcher Art das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben.
Wenn jemandes Werk, das er darauf gebaut hat, bleibt, so wird er Lohn empfangen; wird aber jemandes Werk verbrennen, so wird er Schaden erleiden; er selbst aber wird gerettet werden, doch so wie durchs Feuer hindurch. Wißt ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid, und daß der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes verderbt, den wird Gott verderben; denn der Tempel Gottes ist heilig, und der seid ihr. (1Kor 3,10-17)
Wir sehen also, daß das Neue Testament recht viel über das Wesen der Gemeinde als Tempelheiligtum Gottes aussagt. Alle diese gewichtigen Gottesworte sollten wir immer wieder aufmerksam lesen und darüber nachsinnen, was sie uns zu sagen haben. Sie sollten unmittelbare und deutliche Auswirkungen auf unsere innere Haltung zu unseren Gemeindeversammlungen und auf unser Verhalten in der Gemeinde Gottes haben. Auch diese Worte wurden uns geschrieben, „damit du aber, falls sich mein Kommen verzögern sollte, weißt, wie man wandeln soll im Haus Gottes, welches die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1Tim 3,15).
Sie sollten uns dazu führen, daß wir mit innerer Vorbereitung und Sammlung in die Gemeindeversammlungen gehen, daß wir Zorn und Ärger, schlechtes Reden, Neid, alle Leichtfertigkeit und alle Zuchtlosigkeit bewußt ablegen, bevor wir in Gottes Gegenwart treten. Unser Reden und Verhalten während der Versammlungen sollte von Ehrfurcht und würdigem Ernst geprägt sein. Auch unsere Kleidung sollte ehrbaren Anstand ausdrücken und der Gegenwart Gottes angemessen sein (1Tim 2,9-10). Das bedeutet nicht, in aufgesetzter Steifheit und düsterer Miene aufzutreten; die herzliche Gemeinschaft der Kinder Gottes vor und nach den Versammlungen wird dadurch nicht erstickt. Aber während der Versammlungen sollten wir uns alle bewußt machen, daß wir nun in besonderer Weise in die Gegenwart Gottes getreten sind, um dem Heiligen priesterlich zu dienen. „Deinem Haus geziemt Heiligkeit, o HERR, für alle Zeiten“ (Ps 93,5).
Es ist vom Zeugnis des Alten Testaments auch klar, daß dort, wo Gott in Seinem Haus wohnt, beständiges Räucherwerk der Anbetung und des Lobes Gottes aufsteigen sollte. So bestimmte David zahlreiche Leviten für das beständige Lob Gottes im Tempel: „… und sie sollen alle Morgen antreten, um dem HERRN zu danken und ihn zu loben, ebenso auch am Abend“ (1Chr 23,30). Schon im AT wird gesagt, daß der Herr unter dem Lobgesang Seines Volkes wohnt (Ps 22,4). Das Lob Gottes sollte allezeit im Haus Gottes erschallen:
Hallelujah! Lobt den Namen des HERRN! Lobt ihn, ihr Knechte des HERRN, die ihr steht im Haus des HERRN, in den Vorhöfen des Hauses unseres Gottes! Lobt den HERRN, denn gütig ist der HERR; lobsingt seinem Namen, denn er ist lieblich! (Ps 135,1-3)
Alle diese waren unter der Leitung ihrer Väter Asaph, Jeduthun und Heman beim Gesang im Haus des HERRN mit Zimbeln, Harfen und Lauten, zum Dienst im Haus Gottes nach der Anweisung des Königs. (1Chr 25,6)
Wir lesen von der Einweihung des Tempels:
Und es geschah, als die Priester aus dem Heiligtum hinausgingen — denn alle Priester, die anwesend waren, hatten sich geheiligt, ohne Rücksicht auf die Abteilungen —, und als auch die Leviten, alle Sänger, Asaph, Heman, Jeduthun und ihre Söhne und ihre Brüder, in weißes Leinen gekleidet, dastanden mit Zimbeln, Harfen und Lauten östlich vom Altar, und bei ihnen 120 Priester, die auf Trompeten bliesen — da war es, wie wenn die, welche die Trompeten bliesen und sangen, nur eine Stimme hören ließen, um den HERRN zu loben und ihm zu danken.
Und als sie die Stimme erhoben mit Trompeten, Zimbeln, ja, mit Musikinstrumenten und mit dem Lob des HERRN, daß er gütig ist und seine Gnade ewig währt, da wurde das Haus, das Haus des HERRN, mit einer Wolke erfüllt, sodaß die Priester wegen der Wolke nicht hinzutreten konnten, um ihren Dienst zu verrichten, denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus Gottes. (2Chr 5,11-14)
2. Die Gemeinde als heilige Priesterschaft vor Gott
Den priesterlichen Dienst der Gläubigen in Christus können wir nur verstehen, wenn wir die Priesterschaft des alten Bundes und ihren Dienst studieren. Die Anbetung und der Dienst für den heiligen Gott setzte schon im Alten Testament eine geheiligte Priesterschaft voraus, die für diesen Gottesdienst berufen und ausgesondert war. Der Tempel Gottes war im Alten Testament nicht für jeden Israeliten zugänglich. Nur die Priester und die Leviten als ihre Gehilfen durften sich im Heiligtum bewegen. In das innere Heiligtum, in dem Gott gegenwärtig war, das Allerheiligste, durfte nur der Hohepriester Israels einmal im Jahr eintreten.
Die göttliche Berufung zum Priesterdienst
Ursprünglich hatte der HERR das ganze Volk Israel als ein heiliges Priestervolk berufen wollen: „Wenn ihr nun wirklich meiner Stimme Gehör schenken und gehorchen werdet und meinen Bund bewahrt, so sollt ihr vor allen Völkern mein besonderes Eigentum sein; denn die ganze Erde gehört mir, ihr aber sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein!“ (2Mo 19,5-6). Doch das Volk sündigte mit dem Goldenen Kalb, kaum daß es in den Bund mit dem HERRN eingetreten war, und Gott berief das aaronitische Priestertum als eine ausgesonderte Dienerschaft für Ihn (das hebräische Wort für „Priester“, kohen, bezeichnet einen Diener, der vor Gott steht).
In der Gemeinde Gottes sind alle Wiedergeborenen als Priester berufen; das Neue Testament kennt keine besondere, vom Volk Gottes abgelöste Priesterschaft mehr. Im Gegenteil lesen wir: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, ein Volk des Eigentums, damit ihr die Tugenden dessen verkündet, der euch aus der Finsternis berufen hat zu seinem wunderbaren Licht — euch, die ihr einst nicht ein Volk wart, jetzt aber Gottes Volk seid, und einst nicht begnadigt wart, jetzt aber begnadigt seid“ (1Pt 2,9-10).
Das bedeutet aber auch, daß alle bloß äußerlichen, nicht von Neuem aus dem Geist geborenen Namenschristen kein Anrecht und keinen Zutritt zum priesterlichen Dienst der Gläubigen haben. Die gefälschte „Anbetung“ etwa der heidnischen römischen Kirche oder der vom Glauben abgefallenen, von Irrlehren zerfressenen protestantischen Großkirchen ist vor Gott nicht annehmbar.
Die Aufgaben der alttestamentlichen Priester und der den Priestern stammesverwandten Leviten waren das Lob und die Anbetung Gottes und das Darbringen von Opfern vor Gott. David sonderte mehrere Abteilungen der Leviten ab, damit sie Gott in Seiner Wohnstätte beständig Lob und Anbetung darbrächten. Das war David wichtig, und das war auch seinem Gott wichtig, der David darin anleitete. Das zeigte sich schon beim Umzug der Bundeslade nach Jerusalem: „Und er bestimmte etliche Leviten zu Dienern vor der Lade des HERRN, damit sie den HERRN, den Gott Israels, priesen, ihm dankten und ihn lobten“ (1Chr 16,4). Doch David machte dieses beständige Lob und die Anbetung Gottes zu einem dauerhaften Auftrag für den Leviten Asaph und seine Verwandten:
Zu derselben Zeit gab David zum ersten Mal Asaph und seinen Brüdern den Auftrag, dem HERRN zu danken: Dankt dem HERRN, ruft seinen Namen an, macht unter den Völkern seine Taten bekannt! Singt ihm, lobsingt ihm, redet von allen seinen Wundern! Rühmt euch seines heiligen Namens! Es freue sich das Herz derer, die den HERRN suchen! (…)
Singt dem HERRN, alle Welt; verkündigt Tag für Tag sein Heil! Erzählt unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern! Denn groß ist der HERR und hoch zu loben; er ist furchtbar über alle Götter. Denn alle Götter der Völker sind nichtige Götzen; aber der HERR hat die Himmel gemacht. Pracht und Majestät sind vor seinem Angesicht, Stärke und Freude ist in seiner Wohnstätte. Bringt dar dem HERRN, ihr Völkerstämme, bringt dar dem HERRN Ehre und Lob! Bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens, bringt Gaben dar und kommt vor sein Angesicht! Betet den HERRN an in heiligem Schmuck! (1Chr 16,7-29)
Die zweite Aufgabe der Priester und Leviten war die Darbringung der zahlreichen im mosaischen Gesetz vorgeschriebenen Tier- und Speiseopfer. Diese Opfer waren teils Dankopfer, teils Sühnopfer für Sünden, und es waren allesamt materielle Opfer, zumeist bestanden sie aus geschlachteten Tieren.
Der Priesterdienst im Neuen Testament
Die neutestamentliche Priesterschaft braucht nun keine Tiere als Sühnopfer mehr zu schlachten; sie bringt „geistliche Opfer“ dar. Sie verdankt ihre ganze Existenz dem großen Hohenpriester unseres Bekenntnisses, Jesus Christus, der mit Seinem einmaligen und vollkommenen Sühnopfer am Kreuz alle Schuld der Seinen für immer getilgt hat, so daß keinerlei weitere Sühnopfer mehr nötig sind, wie uns der Hebräerbrief so eindrücklich lehrt (vgl. u.a. Hebräer 9 – 10).
Oben sagt er: »Opfer und Gaben, Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gewollt, du hast auch kein Wohlgefallen an ihnen« — die ja nach dem Gesetz dargebracht werden —, dann fährt er fort: »Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun«. [Somit] hebt er das Erste auf, um das Zweite einzusetzen. Aufgrund dieses Willens sind wir geheiligt durch die Opferung des Leibes Jesu Christi, [und zwar] ein für alle Mal.
Und jeder Priester steht da und verrichtet täglich den Gottesdienst und bringt oftmals dieselben Opfer dar, die doch niemals Sünden hinwegnehmen können; Er aber hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, das für immer gilt, zur Rechten Gottes gesetzt, und er wartet hinfort, bis seine Feinde als Schemel für seine Füße hingelegt werden. Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden. (Hebr 10,8-14)
Nur durch unseren barmherzigen und vollkommenen Hohenpriester, den Sohn Gottes, und durch Sein für uns vergossenes Blut sind wir überhaupt geheiligt und in der Lage, Gott zu nahen und priesterlich zu dienen. Deshalb sagt uns der Apostel Petrus auch, daß unsere geistlichen Opfer Gott wohlgefällig (oder wohlannehmbar) sind durch Jesus Christus und nur durch Ihn (1Pt 2,5b).
Die Opfer, die wir darbringen, sind geistliche, geistgewirkte Opfer, und das wichtigste von ihnen ist gewiß die Ganzhingabe des erlösten Gläubigen an seinen Retter-Gott, wie der Apostel Paulus schreibt: „Ich ermahne euch nun, ihr Brüder, angesichts der Barmherzigkeit Gottes, daß ihr eure Leiber (od. euer ganzes Wesen) darbringt als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer; das sei euer vernünftiger Gottesdienst!“ (Röm 12,1).
Das ist sicherlich die grundlegende Voraussetzung für einen geistgewirkten Priesterdienst, und um diesen geht es hier, wie das Wort für „Gottesdienst“ (gr. latreia) andeutet. So wie der alttestamentliche Priester Gott geweiht wurde, dürfen auch wir uns Gott weihen für den priesterlichen Gottesdienst. Die Umsetzung zeigt uns dann Römer 6: „Denn so, wie ihr [einst] eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt zur Gesetzlosigkeit, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung“ (Röm 6,19).
Die geistlichen Opfer des Lobes und der Anbetung
Ein sehr wichtiges geistliches Opfer für uns neutestamentliche Priester ist, wie Hebräer 13,15 zeigt, das Lob und die Anbetung unserer Lippen: „Durch ihn (Christus) laßt uns nun Gott beständig ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen!“ Wenn wir die Bedeutung des gesprochenen und gesungenen Gotteslobes und der Anbetung Gottes im Alten Bund bedenken, dann müssen wir uns fragen, ob wir diese wichtige Aufgabe nicht zuwenig wahrnehmen. Sollten wir nicht in unseren Häusern, in der persönlichen Andacht wie auch in Familienandachten und ebenso in den Gemeindeversammlungen unseren Gott viel mehr loben, preisen und anbeten?
Dabei ist es wichtig, daß wir uns bewußt machen, wo unser Priesterdienst und unsere Anbetung eigentlich stattfindet. Die alttestamentlichen Priester verrichteten ihren Dienst ja in einem irdischen, äußerlichen Heiligtum. Aber durch das vollkommene Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus haben wir, wie der Hebräerbrief offenbart, im Geist Zutritt ins himmlische Allerheiligste bekommen, von dem das irdische nur ein schwaches Abbild ist.
Der Hebräerbrief zeigt uns, daß Christus mit Seinem Blut in das wahrhaftige, himmlische Allerheiligste eingetreten ist (Hebr 8,2-6; 9,11-26) und (so dürfen wir vom alttestamentlichen Vorbild des Versöhnungstages her schlußfolgern) dieses Blut dort an den himmlischen Gnadenthron (Sühnedeckel) gesprengt hat, wo es jetzt beständig für uns spricht (Hebr 12,24). Durch dieses Blut dürfen wir jetzt dem himmlischen Gnadenthron im himmlischen Heiligtum nahen (Hebr 4,14-16) und dort unseren Dienst verrichten (Hebr 9,14):
Da wir nun, ihr Brüder, kraft des Blutes Jesu Freimütigkeit haben zum Eingang in das Heiligtum, den er uns eingeweiht hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang hindurch, das heißt, durch sein Fleisch, und da wir einen großen Priester über das Haus Gottes haben, so laßt uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in völliger Gewißheit des Glaubens, durch Besprengung der Herzen los vom bösen Gewissen und am Leib gewaschen mit reinem Wasser. (Hebr 10,19-22)
Wenn wir als Gemeinde Gott loben und anbeten und zu Ihm beten, dann sind unsere Leiber natürlich auf der Erde, aber unser Geist ist im Himmel, und unsere Lobgesänge und Gebete dringen vor bis ins himmlische Allerheiligste (vgl. auch Offb 8,1-5)! Der Zusammenhang zeigt, daß in dieser Passage priesterlicher Dienst beschrieben wird, auch wenn das nicht ausdrücklich gesagt ist.
Alttestamentliche Vorbilder des Priesterdienstes und ihre Lektion für uns
Als der Geist Gottes durch den Apostel Petrus die Gläubigen des 1. Jahrhunderts als ein „heiliges Priestertum“ ansprach, nahm diese Formulierung bewußt Bezug auf das alttestamentliche Priestertum, das die allermeisten Gläubigen aus den Schriften des Alten Testaments gut kannten.
Wir wollen hier aus dem reichen Schatz der Aussagen besonders des zweiten, dritten und vierten Buches Mose zum alttestamentlichen Priesterdienst nur einige Punkte erwähnen; es ist ein Gewinn, die alttestamentlichen Ordnungen für die aaronitische Priesterschaft genauer zu studieren. Dabei sollten wir beachten, daß viele äußerliche Ordnungen damals im Grunde als Vorbilder und Andeutungen auf geistliche, innerliche Vorgänge beim neutestamentlichen Priestertum gedeutet werden müssen.
So sollten für Aaron besondere heilige Kleider angefertigt werden, um ihn zu heiligen (2Mo 28,3), und er mußte seine Kleider immer wechseln, wenn er im Heiligtum diente (3Mo 6,3; 16,32). Das ist ein Vorbild auf die Kleider der Gerechtigkeit, die wir aus Gnade in Christus empfangen haben. Und doch kann uns das auch daran erinnern, daß wir eine innerliche Reinigung von Ärger, Unvergebenheit oder Auflehnung gegen Gottes Führungen benötigen, wenn wir in der Versammlung Gott dienen wollen. Aber wir können daraus auch den Grundsatz ableiten, daß wir in der Versammlung, wenn wir in der Gegenwart Gottes stehen, auf ordentliche und anständige Kleidung achten sollten. Wir sollten nicht in Strandkluft oder lässig-leichtfertigem Aufzug vor Gott erscheinen.
Der Hohepriester sollte in seinem Dienst beständig ein goldenes Stirnblatt tragen, auf dem eingraviert war: „Heilig dem HERRN“ (2Mo 28,36). Auch wir sollten uns immer wieder daran erinnern, daß wir durch das kostbare Blut Jesu Christi erkauft und dem Herrn geheiligt sind (vgl. Joh 17,19; Apg 26,18; 2Tim 2,21; Hebr 10,10): „Ihr seid abgewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerechtfertigt worden in dem Namen des Herrn Jesus und in dem Geist unseres Gottes!“ (1Kor 6,11). So sollten wir auch denken, reden und handeln! Wir sollten alles Unreine, Leichtfertige, Boshafte oder Unehrfürchtige meiden, sowohl im Alltag als auch besonders, wenn wir Gott priesterlich dienen.
Verschiedene Aspekte des Priesterdienstes
In dieser Schrift wollen wir uns vor allem mit dem zentralen Auftrag des Priesterdienstes beschäftigen, dem ewigen Gott geistgewirkte Anbetung darzubringen. Unsere Priesterberufung hat aber auch andere Seiten, die wir zumindest kurz erwähnen wollen.
* Priester hatten schon immer auch die Aufgabe der Fürbitte für das Volk vor Gott gehabt. Sie verwendeten sich auch angesichts der Sünde und des Versagens des Volkes für die Sünder und appellierten an Gottes Barmherzigkeit. Das sehen wir deutlich in der Fürbitte Moses für das in Sünde gefallene Volk (vgl. z.B. 4Mo 21,7); wie oft trat dieser geprüfte Mann Gottes in den Riß für das Volk! Neutestamentlich ist eine der wichtigen Aufgaben der Gläubigen die Fürbitte für Mitgeschwister, aber besonders auch für Ungläubige, damit sie zum Glauben kommen (vgl. 1Tim 2,1-5).
* Priester hatten auch eine seelsorgerliche Aufgabe bei der Zurechtbringung sündigender Volksgenossen (vgl. Mal 2,6b) und bei der Schlichtung von Streitigkeiten im Volk (vgl. 5Mo 17,8-13; 21,5). Wir sehen das angedeutet in der zentralen Rolle des Priesters bei einem aussätzigen Israeliten (3. Mose 13 u. 14); wir sehen das bei Mose, wie er sich für Miriam und Aaron einsetzt, als sie gegen ihn sündigen (4Mo 12,1-15). Neutestamentlich sehen wir das etwa in dem Gebot: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einer Übertretung übereilt würde, so helft ihr, die ihr geistlich seid, einem solchen im Geist der Sanftmut wieder zurecht; und gib dabei acht auf dich selbst, daß du nicht auch versucht wirst! Einer trage des anderen Lasten, und so sollt ihr das Gesetz des Christus erfüllen!“ (Gal 6,1-2).
* Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, das Volk im Wort Gottes zu unterrichten. Das wird so eindrücklich deutlich in dem Tadel an die Priester zur Zeit des Propheten Maleachi, wo der HERR an Seinen Bund mit Levi erinnert:
Mein Bund mit ihm war Leben und Friede, und ich verlieh ihm beides, damit er [mich] fürchtete, und er fürchtete mich auch und hatte Ehrfurcht vor meinem Namen. Das Gesetz der Wahrheit war in seinem Mund, und nichts Verkehrtes wurde auf seinen Lippen gefunden; er wandelte mit mir in Frieden und Aufrichtigkeit, und viele brachte er zur Umkehr von der Missetat. Denn die Lippen des Priesters sollen die Erkenntnis bewahren, und aus seinem Mund soll man das Gesetz (od. die Lehre/die Weisung) erfragen; denn er ist ein Bote des HERRN der Heerscharen. (Mal 2,5-7)
Neutestamentlich sind ja alle Gläubigen Priester, aber wir können eine Entsprechung für diesen Auftrag darin sehen, daß wir den Ungläubigen um uns herum das Wort Gottes vermitteln sollen, damit sie sich bekehren.
II. Wahre Anbetung – geistliche Opfer, die Gott wohlgefallen
Wir sollten uns noch tiefere Gedanken über die „geistlichen Opfer“ machen, die darzubringen wir berufen sind (1Pt 2,5b). „Geistlich“ werden diese Opfer genannt, weil sie durch den Heiligen Geist gewirkt sein sollen und nicht durch unser Fleisch. Ihr Hauptinhalt, das sehen wir aus Hebräer 13,15, sollte das Lob und die Anbetung Gottes sein – „durch ihn laßt uns nun Gott beständig ein Opfer des Lobes darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen!“
Gott sucht wahre Anbeter
Hier müssen wir auf die so wichtige und tiefgehende Offenbarung zu sprechen kommen, die unser Herr Jesus Christus uns im Johannesevangelium gegeben hat. Dort hat Er ausgerechnet einer samaritischen Frau von zweifelhaftem Ruf das Verlangen Seines Gottes und Vaters geoffenbart, Anbeter zu haben, die Ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten:
Aber die Stunde kommt und ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater sucht solche Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten. (Joh 4,23-24)
Diese gewichtige Aussage zeigt (vgl. den vorgehenden Vers 22), daß auch die jüdische Anbetung in der Heilszeit des Gesetzes, die ja von Gott so angeordnet war, das Verlangen Gottes nicht völlig stillen konnte. Gott hatte den Leviten ja geistinspirierte Lieder der Anbetung geschenkt, aber die Herzen der Anbeter waren noch nicht durch die Neugeburt verändert; sie waren noch im Fleisch und nicht im Geist (vgl. Röm 8,1-9).
Erst mit dem Kommen des Heiligen Geistes und der Gründung der Gemeinde zu Pfingsten konnten wahre Anbeter, die durch Christus geheiligt und zu neuen Geschöpfen gemacht waren und den Heiligen Geist innewohnend hatten, dem Vater eine geistgewirkte Anbetung darbringen, die Ihm entspricht und Sein Verlangen erfüllt: „denn der Vater sucht solche Anbeter“. Gott ist Seinem Wesen nach Geist, und deshalb kann nur Anbetung im Geist, das heißt durch den innewohnenden Heiligen Geist von Gläubigen, die in der Wiedergeburt göttlicher Natur teilhaftig wurden und nun tiefere Einsicht in Gottes Wesen haben können (vgl. 1Kor 2,9-12).
„Anbetung“ bedeutet die Verehrung eines Größeren, in diesem Fall die Verehrung des lebendigen, allein wahren Gottes. Das Wort pros-kyneò bezeichnet eigentlich ein Sich-Niederwerfen vor einer höhergestellten Person – eine Geste der Ehrfurcht und Unterwerfung, die im zwischenmenschlichen Bereich mit „huldigen“ übersetzt wird. Dieselbe Grundbedeutung hat auch das entsprechende hebräische Wort. Im Altertum warfen sich die Menschen huldigend vor ihrem König nieder (vgl. 2Sam 18,28; 1Kön 1,31). Doch auch die Verehrung von heidnischen Gottheiten wurde durch diese Geste ausgedrückt (vgl. Hes 8,16; Ps 106,19). In einem umfassenden Sinn können wir alle Gottesverehrung unter diesem Oberbegriff fassen, und so ist er wahrscheinlich auch in Johannes 4 gemeint.
Anbetung Gottes und des Herrn Jesus umfaßt also Dank, Lob, Ehre, Preis und Ruhm. Wir beten Gott an wegen Seinen Wohltaten an uns, am allermeisten wegen Seines Heils in Christus, aber noch weitergehend wegen Seiner herrlichen Wesenszüge und Tugenden – wegen Seiner Allmacht und Heiligkeit, wegen Seiner Liebe und Güte, wegen Seiner Barmherzigkeit und Gnade, wegen Seiner Langmut und Huld. Manche Ausleger sehen auch in den verschiedenen Aspekten der Anbetung eine Steigerung vom Dank über empfangene Segnungen und Lob Gottes für Seine Heilstaten bis hin zur reinen Anbetung, wenn das Wesen Gottes ganz im Mittelpunkt der Verehrung steht.
Die Wichtigkeit geistgewirkter Anbetung unseres Gottes
Unser Vorrecht und Auftrag, dem lebendigen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, Anbetung, Lob und Dank darzubringen, können wir hier auf der Erde, solange wir im Fleisch sind, wahrscheinlich gar nicht in seiner Größe und Bedeutung ermessen. Es geht dabei ja letztlich um die Verherrlichung Gottes, um Seine Ehre in einer in Sünde gefallenen, verfinsterten Welt.
Wie schrecklich ist es, daß zwar alle Geschöpfe ihren Gott preisen, daß aber ausgerechnet das höchste Geschöpf auf Erden, das von seinem Schöpfer so große Segnungen und Privilegien mitgeteilt bekam, der Mensch, sich stumpfsinnig und hartnäckig weigert, Gott Dank und Anbetung darzubringen (vgl. Röm 1,18-25). Wie traurig und schrecklich, daß die allermeisten Menschen täglich irgendwelche Götzen verehren, aber ihren Gott und Schöpfer, der ihnen so viele Wohltaten zukommen läßt, achtlos ignorieren oder sogar lästern!
Wie unser Gott diese Welt sehen mag, wurde mir einmal ahnungsweise bewußt, als ich während einer Reise nach Kenia nachts über Ägypten flog. Da breiteten sich unter mir riesige Flächen der Wüste in dichtester Finsternis aus, und nur ab und zu gab es kleine Inseln des Lichts – Höfe, Dörfer oder Städtchen, die aus der allgemeinen Dunkelheit hell hervorleuchteten. So ähnlich muß unser Gott und Vater es empfinden, wenn Er diese Welt ansieht – riesige Flächen dichtester Finsternis, überall, wo Menschen in ihren Sünden und in Auflehnung gegen Gott leben und ihre Götzen verehren, und kleine Inseln des Lichts, wo begnadigte Kinder Gottes ihren Gott anbeten, ehren und loben.
Gewiß ist es für unseren liebenden Vater-Gott kostbar und angenehm, wenn wir als errettete Kinder Ihm beständig, lauter und treu die Opfer unseres Lobes und Dankes und unserer Anbetung darbringen! Dies sollten wir täglich persönlich tun, wo immer möglich mehrmals am Tag, und wir sollten es bewußt und eifrig immer tun, wenn wir uns in der Gemeinde vor Gott versammeln.
Doch leider ist dieses Vorrecht, dieser heilige Auftrag vielen Gläubigen kaum bewußt, und es mag Gemeindeversammlungen geben, in denen vielleicht manche Bitte an Gott gerichtet wird, aber wenig oder gar keine Anbetung zu Ihm aufsteigt. Man erlebt manchmal „Gottesdienste“, wo auch die Lieder großenteils zur gegenseitigen Ermunterung im Glauben gesungen werden, aber nur wenige Lieder des Lobes und der Anbetung direkt an Gott gerichtet werden. Das ist nach meiner Überzeugung ein großer Mangel und ein trauriges Versäumnis.
Die Anbetung der Gemeinde
Wir haben gesehen: Es ist das Vorrecht und der heilige Auftrag der Gemeinde Gottes, als heilige Priesterschaft unseren Gott und Vater und auch den Herrn Jesus Christus, den verherrlichten Sohn Gottes, im Geist und in der Wahrheit anzubeten. Diese Anbetung, verbunden mit Dank und Lob, geschieht in freien, geistgeleiteten Gebeten der priesterlichen Anbeter (vgl. die Vorbilder in den Apostelbriefen, u.a. Röm 9,5; 11, 33-36; 16,25-27; Eph 1,3-14; 3,20-21; Phil 4,19-20; 2Thess 3,13-17; 1Tim 1,12-17; 6,13-16; 2Tim 4,18; Hebr 13,20-21; 1Pt 1,3-9; 4,11; 5,10-11; 2Pt 3,18; Jud 1,24-25; Offb 1,4-6; 4,9-11; 5,8-14; 7,9-12; 11,15-17; 15,3-4; 19,1-7) sowie auch in geistlichen Gesängen (vgl. Eph 5,18-20; Kol 3,16-17).
Solche Anbetung soll Anbetung im Geist sein – das bedeutet auch die bewußte Absage an alle Anbetung im Fleisch. Die fleischliche Religiosität des Menschen äußert sich in äußerlichen Zeremonien, welche die Seele beeindrucken und in religiöse Stimmung bringen sollen. Das ist das Wesen der heidnischen Götzenanbetung, die seelische Manipulation und dämonische Ekstase verwendet. Dabei werden verführerische Musik und Gesänge eingesetzt (Dan 3,5-6), Tänze und Meditationsübungen, Mantras und Kerzenschein, beeindruckende Tempelgebäude und geheimnisvolle Rituale.
Die biblische Anbetung im Geist ist nun das ganze Gegenteil dieser fleischlich-seelischen Religiosität. Sie setzt geradezu den bewußten Verzicht auf alle diese äußerlichen Mittel voraus. Der Gläubige naht Gott durch den Geist Gottes und dankt Ihm, preist Ihn für Seine Gnadenerweise, rühmt Ihn und betet Ihn an wegen Seinem herrlichen Wesen und edlen Charakter. All das geschieht in Schlichtheit, Nüchternheit und Klarheit, in bewußter Geisteszucht, auf der Grundlage des Wortes Gottes. Das Fleisch mit seinen unreinen Regungen bleibt im Kreuzestod des Christus (Gal 5,24).
Solche Anbetung ist zugleich Anbetung in der Wahrheit. Das bedeutet, daß der gläubige Anbeter wahrhaftig und ehrlich ist, wenn er den Herrn anbetet, daß er keine Verstellung und religiöse Heuchelei duldet, keine frömmelnde Selbstdarstellung. Auf der anderen Seite bedeutet es auch, daß biblische Anbetung immer auf der Grundlage der Wahrheit des Wortes Gottes dargebracht werden muß. Wir können uns das Lob Gottes nicht selbst ausdenken und der menschlichen Phantasie überlassen („Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer“); Anbetung in der Wahrheit gründet sich auf das, was unser Gott uns in Seinem Wort mitgeteilt hat. „Heilige sie in deiner Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit“ (Joh 17,17).
Solche geistgewirkte Anbetung des Vaters und des Sohnes ist das herrliche und kostbare Vorrecht der Gläubigen in Christus. Damit ist aber auch eine ernste und heilige Verantwortung verbunden. Wir müssen darüber wachen, daß unsere Anbetung und unser Gotteslob rein und unvermischt bleibt, frei von heidnischen und fleischlichen Beimischungen. „Darum freue ich mich euretwegen, möchte aber, daß ihr weise seid zum Guten und unvermischt bleibt mit dem Bösen“ (Röm 16,19). Das ist umso wichtiger, als die Bibel uns deutlich zeigt, daß der Satan, der listige Widersacher Gottes, immer wieder erfolgreich bestrebt war, die Anbetung des Volkes Gottes durch Vermischung mit heidnischer Anbetung zu verunreinigen und das Volk Gottes in Götzendienst hineinzuziehen.
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus der Schrift von Rudolf Ebertshäuser: Der heilige Priesterdienst der Gemeinde und das Ringen um unverfälschte Anbetung heute
[1] Die Lehre des Neuen Testaments über die Gemeinde Gottes wird ausführlicher dargestellt in meinem Buch Biblischer Gemeindebau in der Endzeit.


