„Keine Kompromisse“ –
ein zwiespältiges Buch über ein wichtiges Thema

Der Missionsauftrag der Gemeinde und seine Verwirklichung
in unserer Zeit

 

Rudolf Ebertshäuser

 

 

Das Buch „Keine Kompromisse“ des amerikanischen Pastors David Platt ist auf jeden Fall ein bemerkenswertes Buch. Es ist sehr herausfordernd geschrieben und spricht manche Wahrheiten aus, die von vielen anderen Verfassern verschwiegen werden. Man kann verstehen, daß manche Brüder aus der kleinen Schar der bibeltreuen Christen es wärmstens empfehlen. Auf der anderen Seite enthält es meiner Überzeugung nach einige schwerwiegende Fehldeutungen der biblischen Lehre und gewisse Empfehlungen, die viele Leser in die Irre führen können. Man versteht daher, daß auch ökumenisch irregeführte moderne Evangelikale und Vertreter falscher kontextualisierter Missionslehren dieses Buch wärmstens empfehlen (dazu weiter unten).

Es ist ein sehr zwiespältiges, schillerndes Buch. Ich habe schon relativ viele Bücher gelesen und auch schon manche Buchbesprechung geschrieben, aber selten eines gefunden, in dem Licht und Schatten so vermischt waren wie in diesem. Ich dachte zunächst nicht daran, darüber etwas zu schreiben; als ich aber sah, wieviele aufrichtige, vor allem junge Geschwister auch aus bibeltreuen Kreisen dieses Buch als Erweckungsbotschaft lesen und weiterempfehlen, wurde mir deutlich, daß doch darauf hinweisen sollte, daß dieses Buch einige Probleme enthält und nicht ungeprüft und ohne Vorbehalte als hilfreiche Erweckungsbotschaft aufgenommen werden kann.

Der Verfasser des Buches, der amerikanische Theologe David Platt aus der evangelikalen Freikirche der Südlichen Baptisten, wurde 1978 geboren und hat das besprochene Buch mit dem englischen Titel Radical geschrieben, als er etwa 31 Jahre alt war. Er wurde, wie er selbst schreibt, mit 26 Jahren zum leitenden Pastor einer großen Gemeinde, Church at Brook Hills in Birmingham, Alabama, und man rühmte ihn als den „jüngsten Mega-Gemeinden-Pastor aller Zeiten“ (7). Von 2014 bis 2018 war er Präsident des International Mission Board der Südlichen Baptisten, einer der größten Missionsgesellschaften der Welt (Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/David_Platt_(pastor)). Inzwischen ist er übrigens Leitender Pastor einer noch größeren Mega-Gemeinde, der McLean Bible Church in Virginia.

Zunächst möchte ich dem Verfasser unterstellen, daß er ein ernsthafter Christ ist, der es aufrichtig meint und der dieses Buch aus der persönlichen Betroffenheit über die extremen Widersprüche geschrieben hat, mit denen er als erfolgreicher Pastor einer amerikanischen Mega-Gemeinde konfrontiert war, als er die Realität des Christseins in der „Dritten Welt“ kennenlernte, wo Armut und Verfolgung zu einem radikal anderen Lebensstil führen, als er es in den reichen USA gewohnt war.

Das führt ihn zu einer in vielem durchaus berechtigten Kritik an dem wohlstandsorientierten und ichbezogenen Christsein, das allzuviele Gläubige (wie auch Scheinchristen) in der evangelikalen Kreisen führen. Vieles davon ist besonders auf die USA zugeschnitten und existiert hier in Europa nur in abgeschwächter Form, aber vieles müssen auch wir Christen in Europa uns sagen lassen.

Platt appelliert an seine Leser, sich wieder „radikal“, kompromißlos auf die Lehren des Herrn Jesus zu besinnen, der Seine Jünger dazu aufruft, alles zu verkaufen und zu verlassen und hinaus in alle Welt zu gehen, um allen Völkern des Evangelium zu bringen. Dieser Ruf, so argumentiert er, gelte jedem gläubigen Christen im Westen, und man hätte die Radikalität dieses Rufes unzulässig abgeschwächt und von sich ferngehalten.

Ich möchte nun versuchen, die Aussagen dieses Buches in kurzen Zügen darzustellen und deutlich zu machen, welche Aussagen berechtigt und bedenkenswert sind und welche Aussagen bedenklich sind und meines Erachtens im Widerspruch zu der gesunden Lehre der Bibel stehen. Dabei verzichte ich auf umfassende Zitate und Nachweise und gebe vielfach nur einige Belegstellen mit Seitenangabe der deutschen Ausgabe an.

 

 

1. Unbequeme Wahrheiten: Wo Platt Richtiges sagt und zu recht Kritik an heutigen evangelikalen Christen übt

 

Für einen Pastor einer amerikanischen Mega-Gemeinde ist es erstaunlich, daß Platt zahlreiche unangenehme Wahrheiten über den Zustand vieler evangelikaler Gemeinden in den USA ausspricht, die ansonsten eher von bibeltreuen Kritikern des modernen Evangelikalismus zu hören sind. Er äußert diese berechtigte Kritik in erster Linie aus der Perspektive eines Vergleichs mit verfolgten Hausgemeinden in China und anderen Ländern der „Dritten Welt“, was in manchem nicht ganz den unterschiedlichen Verhältnissen der Gemeinde Jesu Christi in diesen so unterschiedlichen Umgebungen gerecht wird. Immerhin: viele seiner Aussagen legen den Finger in echte Wunden.

* Platt macht deutlich, daß der Herr Jesus Christus (leider redet Platt fast durchgängig von Ihm nach neo-evangelikaler Art als von „Jesus“, ohne Seinen Hoheitstitel zu gebrauchen) ganz bewußt keine populäre, weichgespülte Botschaft verkündet hatte, die den Massen seiner Zuhörer schmeichelte. Stattdessen verkündete Er einige harte Wahrheiten, die dazu angetan waren, viele Nachfolger abzuschrecken (vgl. 7-8). Er wollte Echtheit, nicht große Zahlen. Dagegen wird heute vielfach ein billiges, weichgespültes „Evangelium“ verkündet, das an der Wahrheit vorbeigeht. Das stellt Platt völlig zu recht fest.

* Platt zeigt, daß die Nachfolge Jesu Christi Selbstverleugnung, nicht Selbstverwirklichung zur Grundlage hat. Er betont, daß Opfer und Leiden zum echten Christsein dazugehören, und das ist wahr (15-17; 159-177). Er zeigt, daß die Erkenntnis der überwältigenden Gnade Gottes eine radikale Ganzhingabe unseres Lebens an unseren Herrn und Erlöser zur Folge haben sollte. Er kritisiert die Ichbezogenheit vieler Christen, denen es vor allem darum geht, daß es ihnen selbst gut geht und alles ihren Bedürfnissen entspricht (71).

* Platt kennzeichnet zutreffend die Einstellung vieler heutiger Christen zu Geld und Besitz als unbiblisch und im Widerspruch zur Lehre des Herrn stehend. Er zeigt, daß der Traum vieler Christen darin besteht, einen guten Job mit gutem Verdienst zu bekommen, eine nette Ehefrau und Familie, ein schönes Haus, ein tolles Auto (oder mehrere), und dann im Laufe der Jahre immer mehr davon – einen besser bezahlten Job, ein schöneres Haus, ein teureres Auto … Wohlstand und Luxus werden in gewissem Sinn als Ergebnis des Segens Gottes aufgefaßt, den man bedenkenlos genießen kann. Auch wenn diese Ausführungen in manchem vor allem auf die amerikanische Kultur abzielen (der „American Dream“), ist vieles davon mit Abstrichen auch auf unsere mitteleuropäischen Verhältnisse übertragbar. Platt zeigt demgegenüber, daß Christus vielfach davon sprach, daß wir unseren Besitz um Seinetwillen aufgeben sollen und unser Herz nicht daran hängen dürfen. (Daß Platt hierbei m. E. übertreibt und unausgewogen lehrt, behandle ich unten unter Punkt 2b.)

* Platt kritisiert zu recht die Methodik der Gemeindewachstumsbewegung, mit Plänen, Programmen, großen Events und aufwendiger Ausstattung viele Menschen in große, teure Gemeindegebäude zu locken, um sie dort mit oberflächlichen Predigten und Lobpreismusik zu unterhalten (49-51).

* Platt gelingt eine in vielem klare und eindrückliche Darstellung biblischer Wahrheiten, so etwa der Herrlichkeit und Gnade Gottes, aber auch Seiner Heiligkeit und Seines Zornes (32-33), oder der Wahrheiten des Evangeliums, welche die ewige Verdammnis der Sünder und die Rettung allein durch den persönlichen Glauben an Jesus Christus einschließen (141-154).

 

 

2. Schiefe Aussagen und irreführende Appelle:
Weshalb Platts Buch problematisch ist

 

Leider stehen diesen richtigen und wahren Aussagen des Buches nach meiner Überzeugung auch einige sehr energisch vorgebrachte falsche Aussagen gegenüber, die zumindest biblisch weniger gefestigte Leser in die Irre führen können. Aus diesem Grund möchte ich versuchen, diese Aussagen etwas genauer zu beleuchten und zu zeigen, wie ein biblisch ausgewogener Standpunkt zu den angeschnittenen Themen aussehen könnte (Unterstreichungen in den Zitaten von RE). Wer die hier geäußerten Hinweise gründlicher verfolgen und nachprüfen möchte, den möchte ich auf meine Bücher verweisen, in denen er ausführliche Belege und biblische Argumente zum Thema findet:

Zerstörerisches Wachstum. Wie falsche Missionslehren und verweltlichte Gemeindebewegungen die Evangelikalen unterwandern  Edition Nehemia Steffisburg  3. erw. Aufl. 2015; Gebunden, 544 S.

Soll die Gemeinde die Welt verändern? Das „Soziale Evangelium“ erobert die Evangelikalen. Edition Nehemia Steffisburg 1. Aufl. 2014, Taschenbuch, 276 S.

 

a. Muß jeder Christ in alle Welt gehen und Jünger machen? Eine falsche Auslegung des Missionsbefehls

 

Eine grundlegende These des Buches ist es, daß der Missionsbefehl von Matthäus 28 jedem Christen gilt, daß also jeder einzelne Gläubige auf der ganzen Welt berufen ist, hinauszugehen in alle Welt und alle Völker zu Jüngern zu machen, indem er sie tauft und lehrt.

Deshalb befiehlt uns Jesus, zu gehen. Er hat jeden von uns geschaffen, um die Gute Nachricht bis an die Enden der Erde zu tragen. Und ich bin überzeugt, daß alles außer radikaler Hingabe an dieses Ziel unbiblisches Christentum ist. (66)

Tatsächlich hat Jesus selbst uns nicht einfach berufen, zu allen Völkern zu gehen; er hat uns geschaffen, und uns befohlen, zu allen Völkern zu gehen. Doch wir haben seinen Befehl genommen und ihn auf einen Ruf reduziert – einen Ruf, den nur wenige Leute bekommen. (73)

Wir nehmen das Versprechen Jesu in Apostelgeschichte 1,8, daß der Geist uns bis an die Enden der Erde führen wird, und sagen: „Das ist nur für einige Leute“. Aber wir nehmen Jesu Versprechen in Johannes 10,10, daß wir überfließendes Leben haben werden, und wir sagen: „Das gilt mir.“ Im Laufe der Zeit haben wir unnötigerweise (und in unbiblischer Weise) eine Trennungslinie gezogen und die Verpflichtungen des Christseins einigen wenigen Leuten zugeordnet, während wir die Privilegien des Christseins für uns alle festhalten. Dadurch entscheiden wir uns, andere Leute zu senden, um auf das globale Ziel des Christseins hinzuarbeiten, während der Rest von uns sich zurücklehnt, da „wir dazu einfach nicht berufen sind“. (74)

Jeder gerettete Mensch diesseits des Himmels schuldet das Evangelium jedem Menschen diesseits der Hölle. (75)

Denn die Bibel lehrt von der ersten bis zur letzten Seite, daß die ganze Gemeinde – nicht nur ausgewählte Individuen, sondern die ganze Gemeinde – dazu geschaffen ist, der ganzen Welt die gesamte Herrlichkeit Gottes widerzuspiegeln. Weil jeder einzelne Mann, jede Frau, jedes Kind in meiner Gemeinde dazu gedacht ist, die Völker zu Ehre Christi zu beeinflussen. (78)

 

Platts Aussagen müssen an der gesunden Lehre der Apostel geprüft werden

Soweit Platts Aussagen. Wir wollen diese nun anhand der biblischen Lehre prüfen und sehen, inwieweit sie gefährliche Einseitigkeiten und Verzerrungen enthalten. Die Irrtümer in Platts Buch folgen einem unter den modernen Evangelikalen sehr verbreiteten Schema. Man zieht einseitig die Aussagen des Herrn in den Evangelien heran und bezieht sie direkt auf die Gläubigen in der Heilszeit der Gemeinde, ohne die Lehre der neutestamentlichen Briefe dabei zu berücksichtigen.

Das ist ein grundlegender Fehler. Jede gründliche und heilsgeschichtlich ausgewogene Auslegung der Evangelien muß berücksichtigen, daß die Reden des Herrn an Seine Jünger zunächst wirklich ihnen galten, den jüdischen Jüngern des auf die Erde gekommenen Messias. Diese Reden enthielten noch nicht den entfalteten Ratschluß des Herrn für die Gemeinde als neue, damals noch zukünftige Heilskörperschaft. Diesen kündigt der Herr für die Zeit nach Pfingsten an:

Noch vieles hätte ich euch zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. (Joh 16,12-13)

Der Apostel Paulus bezeugt später, daß ihm in besonderer Weise der Ratschluß Gottes in bezug auf das Geheimnis der Gemeinde anvertraut worden war (vgl. Eph 3,2-10; Kol 1,25-27). Das hätten die jüdischen Jünger damals nicht verstanden; es wäre für ihren konkreten Auftrag in Israel auch nicht wesentlich oder hilfreich gewesen. Zugleich sind diese Ausführungen auch wichtig für die messiasgläubigen jüdischen Jünger, die sich nach der Entrückung der Gemeinde bekehren werden (vgl. Offb 7,1-8), und die der Herr in den Evangelien ebenfalls anspricht (vgl. die Ausführungen des Herrn in Mt 24,15-51; Mk 13,5-23; Lukas 21).

Wir finden also die Anweisungen des Herrn für die Gläubigen der Gemeindezeit vor allem in den Briefen des Neuen Testaments. Im Licht dieser Briefe sollten wir auch die Lehren unseres Herrn in den Evangelien auf uns anwenden, die in erster Linie den jüdischen Jüngern gegeben waren und die noch einmal eine besondere Bedeutung für den messiasgläubigen Überrest der Juden haben werden, der sich nach der Entrückung der Gemeinde bekehren wird.

Das bedeutet NICHT, wie manche „Ultradispensationalisten“ lehren, daß die Evangelien gar nicht für die Gläubigen der Gemeinde gelten würden; das ist einseitig und entschieden abzulehnen (was ich an anderer Stelle begründet habe). Es bedeutet, daß wir die Evangelien mit dem richtigen heilsgeschichtlichen Verständnis lesen und ihre Aussagen mit der Lehre der Apostel „im Hinterkopf“ auf unsere Situation übertragen und anwenden sollen.

Viele Aufforderungen des Herrn galten zunächst eindeutig nur Seinen Jüngern (d.h. den Aposteln), so etwa der Befehl zur Evangelisation mit Zeichen und Wundern in Matthäus 10 (wobei das die Charismatiker ja bestreiten und ihn auch auf sich beziehen – vgl. aber Mt 10,5-6). Fast niemand jedoch setzt heute die konkreten Anweisungen des Herrn in bezug auf die Kleidung, Geldbeutel und den Verzicht auf Schuhe wortwörtlich um (vgl. Mt 10,9-10); jeder versteht, daß dies Besonderheiten der damaligen Zeit waren.

Auch die Aufforderung zur Nachfolge, verbunden damit, alles zu verlassen, richtet der Herr nicht an alle damaligen Gläubigen; an bestimmten Stellen sehen wir, daß er bekehrte Gläubige ausdrücklich nach Hause oder anderswohin schickt, damit sie dort ein Zeugnis sind (vgl. z.B. Mk 1,43; 2,11; 5,19; 8,26; Lk 7,50; Lk 8,39; 14,4). Bei anderen, etwa bei den zwei Blinden (Mt 9,30), bei Zachäus (Lk 19,9) oder dem Obersten der Synagoge (Mk 5,43) finden wir zumindest keine Aufforderung, alles zu verlassen und Ihm nachzufolgen. Lazarus, Nikodemus und Joseph von Arimathia sind weitere Beispiele hierfür.

 

Wem gilt der Missionsbefehl?

Das ist eine nicht ganz einfache Frage für die bibeltreuen Ausleger des Wortes; man kann darauf unterschiedliche Antworten hören. Aber wir können sicherlich sagen:

* Der Missionsbefehl galt unmittelbar zunächst den elf Aposteln, die ihn hörten, und sie haben ihn, wie Mk 16,20 belegt, in ihrer Zeit auch in einem gewissen Sinn ausgeführt.

* Dann gilt der Missionsbefehl ganz sicher auch den jüdischen Messiasjüngern der kommenden Zeit, die nach der Entrückung der Gemeinde noch einmal ein Zeugnis von dem bald kommenden König Jesus Christus unter den Völkern ausbreiten und eine wunderbare Ernte einfahren werden (vgl. Offenbarung 7).

* Drittens gilt der Missionsbefehl allen Boten des Evangeliums in der jetzigen Heilszeit, die als „Evangelisten“ eine Gabe des erhöhten Herrn an die Gemeinde sind (vgl. Eph 4,11) und berufen sind, über den Rahmen der örtlichen Gemeinde hinaus das Evangelium weltweit auszubreiten. Sie sollen alle Völker durch die Verkündigung des Evangeliums lehren und unter ihnen Jünger machen und diesen den ganzen Ratschluß Gottes vermitteln.

* Viertens gilt er in einer allgemeinen Weise auch der ganzen Gemeinde Jesu Christi, jeder örtlichen Gemeinde und jedem einzelnen Gläubigen. Wir sind berufen, soweit wie möglich an dem weltweiten Werk des Herrn zur Ausbreitung des Evangeliums teilzunehmen, es zu unterstützen durch Gebete und Gaben, durch Aussendung von vollzeitlichen Evangelisten und (evt. teilzeitlichen) Helfern. Selbstverständlich ist jeder Gläubige berufen, das Evangelium in seinem Lebensumfeld nach Kräften zu bezeugen und auszubreiten. Dazu braucht es keinen besonderen Ruf, wohl aber, um auf die weltweiten Missionsfelder hinauszugehen.

* Definitiv falsch ist Platts Aussage, dieser Missionsbefehl würde es allen Gläubigen der Gemeindezeit zur Pflicht machen, in alle Welt hinauszugehen und alle Völker zu Jüngern zu machen. Die Bibel lehrt zwar, daß jeder Christ ein Zeuge Jesu Christi sein soll, aber nicht, daß jeder Christ berufen wäre, als „Missionar“ oder „Evangelist“ aus seinem Lebensumfeld wegzugehen und unter anderen Völkern das Evangelium auszubreiten. Das gilt schon deshalb, weil die Aufgabe des Lehrens eine gewisse geistliche Reife und Festigung im Wort erfordert und Junggläubige das nicht können (vgl. Jak 3,1; 1Tim 3,6). Auch ist das Lehren im Prinzip den Brüdern vorbehalten; Schwestern sollen dies nicht tun (vgl. 1Tim 2,12). Zudem aber zeigen die Briefe des NT, daß diese Aufgabe den Evangelisten vorbehalten ist und nicht allen Gläubigen; dazu siehe unten.

Wie kommen wir zu einer solchen Auslegung? Ist das nicht eine willkürliche Beschränkung, wie David Platt meint? Nun, eine grundlegende Bedingung biblisch gesunder Auslegung ist es, daß alle Aussagen der Schrift zu dem behandelten Thema angemessen berücksichtigt und einbezogen werden müssen, damit es nicht zu Einseitigkeiten oder Fehlschlüssen kommt. Das hat Platt mißachtet und kommt deshalb zu falschen Aussagen.

Kurz gesagt, hat Platt den Fehler gemacht, den auch viele falsche Lehrer der Gemeindewachstumsbewegung begangen haben: Er hat sich einseitig auf die Lehren des Herrn in den Evangelien gestützt, ohne die Lehren des Herrn für die Gemeinde in den Apostelbriefen angemessen zu berücksichtigen. Das führt zwangsläufig zu irreführenden Behauptungen, die den betroffenen Gläubigen und den Gemeinden schaden. Deshalb wollen wir das Bild von Evangelisation, wie es die Briefe des Neuen Testaments zeigen, kurz darstellen.

 

Mission und örtliche Gemeinden in den Briefen des NT

In Briefen des NT finden wir die Lehre des erhöhten Herrn für Seine Gemeinde. Hier legen die Apostel dar, wie nach Gottes Ratschluß im Heilszeitalter der Gnade die Ausbreitung des Evangeliums stattfinden soll. Ganz kurz zusammengefaßt können wir die Lehre des NT so umreißen:

Die Gemeinde Jesu Christi hat Teil an dem weltweiten Auftrag zur Verkündigung des Evangeliums, indem der Herr aus ihrer Mitte Evangelisten (Boten des Evangeliums, „Missionare“) beruft, die als Gabe dem ganzen Leib gegeben sind und überörtlich, im Prinzip weltweit, wirken (vgl. Eph 4,8-16). Diese Evangelisten wirken unter der Leitung des Hauptes an dem weltweiten Werk des Herrn zur Ausbreitung des Evangeliums, unterstützt vom Dienst der Hirten und Lehrer und von den verschiedenen örtlichen Gemeinden (vgl. u.a. Apg 13,1-4). Ein wesentliches Ziel der Evangelisation ist die Gründung gesunder örtlicher Gemeinden, die die weitere Ausbreitung des Evangeliums in ihrer Region übernehmen und das Zeugnis des Evangeliums in ihrem Volk festigen; ein Musterbeispiel dafür ist Antiochia, aber auch Ephesus (vgl. u.a. Apg 19,10; 1Thess 1,8).

Die allermeisten Gläubigen haben den Auftrag, an ihrem Ort bzw. in ihrem Land/ihrer Region zu bleiben und dort die örtlichen Gemeinden zu stärken, etwa durch Ältestendienst, Diakonendienst, Fürbitte usw. (vgl. u.a. 1Tim 3,1-13). Die örtlichen Gemeinden sind Gottes Ratschluß, wie das Evangelium ein beständiges, den Herrn verherrlichendes Zeugnis in allen Völkern verankert werden kann; dazu müssen sie gestärkt und im Wort Gottes und der gesunden Lehre gefestigt werden (vgl. u.a. Apg 11,21-26; 16,5).

Gott beruft aus ihrer Mitte begabte Gläubige in das Werk der weltweiten Evangeliumsverbreitung, die dann auch alles verlassen, hinausgehen sollen, wohin der Herr sie sendet, ähnlich den Jüngern/Aposteln (vgl. u.a. Apg 16,1-3; 2Tim 2,3-6; 1Kor 9,1-14). Dazu braucht es einen klaren, besonderen Ruf Gottes, entgegen allen falschen Lehren, die von schwärmerischen Brüdern ausgebreitet werden. Ein solcher Dienst ist voller Gefahren und hoher geistlicher Herausforderungen und verlangt deshalb Bewährung, Reife und eine Ausrüstung und Zubereitung vom Herrn. Die örtlichen Gemeinden unterstützen dieses Werk durch ihre Gebete und Gaben (vgl. u.a. Phil 1,5; 4,15-16) und durch ausgesandte Gläubige, die zeitlich begrenzte Helfer der Evangelisten sein können (vgl. u.a. 1Kor 16,17).

Dieses Muster sehen wir in allen Briefen des NT widergespiegelt. In diesen Briefen finden wir keinerlei Appelle an alle Gläubigen, alles zu verlassen und zu verkaufen, überallhin zu gehen und überall Jünger zu machen (diesen Begriff finden wir in den Briefen ohnehin nicht mehr). Stattdessen finden wir hingegebene Brüder, die über Jahre in der örtlichen Gemeinde als Älteste und Diakone dienen sollen. Das sind nicht ungeistliche, ungehorsame Feiglinge, die versäumt haben, zu gehen, sondern sie sind genauso berufene Diener des Herrn wie die Evangelisten, nur an einer anderen, ebenso wichtigen Front.

Das Evangelium muß eben nicht nur in die Weite ausgebreitet werden, sondern es muß auch an jedem Ort in der Tiefe verankert werden, sodaß sein Zeugnis, wenn nötig, über mehrere Generationen hinweg erhalten bleibt; das ist die Aufgabe der örtlichen Gemeinde, die in Gottes Ratschluß in dieser Heilszeit einen zentralen Platz einnimmt. In dieser Weise ist das beständige Zeugnis des Evangeliums durch die Glieder einer örtlichen Gemeinde ebenso ein Beitrag zur Erfüllung des Missionsauftrags, und das noch stärker, wenn es örtlichen Gemeinden gelingt, das Evangelium zu Angehörigen anderer Völker oder Volksgruppen zu bringen, die bei ihnen leben.

Zudem hat die Gemeinde und haben wir alle einzelne Gläubige nicht nur den Auftrag, das Evangelium auszubreiten, so wichtig dieser Auftrag ohne jeden Zweifel ist, sondern wir haben auch den Auftrag, Gott anzubeten als heilige Priester (Joh 4,23-24; 1Pt 2,5.10), und das im Rahmen der örtlichen Gemeinde, die eine Wohnstätte Gottes ist (Eph 2,21-22), und wir haben den Auftrag, mitzuwirken an der Erbauung und Festigung der Heiligen in unserer örtlichen Gemeinde (vgl. Eph 4,12-16). Zur Erfüllung dieser beiden Aufträge müssen auf jeden Fall die Gläubigen, die zu diesem Werk berufen sind, bleiben statt zu gehen, sonst sind sie Gott ungehorsam!

Wenn die unausgegorenen Lehren Platts und anderer stimmen würden, dann hätte es keine stabile örtliche Gemeinde z.B. in Ephesus geben können, weil alle „geistlichen“, „radikalen“ Gläubigen überallhin ausgeschwärmt wären, um „Jünger zu machen“. Nur die „ungeistlichen“ Leute hätten eine Versammlung in ihrem Haus beherbergen können (vgl. u.a. Röm 16,5; Kol 4,15), weil die „geistlichen“ alle ihre Häuser verkauft hätten, um nach China zu reisen. Davon lesen wir aber gar nichts in den Briefen.

Wenn Platts Theorien stimmen würden, dann müßte man doch von dem Apostel Paulus, dem wahrscheinlich größten und brennendsten Missionar aller Zeiten, erwarten, daß er in seinen Briefen und in der Apostelgeschichte immer wieder allen Gläubigen die Notwendigkeit, in alle Welt hinauszugehen, ans Herz legt und sie dringlich dazu auffordert! Doch das ist überhaupt nicht der Fall; er ermuntert sie vielmehr zu einem treuen Dienst in ihren örtlichen Gemeinden. Umgekehrt betont er immer wieder, auch gegenüber Timotheus, daß der Dienst am Evangelium auf der Grundlage einer besonderen Gnadengabe und Berufung erfolgt (vgl. u.a. Röm 1,1-5; 15,15-16; Eph 3,6-9; 1Thess 2,3-4; 1Tim 2,7; 2Tim 1,6-11; 2,1-6).

Es muß noch einmal in Liebe klar gesagt werden: Wer hinausgeht, um das Evangelium zu anderen Völkern zu tragen, braucht einen klaren, bestimmten Ruf Gottes dazu; er muß wissen, daß er zu diesem Werk berufen und beauftragt ist und von Gott auch die entsprechenden Gnadengaben erhalten hat. Solche Gläubige müssen im Glauben gefestigt und in der örtlichen Gemeinde bewährt sein, keine Neulinge und auch keine labilen, eigenwilligen Leute ohne Gemeindebewährung.

Wer ohne diese Voraussetzungen auf das „Missionsfeld“ geht, der läuft Gefahr, empfindlichen Schaden zu erleiden oder auch Schaden anzurichten. Mehrfach wurde mir von Praktikern des Missionsfeldes bestätigt, daß eine der schlimmsten Probleme auf dem Missionsfeld die vielen Leute ohne Berufung und geistliche Bewährung sind, die sich dort aufhalten.

Platts schwammige Behauptungen über den „Gottes globalen Plan von den Anfängen bis heute“ (S. 63-84) entsprechen so nicht der biblischen Lehre; sie entstammen auch nicht heilsgeschichtlich-dispensationalistischem Denken, sondern sind dem von John Piper beeinflußten calvinistischen Denkansatz verpflichtet (Platt ist Ratsmitglied der Gospel Coalition (https://www.thegospelcoalition.org/?s=david+platt) und arbeitet auch bei Together for the Gospel mit John Piper zusammen).

Platt sagt nicht klar, was nach seiner Auffassung Gottes „globales Ziel“ (72) bzw. der „globale Plan Christi“ (73) beinhalten. Diese unklaren Formeln sind jedenfalls schwammig genug, um auch die modernen Irrtümer der „Missio Dei“, der angeblichen gesellschaftsbezogenen „Mission Gottes“ mit einzubeziehen; manche von Platts Formulierungen tendieren bedenklich in die Richtung der ökumenischen Missio-Dei-Lehren, die ja auch von anderen neocalvinistischen Autoren heute übernommen wurden. Sehr befremdend ist aus bibeltreuer Sicht auch die Behauptung Platts, daß alle ca. 2 Milliarden Namenschristen mehr oder weniger als evangelisiert oder gar errettet gelten könnten (140). Auch wenn er das an einer anderen Stelle einschränkt (77), unterschlägt er hier, daß die Masse der Namenschristen aus der katholischen bzw. orthodoxen Kirche und den liberalen evangelischen Kirchen weder wirklich evangelisiert noch errettet ist.

 

b. Jüngerschaft im Schneeball-System und ständig vervielfältigende Gemeinden –
fragwürdige Missionskonzepte aus der missional-charismatischen Ecke

 

Die Ausbreitung des Evangeliums ist immer und zu allen Zeiten das „Werk des Herrn“ (vgl. 1Kor 16,10; Apg 15,38) gewesen und nicht das Werk von Menschen. Angesichts der Milliarden unbekehrter Menschen heute ist es nur verständlich, wenn Gläubige, wie auch Platt, überwältigt sind von der Größe der Herausforderung, das Evangelium zu allen Völkern zu bringen. Doch auch hier gilt: „Bei den Menschen ist es unmöglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich!“ (Mt 19,26; vgl. Mk 10,27; Lk 18,27). Wir müssen der Versuchung widerstehen, angesichts der überwältigenden Aufgabe nach menschengemachten Methoden zu greifen.

Der Herr ist es, der Seine Werkzeuge erwählt, ausrüstet, aussendet und zu den Orten leitet, wo sie zur rechten Zeit (dem kairos) für Ihn Frucht bringen können (vgl. Apg 13,1-4; 14,27). Es ist Seine Herrlichkeit, daß er Seine Werkzeuge so anleitet und gebraucht, daß Seine Ziele zu Seiner Zeit erreicht werden. Seine Wege sind oftmals für den Menschenverstand verschlungen, seltsam, „unlogisch“. Seine Werkzeuge erscheinen oftmals schwach; sie mühen sich scheinbar an ungeeigneten Orten, sehen vielleicht zunächst keine oder wenig Frucht, und doch ist es der souveräne Herr, der alle Dinge zusammenwirken läßt zu Seinem Ziel und Seiner Ehre.

Doch besonders im 20. und 21. Jahrhundert haben liberale und evangelikale Missionstheologen versucht, menschliche Methoden zu entwickeln, die darauf zielen, die gigantische Aufgabe des Missionsbefehls möglichst effektiv und systematisch zu erledigen, um möglichst große Massen von Menschen zu „Christen“ zu machen. Dazu haben sie Organisations- und Managementprinzipien weltlicher Wirtschaftsunternehmen herangezogen, aber auch gewisse „Prinzipien“ und „Methoden“, die sie aus der Bibel ableiteten.

Doch bei diesen „biblischen Prinzipien“ müssen wir vorsichtig sein und sie genau prüfen. Sie werden uns nicht durch die Apostelbriefe gelehrt, sondern sie sind zumeist aus den Evangelien abgeleitet. Das gilt insbesondere auch von der Methode des „Jüngermachens“, die Platt begeistert in seinem Buch verkündet; sie finden sich in dem Kapitel „Gemeinschaft, die sich vervielfältigt“ (85-104).

Platts grundlegende These ist, daß es die Strategie des Herrn sei, das Evangelium durch „Jüngermachen“ in alle Welt auszubreiten, wobei auch dieses „Jüngermachen“ jedem einzelnen Christen aufgetragen sei. Platt übernimmt hier offenkundig weitgehend die unbiblischen Strategien der sich selbst multiplizierenden Gemeindegründungsbewegungen, wie sie von gewissen leitenden Mitarbeitern des International Mission Board (IMB) der Südlichen Baptisten, vor allem von David Garrison und David Watson, entwickelt wurden (vgl. dazu die Kritik in meinem Buch Zerstörerisches Wachstum, S. 239-317). Platt schreibt u.a.:

Die Mega-Strategie Jesu: Jünger machen. (89)

Wenn Jüngermachen der Plan Christi ist und die Beteiligung daran für uns alle offen ist und von uns allen erwartet wird, wie setzen wir ihn dann um?“ (92)

Um zu sehen, was dazugehört, wollen wir noch einmal über diese Abschiedsworte nachdenken, die Jesus an seine Jünger gerichtet hat – und an dich und an mich. Wir sollen gehen und alle Völker zu Jüngern machen. Dann sollen wir sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen. Und wir sollen ihnen beibringen, allem zu gehorchen, was Jesus befohlen hat. All das zusammen sind die Mittel, um immer mehr Menschen hervorzubringen, die seine Gnade genießen und seine Ehre weltweit vermehren. (92-93)

Jünger zu machen ist ganz anders. Während christliche Quarantäne einschließt, Christen zu isolieren und ihnen beizubringen, gut zu sein, bedeutet Jüngermachen, sie in die Welt hinauszutreiben, um ihr Leben um anderer willen zu riskieren. Jetzt ist die Welt unser Fokus. Und wir messen Erfolg nicht mehr daran, wieviel Hunderte und Tausende wir in unsere Gebäude bekommen. Sondern an den Hunderten und Tausenden, die unsere Gebäude verlassen, um die Welt gemeinsam mit den Jüngern zu erreichen, die sie machen. (…) Eine Gemeinschaft von Christen, in der jeder in der Umgebung, in der er lebt, das Evangelium vervielfältigt, indem er geht, tauft und lehrt. Ist irgendetwas anderes aus biblischer Sicht überhaupt Gemeinde zu nennen? (103-104)

Auf den ersten Blick klingen Platts Äußerungen recht plausibel. Doch wenn wir sie anhand der Lehren der Bibel genauer prüfen, sieht die Sache anders aus. Der Herr hat in Matthäus 28 das Gebot erlassen, daß Seine Beauftragten aus allen Völkern Jünger machen (oder nach anderer Übersetzung: alle Völker lehren) sollten. Doch dieser Auftrag gilt nicht jedem Christen.

Nicht jeder Gläubige hat den Auftrag, zu taufen; der Apostel Paulus etwa hatte ihn nicht und taufte nur, wenn es in der Pioniersituation unbedingt erforderlich war (vgl. 1Kor 1,14-17). Es hat auch nicht jeder Gläubige den Auftrag, zu lehren; dafür ist ein gewisser Grad an Reife und Kenntnis der Heiligen Schrift nötig, und Frauen sollten dies an Männern auch nicht tun (vgl. 1Tim 2,12). In der Gemeinde setzt das Lehren überdies eine Gnadengabe voraus, die auch nicht jeder hat (vgl. Röm 12,7; Jak 3,1).

So ergibt ein Blick in die Lehrbriefe des NT, daß der Auftrag des Herrn nicht allen Gläubigen wortwörtlich gelten kann. Das gilt aber auch für das Gebot „Geht hin!“ In den Briefen des NT finden wir ein klares Muster: Normalerweise ist der von Gott gegebene Platz eines Gläubigen in der örtlichen Gemeinde. Die allermeisten Gläubigen sollen dort Gott dienen, indem sie Ihn anbeten, an der Erbauung der Heiligen mitwirken und das Evangelium in ihrem Lebensumfeld bezeugen.

Hinzugehen und alle Völker zu lehren und Jünger zu machen ist die Aufgabe der berufenen Evangelisten (Evangeliumsboten; vgl. Eph 4,11; Apg 21,8; 2Tim 4,5). Diese überörtlich wirksame Gnadengabe ist nur bestimmten Männern gegeben, die Gott beruft. Dagegen finden wir nirgends in der Schrift, was Platt aufgrund einiger Verführungslehren wie selbstverständlich vorgibt:

* Wir finden nirgends in der Schrift, daß alle Gläubigen in alle Welt gehen und dort „Jünger machen“ sollten. Der Kreis des Evangeliumszeugnisses war für die meisten Gläubigen ihr persönlicher Lebensbereich.

* Wir finden nirgends in der Schrift, daß jeder berufen sei, so schnell wie möglich nach seiner Bekehrung möglichst viele „Jünger zu machen“, diese zu lehren und zu taufen. In den Briefen des NT taucht der Begriff des „Jüngermachens“ (mathèteuo) gar nicht mehr auf, ebensowenig der Begriff „Jünger“ (mathètès) selbst. Jeder Gläubige soll ein Zeuge Jesu Christi in seinem Lebensumfeld sein. Wenn sich Menschen bekehren, werden sie von der Gemeinde weitergeführt, d.h. oftmals von reiferen, in der Lehre gefestigten Gläubigen.

* Wir finden nirgends in der Schrift, daß Gottes Ziel ein möglichst rasches Wachstum durch „Multiplikation“ sei, also exponentielles Wachstum im „Schneeballsystem“; das ist eine Erfindung weltlicher Managementgurus. Das rasche Wachstum der Jerusalemer Gemeinde geschah übrigens durch die Predigten des Petrus und der Apostel und nicht durch „Vervielfältigung“ der 120 Jünger. Natürlich wuchsen die Gemeinden auch durch Neugründung von Gemeinden in umliegenden Städten, aber ein Hinweis auf ein System der „Selbstmultiplikation“, wie es Platt fordert, fehlt, geschweige denn, daß dies in den Briefen des NT gelehrt würde.

Die Ausführungen von Platt erinnern sehr stark an die falschen Lehren von Garrison und Watson über „Gemeindegründungsbewegungen“, und einige Hinweise lassen vermuten, daß der Besuch bei verfolgten Christen am Anfang des Buches bei solchen charismatisch gefärbten „Zellgruppen“ aus China stattfand, von denen auch Garrison berichtet (vgl. Zerstörerisches Wachstum, S. 264-269). David Garrison und David Watson waren führende Mitarbeiter des IMB, mit dem Platt ebenfalls eng verbunden ist (vgl. die Zitate aus meinem Buch Zerstörerisches Wachstum im Anhang).

Der Bezug zu diesen Lehren Garrisons wird auch dadurch untermauert, daß sich in Platts Buch einige Anklänge an charismatische Vorstellungen finden: Er erwähnt u.a. Evangelisation mit Krankenheilungen und Dämonenaustreibungen so, als sollten diese auch heute stattfinden (53). In diese Richtung geht auch sein Aufruf zu einer „verzweifelten Suche nach der Kraft des Geistes“ (54; 60). Dazu ein Zitat aus Zerstörerisches Wachstum über die Kennzeichen der vom IMB betreuten Gemeindegründungsbewegungen:

Typische Kennzeichen der Gemeindegründungsbewegungen laut beteiligten Missionaren: „Ihre Art von Dienst ist näher an dem dran, was wir im Neuen Testament finden. Sie heilen die Kranken, treiben die Dämonen aus, und teilen in ihrer Armut mit anderen Notleidenden“. Garrisons Kommentar: „Das klingt ziemlich gesund“ (198). „Göttliche Demonstrationen von Gottes Macht durch Heilungen, Dämonenaustreibungen und Wunderzeichen (…) sie sind in den heutigen Gemeindegründungsbewegungen gut vertreten“ (211). Sehr viele kommen aufgrund von Heilungserlebnissen zum „Glauben“. „Ein Freund kam kürzlich aus Bihar in Indien zurück. ‚Ich habe etwa 50 Gläubige interviewt’, sagte er. ‚Jeder von ihnen kannte Jesus zuerst als Heiler, bevor er ihn als Retter kannte.’“(233). (Rudolf Ebertshäuser, Zerstörerisches Wachstum, S. 267)

Im Wikipedia-Eintrag über Platt wird erwähnt, daß er Anhänger der charismatischen Falschlehre ist, nach der die Offenbarungs- und Zeichengaben auch heute noch wirksam seien („David Platt holds to a continuationist view“ Wikipedia engl. „David Platt“ – 7.2.19). Laut Christianity Today war es Platt, der als Präsident des IMB die Vorschrift abschaffte, daß Missionare des IMB nicht Zungenreden praktizieren dürfen. Er selbst behauptet in einem YouTube-Vortrag, es gäbe noch echtes Zungenreden, auch wenn er es nicht praktiziere (https://www.youtube.com/watch?v=gRTp_JS_5sU).

Platt hält sich von Äußerungen zurück, die offene Anhänger der missionalen Gemeindegründungsbewegungen vielfach machen, daß man mit der Strategie multiplizierender Kleingemeinden ganze Völker und alle Welt „zu Jüngern machen“ könne – er widerspricht ihnen aber auch nicht. Was auf jeden Fall unbiblisch ist und die Tür für die „Missio-Dei“-Irrlehren öffnet, ist seine Behauptung, wir könnten mit dieser Strategie der Jüngermultiplikation „die Welt verändern“ (S. 83; 86; 91).

Es klingt idealistisch, ich weiß. „Die Welt bewegen.“ Aber klingt es nicht auch biblisch? Gott hat uns geschaffen, um mit unserem Leben ein radikal weltweites Ziel zu erreichen, das Gott zutiefst ehrt. (83)

Egal in welchem Land wir leben, welche Fähigkeiten wir besitzen, welche Ausbildung wir haben und wie viel wir verdienen, Jesus hat uns allen befohlen, Jünger zu machen. Und das ist das Mittel, mit dem wir die Welt verändern werden. (86)

Zumindest muß man sagen, daß die von Platt beworbene Strategie des multiplizierenden Jüngermachens unbiblisch ist und sich nicht klar von den missionalen Irrlehren abgrenzt, die ihr täuschend ähnlich sind. Tatsache ist, daß in Platts Buch die nüchterne Einordnung unserer Bemühungen um die Evangelisation in den Horizont der biblischen Endzeitschau fehlt. Wir können diese dem Gericht entgegengehende Welt nicht „erschüttern“ oder „verändern“. Wir dürfen nicht davon ausgehen, daß sich Milliarden Menschen bekehren und diese Welt christlich wird.

Das prophetische Wort lehrt uns klar, daß diese Welt immer gottloser werden wird und sich nur eine herausgerufene Minderheit bekehren wird (vgl. dazu u.a. Mt 7,13-14; Lk 13,23-24; Lk 17,24-30). Das soll unsere Bemühungen um Evangelisation in keiner Weise dämpfen, aber alle unbiblischen Erwartungen untergraben die echte Evangelisation, statt sie zu fördern.

Platt läßt es zumindest offen, ob man durch „Jüngermachen“ vielleicht tatsächlich eine „veränderte“, „christianisierte“ Welt schaffen könnte. Das aber ist eine gefährliche Verführung. Sein Buch erinnert in vielem an die illusionäre und verführerische Kampagne der ökumenischen Missionsbewegung am Anfang des 20. Jahrhunderts, die unter der Losung stand: „Die Evangelisation der Welt in dieser Generation!“ (vgl. dazu mein Buch Zerstörerisches Wachstum, S. 36-37). Das hängt auch damit zusammen, daß Platt stark von gewissen unbiblischen neocalvinistischen Lehren John Pipers beeinflußt ist, die den nüchternen biblischen Lehren des Dispensationalismus widersprechen.

 

c. Muß jeder konsequente Christ alles verkaufen und den Armen geben?
Eine einseitige Auslegung der biblischen Lehren über Besitz

 

Zu den aufwühlendsten und herausforderndsten Aussagen von Platts Buch gehören diejenigen, welche das Thema „Reichtum und Armut“ behandeln. Auch hier legt der Verfasser in vielem seinen Finger in offene Wunden und spricht vieles Berechtigte an. Es ist ganz gewiß wahr, daß viele Gläubige in den USA und Europa allzu selbstverständlich ihren relativen Reichtum und einen hohen Standard von Komfort oder gar Luxus genießen, ohne sich genügend zu fragen, ob Gott ihnen dies alles nicht auch anvertraut hat, um damit Sein weltweites Werk und auch Seine Gemeinde in ärmeren Regionen der Erde zu unterstützen.

Aber in seinen Ausführungen verliert Platt leider die biblische Balance und gerät immer wieder in eine unbiblische Argumentation, die weitgehend identisch ist mit den Irrtümern des „Sozialen Evangeliums“. Er erweckt aufgrund einer einseitigen Anwendung gewisser Gleichnisse des Herrn (z.B. das vom reichen Jüngling und vom Reichen Mann und dem armen Lazarus) den Eindruck, daß jeder hingegebene Gläubige eigentlich verpflichtet sei, alles zu verkaufen, was er hat, und es „den Armen“ zu geben.

Platt lehrt das zwar nicht absolut; er gibt zu, daß nicht jeder Christ verpflichtet sei, alles zu verkaufen, aber er schüchtert die Leser mit dem Verweis auf die tödlichen Gefahren des Reichtums massiv ein und fordert sie dann auf, den Herrn zu fragen, ob nicht sie doch alles verkaufen sollten (122). Im Endeffekt verschafft er jedem Leser, der das nicht tut, ein kräftiges schlechtes Gewissen und läßt ihn mit der bangen Frage zurück, ob er nicht damit sein Heil verspielt, daß er nicht alles den Armen gibt. Damit setzt er alle Leser unter einen massiven Druck, alles an irgendwelche Armen zu spenden. Kein Wunder, daß der erste Prominente, der das Buch im Vorspann begeistert empfiehlt, der Leiter des sozialdiakonischen Spendenwerkes Compassion ist!

Platt weitet diesen Irrtum noch aus, indem er behauptet, das gelte pauschal für alle Armen dieser Welt, also in erster Linie für die Ungläubigen, die in der Dritten Welt unter massiver Armut leiden. Und dann verwendet er dieselbe Keule wie die Irrlehrer des Sozialen Evangeliums“, indem er Fluch und Gericht auf alle zu bringen versucht, die nicht den ungläubigen Armen ihre Habe spenden. Das beruht u.a. auf einer völligen Fehldeutung der Passage in Mt 25,31-46. Dabei blendet er aus, daß in der Bibel die Verpflichtung, für die Armen zu sorgen, immer für die Armen des Volkes Gottes galt, d.h. für die Angehörigen des Volkes Israel im AT und für die der Gemeinde im NT, nicht für die Armen der gottlosen Heidenvölker.

Wir wollen zunächst einige Zitate anführen, die unsere Aussage belegen sollen, und uns dann aus dem Blickwinkel der biblischen Lehre mit Platts Behauptungen auseinandersetzen (Unterstreichungen RE).

Das Buch der Sprüche warnt vor Flüchen, die Menschen ereilen, die die Armen ignorieren. Die Propheten warnen vor Gottes Gericht und Verwüstung für diejenigen, die die Armen übersehen. (107)

Wenn unser Leben nicht radikales Erbarmen mit den Armen reflektiert, ist die Frage begründet, ob Christus überhaupt in uns lebt. (109)

Aber diese Geschichte (vom reichen Mann und dem armen Lazarus) illustriert auch Gottes Reaktion auf diejenigen, die die Armen nicht beachten. Er antwortet ihnen mit Verdammnis. (…) Wir leben im Luxus. Währenddessen sitzt der arme Mann vor unserem Tor. Während unseres Gottesdienstes am Sonntagmorgen sterben anderswo mehr als tausend Kinder vor Hunger. (…) Wir werfen ihnen höchstens unsere Abfälle hin, während wir in unserem Vergnügen schwelgen. (…) Das ist nicht das, was Menschen Gottes tun. Ungeachtet dessen, was wir am Sonntagmorgen singen oder betrachten, sind Reiche, die die Armen übersehen keine Menschen Gottes. (112-113)

Wieviel mehr betrifft das diejenigen, die tatsächlich reich sind. Unser Besitz kann tödlich sein. Er kann unbemerkt tödlich sein. (122)

Nimm das zusammen mit Vers 9 [von 1. Timotheus 6, RE], und dann wird klar, daß diejenigen, die reich werden wollen und mehr als die Grundbedürfnisse abdecken wollen, in der Gefahr stehen, Verderben und Untergang zu erleben. (123)

Wir können uns zu den Hungernden halten oder zu den Übersättigten. Wir können uns mit dem armen Lazarus auf dem Weg zum Himmel identifizieren oder mit dem reichen Mann auf seinem Weg in die Hölle. Wir können uns an Jesus halten, während wir unseren Wohlstand weggeben, oder wir können von Jesus weggehen und unsere Besitztümer horten. (137)

Im Endeffekt suggeriert Platt jedem Christen, der nicht alles weggibt, daß sein Zustand der Errettung ziemlich zweifelhaft sei, und legt nahe (obwohl er beteuert, daß gute Werke alleine nicht retten würden), daß es das Sicherste sei, alles den Armen zu geben. Dabei legt er die Gleichnisse so extrem aus, daß etwa das Geben für geistliche Zwecke in der eigenen Gemeinde oder im eigenen Land ganz ausgeblendet wird; nur „die Armen“ zählen.

Jedem geistlich besonnenen Bibelleser müßte klar sein, daß der Herr das niemals so zugespitzt gemeint hat. Er hat diesen radikalen Rat Seinen Aposteln und direkten Nachfolgern gegeben, die alles zurücklassen sollten, um Ihm in Seiner messianischen Sendung an das Haus Israel zu dienen. Er hat diesen Rat dem reichen Jüngling gegeben, weil bei diesem die Habsucht und sein Reichtum ein Götze war, der ihn fesselte. Aber Maria und Martha hatten offenkundig immer noch ihr Haus behalten, in dem der Herr später zu Gast war.

Für die neutestamentliche Gemeinde gelten andere Prinzipien. Ganz grundsätzlich ist es so, daß wir bereit sein müssen, um des Herrn willen alles zu verlieren, einschließlich unseres Lebens, wenn wir durch Verfolgung vor die Alternative gestellt werden, den Herrn zu verleugnen oder alles zu verlieren. Grundsätzlich bedeutet die ganze Übergabe unseres Lebens an den Herrn bei der Bekehrung auch, daß unser ganzer Besitz, unsere Zeit dem Herrn gehören und nicht mehr uns. Wir sind nur noch Verwalter dessen, was Gott uns anvertraut hat.

Dennoch finden wir in der Apostellehre kein allgemeines Gebot, alles zu verkaufen und den Armen zu geben. Stattdessen lehren die Briefe uns freiwilliges großzügiges Geben nach der Leitung des Geistes, wobei die Gläubigen nicht verpflichtet sind, alles zu verkaufen, sondern sie werden als Haushalter der Gaben gesehen, die Gott ihnen anvertraut hat. Nur einige Bibelstellen zur Erinnerung:

Denn wo die Bereitwilligkeit vorhanden ist, da ist einer wohlgefällig entsprechend dem, was er hat, nicht entsprechend dem, was er nicht hat. Nicht, damit andere Erleichterung haben, ihr aber Bedrängnis, sondern des Ausgleichs wegen: In der jetzigen Zeit soll euer Überfluß ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluß eurem Mangel abhilft, sodaß ein Ausgleich stattfindet, wie geschrieben steht: »Wer viel sammelte, hatte keinen Überfluß, und wer wenig sammelte, hatte keinen Mangel«. (2Kor 8,12-15)

Jeder, wie er es sich im Herzen vornimmt; nicht widerwillig oder gezwungen, denn einen fröhlichen Geber hat Gott lieb! Gott aber ist mächtig, euch jede Gnade im Überfluß zu spenden, sodaß ihr in allem allezeit alle Genüge habt und überreich seid zu jedem guten Werk, wie geschrieben steht: »Er hat ausgestreut, er hat den Armen gegeben; seine Gerechtigkeit besteht in Ewigkeit«. Er aber, der dem Sämann Samen darreicht und Brot zur Speise, er möge euch die Saat darreichen und mehren und die Früchte eurer Gerechtigkeit wachsen lassen, sodaß ihr in allem reich werdet zu aller Freigebigkeit, die durch uns Gott gegenüber Dank bewirkt. (2Kor 9,7-9)

Den Reichen in der jetzigen Weltzeit gebiete, nicht hochmütig zu sein, auch nicht ihre Hoffnung auf die Unbeständigkeit des Reichtums zu setzen, sondern auf den lebendigen Gott, der uns alles reichlich zum Genuß darreicht. Sie sollen Gutes tun, reich werden an guten Werken, freigebig sein, bereit, mit anderen zu teilen, damit sie das ewige Leben ergreifen und so für sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft sammeln. (1Tim 6,17-19)

Es sollte dem besonnenen Bibelleser deutlich sein, daß David Platt dieses wichtige, aber vielschichtige Thema in mehrfacher Hinsicht manipulativ, einseitig und verfälschend dargestellt hat:

* Er hat eine Äußerung des Herrn aus ihrem Zusammenhang gerissen und daraus einen irreführenden moralischen Druck aufgebaut, daß es eigentlich am besten sei, alles zu verkaufen und „den Armen“ zu geben. Er hat sich nicht darum gekümmert, was dieser unbiblische Appell unter Umständen im Leben labiler Christen für Schäden auslösen kann. Beeindruckbare junge Christen wie Lisa, die er rühmend hervorhebt (129-130), können nicht nur materiellen Schaden nehmen, sondern auch geistlichen, wenn sie meinen, sie müßten „alles verkaufen und das Evangelium in die Welt tragen“.

* Er hat es versäumt, darzulegen, daß der völlig andere Lebensweise der hochindustrialisierten Länder zwangsläufig auch bedeutet, daß zum Existenznotwendigen für Christen manche Dinge gehören, die in armen Ländern nicht nötig sind, wie etwa ein Auto oder andere Gegenstände (Toilette mit Wasserspülung, Telefon, PC z.B.). Es ist völlig richtig, daß wir uns im Notfall an Nahrung und Bedeckung genügen lassen dürfen, aber das bedeutet nicht, daß alles, was darüber hinausgeht, nicht behalten dürften. Unsere „Grundbedürfnisse“ sind weiter gesteckt und unsere Lebenshaltungskosten höher als die der Menschen in armen Ländern, und Gott verlangt nicht, daß wir alles weggeben, was den Lebensstandard eines Menschen in Afrika übersteigt. Hier Ist Platt zumindest sehr vage

* Er hat verschwiegen, daß die über eine Milliarde Armen in dieser Welt nicht „der Lazarus“ sind, „der vor unserem Tor sitzt“ (vgl. 112-113). Das ist eine absurde Zuspitzung, die, wenn wir sie wörtlich nähmen, jeden westlichen Christen in Verzweiflung stürzen müßte – wir können nämlich die Nöte dieser gigantischen Menschenmasse nicht lösen, selbst wenn wir alles weggäben. Das auch deshalb, weil vielfach ein gottloser, götzendienerischer Aberglaube und eine kraß sündhafter Lebensweise mit für diese schlimme Armut verantwortlich ist. Wir sind erstens zuallererst für die Armen unter den Kindern Gottes verantwortlich, und das unmittelbar dort, wo sich solche in unserem direkten Lebensumfeld befinden. Wer das nicht tut, der ist tatsächlich auf einem sehr fragwürdigen Weg (vgl. 1Joh 3,17; Jak 2,15-16). Wie wir unserer Verantwortung gerecht werden sollen in einer Welt, wo wir über Medien von Hunderten von Nöten überall auf der Welt Kenntnis haben können, das ist sicherlich eine Frage der Gewissensführung und der Leitung des Herrn für den Einzelnen. Auf keinen Fall können wir das einfach gleichsetzen mit der hartherzigen Mißachtung einer Not bei einem Gläubigen, den wir direkt vor Augen haben.

* Dann sollten wir auch eine wohlüberlegte Fürsorge für arme Gläubige in anderen Ländern tragen, wie und 2. Korinther 8 lehrt. Doch dabei müssen wir weise sein; zuviel materielle Zuwendung an Christen in einem armen Land kann Neid und Verfolgungen begünstigen und deren Position erschweren, abgesehen davon, daß solche Hilfe ihre Empfänger leider auch korrumpieren kann, wenn sie nicht weise gegeben wird. Selbstverständlich sollten wir Katastrophenhilfe leisten und auf vielerlei Weise ärmere Christen in ihrem Evangelisationsauftrag unterstützen, und es ist auch klar, daß das bei den meisten westlichen Christen nicht genügend gesehen wird. Aber auch an diesem Punkt ist Platt unausgewogen und erwähnt die Grenzen und problematischen Seiten solcher Hilfe nicht.

* Schließlich ist es sinnvoll, aber nicht zwingend, daß wir auch materielle Hilfe für ungläubige Arme geben, aber nur dort, wo das in der rechten Weise mit der Verkündigung des Evangeliums verbunden ist. An manchen Stellen gesteht das Platt durchaus zu, an anderen wirkt er wie ein feuriger Verfechter des Sozialen Evangeliums. Platt erwähnt auch nicht, daß eine allzu großzügige und unweise materielle Hilfe auch schon viel Schaden angerichtet hat, indem sie „Reischristen“ züchtete – Leute, die sich nur formell dem Christentum zuwenden, damit sie materielle Vorteile erlangen.

Auch hier wieder sehen wir, daß Platts falscher Lehransatz ein Kardinalfehler ist. Er bezieht die Gleichnisse des Herrn an Seine Jünger auf einseitige und verdrehte Weise auf uns Christen in der Heilszeit der Gemeinde, ohne dabei angemessen zu berücksichtigen, was die Apostel in den Briefen des NT ganz direkt zu uns sagen. Das ist letztlich unsere verbindliche Richtschnur, die der erhöhte Herr selbst uns gegeben hat.

 

3. Eine unausgereifte Medizin mit zu vielen Nebenwirkungen:
Versuch einer Bilanz

 

Hier wollen wir versuchen, eine vorläufige Bilanz zu ziehen. Platts Buch kann man mit einem hastig und ohne Sorgfalt entwickelten Notfallmedikament vergleichen, das zwar einige Krankheitssymptome angreift, aber die Krankheit nicht wirklich heilen kann und dabei solch schwere Nebenwirkungen hat, daß es eigentlich nicht ratsam ist, dieses Medikament zu geben, auch wenn die Krankheit unbestreitbar da ist und eine Therapie nötig ist.

Noch einmal: Vieles, was Platt angreift und bemängelt, hat zumindest einen wahren Kern. Wir wollen gewiß nicht behaupten, die westlichen Christen, auch die bibeltreuen Gläubigen, hätten eine biblische, vorbildliche Haltung zur Sache der Weltmission oder zu ihren materiellen Besitztümern. Hier haben wir ganz bestimmt zahlreiche und schmerzliche Defizite. Ein Weckruf, eine Ermunterung zu mehr Hingabe und Opferbereitschaft wäre ganz gewiß notwendig.

Unsere Kritik an Platts Buch soll nicht als eine Verteidigung der bedauerlichen Trägheit und des traurigen Mangels an Hingabe, Eifer und evangelistischem Einsatz mißverstanden werden, den wir heute bei allzu vielen Gläubigen, auch aus bibeltreuen Kreisen, finden. Diese Mißstände sind beschämend, und wir sollten ernstlich beten, daß unser Herr uns hier noch einmal eine Erweckung und einen Aufbruch zu eifrigem Zeugnis für Ihn schenkt.

Aber ein solcher Weckruf müßte die gesunde Lehre der Apostel zur Grundlage haben. Ohne Zweifel sollten wir alle immer wieder die Reden unseres Herrn an Seine jüdischen Jünger in den Evangelien studieren und zu unseren Herzen sprechen lassen. Aber wir sollten das in dem Bewußtsein tun, daß sie für eine besondere Zielgruppe in einer besonderen Situation gesagt wurden. Ihre Grundsätze sind für uns wichtig, aber ihre Anwendung sollte im Licht der Apostelbriefe geschehen. Nur so vermeiden wir schwere Irrtümer, wie sie auch die Pfingstler und Charismatiker oder auch die Irrlehrer der Missio Dei, der Kontextualisierung und der charismatischen Gemeindegründungsbewegungen verbreitet haben.

Platts unausgewogene, extreme Deutungen und Appelle sind hier meiner Überzeugung nach keine Hilfe. Im Gegenteil, ich habe die Befürchtung, daß sie einige lehrmäßig nicht gefestigte jüngere Christen genau in die Arme der Charismatiker und der modernen missionalen Gemeindegründungsbewegungen treiben, welche ein falsches Evangelium verbreiten und schwerwiegenden Schaden auf den Missionsfeldern anrichten (darüber habe ich ausführlich in meinem schon erwähnten Buch Zerstörerisches Wachstum geschrieben).

Das hängt auch damit zusammen, daß dieses Buch in Deutschland von der charismatisch-missional geprägten Missionsgesellschaft Frontiers vertrieben wird, die ein Vorreiter solcher falscher Missionsinitiativen ist (vgl. meine Studie über ihre Arbeit unter Muslimen im Anhang). Frontiers macht direkt im Anschluß an Platts Appelle Werbung für sich, und das ist ausgesprochen fragwürdig. Ich könnte mich dieser Missionsgesellschaft weder anschließen noch sie unterstützen.

Eine üble Auswirkung hat auch Platts Appell an alle Leser, „aktives Mitglied einer sich selbst vervielfältigenden Gemeinschaft zu sein“ (181; vgl. 83; 104). Wir haben schon gesehen, daß Platt eigentlich nur solche „selbstmultiplizierende“ Jüngerschaftsgruppen als echte Gemeinden gelten lassen will. Das bedeutet für viele junge Leser, daß sie gedrängt werden, aus nüchternen, biblischen Gemeinde wegzugehen und sich irgendwelchen fragwürdigen „Zellgemeinden“ oder charismatischen „Hausgemeinden“ anzuschließen, die das unbiblische Konzept des „exponentiellen Wachstums durch Zellteilung“ praktizieren.

Wirklich bibeltreue Gemeinden können in den meisten Fällen in unseren Ländern kein solches „multiplizierendes“ Wachstum aufweisen. Hier schürt Platt eine falsche Unzufriedenheit und treibt seine Leser in die Armem von Verführern, was noch durch eine unbiblische „Selbstverpflichtung“ am Schluß des Buches verstärkt wird (211).

Auch wenn die Leser vielleicht nicht gleich ihre vorgeblich „eingeschlafenen, halbherzigen“ Gemeinden verlassen, so bewirkt dieses Buch mit seinen überzogenen, unbiblischen Radikalaussagen doch eine ungesunde Unzufriedenheit der meist jungen Leser mit ihrer Gemeinde und ihrer Ältestenschaft. Nicht, daß ich bestreiten würde, daß junge Menschen manchmal berechtigte Not mit Mißständen und Fehlentwicklungen auch in biblischen Gemeinden haben können. Wohl uns, wenn diese jungen Christen darauf mit Gebeten, respektvollen und geistlichen Gesprächen und der Bereitschaft reagieren, zur Belebung und Erbauung der Gemeinde beizutragen, in die Gott sie gestellt hat!

Aber der falsche Radikalismus von Platt führt, so fürchte ich, zu einer zerstörerischen Unzufriedenheit, die zunächst die innere Abwendung der infizierten Gläubigen von der Gemeinde bewirkt und irgendwann womöglich einen Weggang zu einer „modernen“, „dynamischen“, „kulturrelevanten“ Gemeinschaft, welche leider falsche „Jünger“ und ansonsten Irrtümer multipliziert. Als Beleg für die Anstiftung zu Abwanderung und Spaltung noch einige Zitate von Platt:

„Glauben wir genug, daß wir ihm gehorchen und überallhin folgen, selbst wenn sich die Mehrheit in unserem Umfeld – und vielleicht auch in unseren Gemeinden – in eine andere Richtung bewegt?“ (23).

„Ich möchte zu einer Gemeinschaft von Menschen gehören, die ihn so genießen und lieben, wie es die Geschwister in der asiatischen Untergrund-Gemeinde tun, die nichts haben außer ihm. Und ich will Teil einer Gemeinschaft sein, die alles für ihn riskiert“ (23).

„Was, wenn dies radikalen Christen sich zu radikalen Glaubensgemeinschaften zusammenschlössen, Gemeinden genannt, die sich dem Plan für Gottes Volk, der seit dem Beginn der Zeit höchste Bedeutung hat, völlig unterwerfen?“ (83)

 

Das „Hinausgehen“ aufs Missionsfeld ohne Berufung ist gefährlich

Eine weitere gefährliche Nebenwirkung dieses Buches besteht darin, daß sicherlich einige Leser auf diese Appelle hin hinausgehen in alle Welt, obwohl sie dazu nicht von dem Herrn der Ernte berufen und zubereitet sind. Mancher mag diese Gefahr herunterspielen und sagen: „Ist doch besser, als daheim zu bleiben!“ Aber das ist in großem Maß naiv und verkehrt. Ich bin kein Missionar, sondern Bibellehrer, aber ich habe über viele Jahre mit vielen Brüdern gesprochen, die auf dem Missionsfeld Erfahrungen sammeln konnten. Zwei Dinge sind mir dabei immer wieder deutlich geworden:

* Das Missionsfeld ist kein Abenteuerspielplatz für neugierige Kinder Gottes (eine Illusion, die Platt fördert, wenn er schreibt: „Du wirst den unvergleichlichen Nervenkitzel kennenlernen, ein Teil dessen zu sein, was Gott für deine Umgebung und den Rest der Welt vorhat“  – 181). Das Missionsfeld ist ein Kriegsschauplatz, auf dem unser Herr nur solche Seiner Jünger aussendet, die Er dafür vorbereitet und zugerüstet hat. Das müssen geistlich reife, wachsame Kämpfer sein, opferbreit, stark in dem Herrn und geübt im Widerstand gegen die Listen des Teufels, die die ganze Waffenrüstung Gottes tragen und Schild und Schwert gut handhaben können, sonst werden sie irgendwann verwundet vom Schlachtfeld getragen werden!

Ich habe es immer wieder mitbekommen, daß unzureichend standfeste Missionare irgendwann geschlagen und geschädigt vom Missionsfeld zurückkehren mußten, manchmal mit einer zerbrochenen Ehe und psychisch angeschlagen. An der Front des Evangeliums fliegen Granaten, und es wird scharf geschossen! Der Widersacher greift die Diener des Evangeliums unablässig an, sei es durch körperliche und seelische Erkrankungen, durch Verfolgung und Verleumdung, oder auch durch Streit und Zerwürfnissen zwischen den Missionaren.

Von daher wirkt das verlockende Werben Platts für „radikale Hingabe“ in dieser Form fragwürdig (24-25). Wenn er seinen oftmals jugendlichen Lesern rät, „radikale Risiken“ einzugehen, dann ist das ohne den Hinweis auf den klaren Ruf Gottes als Voraussetzung ein ausgesprochen verantwortungsloser Appell (25). Unberufene junge Leute können an der Missionsfront auch Schiffbruch erleiden und sich Schäden zuziehen. Davon abgesehen habe ich schon erwähnt, daß eines der größten Probleme für die wirklich berufenen Missionare auf dem Missionsfeld die vielen Christen sind, die sich ohne göttliche Berufung und die nötige geistliche Reife dort aufhalten.

Diese Tatsachen sollten aber solche Brüder und Schwestern, die wirklich den Ruf aufs Missionsfeld haben, in keiner Weise beunruhigen. Wer vom Herrn dorthin berufen und in Seiner Schule auch vorbereitet ist, den wird der Herr auch schützen und gebrauchen, und er darf in aller Nüchternheit zuversichtlich vorangehen. Der Herr wird ihn führen und dafür sorgen, daß er auch zu Seiner Ehre reiche Frucht bringt!

 

Die Not mit der geistlichen Entartung unter evangelikalen Missionsgesellschaften

Ein weiterer ernster Mangel aus bibeltreuer Sicht besteht darin, daß Platt die wahre geistliche Situation der Weltmission völlig ausblendet und ein idealisiertes und verharmlosendes Bild der Mission heute zeichnet. Leider müssen wir aus bibeltreuer Sicht festhalten, daß die Mehrzahl der evangelikalen Missionswerke heute nicht mehr ein unverfälschtes, biblisches Evangelium vertreten (was nicht heißt, daß nicht manche Missionare in diesen Werken noch biblisch gesund wirken).

Heute herrschen verderbliche Irrlehren wie die Missio Dei („Mission Gottes“), die „Kontextualisierung“ (Anpassung an die Kultur und Religion der Zielgruppe) und religionsvermischende Gemeindegründungsbewegungen („Chrislam“, „muslimische Jesus-Jünger“) vor, und es gibt nur wenige Missionswerke, mit denen bibeltreue Christen wirklich hinausgehen könnten, ohne selbst Schaden zu erleiden und dem endzeitlichen Glaubensabfall Vorschub zu leisten.

Eine solche Verführung und Vermischung in Missionsfragen wird zunehmend auch auf evangelikalen Veranstaltungen wie der „JUMIKO“ (Jugend-Missionskonferenz) offenbar, wo tausende christlicher Jugendlicher und junger Erwachsener sich über Fragen der Weltmission orientieren und auch Kontakt zu Missionswerken knüpfen können. Auf der JUMIKO im Januar 2019 im Raum Stuttgart war das Buch „Keine Kompromisse“ von Platt eines der hervorgehobenen Themen; es gab gleich morgens zur Einleitung ein Vortrag mit dem Thema „Radical“ – Kompromißlos nachfolgen. Über ein Buch, das Dein Leben revolutionieren kann“, und Inhalte des Buches wurden auch in anderen Vorträgen aufgegriffen.

Doch auch bei dieser einst eher konservativ geprägten Missionskonferenz weht jetzt ein neuer, verführerischer Wind. Zu den Referenten gehörte eine lehrende Frau (Prof. Mihamm Kim-Rauchholz, Bad Liebenzell), der liberaltheologische und verführerische Theologieprofessor Hans-Joachim Eckstein (der Mann, der Hans-Peter Royer verführte, das stellvertretende Sühnopfer Jesu Christi zu leugnen), der ökumenische Prior Konstantin Mascher (OJC), der charismatisch-missionale Leiter der ICF-Arbeit in Deutschland Tobias Teichen und der ähnlich irreführend geprägte Leiter von Campus für Christus Schweiz, Andreas Boppart. So wird dieses Buch benutzt, um junge Christen in verführerische Netzwerke einzuführen, in denen ihr Glauben umgekehrt und geschädigt wird.

Ahnungslose junge Christen laufen Gefahr, irgendwelchen ungesunden, irrgeführten Missionswerken auf den Leim zu gehen, die sie anwerben und so schulen und prägen, daß sie nach einiger Zeit oft verdreht und verführt wieder in ihre Gemeinden zurückkehren. Leider haben auch manche evangelikale Missionswerke, die früher gut standen und immer noch einen guten Ruf haben, inzwischen längst den Irrlehren der Charismatik, der Ökumene und der Kontextualisierung geöffnet. Wer also hinausgeht, ist gut beraten, sich gründlich zu orientieren, und das gilt auch für Gemeindeverantwortliche, die berufene Geschwister aussenden wollen.

 

 

4. Offene Fragen, die bleiben

 

Wenn wir in dieser Stellungnahme leider feststellen mußten, daß Platts Buch nicht der biblisch fundierte Weckruf ist, der es zu sein beansprucht, sondern in vielem ein irreführendes und auch problematisches Buch, so gibt es keinen Grund, darüber einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Nach meiner Überzeugung ist es tatsächlich so, daß viele konservativ-bibeltreue Gemeinden (zu deren kleiner Schar ich mich aus Herzensüberzeugung zähle) leider Defizite bei der Förderung der weltweiten Evangeliumsverkündigung haben. Wir sollten den Missionsbefehl des Herrn Jesus Christus und das wichtige Anliegen der Ausbreitung der wunderbaren Rettungsbotschaft von Jesus Christus wichtiger nehmen; wir sollten mehr dafür beten und mehr dafür tun; wir sollten erhoffen und erbitten, daß unser Herr mehr Geschwister in den Dienst am Evangelium beruft, und wir sollten großzügiger für die Sache des Herrn, für die Weltmission und auch für die Hilfe an armen Brüdern und Schwestern in der Dritten Welt geben.

Zugleich müßten wir uns ernsthaft Gedanken machen, auf welchen Wegen sichergestellt werden kann, daß bibeltreue Christen und Gemeinden wirklich das echte Werk des Herrn für das Evangelium unterstützen und nicht modern-evangelikale Missionswerke, die ein falsches Evangelium verkünden und den Irrlehren der ökumenischen Missionstheologie auf den Leim gegangen sind. Das wird mehr und mehr ein brennendes Anliegen.

Ähnlich sieht es bei der Hilfe für arme Christen aus; bestehende evangelikale Werke wie Compassion oder World Vision sind stark verweltlicht und vom Sozialen Evangelium verseucht; man müßte dringend darüber nachdenken, wie unsere Hilfe für Notleidende über zuverlässige Kanäle zu den richtigen Zielgruppen gelangt. Ähnliches gilt für die Unterstützung verfolgter Christen, wo die führende Organisation Open Doors aus meiner Wahrnehmung leider deutliche charismatische Einflüsse aufweist.

Also: ein Aufwachen ist nötig; bibeltreue Christen und Gemeinden sollten sich wirklich ernstlich vor Gott fragen, wie sie das Werk der Evangeliumsverkündigung weltweit besser fördern und mittragen können. Es wäre wünschenswert, daß dazu einmal ein sachkundiges, ausgewogenes auf der gesunden biblischen Lehre beruhendes Buch geschrieben wird, das dort Antworten gibt, wo Platts Buch enttäuscht und in die falsche Richtung führt. 

 

 

Anhang

 

 

David Garrisons Gemeindegründungsbewegungen

 

David Garrison, dessen 2004 erschienenes, grundlegendes und vielzitiertes Buch Church Planting Movements. How God is Redeeming a Lost World wir im folgenden untersuchen wollen, ist ein bekannter und erfahrener Missionsstratege; er war als Missionar u.a. in Hong Kong, Ägypten, Tunesien, Europa und Indien tätig. Er diente als ein Vizepräsident für Globale Strategie beim International Mission Board (IMB = Internationales Missionskomitee) der Südlichen Baptisten, später als dessen regionaler Leiter für Südasien. In dieser Funktion arbeitete er u.a. mit David Watson zusammen, der in Indien unter Muslimen tätig war, aber auch mit Curtis Sergeant, der eine Gemeindegründungsbewegung in China erlebte.

Heute ist er als Global Strategist for Evangelical Advance beim IMB der Südlichen Baptisten tätig. In seinem Buch über Gemeindegründungsbewegungen verarbeitet er die jahrelangen Erfahrungen mit kontextualisierter Gemeindegründungsarbeit, die die Gemeindegründer und „Strategiekoordinatoren“ in vielen Ländern sammeln konnten. So nennt Garrison in seinen Danksagungen unter denen, die ihm Anregungen für das Buch gaben, auch Curtis Sergeant, Dr. Choudrie und David Watson sowie Jerry Rankin, den Präsidenten des IMB. Unter denen, die ihn ermutigten, nennt er den Charismatiker Bruce Wilkinson („Das Gebet des Jabez“) und Rick Warren.

In der Einleitung führt Garrison dann aus, daß es David und Jan Watson waren, die 1994 als erstes aus Indien ein phänomenales Wachstum an Taufen und gegründeten Gemeinden berichteten. Die Missionszentrale der Südlichen Baptisten war skeptisch, und so wurde später eine Untersuchungskommission auf das Missionsfeld gesandt, um die erstaunlichen Zahlen zu überprüfen. Sie fanden die Angaben bestätigt; eine Gemeindegründungsbewegung war entstanden, ähnlich den früheren Volksbewegungen. In den folgenden Jahren erlebte das IMB ähnliche Entwicklungen auch auf anderen Missionsfeldern. Es kam vor, daß in sechs Monaten 360 Gemeinden gegründet und 10.000 Menschen getauft wurden.

 

Kennzeichen einer Gemeindegründungsbewegung nach Garrison

 

Garrison gibt folgende Definition einer Gemeindegründungsbewegung: „Eine Gemeindegründungsbewegung ist eine rasche Vervielfältigung von einheimischen [indigeneous] Gemeinden, die durch eine Volksgruppe oder eine Untergruppe der Bevölkerung flutet“. Zu ihren wichtigen Kennzeichen gehören:

* Die Gemeinden vermehren sich schnell; in kürzester Zeit beginnen neugegründete Gemeinden wieder neue Gemeinden, die wiederum neue Gemeinden gründen.

* Die Gemeinden multiplizieren sich und addieren nicht einfach weitere Gemeinden. jede Gemeinde gründet mehrere neue Gemeinden; dadurch wird eine rasche Ausbreitung gewährleistet.

* Die Gemeinden sind einheimisch; sie werden überwiegend von Insidern, von Angehörigen der Bevölkerungsgruppe selbst gegründet und nicht von ausländischen Missionaren. Die Bewegung erweckt auch gegenüber der Bevölkerung den Eindruck, eine Bewegung des eigenen Volkes zu sein.

* Die Bewegung entsteht dadurch, daß die Gemeinden selbst weitere Gemeinden gründen; ab einem bestimmten Punkt können weder die Missionare noch irgendwelche örtlichen Leiter diese spontane Bewegung noch kontrollieren oder überblicken und sollen es nach diesem Konzept auch nicht; eine richtige Bewegung ist erst entstanden, wenn sie „außer Kontrolle geraten“ ist (21-22).

Garrison bringt in seinem Buch noch zahlreiche Beispiele für solche Gemeindegründungsbewegungen, u.a. aus China und Afrika. Dabei bleibt er bewußt bei einer Beschreibung der Merkmale dieser Bewegungen; aber die Botschaft seines Buches ist klar, daß diese Bewegungen der Weg sind, um entsprechend seinem Verständnis alle Völker in das Königreich zu bringen.

 

Auszug aus Zerstörerisches Wachstum, S. 264-266.

 

 

Die unbiblische Missionsstrategie von „Frontiers“

 

Im deutschsprachigen Raum hat die charismatisch geprägte Missionsgesellschaft Frontiers ein Buch veröffentlicht, das die Insiderbewegungs-Strategie dieser Gruppe darstellt. Dieses Buch, Und ihr sollt ein Segen sein, verfaßt von Ben Naja und Mussa Sy (Pseudonyme für zwei langjährige Missionare unter Moslems in Afrika), beginnt gleich mit einer schlimmen Verkehrung des Missionsauftrages, der im Sinne der ökumenisch-liberalen Missionskonzepte umgedeutet wird: „Auftrag der Kirche ist es also nicht, Menschen anderer Religionen zu bekehren, sondern Teil zu sein einer göttlichen Initiative, der Missio Dei, mit dem Ziel, alle Menschen zu segnen“ (S. 9). Das ist missionale Theologie; man beachte die Ableitung der Insiderstrategie von der Abrahamsverheißung, die wir vorher behandelt haben.

 

Unbiblische Kontextualisierungsvorstellungen

Die charismatische Prägung der Verfasser kommen u.a. darin zum Ausdruck, daß sie als Grundlage ihrer Missionsstrategien drei Quellen anführen: Forschung (wissenschaftliche Beobachtung), Reflektion (strategische Überlegung) und Offenbarung (Schrift, Heiliger Geist) (S. 18). Nicht nur, daß die weltliche Wissenschaft hier keine Rolle spielen sollte, sie rechnen auch mit Neuoffenbarungen durch den charismatischen Irrgeist. So sollen die Botschafter auch mit Muslimen zusammen um „übernatürliche Offenbarungen beten“ (S. 39).

Der Grund für ihre neue Missionskonzeption wird zum einen darin gesehen, daß „Gott selber dabei ist, Neues zu schaffen“ (S. 16), aber auch, daß in der Vergangenheit die Gemeinde versagt habe: „Unsere unangepassten Methoden und Strategien haben Menschen anderer Kulturen und Religionen daran gehindert, die Gute Nachricht zu verstehen und anzunehmen“ (S. 23). Damit werden die klassischen Ansätze biblischer Evangeliumsverkündigung abgewertet und beiseitegeschoben.

Das wird mit soziologisch klingenden „wissenschaftlichen Argumenten“ untermauert: „Neuere Forschung hat gezeigt, dass der Hauptgrund gerade für Muslime, nicht in die Nachfolge Jesu zu treten, nicht auf der theologisch-dogmatischen, sondern viel eher auf der soziokulturellen Ebene liegt“ (S. 24). Das aber ist biblisch völlig verkehrt. Der Hauptgrund, weshalb das Evangelium von Jesus Christus abgelehnt wird, ist die Rebellion und der Stolz des natürlichen Herzens, verbunden mit satanischer Verblendung!

Diese Schrift versucht dann zu begründen, weshalb angeblich ganze Völker in dieser Zeit schon „Jesu rechtmäßiger und gottversprochener Besitz“ seien und auch wir alle Völker dieser Welt als Erbbesitz hätten (S. 27). Es wird auch behauptet: „Alle Kulturen der Welt wurden von Gott erschaffen. Sie sind also von ihm gewollt und können ihn darum auch verherrlichen“ (S. 53). Das stimmt absolut nicht! Die „Kulturen“ dieser Welt sind Teil des gottfeindlichen Weltsystems und stehen unter der Macht des Fürsten dieser Welt! Diese Leute behaupten, Gott habe den Islam und den Animismus gemacht, um sich darin einmal zu verherrlichen. Das deckt sich mit der liberaltheologischen Weltanschauung und ist bereits religionsvermischendes Denken.

Auf dieser unbiblischen Grundlage wird dann die Anpassung an den Islam gelehrt: „Würde Paulus heute unter Muslimen arbeiten, wie würde er sich verhalten? Er würde den Muslimen ein Muslime werden und sie dann dazu einladen, in kulturell angepassten Formen Jesu nachzufolgen“ (S. 54). Das ist eine dreiste Verkehrung dessen, was der Apostel in 1Kor 9,19-23 sagt und meint. Er sagt ja gar nicht, daß er den Heiden ein Heide geworden wäre, geschweige denn eine der heidnischen Religionen angenommen hätte, um dort zu „evangelisieren“. Wenn diese haarsträubende Verdrehung der biblischen Wahrheit stimmen würde, dann hätten die Apostel sich den Mysterienkulte anschließen und die Götzentempel besuchen müssen; sie hätten der Diana von Ephesus geopfert, anstatt einen für Insiderbewegungen hinderlichen Aufruhr zuzulassen.

 

Die Vermischung von Islam und biblischem Glauben

Mit unerbittlicher Konsequenz kommt dann der entscheidende, verräterische Schritt: die Gleichsetzung des islamischen „Allah“ mit dem Gott der Bibel. Man müsse den „religiösen Wortschatz“ der Muslime unbedingt übernehmen, um sie erreichen zu können, so lautet die fadenscheinige Begründung. Das ist grundfalsch und im Grund eine Verleugnung des biblischen Gottes; dafür spielt es gar keine Rolle, ob der Begriff „Allah“ früher einmal neutral „Gott“ bedeutet hat.

Heute hat er eine ganz klar religiös fixierte Bedeutung, und man hindert Muslime an einer echten Bekehrung, wenn man den Unterschied zwischen „Allah“ und dem wahren Gott der Bibel nicht auch in der Namensgebung deutlich macht. Genausogut könnte man unter Hindus Christus mit „Krischna“ übersetzen oder unter New Agern vorgeben, daß man den „kosmischen Christus“ verkündige – das ist Religionsvermischung und furchtbare Irreführung.

Die Autoren behaupten: „Muslime beten nicht den falschen Gott an; sie haben nur ein unvollkommenes Verständnis von ihm“ (S. 56). Sie bringen die uralten liberalen Verführungslehren über die Religionen an: „In allen Kulturen und Religionen liegen Bruchstücke von Wahrheit verborgen, vielleicht [!] nicht die ganze Wahrheit, aber doch wertvolle Aspekte der Wahrheit. Gott selber hat diese Wahrheit in ihre Herzen gelegt (Röm 2,15)“; man solle die „Lücken“, die in ihrer Lehre noch vorhanden sind, erkennen und schließen“ (77). Später heißt es: „Wahrheit ist immer Gottes Wahrheit, wo immer sie auch zu finden ist. Sie sollten die im Koran enthaltenen biblischen Wahrheiten kennen“ (S. 93).

Es ist nur folgerichtig, daß dann auch entsprechend „kulturell angepaßte Ausdrücke“ für den Herrn Jesus verwendet werden sollen: statt „Sohn Gottes“ muß man sagen „Isa al-Masih“ (Jesus der Messias) oder „Nabi Isa“ (der Prophet Jesus) (S. 56). Daß damit ein wesentliches Fundament des biblischen Glaubens und des Evangeliums preisgegeben wird, unterschlagen die Autoren. Diese Leute arbeiten dann auch mit „kontextualisierten“, d.h. verfälschten Bibeln, so daß die Gottheit Christi den gewonnenen „Gläubigen“ einfach unterschlagen wird. Auf der anderen Seite werden die koranischen Irrlehren über Christus verharmlost: „Im Koran befinden sich rund 40 christologische Aussagen und Titel, die alle mit der Bibel vereinbar sind“ (S. 25).

 

Das Ziel sind „chrislamische“ Hausgemeinden

Ein weiteres Element dieser hinterlistigen Taktik besteht in der Methode des „induktiven Bibelstudiums“, das in den muslimischen Hausgemeinden angewandt werden soll. Das klingt sehr fromm: „Die effektivste Art der Lehre ist die induktive Methode. Bei der induktiven Methode ist der eigentliche Lehrer der biblische Text selber und nicht ein menschliches Element. Auf diese Art lernt der Neugläubige von Beginn weg, daß er Antworten auf seine Fragen direkt aus dem Wort Gottes ableiten darf“ (S. 126). Die „induktive Methode“ bedeutet, daß es keine autoritative Bibellehre von Seiten eines Leiters geben darf, sondern die Teilnehmer selbst entscheiden, wie sie den Text verstehen und in ihrem Leben anwenden sollen.

Das ist jedoch gegen die Anweisungen der Bibel, die Evangelisten dazu anhält, das Wort Gottes autoritativ zu lehren (vgl. u.a. Mt 28,19-20; Mk 1,22; Mk 2,13; Joh 8,2; Apg 4,1; Apg 20,20-21; 1Tim 2,7; 2Tim 4,2-5;). Es ist in dieser Einseitigkeit auch ein Brutkasten für Mißverständnisse und falsche Lehren, da die teilweise noch ungläubigen Teilnehmer nicht von selbst die gesunde Lehre erkennen können. Das gilt noch viel mehr, wenn verfälschte „kontextualisierte“ Bibeln eingesetzt werden! Hier werden religionsvermischende Häresien geradezu herausgefordert!

Das alles dient dazu, bewußt „Hausgemeinden“ zu schaffen, die als muslimisch-„christliche“ Zwitterwesen geplant sind. Dort werden auch muslimische Elemente einbezogen, z.B. „Proklamation der 99 wunderbaren Namen Gottes“ (d.h. koranische Bezeichnungen für „Allah“!), „Proklamation eines kontextualisierten Glaubensbekenntnisses“ (d.h. das islamische Glaubensbekenntnis zu „Allah“ wird gesprochen, wobei „Isa“ mit einbezogen wird), islamische Gebetshaltungen usw. (S. 144). Die Leute praktizieren noch die „fünf Säulen“: (1. Shahada – Rezitation des Glaubensbekenntnisses; 2. Salat – Rituelles Gebet; 3. Zakat – Almosen; 4. Sawm – Fasten; 5. Hajji – Pilgerfahrt) und gehen in die Moschee (S. 115).

Diese Vermischung wird auch noch als gottgewolltes Gebot vermittelt: „Ein Nachfolger Jesu hat also sein sozioreligiöses Umfeld nicht zu verlassen – er soll es vielmehr erlösen! (…) Anstatt Christen zu werden, dürfen sie in ihrer kulturellen Identität bleiben und ihr gottgegebenes Umfeld wie Sauerteig von innen her verändern“ (S. 117). Der Hintergedanke ist, große Volksbewegungen zu ermöglichen, indem man die Ausgrenzung der Gläubigen vermeidet.

Das wird fromm ausgedrückt, wieder mit einem heilsgeschichtlich völlig verkehrten Bezug auf die Abrahamsverheißung: „Angesichts der großen Vision Gottes [!], alle Familien und Völker zu segnen, wäre das Ziel, ein paar einzelne Muslime von ihrem Umfeld abgetrennt in die Nachfolge Jesu einzuladen ganz einfach zu wenig. Das Ziel unserer Arbeit kann nur sein, Neugläubige in ihrem Kontext zu halten, um diesen durch das Evangelium zu segnen und näher zum Erlöser zu bringen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir unbedingt vermeiden, Neugläubige zu ‚christianisieren’“ (S. 116). Aber dies ist eine unbiblische, unehrliche Taktik, die keine guten Früchte bringen kann.

 

 

Auszug aus Zerstörerisches Wachstum, S. 173-176.

 

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Veröffentlicht auf  Das-Wort-der-Wahrheit.de  im März 2019                       © Rudolf Ebertshäuser 2019

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