Warum kann der Gebildete nicht der Bibel glauben?

Eine Ansprache von Fritz Binde
 

Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, daß du dies vor Weisen und Verständigen verborgen hältst und hast es vor Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir.

Matthäusevangelium 11,25-26

 

Es ist zunächst erforderlich, einiges über die Überschrift dieser Ansprache zu sagen. „Warum kann der Gebildete nicht der Bibel glauben?“ Will ich meine Worte etwa nur an die Gebildeten richten? Und verstehe ich unter diesen etwa die akademisch geschulten Leute oder doch jene, die das allgemeine Kulturwissen unserer Zeit in sich aufgenommen haben? Will ich etwa nur deren wissenschaftliche Bedenken und kritische Zweifel der Bibel gegenüber zu zerstreuen suchen? Nein, denn das wäre eine sehr begrenzte und ziemlich nutzlose Arbeit. Nein, aus ganz anderem Grunde sage ich: „Warum kann der Gebildete der Bibel nicht glauben?“ Nämlich aus dem Grunde, weil vor der Bibel jeder ein Gebildeter wird.

Nimm den ungebildetsten Burschen vom Dorf, befrage ihn ernstlich wegen der Bibel, und du stehst vor einem Gebildeten, der es schon längst unter seiner Bildungswürde hält, der alten Bibel zu glauben. Beginne mit einem Klein- oder gar einem Großstädter einige ernste Sätze über die Bibel zu reden, und du findest, er ist es längst seiner Bildung schuldig, den Wert und Inhalt der Bibel zu bezweifeln. Vielleicht ist seine Bildungsquelle nur die Zeitung, aber sie hat ihn längst der Bibel gegenüber zu einem überlegenen Mann gemacht. Trägt aber der Gebildete gar die bunte Mütze der hohen Schule oder gar einen Titel gangbarer höherer Weisheit, so schuldet er es natürlich schon der Kappe oder dem Titel, von oben herab die Bibel zu meistern oder gar abzulehnen. Deshalb sage ich: Warum kann der Gebildete nicht der Bibel glauben?
Nun, er kann ihr nicht glauben aus drei Gründen,

erstens aus Unwissenheit,
zweitens aus Überzeugung,
drittens seiner Sünde wegen.

Wie, aus Unwissenheit?

Ja. Ist es schon wie eine stillschweigende Übereinkunft aller Leute, vor der Bibel gebildet zu tun, so ist es ebenso eine stillschweigende Übereinkunft, dem Studium der Bibel Widerwillen entgegenzusetzen. Und dieser Widerwille ist die Ursache der Unkenntnis, von der ich jetzt rede. Lege auf einen Tisch die Zeitung, einen Roman und die Bibel, und sieh, wie die Leute sich zu deiner Ausstellung verhalten. Ergebnis: die Zeitung verschlingt man, im Roman blättert und liest man, vielleicht höchst interessiert, und die Bibel? – Ach, nur die Bibel! Sonderbar, daß die auf dem Tisch liegt! „Lieber Freund, Sie sind wohl fromm geworden?“ – Widerwillig schiebt man das schwere, schwarze Buch beiseite oder läßt es schwer liegen und rückt selbst flott zur Seite.

Tatsächlich gibt es bei uns kein Buch, das so bekannt ist wie die Bibel, und keines, das so wenig gekannt ist wie die Bibel.

Unsere literarisch Gebildeten wissen in allen bedeutenden Werken der Weltliteratur besser Bescheid als in der Bibel. Nichtsdestoweniger gehört es aber wiederum mit zur Bildung, von der Bibel als von einem ehrwürdigen Denkmal vergangener menschlicher Geistesentwicklung zu reden. Ich entsinne mich eines Vorgangs aus meinem früheren Leben, wo wir drei Freunde einmal versuchten, die Bücher, die uns am schätzenswertesten erschienen und am meisten unser Leben beeinflußt hatten, der Reihe nach aufzuschreiben. Als wir die drei Zettel austauschten, zeigte es sich, daß auf jedem gewissermaßen anstandshalber obenan stand: die Bibel. Und zur selben Zeit fällten wir Urteile über die Bibel, schoben ihr Dinge unter oder entnahmen ihr mißbräuchliche Anwendungen, deren Unverfrorenheit mich heute schamrot macht.

So ist es: man redet und liest das Gewagteste über die Bibel; am wenigstens aber wagt man es, sie selbst zu lesen. Im besten Falle kennt man sie als ein moralisches Spruch- und Geschichtenbuch von mehr oder weniger zweifelhaftem Wert, verbunden mit der unbehaglichen Erinnerung an ehemaliges zwangsweises Auswendiglernenmüssen. Von der unüberbietbaren Weltanschauung der Bibel kennt man nur nutzlose Brocken. Ihre Enthüllung des göttlichen Geheimnisses der Welterlösung ist einem ein papiernes oder hölzernes altes Dogma, mit dem man nichts anzufangen weiß, und das biblische Christentum kennt man nur als Zerrbild oder aufgezwungene Gewohnheitssache ohne Kraft und Saft. Denn wie krankt selbst der gewohnheitsmäßige Glaube sogenannter gottesfürchtiger Leute an trauriger Unkenntnis der Bibel! Wie kann man aber glauben und vertrauen, wo man nicht einmal kennt!

So entstehen dann jene hochfahrenden Urteile des Unglaubens oder jene armselige Beschränktheit des Gewohnheitsglaubens, deren erster Grund einfach Unwissenheit über den Inhalt und die Geistestiefe der Bibel ist.

Ich lernte einen jungen Mann kennen, der zwar nicht an Gott und Gottes Wort, wohl aber an seine Bildung glaubte. Als er hörte, daß ich Evangelist sei, war er zunächst ganz ratlos diesem unerhörten Berufe gegenüber, von dem er bisher, trotz aller Bildung, nichts gewußt hatte. Vorsichtig prüfend rückte er mir näher und wollte mir zweifellos ein recht vorteilhaftes Kompliment machen, als er begann: „Nicht wahr, Sie glauben doch auch nicht so ohne weiteres der ganzen Bibel? Nicht wahr, das kann man heute doch nicht mehr?“ Ich fragte ihn, warum man das heute nicht mehr könne. Hilflos und zugleich dreist stammelte er: „Ja, aber das ist doch Mumpitz, das ist doch klar!“ Ich fragte ihn darauf, was Mumpitz und was klar sei. „Nun, das sind doch nur Märchengeschichten, das ist doch klar!“ schrie er jetzt. „Bitte“, wiederholte ich, „sagen Sie mir, was Mumpitz und Märchengeschichte und was klar ist!“

Es ist nämlich so bezeichnend für den armen Menschen auf Erden, daß er großartig schreit: „Das ist doch klar!“ wenn ihm etwas durchaus nicht klar ist. Ohne solche Selbsttäuschung müßte er an sich verzweifeln. Wieviel „Aufklärung“ ist nichts anderes als solch hartnäckiges Geschrei! – Ich zog also meine Bibel aus der Tasche und gab sie ihm mit den Worten: „Zeigen Sie mir den Mumpitz!“ Verlegen begann er zu blättern, bis ich ihn fragte: „Wo steht denn, was Sie suchen?“ – „Wenn ich nicht irre, im Markusevangelium“, antwortete er unsicher. „Gut“, sagte ich, „zeigen Sie es mir!“ Aber er suchte das Markusevangelium überall da, wo es nicht zu finden ist, und als ich ihm schließlich half, da wußte er wiederum die Stelle im Evangelium nicht.

Endlich brachte ich heraus, daß er mit dem Mumpitz die göttliche Zeugung Jesu in Maria meinte, von der das Lukasevangelium berichtet. Und als ich ihm die Stelle aufschlug, triumphierte er von neuem darauf los: „Nun, das ist doch Mumpitz, das ist doch klar!“ Ich fragte ihn darauf, ob er etwas Naturwissenschaft verstehe. Nun, er hatte natürlich allerlei gelesen, und ich konnte ihn weiter fragen, ob er wisse, daß man bisher eine vierfache Möglichkeit der Fortpflanzung des Lebens wahrgenommen habe, nämlich Fortpflanzung durch Teilung, Sprossung, Besamung und die sogenannte Parthenogenesis oder jungfräuliche Zeugung, und ob er es ganz genau wisse, daß damit die Möglichkeit der Fortpflanzung des Lebens im All erschöpft sei.

„Ist Ihnen wirklich“, fuhr ich fort, „die Entstehung und das Wesen des Lebens so klar, daß Sie wissenschaftlich behaupten könnten, es bedürfe keines Gottes als ewigen Urquell des Lebens, oder es sei auch einem solchen Gott unmöglich, auf eine unmittelbare Weise die Menschwerdung Jesu in Maria zu wirken, als es der Menschenwitz versteht? Wollen Sie nicht vielmehr glauben lernen, daß die Welten weit mehr Daseinsmöglichkeiten in sich bergen, als der Mensch wahrzunehmen vermag? Denken Sie sich auf Ihrem Daumennagel eine Fliege und eine andere Fliege zu ihr sagend: Du sitzest auf dem Daumennagel eines sehr intelligenten Herrn – als ich das sagte, sah er mich mißtrauisch an –, der Daumennagel gehört zu dieses Herrn Hand, die ein Glied seines Leibes ist, der gekrönt wird von einem Haupt, dem Sitz außerordentlich geistiger Fähigkeiten, das Ganze heißt Mensch, hat eine ungeheure Körperkraft, kann ungeheuer weit sehen, kann rechnen, schreiben, lesen, per Dampf, Elektrizität und Benzin über die Erde und sogar durch die Luft hinsausen ohne Flügel, telegraphieren, telephonieren, sogar ohne Draht! – Was meinen Sie wohl, was die verständige Fliege auf Ihrem Daumennagel mit ihrem gesunden Fliegenverstand auf solche Offenbarungen antworten würde? Würde sie nicht ausrufen: ,Hör’ mir auf mit den Märchengeschichten, denn das ist ja doch Mumpitz; das ist ja klar!“

Gott sei Dank, diese Unterredung half! Nach wenigen Monaten traf ich den jungen Mann wieder. Sein erstes war, er teilte mir mit, er lese jetzt auch in der Bibel, zwar klar sei ihm das meiste nicht, aber von Mumpitz wolle er mal vorläufig nicht mehr reden, sondern die Bibel wenigstens ehrlich kennenzulernen suchen. – Sucht er aufrichtig und demütig weiter, so bin ich gewiß, er wird bald noch ganz andere Gründe für die Zeugung Jesu „von oben her“ (Joh. 3,31 und 8,23) erkennen lernen als nur naturwissenschaftliche und erkenntnistheoretische. Er wird Gott und den, den Gott gesandt hat, Jesus Christus, seinen Erlöser, kennenlernen und in ihm das ewige Leben finden (Joh. 17,3).

Derselben Unwissenheit entstammen auch die gewöhnlichen Bierhauswitze über die Bibel, zum Beispiel die Allerwelts-Weisheitsfrage: „Woher nahm Kain sein Weib? Es heißt doch: ,Er ging in ein Land und nahm ein Weib!‘“ – „Wissen Sie wirklich, daß es so heißt?“ fragte ich einmal solch einen dreisten Frager, und dreist behauptete er, das habe er hundertmal so gelesen. Ich ließ ihn darauf die Stelle 1. Mose 4,16-17 vorlesen: „Und Kain ging hinweg aus der Gegenwart des Herrn und wohnte im Lande Nod, im Osten von Eden. Und Kain erkannte sein Weib …“ Er sah darauf ein, daß Kains Weib wohl eine von Kains Schwestern gewesen war (1. Mose 5,4), die wahrscheinlich mit Kain in jenes Land gezogen war; und der Mund war ihm für diesmal gestopft.

Andere Unwissende haben allerlei Aufklärendes über den biblischen Schöpfungsbericht gelesen. Natürlich halten sie sich nun für viel klüger als der beschränkte Mann Moses, der noch nicht einmal wußte, daß die Pflanzen nicht ohne die Sonne da sein können (1. Mose 1,14-15). Ja, solchen „Verständigen“ bleibt das Wort Gottes verborgen, handelt es sich doch nicht nur um eine sachliche Unwissenheit, sondern vielmehr noch um eine mangelnde Fähigkeit zum Verstehen, also um eine angeborene Unwissenheit, von der Jesus in Matthäus 11,25-26 und Johannes 3,3, sowie Paulus in 1. Korinther 2,14 reden. Dies ist also der erste Grund, warum der Gebildete nicht der Bibel glauben kann.

Solcher sachlichen und angeborenen Unwissenheit entstammt dann auch die ungelehrte oder gelehrte Redensart: „Die Bibel ist voller Widersprüche.“ Der amerikanische Evangelist Torrey erzählt von einem jungen Mann, der die Neubekehrten in den Nachversammlungen dadurch vom Glauben zurückzubringen suchte, daß er ihnen vorhielt, die Bibel sei voller Widersprüche. Torrey tritt hinzu, reicht ihm die Bibel und bittet: „Zeigen Sie mir einen Widerspruch!“ Der Mann blättert und sagt dann, in den Psalmen wisse er Widersprüche, aber in dieser Bibel könne er sie nicht gleich finden. „Gut“, antwortete Torrey, „bringen Sie mir morgen Ihre eigene Bibel mit, und wir wollen über die Widersprüche reden.“

Der junge Mann kam jedoch nicht wieder. Stattdessen trifft ihn Torrey in einer anderen Stadt bei derselben Beschäftigung an. „Ah, da sind Sie ja! Hoffentlich haben Sie heute Ihre Bibel mit den Widersprüchen mitgebracht!“ Leider hatte er sie wieder nicht bei sich, und Torrey sagte ihm nun: „Hören Sie mal, die Widersprüche scheinen nicht in der Bibel zu stecken, sondern in Ihnen. Sie reden von Widersprüchen und finden sie nicht. Sie versprechen zu kommen und kommen nicht. Statt dessen setzen Sie Ihr widersprechendes Geschäft auch in dieser Stadt fort, Sie sind in der Tat ein ganz widerspruchsvoller Mensch! Geben Sie Ihren Widerspruch gegen Gott, Gottes Wort und Menschen auf, und dann wird es für Sie auch keine Widersprüche mehr in der Bibel geben.“

Und in der Tat, auch mir wimmelte früher die Bibel von Widersprüchen, an denen sich mein Verstand grün ärgerte. Seitdem ich aber Gott untertan geworden bin, sind sowohl die Widersprüche aus meinem Leben als auch aus der Bibel verschwunden. Nur noch Geheimnisse sind mir in dem teuren alten Buch geblieben, denen mein Verstand längst nicht mehr zu widersprechen wagt, sondern in denen er erleuchtet forscht, und vor denen der Glaube ahnungsvoll abwartend anbetet.
Wir kommen nun zum zweiten Grund, warum der Gebildete nicht der Bibel glauben kann, nämlich aus Überzeugung.

Unwissenheit ist ein beleidigendes Wort, Überzeugung dagegen ein ehrendes. Viel Unwissenheit, die da schreit: „Das ist doch klar!“, nennt sich daher lieber Überzeugung. Zwar Überzeugung will bedeuten, durch das Zeugnis zuverlässiger Zeugen, die die Autorität des Charakters und der Sache besitzen, am besten also durch wahrhaftige Augenzeugen von einer Sache überzeugt worden sein. Behauptet man also, aus Überzeugung nicht der Bibel glauben zu können, so müßte das so viel heißen als: Ich habe wahrhaftigere, zuverlässigere Zeugen kennengelernt, als jene sind, die die Bibel geschrieben haben oder haben sollen, und diese zuverlässigen Zeugen haben mich, nachdem ich gründlich geprüft, davon überzeugt, daß jene biblischen Sprüche unzuverlässig und unwahr sind. Beruht nun die sogenannte Überzeugung des Unglaubens auf solcher gewissen Grundlage? O nein!

Ebenso wie die Unwissenheit der Bibel gegenüber aus dem Widerwillen gegen die Bibel stammt, so entstammt diesem Widerwillen auch die sogenannte Überzeugung. Die Bibel ist das einzige Buch in der Weltliteratur, das nicht den Menschen, sondern Gott ehrt. Alle widerbiblische Bücher machen irgendwie den Menschen zum Helden auf Kosten Gottes. Nur die Bibel tut das nicht. Sie gibt nie dem Geschöpf die Ehre auf Kosten des Schöpfers. Ihr Mittelpunkt ist und bleibt Gott selber. Auch die tüchtigsten Männer und Frauen der Bibel sind nur tüchtig in bezug auf Gott und stehen unter Gott. Mit einzigartiger Rücksichtslosigkeit wird des Menschen Bildnis gezeichnet, und auch die Besten werden preisgegeben und bloßgestellt in ihrer unzulänglichen Menschlichkeit. Menschlichkeit, woanders ein Wort voll hochtönenden Klanges, in der Bibel ein fortlaufend beschämendes Defizit:

„Da ist nicht ein Gerechter, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der Gott suche. Alle sind abgewichen, sie sind allesamt untauglich geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit. Ihre Füße sind schnell, Blut zu vergießen; Verwüstung und Elend sind auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens haben sie nicht erkannt. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen“ (Psalm 14,1-3; Psalm 5,9; Psalm 140,3; Psalm 10,7; Jesaja 59,7-8; Psalm 36,1; Römer 3,10-19).

In welch anderem Buch ständen solche Worte? Dazu ist die Bibel auch das heilige Buch der Hebräer; aber enthält es nicht zugleich die Geschichte der Schande des Judenvolkes? Wie ganz anders die heiligen Bücher anderer Völker! Ja, die Bibel verherrlicht weder Menschen noch Völker, nur Gott und dann den Einen und Einzigartigen, den Sohn Gottes, Jesus Christus. Der von oben her ist, ist über allen. Er ist das Licht der Welt, das ewige Wort, in dem alles geschaffen, das Haupt der Menschheit, das sündlose Opferlamm, aus dessen vergossenem Blut Welt und Menschheit lebt. Denn sie liebten die Finsternis mehr als ihn, das Licht, und schlugen den Einen, der Sünde nicht kannte, sondern das Bild Gottes und Urbild des Menschen darstellte, ans Kreuz. Dort höhnte die Gerechtigkeit und schüttelte die Weisheit der Menschen den Kopf. – So enthalten die Evangelien schließlich die Geschichte der Schande der ganzen Menschheit.

Wie könnte es der Mensch vor einem solchen Buch aushalten! Da bleibt nur dreierlei übrig. Entweder der Mensch erkennt aus der Bibel seine und seines Geschlechtes Schande, ändert seinen Sinn, und wird Gott untertan, indem er als ein mühseliger und beladener Bankrotteur sein selbstherrliches Leben hassen und verwerfen und an Jesus, den Christus, den Mittler, den Erlöser aus Sündenschuld und Sündenmacht, glauben lernt. Oder aber, der Mensch bringt das heillose Mißverständnis fertig, sogar die Heilstatsachen der Bibel zu seiner eigenen Verherrlichung in selbstgefälliger, prunkender Religiosität zu mißbrauchen. Beweis: Die Geschichte des sogenannten Christentums. Oder aber das dritte, nämlich der Mensch tritt mit dem Gewicht seiner sogenannten Überzeugung der Bibel entgegen, widerspricht ihr und verwirft sie teilweise oder gänzlich, um sich vor ihrem Urteil zu retten und sich selbst zu behaupten. Hier ist der Tiefpunkt seines Wesens, wo seine bibelfeindlichen Überzeugungen entspringen.

Nicht also verdankt der Mensch seine sogenannte Überzeugung etwaigen wahrhaftigeren Zeugen, die Gott besser kennen, als Henoch, Abraham, David und die Propheten Gott kannten und die Apostel Jesus verstanden, sondern angeborener menschlicher Widerwille gegen deren Zeugnis schafft in erster Linie ihre Überzeugung. Ihre Überzeugung ist gleichbedeutend dem Rettungsversuch menschlicher Ehre, Weisheit und Sicherheit. Es kann nicht so sein, wie es die Bibel sagt! Es ist unannehmbar, was die Bibel sagt! Es muß anders sein! Wir sind davon überzeugt!

Und nun erst kommen als zweites die Gründe. Kierkegaard, der unerbittlich denkende dänische Christ, hat recht, wenn er darauf hinweist, daß die Überzeugungen nicht aus den Gründen stammen, sondern die Gründe aus den Überzeugungen. Ich erlebte die Bestätigung dieser Wahrheit vor kurzem in auffälliger Weise gelegentlich in einer Evangelisationsarbeit. Ein Herr sagte mir: „Sie haben mir heute abend neue Gesichtspunkte über Jesus eröffnet. Jetzt werde ich nach Hause gehen und mich in der Rüstkammer moderner Wissenschaft nach Gegengründen umsehen.“ „Tun Sie das“, sagte ich, „aber morgen kommen Sie wieder.“

Am anderen Abend trat mir derselbe Herr mit den Worten entgegen: „Sie haben mir heute abend wieder einige meiner Gegengründe zerschlagen, aber das macht nichts, ich werde mich nach neuen umsehen.“ „Gut“, sagte ich, „tun Sie das, aber kommen Sie wieder.“ Am nächsten Abend hörte ich aus dem Mund desselben Herrn: „Wenn ich dem trauen wollte, was ich eben gehört habe, müßte ich kapitulieren, aber ich werde nicht nachlassen, bis ich die Gegenbeweise gefunden habe.“ Kopfschüttelnd fragte ich: „Aber warum wollen Sie so gegen die erkannte Wahrheit streiten?“ „Ich muß streiten“, rief er da, „sonst geht’s mir an den Kragen. Wie könnte ich Christ werden, ich bin Schauspieler.“ Ich bin völlig „überzeugt“, daß dieser Herr sehr bald aus „persönlichster, festester, heiligster Überzeugung“ nicht der Bibel glauben kann und im Brustton der Überzeugung gegen sie streiten wird.

Ja, was nennt der Mensch nicht alles seine „Überzeugung“! Überzeugungen werden gewonnen durch das Zusammenwirken von sinnlichen Wahrnehmungen, übernommenen moralischen Anschauungen und den Vernunftschlüssen menschlicher Erkenntnis. In alledem aber mischen sich Urteil und Vorurteil, Schluß und Trugschluß, Lebensanlage und Lebenserfahrung, Temperament und Leidenschaft, Lebensgewohnheit und Lebensinteresse. Deshalb sind die Überzeugungen so bunt, wie das Menschengewimmel ist, und es gibt ihrer so viele, als es Köpfe gibt. Nein, nein, aus diesem Gewimmel ertönt keine Lösung der uralt ewigen Fragen, und hier wartet wirklich nur ein Narr auf Antwort! – Wie oft steckt auch des Menschen Fleiß und Geld in seiner Überzeugung! Sie ist sein sauer erworbener Schatz, nach dem er sich bewertet und bewerten läßt. Sie gibt ihm Gewicht und Ehre, Brot und Lebensstellung. Da werden Überzeugung, Bildung, Standesehre, persönliche Ehre immer mehr gleichbedeutende Begriffe, in denen die Persönlichkeit steht und fällt, wandelt und handelt. Und nun sage ich, in diesem Sinne ist Überzeugung tatsächlich nichts mehr und nichts weniger als die Hochachtung des Menschen vor sich selbst und in letzter Linie Abgötterei, die er treibt mit seinem eigenen Verstand.

Deshalb gibt es auch so viele „wissenschaftliche“ Überzeugungen, die nicht das geringste mit wahrer Wissenschaft zu tun haben. Wissenschaftliche Überzeugung scheint nämlich die vornehmste, ehrenhafteste und stichhaltigste aller Überzeugungen; so ist es zu verstehen, daß sich jeder Bibelfeind auf die Wissenschaft beruft. Und so ist es auch zu verstehen, daß selbst der gewöhnlichste Flachkopf sich gebärdet, als müsse er seinen kostbaren Verstand drangeben, um bibelgläubig zu werden, und nicht wahr, das kann er doch nicht! Seinen kostbaren Verstand – man denke! Mithin kann er aus Überzeugung nicht der Bibel glauben.

Ein junger Mann sagte mir einmal: „Alles, was ich in Ihrem Vortrag gehört habe, hat mir sehr gut gefallen (solche Phrasen hört man ja häufig), aber eins“, fügte er hinzu, „kann ich nicht begreifen. Sie reden ja mit der Luft!“ Erstaunt fragte ich ihn, wie er das meine. „Nun, Sie beten ja!“ rief er überlegen (er meinte mein Schlußgebet), „und Beten geht gegen meine Überzeugung!“ Ich fragte ihn darauf, was wohl ein Schwarzer sagen würde, der zum ersten Mal einen Europäer den Fernsprecher benutzen sähe, würde er nicht ausrufen: „Sie reden ja mit der Wand!“? „So wenig nun“, fuhr ich fort, „der Schwarze etwas von den Gesetzen, auf denen die Möglichkeit des Fernsprechverkehrs beruht, versteht, so wenig verstehen Sie etwas von den Gesetzen, auf denen die Möglichkeit des Verkehrs mit Gott beruht.“ Ich weiß nicht, ob jener junge Mann meinen Vergleich begriff; jedenfalls hätte er, um zu begreifen, nicht seinen Verstand aufgeben müssen, sondern nur seine eitle, unverständige Überzeugung, die ihn hinderte, etwas von biblischen Dingen zu verstehen.

So geht es in unzähligen Fällen. Und so gibt es auch eine lange Reihe gangbarer Redensarten, in denen der Gebildete, der aus Überzeugung nicht der Bibel glauben kann, seiner Überzeugung Ausdruck gibt, und auf die man immer wieder stößt. Laßt uns einige derselben betrachten.

Als erste: „Die Bibel ist doch auch nur von Menschen geschrieben!“ Gewöhnlich frage ich solche entrüsteten Ausrufer: „Würden Sie wohl der Bibel eher glauben, wenn man es Ihnen schriftlich gäbe, daß sie nicht von Menschen, sondern von Engeln oder gar von Gott selbst geschrieben sei? Nicht wahr, Sie würden dann an der Gültigkeit solcher Dokumente noch mehr zweifeln als jetzt an der Bibel. Also von wem soll denn die Bibel geschrieben sein, daß Sie ihr glauben können? Etwa von Krähenfüßen!? Natürlich ist sie von Menschen geschrieben. Aber es gibt verschiedenerlei Menschen, solche, die etwas von Gott verstehen, weil sie etwas von ihm erlebt haben, und solche, die nichts von ihm verstehen, weil sie bisher, infolge ihrer hohen Weisheit, noch nichts von ihm erlebt haben. Und eben solche Menschen, die außergewöhnlich viel von Gott erlebt haben und so seine unterrichteten und zugerichteten Werkzeuge waren, haben als einzig Sachverständige die Bibel geschrieben. Und wenn auch Sie etwas von Gott verstehen lernen wollen, so ist das erste, hören Sie demütig auf seine wahrhaftigen Zeugen, nämlich auf die Schreiber der Bibel, die mindestens auch so verständige Leute waren, wie Sie verständig sein mögen. Und dann merken Sie noch: göttliche Wahrheiten können nicht durch andere Gründe, sondern in erster und letzter Linie nur durch sich selbst bewiesen werden; denn über sie hinaus gibt es keine Instanz.“

Gewöhnlich ist dann eine weitere Redensart: „Ja, soll denn die Bibel wörtlich von Gott diktiert sein?“ – Als ob das die Bibel je behauptete. Jedenfalls kennt sie kein mechanisches Diktieren, vielmehr wirkte Gott durch die ihm ergebenen Männer, in die er seinen Geist und damit die Wahrheit niederlegen konnte, in der lebendigsten und mannigfaltigsten Weise. Da empfing der eine in innerlich oder äußerlich hörbarer Aufforderung den unmittelbaren Auftrag: „Schreibe!“, und er schrieb; was soll da das unzulängliche Wort „mechanisch“! Andere wieder schrieben nieder, dem Zwange des Gottesgeistes gehorchend, was sie in Gesichten gezeigt bekamen, oder was als erlebt, in Erinnerung ihnen vorgeführt wurde, oder was sie von treuen Zeugen gehört hatten. Bei alledem handelt es sich sicherlich nicht zuerst um die mechanische Wortquantität, sondern um die Beweisung des Geistes und der Kraft Gottes.

Daß dabei aber wiederum alles vom rechten wörtlichen Ausdruck abhing, ja tatsächlich die Worte, ja Sätze unmittelbar gegeben sein konnten, welcher halbwegs intuitiv schöpferische Mensch hätte das nicht gradweise erlebt und möchte das ernstlich bezweifeln! Außerdem ist die Gottesoffenbarung in der Bibel eine stufenweise, erzieherische; demgemäß steigert sich auch ihre Reinheit und die Unverlierbarkeit des Ausdrucks, in dem sie gegeben wurde. Ja, Himmel und Erde werden vergehen, aber solche Gottesworte werden bleiben in Ewigkeit, welche äußere Geschichte sie auch durchgemacht haben mögen.

Eine dritte Redensart lautet: „Ich kann aber nicht an die Wunder und den besonderen Offenbarungswert der Bibel glauben!“ Das will sagen, du willst erst dann der Bibel glauben, wenn sie so gescheit geworden ist, wie du selber bist. Gott sei Dank, das wird sie niemals werden! Wüßte uns die Bibel nicht mehr zu berichten als das, was deine und aller gebildeten Leute Überzeugung ist, dann wäre sie allerdings ein leicht verständliches Buch, niemals aber mehr das zeitüberdauernde Buch der Bücher voll Offenbarung unwandelbarer Wahrheit. Ja, in der Tat, wenn mir die Bibel in allen Lebens-, Gottes- und Ewigkeitsfragen nichts Besseres zu antworten wüßte als das, was mir der Herr Schulz und der Herr Müller und der Herr Schmidt und der Herr Meier auf mein Befragen aus dem Schatz ihres gesunden Menschenverstandes und ihrer ehrbaren, gelehrten oder ungelehrten Überzeugung auch sagen können, dann wäre sie allerdings ein unbezweifeltes Buch, aber leider niemals Offenbarung. Wenn du aber einmal der windigen Weisheiten der Herren Müller und Schulze sowie deiner eigenen satt und übersatt geworden sein wirst, wirst du Gott danken lernen für die Wunder und den besonderen Offenbarungswert der Bibel.

Eine fernere Redensart. Sie besteht in dem Ausruf: „Aber berufen sich nicht alle Leute auf die Bibel?! Wozu ist die Bibel nicht schon gebraucht worden! Was ist in ihrem Namen nicht alles geschehen! Ist das nicht der beste Beweis gegen ihren vermeintlichen absoluten Wahrheitsgehalt? Im Gegenteil, mein Freund, diese Tatsache spricht großartig für die Bibel. Der Irrtum an sich ist nämlich in der Welt existenzlos und bedarf zu seiner Lebensfähigkeit der Vermischung mit dem bekannten Körnchen Wahrheit. Und so geschieht es, daß jeder gangbare Irrtum seine Anleihe bei der Bibel machen muß, um sich durch ein Körnlein ihrer Wahrheit die gewünschte Existenz zu sichern. Ja, es ist traurig-interessant, wahrzunehmen, wieviel bibelfeindlicher Irrtum von der Bibel lebt!

Noch eine Redensart laßt uns betrachten. Sie macht ein ungemein wichtiges Gesicht und spricht ernst-besorgt: „Aber die gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft …!“ Nun, da ist es zunächst wieder traurig-interessant, zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit man die Bibel auf die eine und die Wissenschaft auf die andere Seite stellt. Hier ist das wertvolle „Wissen“, dort der wertlose „Glaube“. Hier sind lauter „gesicherte Ergebnisse“ der wissenschaftlichen Erfahrung, dort „veraltete Dogmen“. Hier strahlt das Licht des modernen Geistes, dort sind kindische Märchengeschichten und Mumpitz. Hier vertraut man blind-gläubig allem, was nur irgend im Namen der Wissenschaft auftritt; dort mißtraut man blind-ungläubig allem, was im Namen der Bibel redet.

Und doch ist es so, wie es jener gläubige Professor mit einem Mann erlebte, der angab, der Bibel nicht glauben zu können, weil sie im Gegensatz zur Wissenschaft stehe. Der Professor bat ihn, näher zu erklären, was er unter der Wissenschaft verstehe, und da zeigte es sich, daß der Mann lauter Hypothesen für Wissenschaft hielt. Diese Hypothesen standen allerdings im Widerspruch zur Bibel, aber nicht steht die Bibel im Widerspruch zu wirklicher Wissenschaft. Treffend sagt der französische Mathematiker, Philosoph und Christ Pascal: „Wissen, was Gott will, ist die einzige Wissenschaft.“ Und gerade diese Wissenschaft enthält die Bibel, die auch lehrt: „Die Furcht Gottes ist der Weisheit Anfang“; und diese Weisheit verbreitet wiederum die Bibel. Indes hat das abgöttische und verkehrte Geschlecht die Dinge gerade auf den Kopf gestellt. Die Ergebnisse seines ach so oft irrenden Willens und Wähnens, das stets im nahen Umkreis mit Finsternis umhüllt ist, nennt der Mensch Wissenschaft, und sich in verwegenem Selbstvertrauen immer weniger vor Gott und Menschen zu fürchten, dünkt ihn heute wieder aller Weisheit Anfang. Versteht man doch heute unter Wissenschaft, besonders der Bibel gegenüber, wesentlich Verneinung.

Je bedachtsamer da jemand den Finger an die Nase legt und unter der Gebärde der objektiven Verständigkeit möglichst viel bezweifelt, bestreitet, leugnet und diesbezügliche Meinungen äußert, aufstellt, behauptet, verteidigt, desto hochmoderner, wissenschaftlicher erscheint er. So macht, sagt wiederum Kierkegaard, „ein Professor viele Professoren“, denn ein Professor macht Meinungen, und das Studium der Meinungen macht wieder Professoren; und eine Übersicht über all diese Meinungen besitzen und die letzteren vermehren helfen, macht sodann den Besitz und Betrieb dieser Pseudowissenschaft aus, die vor Gott nichts ist als Torheit.

So muß also ein Gelehrter dieser Wissenschaft immer anderer Meinung sein, wenn er berühmt und begütert werden will. Daher die vielen sich widersprechenden Meinungen, Richtungen, Schulen und – „gesicherten Ergebnisse der Wissenschaft“, an die zu glauben wirklich ein großes Maß von Geistlosigkeit gehört. Jedenfalls ist es leichter, den bewährten schlichten Worten der Bibel zu glauben, deren Inhalt auch viel leichter zu beweisen ist, als jenen vielgestaltigen „gesicherten Ergebnissen“. War es doch vor vierzig Jahren „gesichertes Ergebnis“, daß die drei ersten Evangelien unecht seien, und es ist heute wieder nahezu „gesichertes Ergebnis“, daß sie doch zum größten Teil echt sein könnten.

Ähnlich erging es dem Johannesevangelium. Es bedurfte also vierzig Jahre wissenschaftlicher Anstrengungen, um nach allem Kreistanz menschlicher Meinungen eine Sache wieder leidlich so anzusehen, wie sie unbekümmert um all diese Meinungen war und ist und sein wird. Wie bin ich glücklich, diesem närrischen Kreistanz entflohen zu sein, bei dem man die wechselnden Hypothesen schneller verschliß als schlechte Stiefelsohlen! Und wie gerne möchte man auch andere dem Trug solcher wissenschaftlichen Überzeugungen entreißen helfen. Aber mit sogenannten wissenschaftlich-apologetischen Vorträgen ist hier nur wenig getan. Was menschliche Weisheit aufgebaut hat, kann menschliche Weisheit auch wieder abtragen. Da gibt es viel Hin- und Herredens, und darüber stirbt einer in seiner Sünde.

Denn logische Gründe machen noch keinen Christen. Nein, sondern es handelt sich um die Revolution des Willens und Gewissens; ist diese geschehen, so folgt die des Wissens von selber. Das Wort Gottes, das Bibel-Wort selber, geredet in Geist und Kraft, ist die Posaune, vor deren Ton das Mauerwerk jeder eitlen Überzeugung fällt. Jesus macht kurzen Prozeß mit der gelehrten Überzeugung des Nikodemus: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ Das war der Tod für den natürlichen Verstand des Meisters in Israel. Und das gilt auch dir und jedem, der sich für weise hält, und ist nicht durch das Wort und den Geist Gottes wiedergeboren und gelehrt aus Gott. Dir gilt nur ein Rat: Lerne verzweifeln an deinen Zweifeln! Jawohl, einmal muß das so gefürchtete „Opfer des Verstandes“, das ja nur das Opfer deines Unverstandes ist, gebracht werden, damit die Torheit und das Ärgernis des Kreuzes und Opfers von Golgatha über all deine Weisheit und Gerechtigkeit siegen könne, und du den Willen Gottes verstehen lernest und damit endlich wahrhaft verständig werdest. Dann wird dein Wissen im erlösenden Glauben ruhen und dein Glauben ein heiliges Wissen sein.

Eben zu diesem Zwecke betrachten wir jetzt noch den letzten Grund, warum der Gebildete nicht der Bibel glauben kann, nämlich seiner Sünde wegen. Es ist der tiefgreifendste und verhängnisvollste Grund. Liebknecht, der überzeugungsfeste Sozialist, soll einmal gesagt haben: „Es gibt natürlich keinen Gott, aber wenn es einen gibt, dann sind wir geleimt!“ Das würde auf gut deutsch heißen: „Es ist ja nicht wahr, was die Bibel sagt, und kann auch nicht wahr sein, aber es darf auch nicht wahr sein, denn wäre es wahr, so wären wir geleimt.“ So ist es. Spricht die Unwissenheit dreist: „Es ist nicht wahr!“, behauptet die eitle Überzeugung: „Es kann nicht wahr sein!“, so schreit jetzt das gottfeindliche, schuldige Herz: „Es darf nicht wahr sein! Wehe, wenn es wahr wäre!“

Ja, wehe dir! Höre zu! Du nanntest dich vielleicht „Freidenker“, oder aber du nanntest dich vorsichtshalber nicht so, aber du warst es. Denn Freidenker ist jeder, der sich frei- und losdenken möchte von Gott, frei und los von der Versöhnung mit ihm im Opfer Christi, frei und los von der Verantwortung von ihm am Tage des Gerichtes, frei und los von der Bedeutung des Wortes Gottes, und sich auch dünkt, es zu sein. Wer aber frei denken will, will auch frei handeln. Warum solltest du nicht? Gottes Gebot band dich nicht mehr: du tratest mit Füßen darauf und darüber hinweg. Was band dich denn noch? Nun, ich nehme an, du warst kein Feigling, und es band dich fortan nichts mehr als – deine Überzeugung.

Aber nicht war, wie gut wurdet ihr beide miteinander fertig, du und deine Überzeugung! Ihr paßtet vortrefflich zusammen; keiner hatte euch hineinzureden. Du warst mit deiner Überzeugung ganz dein eigener Herr. Du lebtest nach deinen Plänen, Lüsten und Begierden: es entsprach deiner Überzeugung vom Zweck des Lebens. Du hast Menschen gekränkt, ausgenutzt, belogen und betrogen: es entsprach deiner Überzeugung vom Kampfe ums Dasein und vom zweifelhaften Wert der Wahrheit. Du brachst grob oder fein die Ehe: es entsprach deiner Überzeugung von der freien Liebe. Du warst geizig oder verschwenderisch, ehrgeizig, eitel oder faul: es entsprach deiner Überzeugung vom Werte des Geldes, der Zeit und deiner Persönlichkeit. Du fragtest nicht nach Gott noch Gottes Wort: Es entsprach deiner Überzeugung vom Stande der Wissenschaft.

Du dekoriertest dich gelegentlich ein wenig heuchlerisch mit Religion und religiösen Gebräuchen: Es entsprach deiner Überzeugung von dem notwendigen Tribut an die Dummheit der Menschen. Ja, und zu alledem hattest du noch das große Wort für dich, du habest allezeit nach deiner besten Überzeugung gehandelt und bist fürwahr in deinen Augen ein edler Mensch gewesen. Ja, so edel als jener Herr, der früher ein wenig religiös war, es dann seiner Bildung schuldete, Nietzsche zu studieren, dann es Nietzsche schuldete, à la Nietzsche zu denken und zu handeln, dann seine Familie unglücklich machte und endlich seinem armen Weibe mit heroischer Gebärde kaltblütig versicherte, er habe nichts anderes getan, als nur den Mut gehabt, nach seiner heiligsten Überzeugung zu leben.

Millionen leben so, die als konfessionelle Christen in Staats- und Kirchenbüchern figurieren.

Oder ist es deine tapfere Überzeugung, daß alles eben Gesagte dich durchaus nichts angeht?

O, du weißt es besser! Du weißt bei all deiner überzeugungsfesten Selbstsicherheit von Verfehlungen und dunklen Dingen in deinem Leben, von Sklaverei der Begierde und Leidenschaft, von Sünde und Schuld, Anklage im Gewissen und qualvoll mahnenden Sekunden, und siehe, die Bibel sagt: „Irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten, denn was der Mensch säet, das wird er auch ernten.“ Und sie sagt: „Es ist dem Menschen gesetzt, einmal zu sterben, und danach das Gericht.“ Und auf Gericht folgt Strafe, von der Jesus sagt: „Wo der Wurm nicht stirbt und die Flamme nicht verlischt.“

Siehe, du verstehst jetzt ganz klar, warum die Bibel nicht wahr sein darf … Nicht wahr sein darf! Bitte, sage es dir leise während der Geschäfte des Tages und schreie es hinein in das Dunkel deiner wachen Nächte: „Es darf nicht wahr sein, und es ist nicht wahr!“ Etwas in dir schreit dennoch lauter: „Und es ist doch wahr und bleibt wahr, und ist auch wahr für dich! Auch du bist ein Abgewichener, ein Untauglicher vor Gott, ein Unverständiger, der Gott nicht suchte und des Ruhmes ermangelt, den er vor ihm haben sollte!“ – Was willst du tun? Du kannst dein Leben aus eigener Kraft nicht ändern. Du hast es tausendfach versucht, tausendfach mißlang dir’s. Du kannst nicht aus deiner Haut fahren. Dein Leben bleibt voll Schuld und Ungenüge, dein Herz voll Angst.

Siehe, einer ist es, der dich aus dir selbst herausheben will und dir helfen kann. Du kennst den Einen. Er ruft die Mühseligen und Beladenen zu sich, die es leid sind, länger noch an sich zu glauben und deshalb an ihn glauben lernen. Und an ihn glauben lernen heißt nicht zwangsweise „Ja“ sagen zu unverstandenen Glaubenssätzen, sondern heißt Jesus erleben, erkennen und ihm angehören. Die ihr Leben hassen und lassen wollen, denen gibt er sein Leben und jede Kraft, ihm nachzufolgen. Die so ihn aufnehmen, die macht er zu wahrhaft Wissenden und gibt ihnen Macht, Söhne Gottes zu werden; Versöhnte mit Gott durch das Opfer seiner Liebe, Freigewordene von der Schuld und Herrschaft der Sünde, Kinder des Lichts und des Tages! Denn es ist wahr, daß er dich liebt und in Liebe für dich starb, damit du durch ihn das ewige Leben haben solltest.

Wirst du diesem Einen deine Unwissenheit, deine Überzeugungen, deine Sünde und dich selbst zu Füßen legen?

Tue es!

Und tust du es nicht, so wird deine Unwissenheit erschreckt vor ihm erstaunen am Tage des Gerichts, und deine redselige Überzeugung wird vor ihm verstummen, und deine Sünde wird dich hinbringen an den Ort der Qual, weil du nicht glauben wolltest dem Sohne Gottes und seinem ewigen lichten Wort der Wahrheit und des Lebens!
 
 
 
 
 
 
Diese Ansprache wurde aus dem Buch von Fritz Binde „Feuer auf Erden“ (Neuausgabe 2012 Christliches Versandantiquariat Leonberg) entnommen und ist hier mit freundlicher Genehmigung des Verlages abgedruckt. Einige altertümliche sprachliche Wendungen wurden von R. E. behutsam bearbeitet.
 

 
Veröffentlicht auf www.das-wort-der-wahrheit.de   21. 5. 2013
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